Seite 2

Christian trat in den Lichtschein des Lagerfeuers und fand zunächst keine Worte.

„He Kleiner, hat es dir die Sprache verschlagen, oder was? Erkennen wirst du mich ja wohl noch. Ist ja nur ein paar Tage her, seit du mich und die None allein gelassen hast.“

„Kimmy. Was machst du denn hier?“

„Ich bin dazu bestimmt, weiter deinen Babysitter zu spielen. Du hast einen gefährlichen Weg vor dir. Da kannst du Hilfe gebrauchen.“

„Ich brauche keine Hilfe. Schließlich bin ich ja auch ohne Hilfe bis hier her gekommen.“ Christian wandte sich nun an Kimmy´s Begleiter, von dessen Anwesenheit er noch mehr überrascht war, als von Kimmy´s.

„Guten Abend, Willy.“, begrüßte er den Wächter des Grenzlagers nicht gerade freundlich. „Willst du mir etwa auch helfen?“

„Das wäre ziemlich dumm von mir, vor allem nicht wirklich hilfreich für dich, denn noch ein paar hundert Meter auf dieser Straße, und ich wäre ein toter Mann. Schon vergessen?“ Willy streckte dem Jungen die Hand zur Begrüßung entgegen und forderte ihn gleichzeitig auf, sich neben ihn zu setzen.

„Und was macht Kimmy dann hier? Ihr wird es nicht anders ergehen.“ Christian legte seinen Rucksack ab und setzte sich auf den trockenen Waldboden.

„Dein Einwand ist berechtigt mein Junge. Trotzdem hoffen wir, dass es nicht so ist. Kimmy hat sich freiwillig zu deiner Begleitung gemeldet. Es ist ein Experiment, und kann durchaus tödlich für sie enden. Wie für dich übrigens auch.“, erwiderte Willy ernst.

„Ich will aber nicht, dass sich jemand wegen mir in Gefahr begibt.“, trumpfte Christian auf, worauf Willy abwinkte.

„Du glaubst nicht, wieviele Menschen sich mittlerweile deinetwegen in Gefahr gebracht haben. Mich eingeschlossen. Und das alles darf nicht umsonst gewesen sein. Deshalb bin ich hier, Christian. Um dir zu erklären, warum es so wichtig ist, dass du einen Weg nach draußen findest.
Und auch du, Kimmy, sollst erfahren, was wohl das bestgehütetste Geheimnis von WestLand ist, und warum wir gerade auf dich, Christian, gewartet haben. Und, warum wir dich, Kimmy, für diese Mission ausgewählt haben und sehr froh darüber sind, dass du eingewilligt hast, Christian zu begleiten.“

Christian sah von Willy zu Kimmy, die bis jetzt sehr ernst den Worten des Wächters folgte. Ein Augenzwinkern von ihr zeigte Christian dennoch, dass sich die wahre Kimmy nur dem Ernst der jetzigen Situation anpasste.

Der Hund hatte sich zu Willy`s Füßen nieder gelassen und blinzelte verschlafen in das Lagerfeuer.

„Also ihr beiden, seid ihr bereit für die Geschichte?“, fragte Willy und Christian und Kimmy nickten nur zustimmend. Nun blickte der Alte ins Feuer, und begann zu erzählen:

„Die sogenannte Draußen-Welt, gibt es ganz sicher. Wenn ihr es schafft, in den Äußeren Kreis zu kommen, werdet ihr sogar einen Blick darauf werfen können. Aber ich will von vorn beginnen.

Wir scheinen auf einer Insel zu leben, auf der es nur die zwei Länder gibt. RodLand und WestLand. Insel deswegen, weil wir ringsum von einem riesigen Wasser eingeschlossen sind, dass man das Meer nennt. Warum wir wirklich hier leben, darüber können wir nur Vermutungen anstellen. Wir glauben, dass unsere Vorfahren, und somit auch wir, Teil eines Experimentes waren. Es ist auffällig, dass in RodLand überwiegen dienstleistende Beschäftigungen ausgeführt werden und die Menschen sich außnahmslos in diesen Bereich betätigen. Hauptaugenmerk liegt dort vor allem auf Technik und den dazu gehörenden Wissenschaften. Rodländer bauen Häuser, Fabriken, Anlagen. Sie bedienen Computer, und fahren Autos. Sie leben in Städten oder Dörfern und sie scheinen keinen Drang zu haben, Felder zu bestellen. Nach allem, was wir wissen, waren auch keine Flächen für Felder vorgesehen. Das hat sich ein wenig gewandelt. Aber nicht deswegen, weil die Menschen plötzlich ihre Lust am Sähen und Pflanzen entdeckten, sondern, weil sie eurem vorrangigem Nahrungsmittel, eurer Biomasse nicht mehr trauen. Das hat eure Oberschicht übrigens noch nie gemacht. Deswegen dulden sie die Felder, lassen sich davon aber nur zu gern mitversorgen.“

Willy machte eine Pause und sah Christian herausfordernd an. Der wusste darauf nichts zu erwidern und so fuhr Willy mit seiner Geschichte fort.

„In WestLand wurden die Menschen von Anfang an in kleinen Gemeinschaften angesiedelt. Hier wollten die Menschen auf der einen Seite einem Handwerk nachgehen, und dann gab es welche, die sich nur mit Musik, Malerei und Kunst beschäftigten. Kein Mensch in WestLand kann wirklich ein Haus bauen oder eine Produktionsanlage. Wir sind froh, dass es die Kolonisten gibt. Die können so etwas und bringen uns etwas bei. Aber das war keinesfalls so geplant. Unsere Wissenschaftler forschen am Menschen. Wir sind ganz gut unterwegs in Sachen Gentechnik, möchten aber umgekehrt überhaupt nicht in Familien leben. Das ist sehr eigenartig. Immerhin sind unseren Doktoren und Wissenschaftlern einige verblüffende Erfolge gelungen. So haben sie anhand der Gentechnik einwandfrei beweisen können, dass unsere Vorfahren anscheinend nach bestimmten Kriterien der Gentechnik ausgewählt wurden.

Aber irgendwann muss etwas Grundlegendes sich geändert haben. Irgend etwas muss passiert sein.“

-2-