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Am Torbogen verabschiedete sich Christian von Andreas. Dessen Frau hatte dort noch frische Kleidung und jede Menge Proviant bereit gelegt.

„Hör zu Christian. Ich habe keine Ahnung, was du bei uns erwartet hast. Aber ich sehe dir an, dass du enttäuscht bist. Die Menschen hier haben sich eingerichtet. Auch sie wollten irgendwann ein besseres Leben. Und was haben sie gefunden? Eine Welt, die genauso kaputt ist, wie die, aus der sie kamen. Nur eben auf eine andere Art und Weise.“ Andreas ließ den Kopf hängen, als wäre er Schuld an allem.

„Irgendwas ist verkehrt.“, antwortete Christian. „Hier genauso, wie in RodLand.“

„Meine Eltern sind mit mir übergelaufen, als ich noch ein ganz kleines Kind war. Ich kann mich kaum daran erinnern, wie es in RodLand war. Aber ich bin froh darüber, dass ich hier in der Kolonie gelandet bin und meine Eltern bis zu ihrem Tod um mich hatte. In WestLand hält man im allgemeinen nicht viel von Eltern-Kind-Beziehungen.“ Andreas deutete ein Lächeln an, das aber vollkommen mißglückte.

„Wie auch immer. Du kommst jetzt zur Grenzregion, wenn du weiter den Hauptweg in Richtung Westen gehst. Ich kann dir nicht sagen, was dich dort erwartet. Auf jeden Fall wirst du keinem Menschen mehr begegnen. Die WestLänder fallen einfach tot um, wenn sie sich über die Grenzen unseres Lagers hinaus wagen. Auch wir meiden diese Richtung. Nicht, dass es uns umbringt, in diese Richtung zu gehen. Aber man fühlt sich mit jedem Schritt miserabeler. Irgendwann ist alles besser, als weiter zu gehen.
Also mach dir keine großen Hoffnungen.“

Christian hatte aufmerksam zugehört. Trotz der Warnungen des Wächters wankte er nicht in seinem Entschluss. „Ich danke dir, Andreas. Mach dir keine Sorgen. Wenn es gar nicht anders geht, komme ich zu euch zurück. Das ist doch möglich, oder?“

„Aber natürlich. Bei mir und in meinem Haus findest du auf jeden Fall eine Heimat.“

Andreas hielt dem Jungen seine Hand hin und Christian kam es so vor, als hätte er eben ein Versprechen erhalten. Dieses Gefühl erleichterte ihm seine nächsten Schritte ungemein, denn ein wenig Angst hatte sich in seine Gefühle eingeschlichen. Vor allem machte ihm die Vorstellung zu schaffen, dass er von nun an keinen Menschen mehr treffen sollte. Jedenfalls diesseits der Grenzregion nicht mehr.

Kurz nachdem der Torbogen, und mit ihm Andreas, wieder hinter der Biegung verschwunden waren raschelte es im Unterholz. Christian blieb abwartend stehen, ahnte aber schon, was sich da seinen Weg zu ihm bahnte. Und tatsächlich, der Hund kroch aus dem Gebüsch hervor und begrüßte Christian, vorsichtig Abstand haltend, mit freudigem Schwanzwedeln.

„Na du bist vielleicht ein komischer Hund.“, begrüßte Christian seinerseits das Tier. „Ich habe keine Ahnung, wieso du mir so hartnäckig folgst, aber irgendwie bin ich froh, dass du da bist.“ Er ließ sich in die Hocke nieder und versuchte, das Tier zu sich zu locken. Der Hund rührte sich aber nicht vom Fleck. Erst, als Christian ein Stück Wurst hervor holte, näherte er sich vorsichtig und kam auf Reichweite zu Christian heran. Ganz behutsam nahm er die Wurst aus Christians Hand auf und als er es fraß, ließ er Christian nicht aus den Augen.
„Du musst keine Angst vor mir haben. Kannst ruhig mitkommen, wenn du willst. Ich tu dir schon nichts. Höchstens die Gegend, in die wir kommen.“

Christian erhob sich wieder und der Hund blieb nun wirklich an seiner Seite. Es wurde langsam Zeit, sich nach einem Nachtlager umzusehen und Christian wollte schon den Hauptweg verlassen, als der Hund sich ihm mit einem kurzen Bellen entgegen stellte, um dann auf dem Hauptweg ein paar Schritte weiter zu laufen und schwanzwedelnd auf ihn zu warten.

„Du willst noch ein Stück weiter laufen? Mmh, na gut. Aber weit gehe ich nicht mehr. Es ist jetzt schon so dunkel, dass man im Wald nicht mehr wirklich sehen kann.“ Der Hund sprang darauf hin freudig voran, und Christian fragte sich wieder einmal, worauf er sich hier eigentlich eingelassen hatte.

Aber er musste nicht mehr weit laufen. Plötzlich verließ der Hund den Hauptweg und rannte freudig bellend in den Wald. Christian sah nach wenigen Schritten, dass jemand im Wald ein Feuer entzündet hatte, auf das der Hund jetzt zulief. Zwei Personen saßen im Halbschatten, die Christian jedoch nicht erkennen konnte. Der Hund aber schien sie zu kennen, denn er machte erst halt, als er beim Feuer ankam.

Christian lief ihm nach und war dann doch maßlos überrascht darüber, wer sich hier ein Nachtlager aufgeschlagen hatte.

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