Kapitel 6 – Westland und der Rest der Welt

Westland und der Rest der Welt

Es wurde beschlossen, dass Sven, als der zuständige Magister, Griseldis als Vertreterin des Weltrates, Martin und Sörine als Vertraute des Projektes an der Überfahrt zur Insel teilnahmen. Alle baten sich den Nachmittag zur Vorbereitung aus und, obwohl weder Christian noch Klara eine so lange Vorbereitung als notwendig erachteten, erhoben sie keine Einwände.
Sie zogen sich in ihren Wohnraum zurück und versuchten Pläne zu schmieden. Sehr schnell erkannten sie, dass die Zukunft so unberechenbar geworden war, dass jegliche Planung ihren Sinn verlor.
So gaben sie auf und verbrachten den Nachmittag damit, sich die Geschichten der Welt anzuschauen. IVI riet ihnen dazu, einigermaßen chronologisch zu bleiben, und so sahen sie Dokumentationen über eine Menschheit, die verschwunden war. Ausgetilgt von einem Planeten, der sich für die Unvernunft einiger seiner Bewohner grausam rächte. Die Bilder von den grausamen Kriegen, die die Menschen geführt hatten, wollten beide nicht sehen. Umso mehr waren sie an den Geschichten interessiert, die von den Menschen erzählten, die zu einigen der wichtigsten Entdeckungen der Menschheit und der Menschen, die sie gemacht hatten, führten. Von der Musik der Alten Meister waren sie geradezu entzückt, aber auch die sogenannte moderne Musik gefiel ihnen ausnehmend gut. IVI kommentierte alle Stücke und erläuterte ihnen die Musikinstrumente, die jeweils benutzt wurden.
Dem machte Martin ein Ende, der sich im Wohnzimmer einfand, um noch ein paar Dinge für den morgigen Tag zu besprechen.

„IVI nun hör schon auf!“, befahl er und trat in den Lichtkegel um den Wohnraumtisch. „Kein vernünftiger Mensch kann die Alten Meister in Ruhe genießen, wenn andauernd eine AutomatenStimme Kommentare abgibt.“ IVI verstummte sofort, und Christian hätte geschworen, dass sie sich sehr beleidigt zurück zog. „Entschuldigt mein Eindringen, aber mir ist noch etwas Wichtiges eingefallen.“
Martin nahm zwischen Christian und Klara Platz und lehnte sich zufrieden zurück, als wäre er Sieger eines Wettbewerbes geworden. Es brauchte einige Zeit, bis er sich zum Weiterreden entschloss.
„Also. Wir müssen ja in eurem alten Schiff über setzen, da der Weltrat noch nichts von eurer Existenz weiß. Demzufolge gibt es keine IVI und auch keinen Replikator auf dieser Unternehmung. Das wiederum hat zu der Frage geführt, ob wir Vorräte und zusätzliche Kleidung mitnehmen sollten. Deshalb bin ich hier. Was meint ihr dazu?“

Christian und Klara sahen sich verständnislos an und versicherten sich dann noch einmal, ob Martin seine Frage wirklich Ernst meinte. Der sah allerdings so aus, als wäre es ihm vollkommen ernst. Also unterdrückten sie beide ein herzhaftes Lachen und Christian antwortete so ernsthaft, wie ihm das möglich war, dass diese Art Vorkehrungen wahrscheinlich übertrieben sind. Außerdem wies er Martin darauf hin, dass Hermann in seinen Depot`s noch genügend Sachen lagerte, die ihnen über den kommenden Tag helfen würden, sollte wirklich etwas benötigt werden.

Klara, die sich schnell wieder beruhigt hatte, beobachtete Martins auffälliges Gebaren. Er wirkte nervös und aufgeregt. Die Dringlichkeit, in der er seine Fragen stellte, schien in keinem Zusammenhang mit der geplanten Fahrt zu stehen. Sie benötigte eine ganze Weile, ehe sie begriff, was Martin zu ihnen getrieben hatte. Aber dann wurde es ihr schlagartig klar und sie sprach es auch sofort aus.

„Wovor hast du Angst, Martin?“, unterbrach sie die Diskussion über die Zweckmäßigkeit eines Wettermantels.

„Ich habe, ….“, Martin senkte den Kopf, hob ihn aber schon nach Sekunden wieder. „Ich habe bebende Angst. Das hast du richtig erkannt. Aber nicht vor der Fahrt oder den Menschen, die ich da drüben kennen lernen werde. Ich habe Angst davor, mich diesem Experiment zu stellen, und dabei zu versagen. Ich fürchte mich vor der Reaktion eurer Leute, wenn sie die ganze Wahrheit erfahren. Und ich bin mir überhaupt nicht mehr sicher, ob ich alles bedacht habe.
Wisst ihr, Mutter und ich waren wohl die Einzigen, die an euer Überleben geglaubt haben. Auch, wenn die anderen immer mit uns Pläne dafür schmiedeten. Und jetzt, wo es endlich so weit ist, befällt mich eine Panik, die mich fast lähmt.
Auch deshalb bin ich hier. Entschuldigt bitte, wenn ich euch gestört habe.“ Martin erhob sich und wollte den Raum offensichtlich verlassen, doch Christian hielt ihn zurück.

„Angst hat man nur vor Dingen, die man nicht kennt und die einem deshalb bedrohlich vorkommen. Wenn es dir hilft, können wir alles noch einmal durch sprechen. Wir beantworten dir gern all deine Fragen.“

Martin ließ sich nur zu gern halten. Und als er weit nach Mitternacht das Quartier verließ, tat er es mit dem Gefühl, dass er keinen Fehler gemacht hatte.
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Der nächste Morgen begann relativ unruhig. Als Christian und Klara den Gemeinschaftsraum betraten fanden sie alle vor, die von ihnen und ihrem Vorhaben wussten.
Martin, Sörine und die beiden Magister hatten eine, für sie ungewöhnliche Kleidung an. IVI hatte sich offensichtlich an der Kleidung der Gäste orientiert, so dass jetzt die Männer aussahen, als kämen sie aus RodLand und die Frauen, als wären sie aus WestLand.
Wieder unterdrückten Klara und Christian heroisch ein Lachen, vor allem, weil sich ihre neuen Freunde sichtlich unwohl in der ungewohnten Kleidung fühlten.
Trotzdem schienen alle gut gefrühstückt zu haben und forderten Klara und Christian auf, dies auch zu tun. Man könne es vor Ungeduld kaum noch aushalten, zumal das Wetter sich verschlechterte und mit einer unruhigen See zu rechnen war.
Die Beiden ließen sich nicht lange bitten und griffen herzhaft zu. Zumal sie das Essen schätzen gelernt hatten und wussten, dass sie es unter Umständen zwei oder drei Tage entbehren mussten.
Sobald sie ihre Mahlzeit beendeten, erhob sich die gesamte Mannschaft und drängte zur Höhle, in der das kleine Schiff der Plattform ankerte. Erst jetzt fiel es Christian auf, wie klein und zerbrechlich es wirkte, angesichts der ihm umgebenden Anlage.

Auf dem Steg kam ihnen eine Frau und ein Mann entgegen, die in enganliegende Overalls gekleidet waren, die auf Christian den Eindruck machten, als wären sie Arbeitskleidung. Die beiden schienen auf sie gewartet zu haben, denn sie kamen ihnen sofort entgegen. Auch sie ließen Christian und Klara nicht einen Augenblick aus den Augen und als sie voreinander standen, beugten beide ein Knie und gingen in die Hocke, um sich so auf Augenhöhe zu bringen.

„Ich bin Verena.“, stellte sich die Frau vor und reichte Christian die Hand. „Der Mann hier an meiner Seite heisst Peter. Wir waren mit der Aufgabe betraut, euer Schiff ein wenig zu modernisieren.“

Peter reichte den beiden nun auch seine Hand. „Es hat uns viel Freude gemacht, diese alte Technik wieder zum Leben zu erwecken.“

„Ihr müsst wissen, dass diese beiden die einzigen Techniker auf der Insel sind.“, stellte sich Griseldis neben Verena und Peter. „Ihre größte Freude ist es, in den Archiven zu stöbern und die alten technischen Unterlagen zu sichten. Nebenbei ordnen sie diese gesammelten und oft genug lückenhafte Unterlagen und gefundenen Gerätschaften, ergänzen die Unterlagen und reparieren die Gegenstände. Warum sie so versessen darauf sind, weiss ich nicht. Aber sie haben in den vergangenen Tagen Unglaubliches geleistet.“

„Also hör mir zu Christian.“, unterbrach Peter die Rede der Magisterin. „Wir haben den alten Bordcomputer fast vollständig wieder herstellen können. Ein paar, uns unbekannte, Programme bringen noch Fehlermeldungen. Es war aber nicht genug Zeit, um sie zu beheben. Zumal uns vollkommen unverständlich ist, wozu sie ursprünglich gedacht waren. Um die Fehlerquellen aufzudecken, hätten wir sehr viele Fragen, aber…“

„Peter!“, unterbrach ihn Verena streng. „Das ist alles unerheblich. Wichtig ist für euch folgendes. Wir haben den Computer den Rückweg eingegeben. Du musst dich also um nichts kümmern, Christian, bis ihr vom Traktorstrahl der Plattform ergriffen werdet. “
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Christian fühlte sich vollkommen überrascht von diesen beiden Menschen. Obwohl sie sich noch nie gesehen hatten, wurde er schon beim ersten Treffen behandelt, als wäre er einer von ihnen. Er fühlte sich sofort zu ihnen hingezogen und genau so spontan reifte ein Entschluss, den er sofort kundtat.

„Euch beide möchte ich bei dieser Fahrt dabei haben. Wäret ihr bereit dazu?“ Peter und Verena sahen sich einen Augenblick vollkommen überrascht an, dann gab es eine winzige Geste des Einverständnisses und jetzt zog ein Lächeln über ihre Gesichter und sie strahlten, als würden sie von der Sonne beschienen.
Peter ging sofort los und murmelte etwas, was wie `Sachen holen`klang, aber Verena nahm Christian einfach in die Arme. Und in diesem Augenblick fühlte sich Christian zum ersten Male, seit er in diesem fremden Land weilte, angekommen und wohl. Unwillkürlich gab er sich der Umarmung hin und vergrub sein Gesicht an der Schulter der Frau, einfach nur, um die Tränen zu verbergen, die er nicht unterdrücken konnte.

Dieser Augenblick ging sehr schnell vorüber. Verena war es nicht entgangen, wie bewegt Christian war, ließ es sich aber nicht anmerken. Als sich Christian den anderen zu wandte, war ihm von seinem kurzen Gefühlsausbruch nichts mehr anzumerken.

„Ohne die beiden fahre ich nicht los.“, bekräftigte er seine Worte noch einmal, als ob irgend jemand Widerspruch erhoben hätte. Aber niemand schien Einwände zu haben und Martin meinte sogar, dass ein paar Techniker äußerst hilfreich für ihre Unternehmung sein könnten.
Damit war die Sache erledigt, und als Peter mit einem Rucksack und einem riesigen Werkzeugkoffer über den Steg kam, hatten Sven und Sörine das Boot schon betreten und suchten sich einen angenehmen Platz für die Überfahrt.
Klara und Christian waren die letzten, die an Bord gingen. Es war fast so, als zögerten sie, die Insel wieder zu verlassen und tatsächlich, es gab schon den einen oder anderen Gedanken, der verhindern wollte, dass sie diese Fahrt antraten. Aber diese Gedanken konnten sich nur in Bruchteilen von Sekunden breit machen. Dann wurden sie verscheucht und Christian lief sofort zu Peter, der das Schiff bereits in Betrieb nahm. Klara hingegen verteilte als erstes die Rettungsringe an die Magister und Griseldis und ließ sich ihre derben Spötteleien gutmütig gefallen. Martin steckte schon in seinem Rettungsring und fühlte sich anscheinend sehr wohl dabei.
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Die See ging schwer und das Schiff hatte Mühe, seinen Kurs zu halten. Die Magister und Sörine verzogen sich schon nach wenigen Minuten in die kleine Kabine im Inneren des Schiffes. Martin stand am Bug und genoss die Fahrt. Anscheinend unterhielt er sich mit dem immer stärker werdenden Wind, denn Klara, die eine Weile neben ihm gesessen hatte, verzog sich mit allen Anzeichen des Unwohlseins zum Heck. Dort suchte sie sich ein einigermaßen geschützten Standort, um sich so diskret, wie möglich, zu übergeben.

Verena schaute nach allen. Ihr schienen die schlingernden Bewegung des Schiffes nichts auszumachen. Vor allem schaute sie nach dem Wetter und Christian konnte sehen, wie sich die Sorgenfalten auf ihrer Stirn vertieften.
Auch Peter sah einigermaßen besorgt aus, obwohl alles zu seiner Zufriedenheit funktionierte. Sie mussten noch nicht einmal auf die schmale Fahrtrinne und irgendwelchen Schiffsverkehr achten. Bei diesem hohen Wellengang funktionierten die Katamarane nicht, die mit Gravitationsantrieben arbeiteten. Nur die großen MüllEntsorgungsSchiffe, draußen auf hoher See, verfügten über genug Platz an Bord, um die entsprechende Technologie an Bord zu beherbergen.
Christian war es nicht übel und er war auch nicht in Sorge. Er hatte schlicht und ergreifend Angst. Es fiel ihm ein, was Hermann über den einzigen Ausbruchsversuch erzählt hatte, und wie kläglich dieser gescheitert war. Verena hatte unbemerkt die kleine Steuerzentrale des Schiffes betreten und Christian genau beobachtet. Wie alle Eingeweihten wusste sie um die Geschichten, die Christian und Klara erzählt hatten, und sie konnte sich gut vorstellen, dass Christian sich nicht sehr wohl fühlte. Aber auch sie selbst hatte Bedenken. Die See ging wirklich schwer und sie hatte das Gefühl, dass es zunehmend schlimmer wurde. Sie zögerte noch einen kurzen Moment, dann machte sie sich bemerkbar.

„Mmmh, … äh Christian. Ich bräuchte ein wenig Hilfe. Holst du bitte Klara hier her? Sie weigerte sich, mit mir zu kommen. Es wäre ihr so übel, dass sie sich immer wieder übergeben muss. Deshalb möchte sie lieber allein sein.“

„Na wenn sie das so will, dann lass sie doch.“, erwiderte Christian schulterzuckend.

„Die See geht so schwer. Wir sollten zusammen bleiben. Euer kleines Schiff scheint nicht für raues Wetter gemacht zu sein.“, gab Verena zu bedenken. „Ich fühle mich auch nicht wohl bei dem Gedanken, dass die anderen unter Deck sind. Wir sollten alle hier zusammen sein, damit wir uns helfen können, falls der Sturm noch stärker wird.“

„Wir verlassen jetzt bald IVI`s Einflussbereich. Es wird schwer für mich sein, den Kurs zu halten, bevor uns der Traktorstrahl der Plattform erfassen kann.“, meldete nun auch Peter seine Bedenken an.

„Wir können ja umkehren.“ Christian war so offensichtlich wütend, das Peter und Verena ein Stück von ihm weg rückten. „Was wollt ihr dort drüben bewirken, wenn ihr euch noch nicht mal die Überfahrt zur Plattform zutraut? Ich habe auf euer Mitkommen gedrängt, weil ich dachte, ihr beiden habt ein bisschen mehr drauf, als die Magister. Und nun bekommt ihr Angst vor eurer eigenen Abenteuerlust, weil ein Computer nicht mehr über euch wachen kann? Wie armselig ist DAS denn?“ Christian hatte sich so in Rage geredet, dass Peter und Verena zur Tür zurück wichen.
Doch der Ausgang wurde ihnen versperrt. Und zwar von Griseldis. Sie sah zwar ähnlich grün im Gesicht aus, wie Klara, schien aber von ihrer Energie nichts verloren zu haben.

„Jetzt lass ab von den Beiden.“, befahl sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Wütend kannst du später sein. Deine neuen Freunde versuchen nur, uns alle vor Schaden zu bewahren. Und ja, wir haben Angst und das kannst du uns nicht verübeln. Schließlich hast du davon selbst genug.“ Griseldis drängte sich in die Kabine und stemmte die Fäuste in die Hüften.
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Peter, der sich mittlerweile wieder den Anzeigen des Schiffes zugewandt hatte, wurde sichtlich unruhig.
„Ihr könnt meinetwegen diskutieren, wenn wir alle wohlbehalten auf der Plattform sind. Aber in nicht mehr ganz zehn Minuten verlassen wir den Einflussbereich unserer Sensoren. Dann musst du das Steuer übernehmen, Christian. Und ich hoffe, dass uns der Traktorstrahl der Insel wirklich erfasst. Ansonsten bekommen wir ein Problem.“

Christian war überrascht. „Wieso soll ich denn das Steuer übernehmen? Warum tust du das nicht. Bisher hast du doch alles wundervoll im Griff gehabt.“

„Ja klar.“ Peter warf Christian einen Blick rüber, den sich Christian nicht recht deuten konnte. „Bis hier her habe ich nur die Funktionen des Schiffes und unsere Kommunikation mit IVI überwacht. Ich habe aber noch nie ein Schiff gesteuert. Da bist du der Macher, Christian. Und es wäre sehr beruhigend für mich, wenn du das Steuer jetzt wieder übernehmen würdest. Das kann ich nämlich nicht.“

Mit dieser Reaktion hatte Christian nicht gerechnet. Aber er begriff sofort, dass Peter recht hatte. Ohne zu zögern nahm Christian Peter´s bisherige Stellung ein. Es fiel ihm nicht schwer, sich an Hermann´s Unterweisungen zu erinnern und so hatte er das Steuer fest in der Hand, als sich IVI abschaltete. Die Wucht der See traf ihn trotzdem vollkommen unerwartet. Das Schiff drehte sich sofort in den Wind und Christian mobilisierte alle seine Kräfte, um es auf Kurs zu halten.

„Hol alle zusammen, Griseldis. Ich will euch alle im Blick haben. Verena, du holst Klara und Martin. Schrei sie meinetwegen an, wenn Klara sich weigert. Das hilft immer. Alle tragen ihre Rettungsringe. Wenn etwas passieren sollte, werden wir auch dann von Hermann erfasst werden. Los! Bewegt euch!“

Christian hielt mit aller Kraft das Ruder in der Hand, merkte aber, wie schnell sie vom angezeigten Kurs abtrifteten. Die Wellen wurden immer höher und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er das Schiff zum Eingang des Kraftfeldes steuern sollte. Peter stand wieder an seiner Seite und half ihm, das Ruder zu halten. Außerdem holte er aus dem Motor des Schiffes heraus, was nur möglich war.
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Mittlerweile hatten sich alle in der kleinen Steuerkabine eingefunden und versuchten, Christian und Peter nicht im Weg zu stehen.

„Peter, Verena, … ihr habt eure Rettungsringe noch nicht angezogen. Jetzt aber los!“, befahl Christian, als er sich nach einem kurzem Blick vergewissert hatte, dass alle zusammen waren. Aber die Beiden bewegten sich nicht einen Zentimeter. „Was ist los?“, wurde Christian sehr viel lauter, einfach, um seinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen.

„Es gibt nur sechs Rettungsringe an Bord.“ Verena hielt sich krampfhaft am Steuerbord fest und wagte es nicht, Christian anzusehen.

„Was ist los? Wieso gibt es nur sechs…“ Christian verstummte mit einem Schlag. Natürlich, an so etwas hatte niemand gedacht, als er die beiden Techniker zur Überfahrt einlud. Das ärgerte Christian gewaltig. Vor allem wurde ihm mit einem Male klar, wie sehr er sich schon auf die großen Menschen und deren Technik, vor allem aber auf IVI verließ. Aber er überlegte nicht lange. Dazu war es sowieso zu spät.
„Hol ein Seil, Verena. Ihr schlingt es um euch und meinem Rettunsring. Das ist wenigstens etwas, falls ein Unglück passieren sollte.“

„Nein, warte!“ Verena verließ die Kabine. Nach kürzester Zeit kehrte sie zurück und schleppte ein großes Paket hinter sich her. „Das ist eine Rettungsinsel.“, erklärte sie schwer atmend, als sie die Kabinentür wieder geschlossen hatte. „Peter und ich haben sie gefunden. Eine geniale Erfindung der alten Schifffahrt. Wir haben `zig Versuche gebraucht, um sie wieder funktionsfähig zu bekommen. Selbst die alten Notruf-Signatur konnten wir wieder aktivieren. Sie sollten auf den Traktorstrahl der Plattform reagieren. Ausprobieren konnten wir sie natürlich nicht, aber …, wenn ich mich an die Rettungsinsel binde, fühle ich mich sehr viel sicherer.“ Verena wagte es nicht, den Blick zu heben und Christian bekam ganz kurz das Gefühl, dass doch nicht alles so schön und gut war, in der jetzigen Welt, wie man ihm erzählte. Aber darüber konnte und wollte er sich im Moment keine Gedanken machen.

„Wir leinen uns alle an dieser Rettungsinsel an.“, bestimmte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Und Verena sorgte dafür, dass genau das geschah. Weder Klara oder Martin mit seiner Mutter erhoben Einwände dagegen. Und die Magister schienen froh zu sein, dass Christian die Führung übernahm. Mittlerweile sahen sie genauso bleich aus, wie Klara, und schienen jegliche Energie verloren zu haben.

Gemau in diesem Augenblick erklomm das kleine Schiff eine Welle, die weitaus höher war, als Christian je vermutet hättet, dass es sie überhaupt gab. Die Fahrt in das Wellental hinab erschien ihm atemberaubend. Aber sie riss ihm auch das Ruder aus der Hand.
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Als das Schiff das Wellental erreichte, legte es sich so weit zur Seite, dass sich alle festhalten mussten um nicht auf die unten gelegene Seite zu rutschen. Christian erkannte sofort, dass die Rettungsinsel, an der sie hingen, in der Steuerkabine vollkommen fehl am Platze war. Peter konnte sich immer noch gut auf den Beinen halten und versuchte, das Schiff so zu drehen, dass es sich wieder aufrichtete. Das gelang ihm für einen kurzen Moment, den Christian nutzte, um sich wieder los zu leinen. Aber schon rollte die nächste Welle auf sie zu.

„Raus!“, schrie Christian gegen das Tosen des Sturms und des Meeres an, mehr aber gegen die Angst seiner Begleiter, die sich immer noch krampfhaft irgendwo fest hielten. „Ihr müsst sofort raus hier. In der Kabine nützt die Rettungsinsel nichts. Macht euch raus hier! Sofort zum Heck! Ich versuche, das Schiff, so lange es geht, zu halten. Hier drin kommen wir alle um! Also RAUUUUS HIIEEEER!!“

Alle setzten sich, so gut sie konnten, in Bewegung und schoben sich mühsam durch die kleine Tür nach draußen. Der Sturm traf sie hier mit voller Wucht und alle klammerten sich am Geländer fest, krampfhaft nach einem Halt suchend. Es kam ihnen zu Gute, dass sich das Schiff immer noch im Wellental befand und die nächste Welle erst im Aufbau war.
Verena leistete übermenschliches. So schnell sie konnte, zog sie die Rettungsinsel und mit ihr die Magister zum Heck des Schiffes. Dort fanden sie durch die Aufbauten Schutz vor Wind und Wasser und ausreichenden Halt gegen die Bewegungen des Schiffes. Zusammengekauert und starr vor Angst drängten sie sich zusammen und jeder glaubte für sich, dass sie diese Überfahrt nicht überleben würden.

Peter hatte sich, von Christian unbemerkt, ebenfalls von der Rettungsinsel abgeseilt. Als Christian das bemerkte, kämpften sich die anderen schon zum Heck durch.

„Du bist verrückt, Peter!“, schrie Christian ihn an.

„Nein, du bist verrückt, wenn du glaubst, dass du das hier alleine schaffst.“, schrie Peter zurück und band sein Seil dann an Christian´s Rettungsring fest. „Ich habe was über Schifffahrt in den alten Zeiten gelesen. Vielleicht nützt es uns etwas. Wir müssen zusehen, dass uns die nächste Welle nicht auf der Breitseite trifft. Wir würden sofort umkippen. Es bleibt uns nichts anderes, als dass wir versuchen, die nächste Welle frontal, mit einem kleinen Winkel zu nehmen. Wenn wir das schaffen, sollten wir von Hermann´s Traktorstrahl erfasst werden. Wenn wir diese Welle schaffen, sollte uns die Abfahrt nah genug an die Plattform bringen, dass uns der Traktorstrahl erfassen kann.

Du wartest, bis wir den optimalen Winkel erreicht haben. Dann fixierst du das Ruder mit einem Seil, denn halten wirst du es nicht können. Ich kümmere mich um den Motor und hole aus ihm heraus, was rauszuholen geht. Und dann können wir nur noch hoffen.“ Peter warf ihm ein kurzes Seil zu, das Christian mit einiger Mühe befestigte und die losen Enden kurzerhand in seinen Hosenbund stopfte.
Dann begannen sie das Schiff in die Welle zu manövrieren, was so viel Kraft erforderte, dass Christian daran zweifelte, dass sie auch nur die geringste Chance auf Erfolg hatten.
Der Wellenberg vor und neben ihnen erhob sich immer steiler. Als Christian einen kurzen Blick nach hinten warf, konnte er kaum glauben, dass das Schiff immer noch Fahrt machte. In diesem Augenblick rief ihm Peter zu `Festmachen`und Christian schlang die losen Enden des Seils um das Ruder, so schnell er nur konnte. Peter schob hektisch einige Regler bis zum Anschlag, riskierte noch einen kurzen Blick auf den Wellenberg und griff dann überraschend nach Christian.
„Los, zu den anderen! Hier können wir nichts mehr tun!“

Gerade noch rechtzeitig, bevor sich das Schiff in eine solche Schräglage begab, das kein einziger Schritt an Deck noch möglich gewesen wäre, erreichten sie die anderen und banden sich an der Rettungsinsel fest.
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Gerade, als alle glaubten, dass sie einfach nach hinten über kippen würden, und sie zurück geworfen werden würden, ging ein Ruck durch das Schiff und aus der beängstigenden Schräglage wurde eine noch beängstigerende Waagerecht-Lage. Die Welle, die sie bis jetzt noch trug, durchbrachen sie jetzt und wurden von Wassermassen überschüttet, die sie fast ertränkten.

Als sie kurz zu Atem kamen, zog Verena eine kleine Leine und die Rettungsinsel baute sich auf.

„Los! Hinein da! Wir sind vom Traktorstrahl erfasst wurden, aber auch das ist nicht wirklich gut.“ Verena übernahm jetzt die Führung, und alle fügten sich ihren Anweisungen, selbst Christian. Als alle im Inneren der Rettungsinsel saßen und Verena den Eingang verschloss, kamen sie zum ersten Mal seit Beginn des Unwetters dazu, tief durch zu atmen. Doch Verena ließ ihnen nicht viel Zeit zum Luft holen.

„Der Traktorstrahl ist auf die Ortung von Rettungsringen ausgerichtet. Das bedeudet, dass er uns rigeros duch jede, noch so hohe Welle ziehen wird. Ich habe keine Ahnung, ob dieses Material das aushält. Macht euch also auf alles gefasst.“

Die Magister schienen ohnehin die Sprache verloren zu haben und auch Martin und Sörine klammerten sich aneinander, ohne auch nur ein Wort von sich zu geben. Klara rutschte an Christian´s Seite und umfasste seinen Arm und auch Peter und Verena hielten sich fest umfasst. Es dauerte auch nur Sekunden, bis ein erneuter Ruck durch die Rettungsinsel ging und alle Geräusche plötzlich verstummten. Sie spürten, wie die Außenwände von einer gewaltigen Kraft zusammengedrückt wurden und ein beunruhigendes Knarren durch die Wände zog. Aber dann, ganz plötzlich schienen sie durch die Luft zu schweben. Die Magister atmeten auf, weil sie einen kurzen Moment das Gefühl hatten, in einem Gravvi zu sitzen.
Christian hingegen wusste, was folgen würde.

„Haltet euch fest!“, rief er, und dann erfolgte schon der Aufprall. In diesem Moment versagten die ersten Nähte der Rettungsinsel. Sie rissen auf, und in Sekunden füllte sich der Innenraum mit Wasser. Ehe auch nur einer von ihnen etwas tun konnte, wurde die Rettungsinsel vollends zerstört und alle trieben im offenen Meer.
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Panisch vor Angst, klammerten sie sich aneinander fest, und alle waren dankbar dafür, dass sie ihre Rettungsringen miteinander verknotet hatten. Christian schlang noch ein wenig mehr Seil um Verena, die sich an seinem Rettungsring krampfhaft festhielt. Im Auf und Ab der Wellen konnte er sehen, dass es ihm Klara bei Peter gleich tat.

„Der Traktorstrahl wird uns sofort wieder erfassen.“, versuchte Christian gegen die Geräusche der Wellen und des Sturmes durchzudringen. „Wir können nicht mehr weit von der Plattform entfernt sein. Hermann wird uns hier heraus holen, ihr müsst nur in den Rettungsringen und nahe beieinander bleiben. Wir haben es gleich …“
Ein Ruck ging durch alle Rettungsringe und sie wurden zeitgleich in eine Richtung gezogen. Ungeachtet der nächsten anrollenden Welle zog sie die unsichtbare Kraft mit beachtlicher Geschwindigkeit zur Plattform. Der Traktorstrahl ergriff die Rettungsringe und verwandelte sie in willenlose Spielzeuge des Wassers. Den Menschen, die sich ihnen anvertraut hatten, blieb nur eine Möglichkeit. Sie mussten sich mit aller Kraft fest halten und Luft holen, sobald sie aus einer Welle heraus kamen.

Diese rasante Fahrt endete mit einem Schlag in seichten Gewässern. Keiner von ihnen wusste im ersten Augenblick, wie ihnen geschah. Der Sturm schien mit einem Schlag verschwunden zu sein und angesichts dessen, was sie die letzten Minuten erlebt hatten, kam ihnen die See wie eine Badewanne vor.

„Wir sind zu Hause!“, rief Christian in plötzlicher Erkenntnis. „Klara, sieh nur! Wir sind wieder daheim!“ Christian drehte sich um sich selbst und dann erfasste sein Blick den Steg, von dem aus seine Reise begonnen hatte. Jetzt sah er auch Hermann, der in den gleichen grotesken Sprüngen über den Steg fegte, wie damals bei ihrer ersten Begegnung, auf dem Felsen. Nun hörte er ihn auch, obwohl er den Sinn der Worte nicht sofort verstand.
Wie Wellen schwappten sie bruchstückhaft zu ihm herüber.

„…hab sie, …sie sind… hab sie! IIICH HAB SIE!!!“

„Hermann!“, legte Christian seine letzten Kraftreserven nun in seine Stimme. „HEEERMAAAANN!!!“ Christian winkte ihm wie wild zu und endlich ließ der Mann von seinem Freudentanz ab und wandte sich wieder dem Wasser zu. „Hol uns hier raus! Los, schnell!“

„Christian! Klara! Ich habe alles im Griff! Ich hole euch raus! Ihr müsst nur noch ein wenig Geduld haben, ich bin gleich so weit…“ Hermann rannte nun wieder zum Ende des Steges, auf dem ein großes Pult stand. Mit einem Male wurden die Rettungsringe wieder gezogen. Jetzt sehr viel behutsamer, aber doch stetig. Selbst bei dem geringen Wellengang schluckten alle noch genug Wasser, aber keiner hatte mehr das Gefühl, im nächsten Augenblick ertrinken zu müssen.
Am Steg angekommen, erklomm zuerst Christian die Leiter nach oben. Er wehrte Hermanns Begrüßungssturm ab und brachte ihn tatsächlich dazu, den anderen beim Aufstieg zu helfen. Alle griffen dankbar zu den bereit gehaltenen Decken, die Hermann auf den Steg mannshoch gestapelt hatte.

„Ich wusste ja nicht, wieviele du mitbringst.“, verteidigte sich Hermann gegen Christian´s amüsiert fragenden Blick auf den Haufen.

Auch die heiße Suppe nahmen alle dankend entgegen und während sie sie schlürften, fanden die Magister und ihre Begleiter zum ersten Male die Zeit, sich in aller Ruhe umzublicken.

„Was ist hier nun echt, und was ist Illusion?“, wandte sich Sörine als Erste an Hermann, dessen Euphorie sich in Fassungslosigkeit verwandelt hatte.

„Das was du anfassen kannst, ist echt, nur die Außenwelt ist Projektion. Aber bist du auch echt?“

Sörine lachte herzlich über diese Frage. „Vielleicht fasst du mich ganz einfach an?“, fragte sie spitzbübich und war überrascht, als Hermann Anstalten machte, genau das zu tun.
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Hermann ließ ab von seinem Vorhaben, als er Sörines Zurückweichen und Christian`s warnende Blicke bemerkte.

„Ich…, äh, ich bin wahrscheinlich ein wenig euphorisch. Aber es ist immer noch fantastisch für mich, wenn ich andere Menschen treffe. Und noch so große, wie ihr es seid. Ich hoffe, wir finden in meinem Depot passende Sachen für euch alle.“

„Ja, Hermann.“, mischte sich Klara nun ein. „Mir ist furchtbar kalt, und ich denke, unseren Gästen auch. Außerdem möchte ich mich gern ausruhen. Die Überfahrt war sehr stürmisch, weisst du!?“

„Aber ja. Natürlich! Es ist alles vorbereitet. Folgt mir!“ Hermann erhob sich sofort und setzte sich in Richtung Depot in Bewegung.

Die Menschen von der Insel hatten Hermann´s Begrüßungssturm über sich ergehen lassen, da sie die letzte Stunde erst einmal verarbeiten mussten. Außerdem froren sie jämmerlich. Erst, als Hermann davon gelaufen war, begannen sie, ihre Umgebung wahr zu nehmen.

„Es ist erstaunlich.“, meldete sich Sven zu Wort. „Der Mann, dieser Hermann, fragte nicht einmal, wer wir sind und woher wir kommen. Auf jeden Fall hat er uns das Leben gerettet. Schaut euch um! Hier ist keine Menschenseele, außer uns. Und wir haben alles, was wir mitnahmen, dem Meer überlassen müssen. Wir befinden uns auf einem Areal, dass ich seit Jahren als atomar verseucht fürchte. Und nun leben hier Menschen, gibt es Bauwerke, … ich kann das alles kaum fassen.“

Martin pflichtete ihm bei, zeigte sich aber eher freudig angetan. „Das ist doch genial. Dieses Experiment, so verwerflich der Plan auch war, ist doch ein Beweis dafür, dass die Welt sich geändert hat. Eine solche Plattform gäbe es heute nicht mehr. Wir müssen nun dafür sorgen, dass die Menschen befreit werden, und sich in unsere Gemeinschaft einfügen. Wir sondieren die Lage, arbeiten dann das erste Hilfsprogramm aus und treten dann vor den Weltrat. Eine Welle von Hilfsbereitschaft wird an diese Kraftfelder branden, und in kürzester Zeit haben wir diesen schwarzen Fleck von der Weltkarte getilgt.“

Alle pflichteten Martin bei, nur Christian und Klara verhielten sich ruhig. Auch Verena und Peter hielten sich ein wenig abseits und schauten sich um, als könnten sie nicht glauben, dass sie in einer anderen Welt gelandet waren.

„Wir sind kein schwarzer Fleck auf einer Weltkarte. Und ob die Menschen, die hier leben, Hilfe brauchen, muss sich noch heraus stellen.“ Christian schien sehr verärgert über die Worte des Magisters zu sein und Klara konnte das gut verstehen. Aber hier griff Griseldis vermittelnd ein.

„Mein lieber Junge! Erinnere dich daran, als du mit Klara bei uns gelandet bist. Wie erstaunt und sprachlos ihr wart, und nun sieh uns an, in eurer Welt. Lass uns Zeit zu verarbeiten, dass unsere Ahnen und wir mit ihnen, tatsächlich nicht unschuldig sind. Und das, in jeder Beziehung. Ich persönlich schäme mich. Dafür dass ich die Nachfahrin einer der Erbauer und Erfinder dieser Plattform bin. Ich schäme mich für den Geist, der dahinter steckt und dafür, dass ich die ganze Zeit so überheblich gewesen bin.
Das Alles möchte ich erst einmal in Ruhe verarbeiten. Auch, dass ich überhaupt noch am Leben bin.
Also lass uns alle erst einmal zur Ruhe und in einen geschützten Raum kommen. Dann können wir uns gern über NichtMeineSchuld-Land weiter unterhalten.“
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Diese behutsam vorgetragenen Ermahnungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Christian´s Ärger verflüchtigte sich und er besann sich tatsächlich darauf, wie verloren er sich fühlte, als er auf der Insel landete.

„Ihr habt vollkommen Recht. Kommt mit uns in Hermann´s Domizil. Es ist lange nicht so toll ausgestattet, wie das, was ihr uns geboten habt. Aber zum Aufwärmen und Ausruhen reicht es auf jeden Fall.“ Christian lief nun der Gesellschaft voran und alle folgten ihm, dabei immer noch staunend die Gegend betrachtend.
Verena und Peter blieben aber an Ort und Stelle. Klara merkte es erst, als sie sich umdrehte, um die beiden auf den zweiten Steg aufmerksam zu machen.

„He, was ist los? Warum kommt ihr nicht mit?“, fragte sie verwundert.

„Naja“, druckste Peter herum. „Wir haben es nicht so, mit Magistern und Räten. Sie können sehr streng sein, weisst du. Und wir sind nicht so gut auf sie zu sprechen. Zu Hause halten wir uns lieber fern von ihnen, machen unsere Arbeit und versuchen, nicht zu sehr aufzufallen.“

„Na das ist ja eigenartig. Ihr habt uns schließlich das Leben gerettet. Was sollte wohl gegen euch sprechen? Im Gegenteil, ich habe mich noch nicht einmal dafür bedankt, und auch kein anderer. Wir stehen tief in eurer Schuld. Da ist es wohl das mindeste, dass ihr bei uns bleibt. Und schließlich seid ihr hier, weil es Techniker braucht, um die ersten Schritte in eure Welt gehen zu können. Also bitte, kommt mit uns mit. Hier ist sowieso alles anders, als in eurer Welt. Das werdet ihr schon bald sehen.“

Klara entgingen die zweifelnden Blicke nicht, mit denen sich Verena und Peter verständigten, doch sie sagte nichts dazu. Sie wartete geduldig, bis sie ihnen den Entschluss, ihr zu folgen, von den Gesichtern ablesen konnte. Dann ging sie ihnen voran und sie folgten ihr. Klara hatte ab diesem Augenblick jede Menge Stoff zum Nachdenken, aber vorerst wollte auch sie einfach nur in einen warmen, ruhigen Raum, um sich von den Strapazen der Überfahrt zu erholen.

Hermann hatte die leeren Lagerhallen in Unterkünfte verwandelt, die erst einmal für Wärme und Ruhe sorgten. Natürlich vermissten alle IVI´s Fürsorge, aber vorerst fanden sie alles vor, um sich wieder einigermaßen wohl fühlen zu können. Klara machte es sich zur Aufgabe, ein wenig IVI´s Rolle zu spielen. Sie sammelte alle nassen Sachen und Decken ein und spannte eine Leine im Hof des Depots, um die Sachen zu trocknen.
Christian hingegen zog sich nur um und gesellte sich dann wieder zu Hermann, der über einem großen Feuer eine Suppe in einem riesigen Kessel erwärmte.

„Es ist der Wahnsinn Christian. Diese Menschen! Nie hätte ich gedacht, dass sie jemals hier her kommen. Und nun sind sie hier. Ich weiß überhaupt nicht, was ich als Erstes tun soll. Irgendwo im Depot gibt es Roben, die ungefähr ihrer Größe entsprechen müssten, aber die muss ich suchen. Und ich muss die Wächter informieren. Und dann müssen wir überlegen, was wir als Nächstes tun. Was haben sie denn für Pläne? Und vor allem, Christian, muss ich wissen, warum sie nie hier her gekommen sind. Weißt du das? Ich bin vollkommen aus dem Häußchen. …Warum sagst du denn nichts?“

„Weil du keinen Menschen zu Wort kommen lässt.“ Christian zwang sich zu einem Lächeln, wurde aber sofort wieder ernst. „Wir sollten uns auf die Suche nach geeigneten Sachen für sie machen. Sie sind verwöhnt und anspruchsvoll. Es ist nicht gerade eine Freude, mit ihnen auskommen zu müssen.“ Christian zwang Hermann, stehen zu bleiben. „Die sind nicht, wie wir, Hermann!“ Er lenkte seine Schritte in Richtung der Lagerhallen. Hermann folgte ihm, ein wenig verunsichert.

„Christian, ist alles in Ordnung? Es ist doch toll, dass wir jetzt endlich eine Verbindung zu dieser Welt haben.“

„Das muss sich noch heraus stellen, Hermann. Lass uns in das Depot gehen, und nach der Kleidung suchen. Ich werde dir erzählen, warum ich nicht sicher bin, dass das alles so gut ist.“

Hermann wusste nicht, was er von Christians Worten halten sollte. Er vertraute ihm einfach.
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Christian hätte es sehr verwundert, wenn sie die Kleidung für ihre Gäste wirklich hätten suchen müssen. Hermann hatte sein Depot gut geordnet und er lief zielstrebig durch die verzweigten Gänge. Er gab sich noch nicht einmal den Anschein, als würde er etwas suchen. Und anscheinend gingen ihm sehr viele Gedanken durch den Kopf, denn er schwieg. Christian lief mit ihm mit und versuchte, sich auf Hermann´s Fragen, besser noch, auf die Antworten, die er darauf geben musste, vorzubereiten.
Unterdessen erreichten sie einen kleinen Seitenweg, und an dessen Ende betraten sie eine Kammer, die nichts anderes, als sorgfältig verpackte Kleidungsstücke enthielt. Die dicke Staubschicht auf den Kleiderbeuteln ließ vermuten, dass diese seit Jahren nicht mehr angefasst worden waren.

„Es sind die Gala-Roben der allerersten Ältesten von WestLand. Sie trugen sie nur zu besonderen Anlässen. Aber anscheinend hielten die Ältesten von diesen Roben nicht sehr viel. Meines Wissens nach wurde nie eine Ersatzrobe angefordert. Sie sind aber so geschnitten, dass die Länge nicht unbedingt wichtig ist.
Warum sind unsere Gäste eigentlich so groß?“, stellte Hermann nun seine erste Frage. Und Christian musste nicht lange überlegen, um zu antworten.

„Sie sind nicht groß. Der Rest der Menschheit ist so ungefähr gleich groß, wie sie. Wir sind nur zu klein. Und da haben wir schon das erste Problem.“
Christian hielt einen Augenblick inne, aber gewohnt, immer bei der Wahrheit zu bleiben, erzählte er Hermann von allem, was er bis jetzt erfahren und gesehen hatte.

„Wir sind also nur das Produkt eines wahnsinnigen Experimentes, das niemand mehr überwacht, und dessen Ergebnis auch niemanden mehr interessiert. Wir nehmen irgend etwas zu uns, das unsere Körpergröße und vor allem unser Alter beeinflusst. Sie sagen, dass ich in Wirklichkeit fast doppelt so alt bin, als wir denken.
Stell dir vor, die zählen die Jahre, die sie schon leben. Ist das nicht verrückt? Manchmal denke ich, die zählen einfach alles. Ihre Lebensjahre, die Tage, an denen die Sonne scheint, wie oft es regnet, wieviele Tiere in ihrer Region leben.
Aber vor allen Dingen zählen sie, wieviele von ihnen auf der Welt sind. Es dürfen nur so viele nach geboren werden, wie Menschen gestorben sind. Das ist anscheinend oberstes Gesetz.
Und ich habe Angst, was passiert, wenn wir alle hier plötzlich mit auf ihrer Rechnung stehen. Verstehst du, was ich meine?“, beendete er seinen Bericht.

Hermann hörte dem allen fassungslos zu. Eine ganze Welt, seine Welt, brach für ihn zusammen. In den vielen Jahren hatte er sich ´zig Erklärungen zurecht gelegt, warum niemand mehr zu ihnen kam. Aber Antworten, wie sie Christian gerade lieferte, waren ihm nie eingefallen.
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„Ich weiß nicht mehr, was richtig ist.“ Christian stapelte die Kleiderbeutel fast andächtig auf den mitgebrachten Wagen. „Mein Leben wollte ich verändern. Vielleicht noch das meiner Schwester, aber doch nicht unser aller Leben. Was soll ich nur tun, Hermann?“

„Du kannst nichts mehr tun.“, antwortete Hermann leise. „Aufhalten lässt sich das alles nicht mehr, nach allem, was du mir erzählt hast. Wir müssen uns mit den Ältesten beraten, Zeit schinden und versuchen, eine vernünftigen Weg zu finden. Du darfst jetzt nicht aufgeben, Christian.“ Hermann nahm den Jungen in die Arme, was dieser sich nur zu gern gefallen ließ.
Ein Geräusch hinter ihnen ließ sie herum fahren. Klara hatte unbemerkt den Raum betreten und den letzten Teil des Gespräches mit angehört. Sie trat sehr zögernd an die beiden heran, fast ängstlich, und legte Chhristian ihre Hand auf seine Schulter.

„Du kannst nicht rückgängig machen, was du bewegt hast.“, sagte sie leise. „Ich sehe nur nichts Schlimmes darin. Egal, was wird, Christian. Es kann nur besser werden. Für alle hier, für dich und mich, für Hermann und vielleicht auch für die Menschen da draußen. Hast du ihnen nicht zugehört, nicht hingesehen? Anscheinend haben sie aus ihren Fehlern gelernt, und sind nun eifrig bemüht, wieder gutzumachen. So etwas ist immer schwierig, das weißt du doch.
Laßt uns zurück zu unseren Gästen gehen und sehen wir zu, dass wir die Wächter heute Abend informieren können. Ich bin fest überzeugt davon, dass wir Möglichkeiten finden, mit denen wir alle gut leben können. Zumindest für die WestLänder kann ich mir das gut vorstellen. Über RodLand werden wir sicher gesondert beraten müssen.
Aber lasst uns doch erst einmal einen Schritt nach dem anderen gehen. Einverstanden?“

Christian hatte sich schon längst aus Hermann´s Armen gelöst und Klara aufmerksam zugehört. Er fühlte sich plötzlich erleichtert, verstanden und bekam eine Ahnung davon, dass er nicht mehr allein war. Das Durcheinander dieser Gefühle verwirrte ihn zwar, trotzdem beherrschte ihn eine Erleichterung, die es ihm möglich machte, wieder zu sich selbst zu finden.

„He Mädel!“, ließ sich Hermann vernehmen, bevor Christian auf Klara`s Ansprache reagieren konnte. „Meiner Mutter hätte diese Rede mächtig imponiert. Wahrscheinlich wärst du bei ihr damit in Führungspositionen aufgestiegen.“

„Pah! Führungspositionen!“, grinste Klara verlegen. „Wer will den sowas haben? Ich auf keinen Fall. Mir hilft der Glaube an unseren User. Und der sagt, dass überall Hoffnung ist. Egal, in welcher Lage wir uns befinden.“
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Grinsend griffen Hermann und Christian nach dem Griff des Wägelchens und es machte ihnen auch nichts aus, dass es sich Klara auf dem Wagen bequem machte.
Im Quartier angekommen, blinkten die Lichter an der Konsole hektisch, doch Hermann ließ sich davon nicht beirren. Er wies Klara und Christian an, die Kleidung aus den Schutzhüllen zu nehmen und zum Auslüften an die Luft zu bringen. Dann entzündete er mitten im Vorhof des Depots ein großes Feuer, über das er einen Kessel schob und damit begann, ein Essen zu kochen, das er aus verschiedenen Konservern zusammen stellte.
Klara sah seinem Tun skeptisch zu, fand aber mit der Zeit, dass es doch recht lecker roch. Und welche Wahl hatten ihre Gäste denn, dachte sie. Auch wenn das Essen nicht aus den Replikator kam und von IVI kontrolliert wurde, war es doch immer noch Essen. Und wenn sich alle ein wenig erholt hatten, würde sich auf jeden Fall der Hunger melden.

Und so war es auch. Gegen Abend kamen ihre Gäste einer nach dem anderen heraus. Sie sahen ein wenig lächerlich in den immer noch zu kurzen Roben aus. Aber Sörine und Griseldis machten es ihnen leicht. Sie präsentierten sich schmunzelnd, als hätten sie die prächtigsten Kleider der Welt an, und verneigten sich vor ihren Gastgebern, als wären sie hohe Damen und Herren.
Dann ließen sie sich auf den bereit gestellten Stühlen nieder und winkten die anderen heran, die sich sichtlich unwohl in der ungewohnten Kleidung fühlten. Verena und Peter blieben auch jetzt wieder außerhalb des Kreises, bis Christian sie in ihren Kreis zog und ihnen unmißverständlich klar machte, dass er sie als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft betrachtete. Da niemand Einwände erhob, gaben sie ihre Zurückhaltung allmählich auf, nachdem sie merkten, dass selbst der Magister keine Unterschiede mehr zwischen ihnen und allen anderen machte.

Das Essen ließen sich alle gut schmecken. Sven meinte, es wäre erstaunlich, was man alles selbst machen könnte.

„Ich glaube, ich werde es in unserer Gemeinschaft einführen, dass die Menschen so etwas wieder lernen und erleben können. Und zwar alle Menschen, nicht nur die, die es von sich aus wollen. Mir wird erst jetzt bewusst, wie abhängig wir schon wieder geworden sind.“

„Nun ja.“, pflichtete ihm Hermann, seltsam nachdenklich, bei. „In Abhängigkeiten, die einem das Leben erleichtern, begibt man sich sicher schneller, als man es will. Aber jetzt seid ihr hier. Und ich denke, ihr kommt sehr gut mit den Gegebenheiten zurecht.“
Hermann wandte seinen Blick in die Flammen und schien mit einem Male weit weg mit seinen Gedanken zu sein. Als er offensichtlich wieder in die Wirklichkeit zurück fand, spürten alle ganz deutlich, dass er seine innere Zwietracht hinter sich ließ und einen Entschluss gefasst hatte.
„Ich denke, dass wir nach dem Essen die Wächter hören sollten.“, meinte er nach einigen Minuten, ohne den Blick vom Feuer abzuwenden.

Und plötzlich kehrte seine Energie zu ihm zurück. Er löste sich von dem Feuer und betrachtete alle, als würde er die Anwesenden zum ersten Male sehen. Dann schien er sich zu besinnen und hob die Runde auf, indem er aufstand und sie alle zum Pult bat.

„Es ist ein denkwürdiger Augenblick, euch alle hier zu sehen. Niemand von uns Wächtern glaubte bis vor kurzem, dass dieser Tag jemals kommen würde. Ihr habt sicher viel zu erzählen, aber vielleicht wäre es klug, zuerst die Wächter sprechen zu lassen.“

Ohne auf eine Reaktion zu warten, schaltete er alle Wächter auf die Anlage und fuhr im ersten Moment selbst zusammen, da sie im ersten Augenblick von einem Stimmengewirr empfangen wurden, das er so nicht erwartet hatte.
Die Wächter aber bemerkten sehr schnell, dass sie zu hören waren und die nun eintretende Stille fühlte sich fast noch ein weniger beängstigender an, als das Stimmengewirr vorher.
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„Hallo? Wir sind jetzt auf Sendung.“ Hermann unterbrach die Stille, weil er sie nicht mehr aushielt. „Wir können euch gut hören und ich hoffe, ihr uns auch. Lasst mich euch unsere Gäste vorstellen. Da wäre zum ersten der …“ In diesem Augenblick wurd-e Hermann von Willy unterbrochen.

„Hör auf, Hermann.“, befahl Willy. „Was sollen uns zu diesem Zeitpunkt Namen sagen? Ich begrüße die Gäste im Namen aller Wächter und freue mich, dass die Überfahrt für alle gut verlaufen ist. Bis wir uns sehen können, wurde ich zum Sprecher der Wächter eingesetzt. Alle Wächter unserer Gemeinschaften hören unser Gespräch mit, aber wir wollen euch zu Anfang nicht überfordern. Zumal wir alle wissen, dass ihr von uns nichts wusstet. Ich hoffe, dass ihr uns alle bald persönlich kennenlernen werdet. Vorbereitungen dazu haben wir bereits in Planung.
Es wäre uns auch lieb, dass wir in der augenblicklichen Situation von euch nur das Notwendigste erfahren. Christian und Klara werden sich die Zeit nehmen, uns alles zu berichten, was sie erlebt und erfahren haben. Wichtig sind die nächsten Schritte. Wichtig ist zu wissen, was sich unsere Gäste vorstellen, und was wir für richtig erachten.“

Hermann schien mit Willys Ansprache keinesfalls einverstanden zu sein, da es ihm offensichtlich vorerst die Sprache verschlagen hatte. Seine Blicke suchten Christian und Klara, die aber offensichtlich ebenso überrascht von dieser Rede waren.

Christian wiederum behielt die Gäste im Blick, und die schienen nicht sonderlich überrascht zu sein. Im Gegenteil, bis auf Peter und Verena hielten alle ihre Blicke gesenkt, und niemand schien Lust zu haben, auf Willy zu reagieren.
„Du weisst schon, dass das nicht gerade freundlich war. Und auf keinen Fall kann dein Verhalten fördernd für unser Vorhaben sein.“, reagierte Christian, allem Unwohlsein zum Trotz.

„Mein lieber Christian, da gebe ich dir vollkommen recht und ich verstehe deinen Ärger. Allerdings wissen wir Wächter ein wenig über die Menschen, die jetzt bei dir sind. Und dieses Wissen trägt nicht unbedingt dazu bei, dass ihr Erscheinen auf unserer Plattform freudige Gefühle in uns hervor ruft. Und der Stille im Hintergrund kann ich entnehmen, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht.“

Hier schaltete sich Griseldis, die schon längst neben der Konsole stand, auf die Übertragung. „Guten Abend, Willy! Mein Name ist Griseldis. Wir kennen uns zwar noch nicht wirklich, aber du machst mich mit deiner Arroganz und deiner Anmaßung so wütend, dass ich unseren Magister einfach übergehen Muss!“ Griseldis stellte sich vor der Konsole in Positur, als wollte sie in den Kampf ziehen. „Wir beide wissen sicher genug voneinander, das wir uns in Demut üben sollten, anstatt in Arroganz. Und auf keinen Fall ist deine Haltung in irgendeiner Art förderlich. Weder für unseren Besuch, noch für unsere Vorhaben. Also, …, wir sind die Nachkommen derer, die diese Plattform geplant, gebaut, und zu Anfang auch betrieben haben. Wie gesagt, die Nachfahren, nicht, die Initiatoren. Und wenn wir uns auf diesen Level mit den Wächtern der Plattform einigen könnten, wäre das sicher sehr hilfreich.“
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Einen Augenblick lang herrschte Stille auf beiden Seiten. Christian stellte sich neben Griseldis an das Pult, und hinderte gleichzeitig Sven daran, an das Mikrofon zu gelangen.

„Und genau jetzt ist Schluss.“, sprach er in einem beängstigend ruhigem Tonfall zu den Wächtern und gleichzeitig zu allen anderen Anwesenden. „Was auch immer ich durch meine Flucht aufgewühlt habe, sollte nicht der Grund dafür sein, dass sich unsere Welt mit dem Rest der Welt überwirft. Ich verlange von allen Beteiligten, dass wir uns sofort auf eine Ebene begeben, die frei von Beschimpfungen, Unterstellungen, unterdrückten Gefühlen oder sonstigen Befindlichkeiten ist.
Ich kann nichts rückgängig machen. Wenn ich es könnte, würde ich es tun. Schon allein deswegen, weil ihr euch hier aufführt, als würde es um die Weltherrschaft gehen.
Wenn ihr so weiter macht, verschwinde ich. Dann könnt ihr zusehen, was ihr den Menschen erzählt. Und dann interessiert es mich auch nicht mehr, was ihr den Menschen antut.
Ich werde dann versuchen, meine Familie aus RodLand heraus zu bekommen, und sie von hier weg zu schaffen. Die Welt ist schließlich groß genug. Das weiß ich mittlerweile.
Aber diese Streitereien hier sind mir zuwider. Da mache ich nicht länger mit.“ Christian verließ die Runde, ohne sich noch einmal umzusehen.

Alle schwiegen. Und selbst Hermann hielt sich zurück.

„Sind wir denn alle verrückt geworden?“, ließ sich Martin nun vernehmen. „Christian hat vollkommen Recht. Statt dass wir uns Gedanken über die Zusammenführung unserer Welten machen, feinden wir uns an. Obwohl dies weder in unserer, noch in dieser Welt zu den üblichen Bräuchen gehört.“

„Das macht das schlechte Gewissen.“, kam überraschend Verena`s Stimme ins Spiel. „Es ist doch ganz offensichtlich.“, erklärte sie, als sie die fragenden Blicke aller auf sich gerichtet sah. Und, obwohl sie sich sehr unwohl fühlte, fehlte es ihr nicht an Mut, weiter zu sprechen. „Die Wächter verfügen über Informationen, die niemand anders kennt.
Wir sind irgendwie verantwortlich, dass es diese Plattform überhaupt gibt.
Passt nicht zu unserem Weltbild, oder?
Also! Mit wem machen wir jetzt weiter? Sind die Wächter WestLands irgend Jemanandem Rechenschaft schuldig? Wenn ja, dann müssen wir auch diese Menschen einbeziehen.
Ich meine, wir sind unserem Weltrat verpflichtet. Auch der muss informiert werden. Aber will das überhaupt jemand?“

Peter trat nun an Verena´s Seite und ergriff ihre Hand. „Ich habe mir die Konsole hier angesehen und denke, dass ich sie wieder reparieren kann. Sie muss ursprünglich die Verbindungsstelle zwischen hier und unserer Insel gewesen sein. Und auch die Verbindung zu IVI sollte möglich sein.
Mehr ist doch nicht nötig, um einen ersten Dialog zwischen unseren Welten herzustellen. Oder?
Alles Weitere sollte sich wohl regeln lassen, oder?“ Peter dachte einen winzigen Augenblick nach. „Christian´s Handeln hat uns hier her kommen lassen. Das ist nicht seine Schuld, denn als seine Flucht begann, konnte er nicht abschätzen, welche Lawine er auslöste.
Aber jetzt sind wir am Zug. Versteht ihr?“
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Wieder stellte sich eine beklemmende Stille ein. Die Lichter auf der Konsole blinkten wie wild. Ein Zeichen, dass auch unter den Wächtern WestLands eine heftige Diskussion entbrannt war.
Die Menschen von der Insel mussten im Grunde nicht mehr miteinander diskutieren. Für sie standen die nächsten Schritte fest. Und deswegen schämten sie sich auch. In ihrer Überheblichkeit und Arroganz waren sie davon ausgegangen, hier nur auf primitive und in ihrer Entwicklung zurück gebliebene Menschen zu treffen. Mit einer vorbereitenden und vor allem wissenden Wächtergemeinschaft hatten sie nicht im entferntesten gerechnet. Deshalb schwiegen sie jetzt und warteten geduldig auf die Reaktion der Wächter.
Das sollte eine Weile dauern, aber schließlich meldete sich Willy wieder und es war seiner Stimme anzuhören, dass auch er sich nicht sonderlich wohl fühlte.

„Ja…, mmhh, ja, also…, hallo! noch einmal an alle. Ich schätze, wir hatten einen schlechten Start. Mein Benehmen ließ tatsächlich zu wünschen übrig und beinahe hätten mich die anderen Wächter von meinem Amt als Sprecher entbunden.
Es tut mir leid. Ich habe wahrscheinlich zu lange auf euch gewartet und mir zu viele Gedanken über das erste Treffen gemacht, so dass ich einfach nur enttäuscht von der ersten Begegnung war.
Nun also. Ich möchte euch jetzt im Namen aller Wächter und derer, über die wir wachen, herzlich willkommen heißen. Wir alle hoffen, dass ihr uns nichts mehr übel nehmt.“

Jetzt trat Sven an das Mikrofon.

„Ich begrüße die Wächter von WestLand im Namen aller, die hier sind.
Da wir uns mindestens genau so schlecht benommen haben, denke ich, dass sich hier niemand weiter für irgend etwas entschuldigen muss.
Wir beginnen einfach noch einmal von vorn, einverstanden?“

„Ja, sehr gern. Und, um auf die Frage von der Frau, die als Letzte gesprochen hat, zurück zu kommen. Wir sind grundsätzlich niemandem verpflichtet. Es gibt in WestLand zwar einen Ältestenrat. Der erfüllt aber eher organisatorische und regulierende Pflichten.“

„Sehr gut Willy.“ Sven ließ sich die Erleichterung über diese Wende des Gespräches nur zu gern anmerken. „Wir haben einen Weltrat, dem wir, vornehmlich ich, in meiner Funktion als Magister, Rechenschaft schuldig sind. Da sich die Menschheit an vielen Dingen schuldig gemacht hat, wacht der Weltrat streng darüber, dass so etwas nicht wieder vorkommt.“

„Gut, dann sollten wir diesen Weltrat, so schnell es möglich ist, benachrichtigen.“, schlug Willy vor. „Bevor das jedoch passiert, möchten wir von euch hören, was ihr als Nächstes geplant habt. Und dann reden wir über unsere Vorstellungen. Seid ihr einverstanden?“

Das waren sie alle und Sven ließ Martin ans Mikrofon, der vor lauter Ungeduld und Aufregung am ganzen Leib zitterte.

„Hallo Wächter, ich grüße euch alle. Und ich möchte euch sagen, dass ich überglücklich bin, mit euch zu reden.“ Seine Stimme brach für einen kurzen Moment und es liefen ihm die hellen Tränen über das Gesicht, aber dann riss er sich zusammen.
„Der erste Schritt sollte sein, dass wir eine Verbindung zu unserem weltweiten Betreuungssystem, unserer IVI, herstellen. Peter und Verena, unsere Techniker, sind der Meinung, dass dies zu schaffen wäre. Allerdings kann das ein bis zwei Tage dauern. Das ist natürlich nicht schön, trotzdem gäbe es uns allen hier die Gelegenheit, uns besser kennenzulernen.
Wenn IVI Verbindung mit uns erhält, kann sie ein Diagnoseprogramm über eure Anlage laufen lassen, so dass wir erst einmal erfahren, in wie weit sich eure Kommunikationsanlage wieder reparieren lässt.
Wenn alles gut läuft, bekommen wir sogar eure Bildschirme wieder hin. Und wenn die erst wieder funktionieren, können wir uns alle der Weltgemeinschaft vorstellen, unsere Geschichten erzählen, uns kennen lernen.
Was haltet ihr von dem Plan?“

Das Lichterfeuerwerk auf der Konsole begann von Neuem und auch dieses Mal warteten alle geduldig, bis Willy sich wieder meldete.

„Ihr werdet uns sicher noch näher erklären, wer oder was diese IVI ist. Ansonsten finden wir den Plan recht gut. Wir sollten jedoch noch abwarten, ob er funktioniert, bevor wir unsere Ältesten, und ihr euren Rat einbeziehen. Eventuelle Verwicklungen oder Missverständnisse könnten so von vornherein vermieden werden.“

„Da gebe ich euch vollkommen Recht. Es ist keinesfalls unsere Absicht, Unfrieden oder Verwirrung zu stiften. Also! Lasst uns für heute schlafen gehen. Ab morgen werden wir dann an der Umsetzung des Planes arbeiten.“

Dem Wunsch kamen sie gern nach und alle atmeten auf. Erst jetzt merkten sie, unter welcher Anspannung sie die letzten Stunde gestanden hatten.
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Christian hatte sich auf dem Steg einen Platz gesucht und schaute nachdenklich der untergehenden Sonne zu. Klara saß ein Stück von ihm entfernt und wagte es nicht, ihn anzusprechen. Neben ihr ließ sich Verena nieder, die Klara unbemerkt gefolgt war.

„Was ist los, mit Christian?“, fragte sie nach einer ganzen Weile.

Klara überlegte ein wenig, ehe sie antwortete. Sie hatte Verena´s Anwesenheit natürlich bemerkt und hingenommen, ohne sich zu rühren. Und auch jetzt bewegte sie sich nicht.

„Christian ist ein RodLänder.“, antwortete sie dann leise. „Er ist mit keinem Maß zu messen.
Während der vielen Tage, die wir jetzt schon zusammen reisen, hat er mir niemals etwas Persönliches erzählt. Ich denke, es liegt daran, dass er nicht gewohnt ist, zu lügen. Und wenn er die Wahrheit sagen würde, müsste er wahrscheinlich schlecht über die Menschen reden, die er trotz allem liebt. Es ist ein Dilemma.
Wir in WestLand kennen so etwas nicht. Kein Mensch denkt darüber nach, ob er wirklich meint, was er sagt.
Ich habe Christian von Anfang an bewundert, aber ich denke, er kommt nicht wirklich zurecht, in eurer Welt. Selbst die Lebensart der WestLänder ist ihm fremd geblieben.“

Verena nickte, als hätte sie nur das bestätigt bekommen, was sie sich selbst schon gedacht hatte.

„Das glaube ich gern. Seit ich Christian kenne, kontrolliere ich mich ständig, ob ich wirklich immer die Wahrheit sage. Und es passiert mir, wie ihm, dass ich manches Mal lieber schweige. Zumal Peter und ich mit einigen Gesetzen des Weltrates nicht einverstanden sind.
Aber, das ist eine andere Geschichte.“, schwächte sie ab, als sie Klara`s fragende Blicke bemerkte. „Jetzt ist es erst einmal wichtig, dass wir Christian wieder in unseren Kreis bekommen. Ohne ihn fühle ich mich einfach nicht gut. Und alles, was geredet wird, hört sich auch nicht richtig an.“

„Meinst du wirklich, dass es klug wäre, Christian in diesem Kreis zu halten? Offensichtlich fühlt er sich nicht wohl, jetzt, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Menschen von der Insel die Entscheidungen treffen und wir nur noch Gäste in unserem eigenen Hause sind. Allenfalls haben die Wächter noch ein Mitspracherecht, aber sicher nicht der Bauer auf dem Feld oder der Kaufmann in seinem Laden. Christian wird das nicht unberührt lassen, denn vor so einem Leben ist er ja ursprünglich einmal geflohen.“

„Da hast du vollkommen Recht, Klara.“, ertönte unvermittelt Christian´s Stimme aus der Dunkelheit. „Und ich werde mich auch nicht zu irgendeiner Figur machen lassen, die ich nicht sein will. Meine Anwesenheit hier ist nicht mehr von Nöten. Jetzt soll sich der Rest der Welt mit den Menschen aus WestLand verständigen.“ Christian klang müde und resigniert und Verena konnte nicht anders, als aufzustehen und ihn liebevoll zu umarmen.

„Lass uns einfach eine Nacht lang zur Ruhe kommen, Christian.“, beruhigte sie ihn. „Ich kann dich gut verstehen, aber glaube mir. Alles ist besser, als wegzulaufen. Irgendwann holen wir dich wieder ein, und dann musst du mit dem leben, was sich während deiner Abwesenheit zugetragen hat. Bleibst du dagegen hier, kannst du jederzeit deinen Einfluss geltend machen. Auch zum Wohle deiner Familie. Kannst du das nicht einsehen?“

„Doch, natürlich. Ich werde auch nicht weglaufen. Zumindest komme ich zurück. Ich benötige nur zwei oder drei Tage, an denen mir niemand sagt, was zu tun oder lassen ist, oder mir etwas Neues, Unfassbares erzählt.“

Verena lachte leise. „Also doch schon ein fix und fertiger Plan. Ich verstehe dich, Christian. Du solltest nur nicht einfach verschwinden. Frühstücke morgen in aller Ruhe mit uns. Erzähle allen, was dich bewegt, und was du vor hast, und dann tu, was immer du tun möchtest. Alle werden dich verstehen, und du kannst gehen, ohne, dass irgend jemand verletzt ist.“

Diese eindringlich gesprochenen Worte sollten nicht ungehört verklingen. Entgegen seines Planes, ging Christian mit den beiden Frauen zum Depot zurück und schlief seit Tagen zum ersten Male wieder tief und fest, und fast bis zur Mittagsstunde. Als er aufwachte, erschien ihm die Ruhe um sich herum fast unnatürlich.
Er sah auch niemanden, als er sein Zimmer verließ. Es wartete nur einer auf ihn. Und das war Paul, der ihm auf dem großen Hof schwanzwedelnd und sichtlich erfreut entgegen kam.
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Paul sprang an Christian hoch, der sich immer noch suchend umsah. „Wo sind denn alle hin?“, fragte er den Hund, der seine Antwort nach Hundemanier bellte und dann zielstrebig in Richtung Steg lief. Christian folgte ihm schulterzuckend und Paul führte ihn zu Hermann, der nur auf ihn zu warten schien.

„Hallo, du Langschläfer!“, wurde Christian begrüßt, der nur mit einem Kopfnicken zurück grüßte. Entgegen aller seiner Gewohnheiten wartete Hermann, bis Christian von selbst anfing zu reden.

„Mir scheint, es stehen aufregende Tage vor uns. Ich für meinen Teil bin von der Aufregung der letzten Tage total überfordert und sehne mich nach ein wenig Ruhe. Hast du etwas von Roland und Kimmy gehört?“

„Ja, auch von deinen Eltern und deiner Schwester. Die Kommunikation nach RodLand ist zwar unzuverlässig, aber ab und zu kommen sie zu uns durch. Wenn ich alles richtig verstanden habe, erreichten die beiden die Grenze, ohne größere Zwischenfälle. Sie haben sogar die alte Übergangsstation gefunden und es fertig gebracht, mit der rodLänder Untergrundbewegung Verbindung aufzunehmen. Es geht allen ganz gut, auch deiner Familie.“

Christian stand auf und reckte sich zufrieden. „Wo sind die anderen?“

„Klara hat sie zu einem Ausflug zum defekten Segment mitgenommen. Sie wollten unbedingt sehen, wie ich ihre Welt gesehen habe, die vielen Jahre hindurch. Sie müssten bald wieder hier sein, denn sie sind sehr früh aufgebrochen.“

„Gut, dann werde ich ihnen entgegen gehen und mich dann für die nächsten Tage von allen verabschieden. Ich werde nach Kimmy und Roland suchen, und mit ihnen zusammen wieder kommen. Ich gehe davon aus, dass RodLand nicht so leicht zu öffnen ist und wir das Wissen der Wächter benötigen werden, um eine Eskalation zu vermeiden. Aber ich möchte mich mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut machen, denn das innere Kraftfeld sollte vorerst noch bestehen bleiben. Zumindest halte ich jede andere Entscheidung für unklug. Aber darüber reden wir später.
Der Tunnel der Übergabestation bietet sicher einige Alternativen, zumindest scheinen das Roland und Kimmy so einzuschätzen. Sonst wären sie schon längst wieder hier.“

„Mmh, ich habe mir schon gedacht, dass du erst einmal Abstand von diesen ganzem Trubel haben musst. Deinen Plan finde ich gut. Bis du wieder zurück bist, haben sie die Kommunikationsanlage vielleicht hinbekommen. Und dann wird unser aller Auftritt ein Test sein, wie unsere Leute auf den Rest der Welt reagieren. Sie sind zwar im Gegensatz zu den RodLändern eher gemäßigt, trotzdem wird der Schock für alle gleich sein.“

Beide gingen wieder zum Depot und Hermann deckte Christian mit Proviant und Kleidung für ein paar Tage ein. Christian merkte, dass Hermann nicht ganz einverstanden mit seinem Vorhaben war, aber da dieser nichts weiter darüber verlauten ließ, sagte Christian auch nicht mehr dazu .
Sie verabschiedeten sich voneinander und als sich Christian außerhalb der Sichtweite Hermann´s befand, atmete er erst einmal auf. Die Ruhe, die ihn hier umgab und das Traben auf dem ausgetretenen Weg, legten sich wie Balsam auf sein Gemüt. Paul an seiner Seite, war die einzigste Begleitung, die Christian sich im Moment wünschte und der Gedanke daran, dass sich seine Familie in Sicherheit befand, beflügelte ihn geradezu.
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Als Christian auf Klara und die Menschen von der Insel traf, saßen diese immer noch vor dem defekten Segment. Sörine erklärte ihm, dass sie so fasziniert von dieser Aussicht wären, dass sie sich kaum los reißen könnten.

„Es ist, als würde da draußen tatsächlich eine vollkommen andere Welt auf uns warten. Ich begreife nicht, wie Hermann diesen Anblick ertragen konnte, ohne nach draußen zu streben.“

„Pflichtgefühl und Angst haben das verhindert. Er ist und war für das Wohlergehen der Gemeinschaften verantwortlich. Wäre ihm etwas passiert, wer weiß, wie viele Leben das gekostet hätte. Ohne Sicherheit, dass es auch ohne mich vernünftig weiter gehen würde, hätte ich auch keinen Versuch unternommen.“ Christian wirkte bei aller Ruhe in der er diese Worte sprach, sehr bestimmt und fast schon dominant. Von der Unterwürfigkeit und der Schweigsamkeit der letzten Tage spürte niemand mehr etwas.

„Fast so war er, als wir uns kennenlernten.“, flüsterte Klara Verena zu, die Christian betrachtete, als sähe sie ihn heute zum ersten Mal. Martin brachte sogar ein wenig Abstand zwischen sich und Christian, und Sven erhob sich unwillkürlich.

„Ist schon gut.“, winkte Christian ab, als er die Reaktionen der anderen bemerkte. „Hermann hat es nur nicht verdient, dass er kritisiert wird. Von niemanden. Im Gegenteil, ich bringe ihm Hochachtung entgegen.

Ihr solltet auch bald aufbrechen, er wartet schon auf euch.“

„Was hast du vor, Christian?“, fragte Sven. „Du machst mir nicht den Eindruck, als wolltest du uns begleiten.“

Christian erklärte gern, was er als nächstes vor hatte, und, wie von Klara und Verena vermutet, stieß auf keine Gegenwehr. Verena überraschte alle mit der Bitte, Christian begleiten zu dürfen. Sie argumentierte damit, dass sie vielleicht helfen könnte, die Kommunikation zu den RodLändern zu verbessern. Peter würde im Depot auch ohne sie gut zurecht kommen und hätte noch genügend Hilfe von den anderen und schließlich auch von IVI, sollte sie zur Plattform durchdringen.

„Ich will nicht aufdringlich sein, Christian. Doch ich denke, dass meine Begleitung für alle von Vorteil wäre. Ich weiß sehr wohl, dass du lieber allein geblieben wärst. Und das sollst du auch weitestgehend sein. Hermann hat dir so wie so nur Proviant für dich mitgegeben. Also werde ich seine Beete aufspüren, um mich mit Nahrung zu versorgen. Du wirst mich kaum zu sehen bekommen, und auch sonst bin ich ganz gut im Unsichtbar bleiben. Ich habe da so meine Methoden, …“

„Jetzt halt ein Verena.“, unterbrach sie Christian. „Klar wäre ich lieber allein gegangen, aber ich verschließe mich den Vorteilen nicht. Wir brechen sofort auf. Ich möchte, so schnell wie möglich, zu Kimmy und Roland.“

Sven schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es sich dann aber anders. Verena schnürte unterdessen schon ihren Rucksack und ließ sich von Klara helfen. Die beiden tuschelten dabei ständig miteinander und verabschiedeten sich dann voneinander, als wären sie die besten Freundinnen.
Auch die anderen rüsteten zum Aufbruch. Der Abschied von Christian und Verena erfolgte kurz und herzlich.

Und dennoch, alle hatten ein komisches Gefühl dabei, als sie sich gegenseitig den Rücken zuwandten und ihren eigenen Wegen folgten.
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Als sie das Lager hinter sich ließen, liefen Christian und Verena schweigsam hintereinander. Nur Paul schien sich nicht wirklich entscheiden zu können, wessen Nähe ihm mehr behagte. Er pendelte ständig zwischen den beiden, und entschloss sich dann, wieder seine eigenen Wege zu gehen. Verena, gewohnt, den Instinkten eines Tieres zu vertrauen, überlegte nicht lange. Als sie bemerkte, dass Paul das Interesse an Christian und ihr verlor und sich seitwärts in die Büsche schlug, folgte sie ihm einfach. Sie sagte sich, dass das Tier die weitaus besseren Sinneswahrnehmungen hatte, und hoffte darauf, dass er sie zu den Zwischenlagern Hermann´s führte, oder zu anderen Nahrungsquellen.
Sie hatte sich fest vorgenommen, Christian nicht zu behelligen. Sie konnte gut verstehen, dass ihre Welt ihn wie eine Sturmflut überrollt hatte, und er jetzt Ruhe suchte. Und sie selbst suchte Ruhe für sich. Sie hatte sich viele Gedanken um die Menschen auf der Plattform gemacht und eigentlich könnte sie sich vorstellen, hier ein neues Leben zu beginnen. Die RodLänder machten ihr Angst. Alles, was sie bis jetzt von ihnen hörte, erschien ihr radikal und befand sich jenseits ihrer Toleranzgrenze. Wenn sie sich dann aber Christian anschaute, musste sie immer darüber nachdenken, dass sie sich einen Sohn, wie ihn gewünscht hätte. Und, dass sie nie die Chance bekommen würde, diesen Sohn zu bekommen. Schon deswegen musste sie Christian einfach gern haben.

Christian ging den Weg zur Grenze und ärgerte sich. Da lief nun endlich einmal alles, wie er es sich wünschte, und trotzdem fühlte er eine ständige Unzufriedenheit in sich. Es war nicht so, dass er sonderlich auf Verena achtete. Es bereitete ihm nur Unbehagen, dass er nicht wusste, wo sie sich befand, und ob es ihr gut ging. Schließlich kannte sie sich hier nicht aus. Auch wenn ihr keine unmittelbaren Gefahren drohten, so konnte sie doch fallen, oder sich sonst wie verletzen. Und außer Paul wäre dann niemand bei ihr. Überhaupt Paul, über dessen Loyalität sollte er sich wohl auch noch Gedanken machen. Aber im Moment war er erst einmal beruhigt, dass er sich bei Verena aufhielt.
Lange hielt er diesen Zustand nicht aus. Schon an seinem ersten Rastplatz füllte er seine Vorräte aus Hermanns kleinem Depot auf. Er schrieb alles, was er den Regalen entnahm sorgfältig auf, auch wenn er sich sicher war, dass Hermann diese Unterkünfte in Zukunft nicht mehr so oft aufsuchen würde.

Verena blieb weiterhin unsichtbar für ihn. Ein paar Mal hörte er Paul bellen. So wusste er, dass die Beiden immer noch in der Nähe waren.

Der Weg wurde immer schmaler. Wahrscheinlich hatte man es nicht vorgesehen, die letzte Kommunikationsmöglichkeit auf der anderen Seite der Grenze oft zu besuchen. Es erschien Christian denkbar, dass sie als Notlösung für Szenarien gedacht war, die er sich allerdings nicht vorstellen konnte.

Als er das nächste Mal Halt machte, war es schon längst Nacht. Christian bereitete sich in dem kleinem Zelt ein Abendessen und starrte dann in den Himmel und auf die Sterne, die ihm die Kuppel vorgaugelte. Trotzdem er wusste, dass alles nur eine Illusion war, fühlte er sich auf der Plattform und unter dieser Kuppel merkwürdig beschützt. Und er machte sich ernsthaft Gedanken darüber, ob er den Rest der großen weiten Welt überhaupt noch kennenlernen wollte.

Als sich Verena und Paul seinem Rastplatz näherten, hörte er sie schon lange vorher. Verena trat nur zögernd aus dem Dunkel heraus. Paul hingegen freute sich, Christian wieder zu sehen und tat das auch stürmisch kund.

„Ich möchte dich nicht stören, Christian. Die vollkommene Dunkelheit da draußen macht mir Angst.“, traute sich Verena dann doch in den Lichtkreis des Lagerfeuers zu treten. „Ich bin einfach nicht daran gewöhnt. Ich dachte, es wäre nicht allzu schlimm für dich, wenn ich hier in deiner Gesellschaft übernachte. Falls es dir doch etwas ausmacht, suche ich mir einen anderen Platz in der Nähe. Ich werde mich aber hier bei dir sicherer fühlen. Was meinst du?“

„Ich meine, dass du ein wenig albern wirkst, mit deiner Rücksichtnahme. Ich dachte, wir sind Freunde. Und Freunde können auch miteinander gehen, ohne zu reden. Sie können Schweigen aushalten. Zumindest ist das bei uns so. Wenn du bei mir geblieben wärst, hätte ich mehr Ruhe gehabt und mir nicht ständig Sorgen um dich machen müssen.“ Christian lächelte und lud Verena mit einer kurzen Handbewegung dazu ein, neben ihm Platz zu nehmen.

„Heisst das, dass du nichts mehr gegen meine Gesellschaft hast?“ fragte Verena und ließ sich vorsichtig an seiner Seite nieder.

„Ich hatte von Anfang an nichts dagegen. Was ich satt hatte, waren die dauernden Belehrungen. Und jetzt lass uns schlafen gehen. Mach dir keine Sorgen, dass du mich stören könntest. Falls dies jemals der Fall sein sollte, werde ich dir das sagen.“ Christian reichte ihr eine Decke und wickelte sich dann in seine eigene ein.
Verena legte sich neben ihn und war froh, ihrem Bauchgefühl gefolgt zu sein.
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Am nächsten Morgen wachte Verena durch Kaffeeduft auf und ihr erster Blick fiel auf Christian, der am Feuer saß und Würstchen grillte.

„IVI ist ein Fluch und ein Segen zugleich. Zur Natur hat sie keinen Zugang und kann somit nicht dafür sorgen, dass wir von so köstlichen Düften geweckt werden. Guten Morgen, Christian.“, begrüßte sie ihn.

„Guten Morgen. IVI ist gerecht. Das ist ein Vorteil, der meiner Meinung nach gegen alle Nachteile einer IVI schwer wiegt. Menschen werden immer von ihren Gefühlen beeinflußt. Und wenn einer nicht gewohnt ist, nicht zu lügen, kann da ziemlich viel schief gehen. Und wie ich die Lage beurteile, ist genau das diesem Planeten passiert. Man sollte nur Acht geben, dass man sich nicht zu sehr von einer IVI abhängig macht. Dann gibt es nämlich irgendwann keinen Kaffeeduft mehr zum Frühstück.“ Christian lachte und hielt Verena den dampfenden Becher unter die Nase.

„Mmmhh,“, schnupperte diese behaglich. „Da magst du Recht haben. Es ist nur so, dass IVI ständig unsere Gesundheit überwacht. Und das kann doch wohl nicht schlecht sein. Irgendwie ist sie unser Gewissen. Die Menschheit wäre nicht so schlimm bestraft wurden, hätte sie immer solch einen Ratgeber an ihrer Seite gehabt.“

„Na das wage ich zu bezweifeln.“ Christian erhob sich und begann seinen Rucksack zu packen. „Ich kann mir jedenfalls kein Leben vorstellen, das von einer gefühllosen Computer-Software bestimmt wird. Aber das ist jetzt auch egal. Ich möchte so schnell wie möglich zu Roland und Kimmy. Bis zur Grenze kann es nicht mehr weit sein.“

Verena verstand den Wink und packte ebenfalls ihre Sachen. Sie brachen gemeinsam auf und blieben auch zusammen. Verena bewies, dass sie ein Schweigen sehr gut aushalten konnte, obwohl sie das überhaupt nicht lange musste.

Es dauerte nur kurze Zeit bis sie an die alte Übergabestation kamen. Dort fanden sie Kimmy und Roland tief schlafend vor. Das Gelände sah furchtbar vernachlässigt aus. Einzig und allein der Tunneleingang und die Nebengebäude machten einen stabilen Eindruck.
Sie bemühten sich, leise zu sein und die beiden nicht zu wecken. Aber untätig herum sitzen mochte auch keiner von ihnen und darum untersuchten sie diese Gebäude deshalb zuerst.
Im Tunnel kamen sie nicht wirklich voran, Das kleine Kommunikationspult schien aus einem einzigem Kabelsalat zu bestehen. Sie konnten deutlich sehen, dass hier verzweifelt versucht wurde, eine Reparatur durchzuführen. Auch im Tunnel selbst sahen sie Spuren der Bemühungen, nach RodLand zu kommen.

„Im Tunnel kommen wir nicht weiter.“, vermutete Christian, nachdem er sich gründlich umgesehen hatte. „Jedenfalls nicht von dieser Seite aus. Die Zugänge nach drüben sind einfach zu klein. Wahrscheinlich wurden hier tatsächlich nur Informationen, und im Notfall, Kleinmaterialen ausgetauscht. Ich kann mir gut denken, dass das Kraftfeld auch hier noch wirkt.“

„Da hast du vollkommen Recht.“, ertönte Kimmy´s freche Stimme aus der Dunkelheit. „Und der große Weltenentdecker hat sich auch noch übergroße Verstärkung mitgebracht. He Christian, weisst du eigentlich, wie dein Ausbruch sämtliche Steine in WestLand ins Rollen gebracht hat? Zumindest bei den Wächtern ist ein heilloses Durcheinander ausgebrochen. Den Kanal zu ihnen konnten wir als erstes wieder herstellen. Es ist keine Sekunde Ruhe.
Wieso bist du so groß?“, wandte sie sich nun an Verena. „Mischen die euch Wachstumspulver in euer Essen?“

Verena, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, lächelte amüsiert über diese Frage. „Ich bin für unsere Verhältnisse noch nicht einmal sonderlich groß. Mit meinen Einmeterzweiundsiebzig bin ich sogar relativ klein, auf den Durchschnitt gesehen. Aber nein, niemand mischt uns ein Pulver in unser Essen. Das passierte eher euch, und nach ersten Erkenntnissen, bekommt ihr eher durch das Trinken etwas verabreicht. Nicht durch das Essen.“

„Sie macht sich lustig über mich, oder?“, richtete Kimmy wieder an Christian.

„Wohl eher nicht. Aber ihr hört die Wächter ab, sagtest du. Dann solltest du eigentlich auf dem Laufendem sein.“

„Der Kanal steht erst seit zwanzig Stunden.“, ertönte Rolands Stimme hinter ihnen. „Da scheinen wir wohl einiges verpasst zu haben.“

Christian lief freudig zu Roland und umarmte ihn herzlich. „Schön, dich zu sehen Roland. Komm, du musst mir alles erzählen, was seit unserer Trennung passiert ist.“

Und das taten sie dann auch. Während sie erzählten wurde plötzlich ihre Welt eigenartig klein, und die Welt, aus der Verena kam, beängstigend groß. Das spürte Christian erst hier, bei seinen Freunden und jenseits von allem Neuen, was in den letzten Tagen auf ihn einstürmte.
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Kimmy und Roland erdrückten die Neuigkeiten, die sie von Christian und Verena hörten, förmlich. Sie wurden immer stiller und die Gesichter immer blasser.
Als die Geschichte zu Ende erzählt war, breitete sich Schweigen aus.

Wie nicht anders zu erwarten, brach Kimmy das Schweigen zuerst. „Du sagtest, dass du mit einigen Gesetzen des Weltrates nicht immer einverstanden bist. Welche sind das und weshalb hast du dich Christian angeschlossen?“, wendete Kimmy sich an Verena.

„Die Geburtenkontrolle ist mein Problem. Ich war schwanger mit Zwillingen. Man tötete mir den schwächeren Zwilling noch im Mutterleib. Das wäre noch zu verkraften gewesen, aber dann starb der überlebende Zwilling an einen dummen Unfall. Sie war erst drei Jahre alt und stürzte in einen Bach. Loretta ertrank. Keiner konnte ihr mehr helfen, als wir sie fanden. Mit der Geburt dieses Kindes hatte ich nach unseren Gesetzen mein Recht verwirkt, ein weiteres Kind zu haben. Das empfinden wir nicht als gerecht. Zumal wir ja Lara noch gehabt hätten, wenn es die Gesetze erlaubten, sie zu behalten. Wir finden, dass Mehrlingsgeburten hingenommen werden müssten. Kein irgendein gearteter Rat sollte das Recht haben, darüber zu entscheiden.
Egal, unser Empfinden ordnen wir immer noch den Gesetzen unter. Wir sind nicht verärgert genug, um in eine der unabhängigen Zonen zu gehen. Trotz allem fühlen wir uns wohl, in unserer Gemeinschaft. Und unsere Arbeit macht uns Spass.
Wir sind nur manchmal sehr traurig, und wir hoffen, hier auf eine Gemeinschaft zu treffen, wo die Geburtenkontrolle vielleicht nicht so greift, wie beim Rest der Welt.“

„Wow! Das ist natürlich ´n Ding. Aber ich denke, in WestLand werdet ihr keinen großen Erfolg haben. Einzig und allein RodLand bietet da noch Chancen.“ Kimmy sah Christian fragend an, erhielt als Antwort aber nur ein wages Schulterzucken.

„Peter und ich sind uns bewusst, dass auch hier die Chancen schlecht für uns stehen. Trotzdem, wir wollen auch diese Möglichkeit ausloten. Deshalb bin ich mit dir hier her gekommen, Christian. Es ist vorerst nicht notwendig, dass der Senator und sein Gefolge von unseren Hoffnungen erfahren. Peter hätte die größere Erfahrung hierher mitgebracht, aber nachdem du so spontan Vertrauen zu mir gefasst hast, habe ich den Job übernommen. Und nach alledem, was ich bisher gesehen habe, sollte mein Wissen ausreichen, um auch hier alles vorzubereiten.“

Christian überlegte lange, bevor er Verena antwortete. Und dann war es eher so, als redete er zu sich selbst. „RodLand ist kein guter Ort für ein Kind. Außerdem gibt es auch dort eine Geburtenkontrolle. Nur läuft sie in eine andere Richtung. RodLand setzt auf seine Kinder und bringt dafür die Alten in die Sterbehäuser. Wer will schon so etwas? Obwohl das den meisten RodLändern überhaupt nicht bewusst ist.“ Christian unterbrach sich selbst und setzte erst nach einer längeren Pause wieder an.
„Wisst ihr, was mir das größte Unbehagen bereitet? Hier scheint jeder der Beteiligten sein eigenes Ziel zu verfolgen. Keiner spricht darüber, aber alle machen mit. Man hat mich den Ältestenrat von WestLand vorgestellt, meinen Chip entfernt und mich dann dazu benutzt, Türen zu öffnen, die bei der Feigheit aller Beteiligten sonst weiter verschlossen geblieben wären.
Ich frage mich ernsthaft, wo ich bei der ganzen Aktion bleibe? Immer wieder werde ich vor einen Karren gespannt, den ich nicht ziehen möchte.“
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Keiner der Anwesenden wusste darauf etwas zu sagen. Auch Christian machte deutlich, dass diese Überlegung für ihn im Moment abgeschlossen war.

Er wechselte das Thema und ließ sich von Kimmy und Roland auf den neuesten Stand bringen. Sie hatten es fertig gebracht, mit RodLand in Verbindung zu treten. Als sie den Tunnel untersuchten, hörten sie von deren Seite Geräusche. Anscheinend versuchte jemand auch von dieser Seite das Kraftfeld zu überwinden. Unklar blieb nur, wer es war. Kimmy vertrat die Ansicht, dass es die Menschen aus dem geheimen Bunker waren. Roland hingegen warnte vor den Drohnen, von denen kein Mensch wusste, wer sie befehligte und welche Mittel sie besaßen.
Die Verbindung zu RodLand bestand zwar, war aber anscheinend nicht sicher. Diesen jungen Behörde-Menschen von drüben, hatten weder Kimmy noch Roland bisher gesprochen. Wenn sie jemanden erwischten, waren es die Menschen aus dem Versteck. Christian machten diese Nachrichten Sorgen, da ja Hermann berichtete, dass sie mit dem Versteck in Verbindung standen.

Christian fackelte daher nicht lange. Er hatte es satt, zwischen Fronten zu geraten, die er noch nicht einmal kannte. Da half nur die Hilfe zur Selbsthilfe. Er vermied es bewusst, sich bei allen noch einmal Rückenhalt zu holen. Er vermochte es einfach nicht mehr, Lippenbekenntnisse von Lügen zu unterscheiden. Deshalb wollte er die Tatsachen sprechen lassen.

„Verena, schau dir die Konsole an und versuche, die Verbindung zu RodLand zu stabilisieren.“, wies er an, ohne sich seines Befehlstones bewusst zu sein. „Kimmy, Roland, wir werden alles tun, diesen Außenposten ein wenig dafür herzurichten, dass sich Flüchtlinge aus RodLand hier erst einmal ausruhen können. Ich glaube zwar nicht, dass sich hier das Tor zur freien Welt öffnen wird. Aber wenn doch, sollten wir vorbereitet sein. Paul und ich werden noch einmal den Tunnel inspizieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Erbauer der Plattform Schlupflöcher geschaffen haben, aus welchen Gründen auch immer. Es waren sicherlich nicht alle damit einverstanden, hier zu leben. Ich hätte mir auch eine Fluchtmöglichkeit geschaffen, so fern es möglich gewesen wäre. Und wo ist die Gelegenheit günstiger, als an so einem kleinen Außenposten?“ Christian´s Worte duldeten eigentlich keinen Widerspruch und doch wagte es Verena, ihre eigenen Gedanken laut werden zu lassen.

„Was ist mit der Verbindung zu den Wächtern? Und ich möchte auch versuchen, für IVI einen Zugang zu schaffen. Auch wenn sie manchmal nervt, kann sie durchaus eine wertvolle Hilfe hier draußen werden.“

„Die Wächter finden bei Peter alle Hilfe die sie benötigen. Meinetwegen müssen sie nicht erfahren, ob und welche Fortschritte wir machen. IVI ist ein System, das sich schwer einschätzen lässt. Deshalb möchte ich sie hier ungern an meiner Seite sehen. Aber ich überlasse es dir, ob du einen Kanal zu ihr schaltest, falls du einen finden solltest.
Und jetzt lasst uns an die Arbeit gehen. Länger, als einen Tag, möchte ich hier nicht verbringen. Ich will die Sache mit dem Weltrat hinter mich bringen. Was dann passiert, entscheiden andere. Und ich habe endlich wieder den Rücken frei um das zu tun, was ich eigentlich tun möchte.“

Christian ignorierte die eigenartigen Blicke, die ihn nach dieser Ansage trafen. Er war fest entschlossen, sich nicht mehr von seinem Weg abbringen zu lassen, obwohl er ahnte, dass dies nicht so einfach werden würde.
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Alle erhoben sich wortlos und liefen auseinander, um sich den ihnen zugeteilten Aufgaben zu widmen. Christian war der Letzte, der mit Paul den Platz verließ. Ein gutes Gefühl hatte er nicht, als er sah, wie sie sich wortlos trennten. Aber das gehörte wohl dazu, wenn man ungewollt zum Anführer wurde. Mit diesem Gedanken beruhigte er sein Gewissen und begann dann damit, den Tunnel zu erkunden.
Dabei passierte er auch die Konsole, an der sich Verena zu schaffen machte. Sie riskierte einen schnellen Blick zu ihm, als sie ihn bemerkte, wandte sich aber sofort wieder den Drähten zu, die sie alle aus der Verkleidung der Konsole heraus geholt hatte.
Kimmy und Roland schauten noch nicht einmal auf, als er an ihnen vorbei lief, obwohl sich Christian sicher war, dass auch sie ihn bemerkt hatten.
Die offensichtliche Mißstimmung gefiel ihm natürlich nicht, belastete ihn aber auch nicht weiter.
Wenn er nur über sich selbst nachdachte, musste er in den letzten Tagen und Wochen so viele Dinge tun, die er nie tun wollte, so dass es ihm jetzt gleich war, sich einmal nicht im Einklang mit seinen Kameraden zu befinden.

Die Zeichen der Zerstörung und des Verfalls zeigten sich an allen Stellen des Tunnels. Es gab jede Menge Türen an den Tunnelwänden. Die meisten von ihnen ließen sich öffnen und Christian warf einen kurzen Blick hinein. Die Räume dahinter sahen aus, wie zu klein geratene Depots, gefüllt mit Lebensmitteln und anderen neutral aussehenden Verpackungen, deren Inhalt Christian noch nicht einmal erahnen konnte. Es würde eine Weile dauern, diese ganzen Vorräte zu sichten. Zeit, die sich Christian im Moment nicht nehmen wollte.
Er suchte weiter nach versteckten Schaltern, Schranken oder Fusstastern, aber er konnte nichts finden. Dabei musste er der Grenze sehr nahe sein, zumindest sagte ihm das sein Gefühl.
Und wirklich, etwa 20 Meter und vier Türen weiter, setzte sich Paul mitten in den Tunnelgang und zeigte mit einem unmißverständlichen Knurren an, dass er nicht gewillt war, noch einen Schritt weiter zu gehen.
Christian hatte gelernt, Paul´s Instinkten zu vertrauen und blieb ebenfalls abrupt stehen. Er fasste hinter sich nach einem Kieselstein und warf ihn so fest er konnte nach vorn.
Der Stein prallte etwa drei Meter vor ihm auf das Kraftfeld und wurde von diesem fast pulverisiert. Christian konnte sich vorstellen, was mit ihm passiert wäre, wenn er in dieses Kraftfeld gelaufen wäre. Was er sich nicht vorstellen konnte, war, dass die Menschen, die hier irgendwann einmal gearbeitet hatten, ohne jegliche Warnhinweise ausgekommen waren.
Jetzt suchte er förmlich jeden Zentimeter der Tunnelwände ab, fand aber wieder nichts. Paul begann sofort zu knurren und bellen, sobald er sich noch näher an das Kraftfeld heran wagen wollte. Der Hund ging sogar soweit, ihm mit einem Biss ins Hosenbein daran zu hindern.

Christian betrachtete noch einmal die Projektion des Kraftfeldes im Schein seiner Taschenlampe. Was er sah, war ein Tunnel, der vollkommen unbeschadet im Licht einiger weniger Lampen weiter führte. Er fühlte sich direkt angezogen von dieser Projektion, weil dort alles so aufgeräumt, sauber und sicher schien. Aber natürlich ließ er sich dazu nicht hinreißen.
Im Gegenteil, er wendete sich ab und machte sich auf den Rückweg. Jetzt nahm er sich auch die Zeit, jeden Lichtschalter zu betätigen, an dem er vorbei kam. Zu Beginn seiner Suche hatte er das auch getan, da die automatische Tunnelbeleuchtung anscheinend nicht mehr funktionierte. Nach etwa hundert Metern kam es ihm sinnlos vor und er sah es als Zeitverschwendung an. Deshalb hatte er einfach seine Taschenlampe eingeschaltet und war in derem Licht weiter gegangen. Jetzt aber wollte er die Batterie schonen und schaltete das Licht per Hand ein.

Während er noch über die Nachlässigkeit der einstigen Erbauer nachdachte, betätigte der den nächsten Lichtschalter und stand im selben Moment vor einer Wand aus Lichtschranken. Sirenen erklangen und Leuchten blinkten hektisch entlang des Tunnelgewölbes, so dass er den ersten Impuls, sich einfach hinzuwerfen, unterdrücken musste. Paul bellte, als wäre er verrückt geworden und vor ihm hörte er Geräusche, die ihm verrieten, dass seine Freunde in den Tunnel gelaufen kamen.
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Verena kam als Erste gerannt und musste eine Vollbremsung machen, um nicht in die Lichtschranken zu laufen, da diese kurz hinter einer Kurve angbracht waren. Kimmy und Roland, die ihr dicht auf den Fersen waren, rammten sie aus vollem Lauf und Verena konnte sie nur vor der Barriere schützen, indem sie die Arme ausbreitete und sich gleichzeitig nach hinten fallen ließ. So landeten sie alle drei auf dem Hosenboden, was ein Grinsen in Christian´s Gesicht zauberte, das Kimmy sofort an den Christian erinnerte, den sie vor unendlichen Tagen an der Grenze aufgesammelt hatte.

Verena erhob sich und stand nun vollkommen fassungslos vor den Lichtschranken.

„Was hast du gemacht? Geht es dir gut, Christian?“, rief sie so laut sie konnte. Sie schien davon auszugehen, dass sich Christian hinter einem Kraftfeld befand und sie deshalb nicht hören konnte.

„Schrei nicht so, ich kann dich gut verstehen.“ Christian wollte durch die Lichtschranken treten, aber ein dreistimmiges „STOP“, hielt ihn vorerst davon ab. „Ich habe nur den Lichtschalter hier betätigt, und mit einem Mal gingen die ganzen Warnlichter und das restliche Theater los. Ein paar Meter hinter mir ist ein Kraftfeld, das mich wahrscheinlich getötet hätte, wenn Paul mich nicht davor gewarnt hätte. Ich suchte vergeblich nach dieser Sicherheitseinrichtung, aber sie ging erst an, als ich Licht machte. Wahrscheinlich ist sie damit verbunden.
Und ich glaube nicht, dass mir etwas passiert, wenn ich sie von dieser Seite aus passiere.“

„Das ist nicht sicher, Christian. Lass mich nach einer Schaltvorrichtung suchen, wenigstens ein paar Minuten.“, hielt ihn Verena zurück. Christian lächelte darauf hin, streckte die Hand aus und schaltete das Licht einfach wieder aus.
Wie durch Zauberhand verschwand die gesamte Sicherungsanlage in diesem Moment wieder und alle standen im Dunkeln, bis Christian seine Taschenlampe einschaltete und den Lichtstrahl auf die total verdutzten Gesichter richtete.
Dann ging er einen Schritt vorwärts und war nun seinerseits überrascht, als Verena nach vorn stürzte, um ihn aus der vermeindlichen Gefahrenzone zu bringen.
„Was ist los mit dir? Paul steht schon seit Minuten auf eurer Seite. Er ist durch die Lichtschranken spaziert, ohne dass ihr das wahrgenommen habt. Wartet mal.“ Er ging zum nächsten Schalter und schaltete das Licht wieder ein. Sofort wurde die Sicherungsanlage wieder sichtbar. Dieses Mal ohne Sirenen und Tamtam, nur die Alarmbeleuchtung blinkte wieder hektisch und der Warnton hupte unangenehm durch den gesamten Tunnel. Und selbst dieser verstummte, sobald sich alle von der Sicherungsanlage entfernten und rückwärts in Richtung Tunnelausgang gingen.

Jetzt schalteten sie gemeinsam alle Lichtschalter auf ‚EIN‘, und begaben sich nun zur Übergabestation zurück.

„Ich habe Verbindung zu IVI. Verbal und technisch gesehen, da es ja hier keine Kameras gibt. IVI konnte innerhalb kürzester Zeit einen Kommunikationskanal zur RodLänder Konsole herstellen. Sie wissen es da drüben noch nicht. Deine Ansage war in dieser Hinsicht sehr vage, daher dachte ich, es wäre vorerst besser so.“, berichtete Verena, da Christian an ihrer Seite lief. „Jetzt ist sie dabei, die Verbindung zu den Wächterkanälen zu knüpfen, ohne, dass sie es bemerken. Die Wächter selbst scheinen sowieso nicht viel von der Technik zu verstehen, die sie benutzen. Aber das ist ja wohl in deinem Sinne, wenn ich dich richtig verstanden habe.
IVI ist ein wenig ungehalten über die vielen Einschränkungen, die ich ihr vorgeben musste. Ich denke jedoch, am meisten fehlen ihr die Kameras.“

„Würde IVI den Wächtern sagen, wie weit sie hier gekommen ist, wenn diese sie fragten?“ Christian erwartete sichtlich gespannt die Antwort und sie kam prompt.

„IVI ist kein Mensch, sondern ein Computer. Wenn ich ihr befehle, das nicht zu tun, macht sie es auch nicht. Wenn ich diesen Befehl nicht gebe, dann antwortet sie wahrheitsgemäß. Ich wäre diejenige, die verraten würde. Oder Peter, der noch besser programmieren kann, als ich, aber Nicht IVI! Das solltest du schnellstmöglich verstehen lernen, Christian.“

„Mir reicht es, dass ich weiss, dass es so ist. Mehr muss ich vorerst nicht wissen.“
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IVI hatte einen Kanal an der kleinen Konsole nur für sich gekennzeichnet. Wenn sie auf Sendung war, leuchtete die LED in einem strahlenden weiß. Und unter der LED leuchtete ebenso strahlend ihr Name.

Christian stellte sofort eine Verbindung zu ihr her.

„Guten Abend IVI. Schön, dass du es bis hier her geschafft hast.“, begrüßte er sie freundlich.

„Du zwingst mich in ein nahezu mitteralterliches Gefängnis und bei meiner Intelligenz sollte es mir nicht schwer fallen, hier her durchzudringen. Ich bin entsetzt, in welchem Zustand sich die Datenleitungen und Datensätze befinden. Und noch unakzeptabler finde ich die Beschränkungen, denen ich hier unterliege. Davon einmal abgesehen ist die Sendeleistung von der Insel her vollkommen unzureichend. Hier muss schnellstmöglich Abhilfe geschaffen werden. Seit ich hier tätig bin, fehlen mir meine wichtigsten Sensoren. Jetzt kann ich mir ungefähr ein Bild davon machen, wie sich ein Lebewesen fühlen muss, das seiner Gliedmaßen beraubt wurde.“

„Ich freue mich auch, deiner lieblichen Stimme wieder einmal lauschen zu dürfen, IVI.“, ließ es Christian nicht an Ironie fehlen und erntete ein ernsthaftes Abschalten des Kommunikationskanals.

Lachend wandte er sich an seine Freunde, die nicht gerade begeistert von seinem Gespräch mit IVI zu sein schienen. Aber auch das machte ihm anscheinend nicht viel aus. Er verabschiedete sich kurz und bat alle, in einer Stunde wieder zur Stelle zu sein.

„Du auch IVI!“, rief er zur Konsole hin und quittierte das kurze Aufleuchten der LED mit einem zufriedenem Grinsen.

Als er nach einer Stunde, wie aus dem Nichts wieder auftauchte, saßen alle um die Konsole herum und tuschelten leise. Verena erhob sich und kam auf ihn zu. „Es ist nicht richtig, Christian, dass du einfach so verschwindest. Wir alle stehen auf deiner Seite, vergiss das bitte nicht. Und du lässt uns hier ratlos zurück. Das finde ich nicht gut von dir.“ Christian ließ sich widerstandslos in den Kreis des Lagerfeuers ziehen und setzte sich.
Er schien unbeeindruckt von Verenas Fürsorge zu sein, denn er reagierte mit keiner Silbe auf sie.

„IVI? Der Kanal zum RodLänder Versteck steht?“, fragte er statt dessen.

„Sobald ich deine Erlaubnis zur Freigabe habe, hundert Pro.“, antwortete IVI prombt.

„Was ist mit den Kanälen zu WestLands Wächtern?“

„Auch die stehen, dank Peter´s Arbeit an der Konsole im Depot. Es gibt unterirdisch Bildschirme, die man nur ausfahren muss. Dann ist auf jedem Gemeindeplatz eine Life-Übertragung möglich. Sofern die Hebe-Techniken noch funktionieren. An meiner Steuerung sollte es nicht liegen, wenn sich ein Bildschirm nicht hebt. Die Bildschirme sind noch niemals ausgefahren wurden. Der Zugang zu dieser Datenbank ist mir nicht möglich, bisher jedenfalls noch nicht.“

„Was ist mit dem Versteck der Drohnen in RodLand?“ Christian´s Stimme war es anzuhören, dass er die Antwort auf diese Frage besonders spannend fand.

„Es gibt kein Versteck.“, berichtete IVi zu seiner Überraschung. „Die Drohnen unterstehen aktuell dem Weltrat. Was ich überaus interessant finde.“
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Mit dieser Information hatte niemand gerechnet. Christian fehlten die Worte und auch den Gesichtern der anderen konnte man ansehen, dass sie mit Allem gerechnet hatten, nur nicht mit dieser Antwort.
IVI ließ sich nicht von dieser Stille beeindrucken. Sie gab einfach die Informationen weiter, die von ihr verlangt wurden.

„Ich kenne keine Datenbank, die so gut geschützt ist, wie die der Drohnen. Sie befinden sich in einem Gewölbe, unterhalb der inneren Grenze. Bis an die Sensoren, die Sauerstoff, Licht, Druck und ähnliche Dinge registrieren, komme ich heran. Weiter allerdings nicht. Ich zeige euch die Verteilung dieser Messpunkte. Damit bekommt ihr eine ungefähre Vorstellung des Gewölbes.“ Der kleine Bildschirm wurde dunkel und dann erstrahlte eine gitternetzartige Konstruktion, die ganz eindeutig die Form eines Tunnels oder eines Gewölbes zeigte. „Es gibt auch eine Verbindung direkt zum Festland. Auch hier handelt es sich um einen Tunnel, der einige Meter unter dem Meeresboden entlang verläuft. Die Signale der Sensoren, die ich von dort empfange, sind nicht sehr deutlich. Ich arbeite noch an einer besseren Verbindung. Dieser Tunnel ist abgeschirmt. Das erschwert mein Vorgehen.“

„Wo endet der Tunnel?“ Verena schaute bei ihrer Frage so gebannt auf die Konsole, als erwarte sie jeden Moment, dass ein Geist daraus entsteigen würde.

„Unter dem Tagungsgebäude des Weltrates.“, kam IVI´s Antwort prompt.

„Dann erscheinen wir dort wenigstens nicht überraschend.“, erwachte nun auch Christian aus seiner Starre. „Was mich interessiert ist, wieso du bisher von diesem Tunnel, und somit von dieser Plattform, nichts wusstest, IVI.“

„Bisher gab es keinen Auftrag, der diese Daten auch nur im Geringsten benötigt hätte. Nur meine Recherche nach den Drohnen brachten sie zu Tage.“

„Ich glaube, dass du einen ernst zu nehmenden Konkurenten zu befürchten hast.“ Christian erhob sich. Mit einem Male sah er blass und erschöpft aus. Nur in seinen Augen leuchtete immer noch das Feuer der Neugier.

Christian verließ die Runde. Er musste nachdenken, und das eben Gehörte verarbeiten. Vor allem aber fühlte er eine Trauer in sich, die er sich im ersten Moment überhaupt nicht erklären konnte. Mit Paul an seiner Seite wanderte er den Weg in Richtung Depot entlang und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Es herrschte ein Chaos in seinen Gedanken und Gefühlen von dem er befürchtete, dass er es nicht wieder beseitigen konnte. Doch je länger er lief, desto klarer wurden seine Gedanken. Rigeros räumte Christian mit allem auf, was ihn hinderte, seine eigenen Ziele zu erreichen. Ihm wurde ziemlich schnell bewusst, dass hier Mächte am Werk waren, die er nicht kannte und somit auch nicht einschätzen konnte. Diese Erkenntnis trug zwar nicht dazu bei, dass er sich besser fühlte. Aber sie führte dazu, dass er nun auch noch die letzte Scheu davor verlor, eventuell gegen irgendwelche Gesetze der Welt da draußen zu verstoßen.

Christian war es nicht gewohnt, zu lügen, und ebenso wenig war er es gewohnt, belogen zu werden. Dass dies dennoch geschah, wollte er nicht akzeptieren und er wünschte sich einen Chip in den Arm eines jeden Mitgliedes des Weltrates.
Bei diesem Gedanken angekommen, fiel ihm ein, dass er seinen Chip immer noch im Rucksack mit sich herum trug. Und plötzlich wusste er auch, was er als Nächstes tun musste.
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Als Christian zur Übergabestation zurück kehrte, empfing man ihm mit einem Mittagessen, das Kimmy aus den gefundenen Vorräten gekocht hatte.

„Wir haben richtige Schätze da drin gefunden. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass dies hier ein Lager war, welches in aller Heimlichkeit ausgerüstet wurde. IVI ist der Meinung, dass es ursprünglich eher ein Notausgang oder Noteingang zwischen hüben und drüben war. Über die Gründe einer solchen Einrichtung kann man nur Vermutungen anstellen. Fakt ist, dass hier Lebensmittel, Kleidung und Werkzeuge lagern, die in keinem Verhältnis zu diesem winzigen Außenposten stehen.
Übrigens nervt diese IVI. Ich habe sie deshalb ausgeschaltet. Während ich kochte, erzählte sie mir ständig von irgendwelchen Dingen, die uns vergiften, wenn wir diese Nahrung zu uns nehmen. Verena warnte mich zu spät davor, IVI zu erzählen, was ich koche. Sie warf mir unaussprechliche Begriffe an den Kopf, die sich absolut krank anhörten, und zählte mir auf, was wir alles davon bekommen könnten, wenn wir mein leckeres Essen zu uns nehmen. Mir wurde richtig schlecht dabei, obwohl ich von diesen Krankheiten noch nie etwas gehört habe. Ich wusste noch nicht einmal, dass es so viele Krankheiten überhaupt gibt.
Na, auf jeden Fall konnte ich ihr Geplapper nicht mehr ertragen.“

Verena zwinkerte Christian verschmitzt zu und dieser hatte Mühe, nicht zu grinsen. Schließlich wusste er genau, wovon Kimmy redete.

„Diese Repli-Dinger würde ich trotzdem zu gern erleben.“, ließ sich Roland nun vernehmen, der anscheinend seine Mahlzeit beendet hatte. Das brachte ihm zwar einen Stoss von Kimmy´s Ellenbogen ein, was er sich aber unbeeindruckt gefallen ließ.

Christian schaltete IVI wieder auf Sendung und ließ sich ihre Schimpftirade gutmütig gefallen. Erst, als sie ihm erzählen wollte, wie ungesund Kimmy´s Essen sei, unterbrach er sie.

„Wie weit bist du mit deiner Arbeit hier gekommen?“

„Die Verbindung nach RodLand ist stabil. Sowohl von hier aus, als auch vom Depot. Ebenso die Kanäle zu den Wächtern, zwischen den Wächtern und zu den Gemeinschaften. Zu den Drohnen komme ich nicht durch, obwohl sie über alle Sensoren verfügen, mit denen ich auch arbeite. Sobald ich versuche in ihr System einzudringen, werde ich blockiert. Da ich weiß, dass kein Mensch in der Lage ist, meine Angriffe in sekundenschnelle abzuwehren, gebe ich dir recht, Christian. Dort arbeitet ein System, welches ich weder kenne, noch begreife. Jede denkbare Verknüpfung wird rigeros abgewehrt. Es ist mir ein Rätsel, warum.“

„Das macht erst einmal nichts, IVI. Die Drohnen haben mir nur so lange Angst gemacht, wie ich nicht wusste, für wen sie arbeiten. Sei vorsichtig bei deinen weiteren Versuchen. Jetzt denke ich, dass es sicherer ist, wenn sie nichts von dir und deinen Versuchen wissen. Das gilt für Sven ebenso, wie für Sörine. Haben wir uns verstanden, IVI?“

„Natürlich!“

„Wie steht es mit den anderen Vorbereitungen?“, wendete er sich nun an die anderen.

„Die Lager sind voll und sortiert.“, antwortete Roland. „Anfangs haben wir uns die Mühe machen müssen nachzuschauen, was sich in den Verpackungen befindet. Bis IVI kam. Sie hat uns einen detaillierten Plan der Lagerräume gegeben. Von diesem Zeitpunkt ab, haben wir nur noch Stichproben gemacht und uns davon überzeugt, dass nach diesem Plan alles noch im Bestand ist. Mit den Vorräten hier können schätzungsweise fünfzig Menschen mehrere Monate auskommen, falls nötig.“

„Sehr gut. Dann sollten wir jetzt nur noch die Sicherung vor dem Kraftfeld wieder instand setzen und dann können wir zum Depot zurück. Reicht dir der Nachmittag aus, Verena? Wenn wir dir alle helfen?“ Christian hatte anscheinend all seine Energieen wieder gefunden und hielt die kleine Mannschaft sichtlich in Atem.

„Ja, sicher. Das sollte kein Problem werden. Aber was hast du danach vor?“, sprach Verena aus, was alle anderen dachten.

„Das erkläre ich euch, wenn es so weit ist. Lasst uns an die Arbeit gehen. Ich möchte morgen Abend im Depot sein.“
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Die Suche nach dem Fehler in der Sicherungsanlage erwies sich als schwierig und zeitraubend. Obwohl alle Verena´s Anweisungen folgten und mit Geräten umgingen, die sie kaum den Namen nach kannten, war es schon Nachmittag, als Christian den Versuch abbrach. Er schickte Kimmy und Roland aus, um Laken und Hammer und Nägel zu holen. Als diese damit wieder vor der Barriere standen, wies er sie an, die Laken in Streifen zu reißen.

Verena hatte es in dieser Zeit endlich geschafft, zumindest das akkustische Warnsignal abzuschalten. Alle waren froh darüber, obwohl die plötzlich eintretende Stille im ersten Moment beängstigend wirkte.

Christian befestigte die Streifen eigenhändig kreuz und quer an den Tunnelwänden. Kimmy rannte noch einmal in eines der Lager und kam mit einem Blatt Papier heraus, auf dem sie mit großen Buchstaben ‚STOP‘ gemalt hatte. Das bescherte ihr allerdings einen strafenden Blick Christian´s, der diesen zusätzlichen Hinweis für reine Papierverschwendung hielt. Aber sie nahm ihn mit einem Schulterzucken hin und ließ sich nicht davon abbringen, das Schild an dem Provisorium zu befestigten.

Sie nutzten das Licht der frühen Abendstunden und machten sich am selben Tag noch auf den Rückmarsch. Die Nacht verbrachten sie in einem, von Hermann´s spärlichen Unterkünften und brachen frühzeitig wieder auf.
Christian schien von einer inneren Uhr getrieben, deren Ticken er aus allem heraus hörte, was ihn umgab. Seine Begleiter begriffen seine Eile zwar nicht, fügten sich aber, da sie überzeugt davon waren, dass ihnen eine Widerrede nicht viel genützt hätte.
Durch dieses Tempo erreichten sie das Hauptdepot am frühen Nachmittag.

Sie überraschten Hermann, der auf dem Steg saß und anscheinend schweren Gedanken nachging. Das hielt ihn aber nicht davon ab, seine Freunde in seiner überschwenglichen Art zu begrüßen und sie in einem Worschwall eingehüllt zum Hauptraum des Depots zu begleiten.
Peter arbeitete noch immer an der Konsole. Überrascht, seine Frau so plötzlich wieder zu sehen, ließ er alles Werkzeug fallen und begrüßte Verena zärtlich und unendlich erleichtert.
Sörine, Klara und Sven waren nicht zu sehen. Ein Umstand, der Christian ein wenig Zeit für sein Vorhaben verschaffte. Er bat Hermann, nach Klara zu suchen und sie in einer Stunde in sein Quartier zu bringen.

Als Klara Christian´s Quartier betrat, hatte dieser geduscht und frische Kleidung angezogen. Er lud sie auf den einzigen Stuhl zum Sitzen ein, der im Zimmer stand und lehnte sich ihr gegenüber an die Wand. Klara fühlte sich mit einem Male unbehaglich, obwohl Christian nicht anders aussah, als sonst. Trotzdem ging eine Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit von ihm aus, die ihr an ihm noch niemals aufgefallen waren.

„Ich freue mich, dich heil und gesund wieder zu sehen.“, versuchte sie die, für sie unangenehme Situation, ein wenig zu entspannen.

Christian nickte dankend und begann im Zimmer auf und ab zu laufen. Klara, an die Schweigsamkeit des RodLänders gewöhnt, begann sich immer größere Sorgen zu machen. Sie hatte noch keine Gelegenheit bekommen, mit den anderen zu reden und Hermann´s Bericht ließ auch keine Rückschlüsse zu. Aber irgend etwas musste da draußen passiert sein, dessen war sie sich ganz sicher.

Nach wenigen Minuten unterbrach Christian seine Wanderung und sah Klara durchdringend an. „Du hast medizinische Fertigkeiten. Das hast du mir selbst erzählt. Ist doch so, oder?“ Klara, die auf ihrem Stuhl noch ein wenig mehr zusammen gerutscht war, nickte nur beklommen. Christian hielt ihr eine kleine Phiole hin. „Hier ist das Serum aus dem Chip meines Armes. Viele RodLänder mussten sterben, weil dieser Chip das Serum in ihr Blut pumpte und die dann alles sagen mussten, was die Behörde-Menschen wissen wollten. Wie kann ich das Zeug in Sven hinein bekommen?“

„Warum willst du das denn?“

„Der Weltrat weiß von der Plattform, also auch Sven, der Magister. Ich will wissen, was hier gespielt wird. Und mit dem Serum werden wir es erfahren. Kannst du mir dabei helfen?“

Klara dachte eine Weile nach, wobei sie die Phiole in ihrer Hand vorsichtig hin und her rollen ließ. Dann schloss sie sie sanft in ihrer Faust ein und sah Christian gerade in die Augen.

„Ich kann dir helfen, und werde es auch.“, sagte sie einfach und stand auf.
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Als Klara und Christian sich zu den anderen gesellten, war Hermann dabei, das Abendmahl zuzubereiten. Ein Blick zur Konsole verriet Christian, dass IVI auch hier ausgeschaltet war.

„Die kleine Daten-Madam geht mir auf die Nerven.“, erklärte Hermann, der Christian´s Blicke bemerkte. „Andauernd verlangt sie irgend welche Apperaturen, um uns gesund ernähren zu können. Da bin ich nun so alt geworden, mit meinem Essen, und die erzählt mir, dass ich Raubbau an meiner Gesundheit betreibe. Die hat wahrscheinlich einen Knoten in ihrer Datenleitung, anders kann ich mir diese unsinnigen Ansagen nicht erklären.“

Alle lachten, und Sörine meinte, dass es IVI hier auf der Plattform sehr schwer haben würde. Beim Abendessen berichteten sie sich gegenseitig, welche Fortschritte alle gemacht hatten, was funktionierte und welche Probleme es gab. Christian beobachtete Sven, der sein Magistergewand abgelegt und sich aus dem Depot Sachen heraus gesucht hatte, die ihn in einen westLändischen Bauern verwandelten. Er unterhielt sich so ungezwungen mit allen, dass Christian es kaum glauben konnte, dass dies alles nur gespielt war.
Auch Klara hatte ihre Zweifel, wie Christian unschwer erkennen konnte. Trotzdem vertraute Christian ihr, und hoffte, dass ihre Unsicherheit niemandem auffiel.

Wie erwartet, beendete Sven das Mahl mit seiner Einschätzung der Lage und Anweisungen, was noch zu tun wäre, um endlich vor den Weltrat zu treten. Das war Klara´s Stichwort. Sie erhob sich und schenkte ihm Wasser ein. Dankbar nahm er das Glas entgegen und als er den Kopf hob, um ihr in die Augen zu sehen, geschah es. Klara ließ eine Spritze aus ihrem Ärmel gleiten und rammte sie ihm ungehindert in den Hals. Sven war so überrascht von diesem Angriff, dass er nicht eine Sekunde an Gegenwehr dachte.
Auch alle anderen saßen auf ihren Plätzen und sahen aus, als wären sie in Stein gemeißelt. Nur Christian eilte zu Klara, die weinend auf den Boden sank und sich unter einem Tuch versteckte, dass sie als Schutz vor dem Wind umgetan hatte.

Christian holte sie von Sven weg und brachte sie an ihren Platz zurück. Dann setzte er sich vor Sven und wartete auf die Zeichen, mit denen sich das Wahrheitsserum ankündigte.
Und er musste nicht lange darauf warten. Anscheinend hatte Klara gut getroffen, denn schon nach wenigen Sekunden warf Sven den Kopf nach hinten und verdrehte seine Augen dermaßen, das keine Pupillen mehr zu sehen waren. Christian ignorierte den Tumult, der hinter ihm enstand und richtete sich auf, als rüste er sich zum Kampf. Und der Eindruck täuschte nicht, denn es war ein Kampf, der ihm bevor stand.

Als Sven´s Kopf wieder nach vorn zuckte, erfassten seine Augen sofort Christian, und der Zorn, der in ihm loderte, war unverkennbar.

„Der Winzling!“, höhnte der Magister, als sich sein Blick klärte und er Christian´s aufrechte Gestalt vor sich sah.

„Dein Bestimmer! Du wirst mir jetzt Rede und Antwort stehen, und wenn ich es sage, darfst du danach weiter leben, oder du gehst ins Sterbehaus. Was mir am liebsten wäre, denn du verdienst es nicht, in unserer Gesellschaft zu leben.“

Diese Worte schienen einen Schalter in Sven´s Gehirn umzulegen, denn er kroch förmlich in sich zusammen, und versuchte, von Christian weg zu rücken.
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Jemand griff Christian von hinten an und versuchte, ihn von dem Magister weg zu zerren. Christian aber befreite sich rigeros, ohne den Blickkontakt zu Sven zu unterbrechen.

„Sag mir, was der Weltrat von der Plattform weiß!“, forderte er den Magister auf.

„Alles. Aufbau und Verlauf des Experiments sind uns bekannt.“ Die Auskunft kam prompt und ohne, dass Sven überlegen musste.

„Über welche Kanäle bekommt ihr die Informationen?“

„Sämtliche Kommunikationskanäle der rodLändischen Behörde und der westLändischen Wächter werden von uns ständig überwacht und abgehört. Die Drohnen berichten von der Inneren Grenze, obwohl dein Ausbruch das größte Ereignis seit Jahren war.“ Ein wenig von Sven´s Energie schien sich mit dieser Antwort wieder hervor zu wagen, denn er gestattete sich tatsächlich ein selbstgefälliges Grinsen.

„Wem nützt dieses Experiment etwas?“ Christian schien unbeeindruckt von den Antworten zu sein, so erschütternd sie auch auf die anderen wirkten.

„Auf Dauer gesehen, der gesamten Menschheit. Im Augenblick noch niemanden, außer den freien Gemeinschaften, die der Weltrat durch euer Beispiel vernünftig händeln kann. Wichtig ist, eure Art der Geburtenregelung. Es gibt einigen Widerstand innerhalb der verbliebenen Menschheit, gegen unsere Gesetze, dieses Problem betreffend. Aber es herrscht keine Einstimmigkeit im Weltrat, welche Gesetze die verträglichsten sind. Deshalb warteten wir einfach ab, welches Modell sich als das Sinnvollste heraus stellen würde.“

Christian gab sich einen Augenblick Zeit, über das Gehörte nachzudenken, obwohl er so offensichtlich unter Zeitdruck stand. „Wieso ist dieses Projekt der Weltgemeinschaft unbekannt geblieben? Ich meine, wieso halten alle dicht?“

Jetzt lachte Sven lauthals. „Magister zu werden, hängt vor allem von der Gunst der Gemeinschaft ab. Jeder Fehler wird durch das sofortige Wahlrecht bestraft. Wenn man eingeschworen wird, gehört eure Plattform und dieses Experiment zu den Dingen, über die man sich zum Schweigen verpflichtet. Ein Magister, der dieses Schweigen bricht, würde sofort von der Gemeinschaft abgewählt werden und vom Weltrat in eine Gemeinschaft verbracht werden, in der nur ehemalige Magister leben, die sich einen Gesetzesbruch zu Schulden kommen ließen. Es kursieren die wildesten Geschichten über diese Gemeinschaft und die Gegend, in der sie angesiedelt ist. Keiner will da hin. Vor allem nicht, wegen dieses Experimentes.“

„Was verschweigt der Weltrat noch vor dem Rest der Welt?“

„Anzahl der Atommüll-Lager und die daraus resultierende Strahlenbelastung, Existenz der Drohnen, drei zentral gelegene Waffenlager, einen Sitzungssaal, in dem Dinge passieren, die sich kein Mensch erklären kann.“

Christian verschwendete keine Sekunde mehr, denn er sah, dass das Serum seine Wirkung verlor. Es fiel ihm auch ein, warum es so schnell ging. Im Gegensatz zu einem erwachsenen RodLänder. Sven war einfach viel zu groß und die Wirkung des Serums auf die sehr viel kleineren RodLänder berechnet.

„Was ist die Aufgabe der Drohnen und wie kann man auf sie Einfluss nehmen? Wer, oder was sind diese Menschen?“

Sven ließ den Kopf wieder nach hinten sinken und verdrehte die Augen. Christian befürchtete schon, keine Antworten mehr zu erhalten, aber dann kehrte dieser stiere Blick wieder zurück und Sven lächelte geheimnisvoll.

„Die Drohnen sind die Privatarmee des Weltrates. Einzig und allein dazu da, Gesetz und Ordnung mit Waffengewalt zu bewahren, sollte es notwendig sein. Sie bewegen sich fast unsichtbar in einem Tunnelsystem, leben in abgeschirmten Gemeinschaften und gehören zu den Menschen, denen die Möglichkeit gegeben werden muss, ihre Aggressionen sinnvoll zu kanaliesieren. Sie sind absolut Weltrat-Hörig und werden ihren Status auf keinen Fall verlassen!“

„Wie gefährlich sind sie?“

„Tötlich, wenn man gegen ihren Ehrenkodex verstößt.“

Sven schüttelte sich nach diesen Worten und als er danach wieder aufsah, blickte er mit klaren Augen um sich.
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„Das darf doch alles nicht wahr sein.“, ließ sich nun Peter`s Stimme aus dem Hintergrund vernehmen, während Christian in sich zusammen sank, als hätte er tatsächlich einen Kampf hinter sich gebracht. Sven hingegen sah von einem zum anderem und hatte anscheinend keinen blassen Schimmer davon, was eben passiert war.

„Wir haben doch eben noch ganz gemütlich beeinander gesessen und ein Abendbrot zu uns genommen.“, stellte Sven fest. „Was macht ihr denn alle für Gesichter? Ihr seht ja aus, als hätte euch jemand den finalen Weltuntergang mitgeteilt.“

„Sven, du hast…“, Sörine wurde von einer herrischen Handbewegung Christian´s unterbrochen und hüllte sich darauf hin in ein beleidigtes Schweigen.

„Ich habe dir das Serum aus meinem Chip verabreicht. Es war ein übles Gefühl, als du mir, ohne Diskussion alle meine Fragen beantwortet hast, die ich dir über dein Wissen, die Plattform betreffend, gestellt habe. Du hast Glück, dass das Serum für unsere Körpergröße berechnet ist. Sonst wären wir nicht so schnell fertig gewesen. Aber vielleicht erzählst du uns jetzt freiwillig, was noch zu klären wäre.“ Sven´s Gesichtsfarbe verwandelte sich bei Christian´s Worten in ein tiefes Dunkelrot. Wollte er im ersten Moment auch auffahren, so wiesen ihn die betroffenen Gesichter aller, in seine Schranken.

„Das hättest du nicht tun dürfen.“, war das Erste, was ihm einfiel.

„In RodLand gibt es kein Gesetz, mit dem mir dieses Verhalten verboten wird. Und wenn es eines gäbe, hier draußen wäre es wirkungslos.“ Christian schien sich sichtlich von der eben geführten Befragung zu erholen, denn er stand auf und drehte sich zum ersten Male wieder von Sven weg. Alle Augen waren auf ihn gerichtet und er sah alle möglichen Gemütsregungen in ihnen. Unglauben und Zorn hielten sich wohl die Waage, aber etwas anderes hatte er auch nicht erwartet.
„Den Gang zum Weltrat können wir uns vorerst wohl sparen. Wir müssen ganz neu überlegen, was wir als nächstes tun sollen. Du hast uns anschaulich erklärt Sven, dass es dich auf jeden Fall dein Amt kosten wird, wenn diese Geschichte der Weltgemeinschaft zu Ohren kommt. Wie ich die Lage einschätze, kostet es sämtlichen Magistern ihr Amt. Ich kann mir vorstellen, dass dies jede Menge Chaos verursacht. Ich nehme an, dass wir uns darin einig sind, Sven.“

„Was hast du vor, Junge?“, fragte dieser, immer noch benommen von dem, was gerade auf ihn einstürmte.

„Zur Zeit noch nichts. Ich bin nur der Meinung, dass wir uns unter diesen Umständen ganz genau überlegen sollten, was als nächstes zu tun ist. Und jetzt möchte ich erst einmal alle Anwesenden sprechen lassen, die ich genauso überrumpelt habe, wie dich.“ Christian reihte sich darauf hin wieder in den Kreis ein und vermittelte den Eindruck, dass er vorerst alles gesagt hatte, was im Moment zu sagen war.

Er wunderte sich nicht, dass Kimmy die Erste war, die das Wort ergriff. „Abgesehen davon, dass du mich mit dieser Aktion total schockiert hast, habe ich eine Wut auf die Welt da draußen, dass ich am überlegen bin, ob ich wirklich will, dass der Rest der Welt von uns erfährt. Darüber muss ich eine Nacht schlafen, echt! Und von diesem verlogenen Magister möchte ich gleich gar nichts mehr wissen.“ Sprach´s und verließ das Feuer.

„Ich möchte gern mit Sven allein reden.“, ließ sich Sörine vernehmen. „Ich glaube, er ist mir ein paar Erklärungen schuldig. Lasst uns morgen weiter reden.“ Auch die beiden erhoben sich und verließen die Runde.

Nun waren nur noch Verena und Peter, Klara und Christian und ein vollständig stumm gewordener Roland übrig, der sich entgegen aller Aufruhr, nicht sonderlich beeindruckt zeigte.
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Verena zog Peter mit sich hoch, der allerdings deutlich erkennen ließ, dass ihm Einiges auf der Seele brannte. Sie verbot ihm aber mit einer deutlichen Handbewegung das Wort und sah Christian forschend in die Augen. Er hielt ihrem Blick mühelos stand und war auch nicht überrascht, als sie ihn bat, auf der Hut zu sein und ein paar Gedanken in die Zukunft zu lenken, bevor er einen Entschluss fasste.

„Du kannst hier unter Umständen ein Feuer entfachen, das nicht mehr zu löschen ist. Denke auch an die Menschen, die von alledem hier keine Ahnung haben und noch dazu vollkommen schuldlos sind.“ Mit diesen Worten entfernte sie sich vom Feuer, Peter im Schlepptau hinter sich her ziehend.

Jetzt waren nur noch Klara und Roland übrig. Klara nahm behutsam seine Hand und lehnte ihren Kopf vertrauensvoll an seine Schulter. Roland hingegen stierte in das Feuer, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt.

„Ich habe das alles so nicht gewollt. Das müsst ihr mir glauben.“, sprach Christian zu dem Feuer, weil er sich nicht traute, einem seiner Freunde in die Augen zu sehen. „Aber ich musste wissen, was gespielt wird. Ich war von Anfang an der Meinung, dass irgendetwas falsch läuft. Mit diesem Gefühl kann ich ganz schlecht umgehen.“

„Du musst dich für nichts rechtfertigen, Christian.“, erhob nun endlich Roland seine Stimme. „Auch für einen WestLänder ist es kein gutes Gefühl, betrogen zu werden. Aber Verena hat Recht. Unter diesen Umständen müssen wir genau überlegen, was wir als nächstes tun. Hast du schon eine Idee?“

„Eine Idee habe ich schon. Ich weiß nur nicht, ob sie sich verwirklichen lässt. Und ich weiß auch nicht, ob sie das Feuer nicht doch entzündet, vor dem Verena mich gewarnt hat.“

„Hör mit dem Gequatsche auf! Ein wenig Feuer wird diese Welt nicht aus den Angeln heben. Und ein wenig davon unter den Hintern einiger dieser selbstgefälligen Magister, sollte ein bisschen Spass in die Sache bringen.“ Roland warf noch einen Ast in das Feuer und sah Christian nun verschmitzt an.

Der fühlte sich ziemlich überrascht von Roland´s Reaktion, aber sie erleichterte ihn ungemein. Aus seinen Worten konnte Christian hören, dass ihn die Präsenz der großen Menschen nicht sonderlich beeindruckte. Christian fühlte sich verstanden und war nicht zum ersten Male froh darüber, dass Roland sich ihm angeschlossen hatte.
„Was würdest du als nächstes tun?“, fragte er aus dieser Überlegung heraus und wunderte sich nicht im Geringsten darüber, dass Roland nur mit den Schultern zuckte.

„Ich bin derjenige, der dem Anführer den Rücken frei hält, oder denselben stärkt, falls es notwendig sein sollte. Ich bin kein Bestimmer. Den Posten überlasse ich gern weiterhin dir. Aber wenn du schon fragst, kann ich dir zumindest sagen, was ich über diese neue Situation denke.“

„Lass hören.“

„Wenn ich nur allein die Leute von der Insel anschaue, stellen sich meine Nackenhaare auf. Sie sind so in ihren Rollen gefangen, dass sie es noch nicht mal selbst bemerken. Sven spielt das Spiel der Magister munter mit, ohne auch nur darüber nachzudenken. Ich gehe davon aus, dass auch alle anderen Magister so, oder ähnlich, ticken. Wir sollten nach einer Möglichkeit suchen, diesen ganzen Magister-Weltenrat-Kram zu umgehen. Jeder Mensch sollte zeitgleich erfahren, was auf diesem Planeten gespielt wird. Damit könnten wir alle Bestrebungen im Keim ersticken, die die Wahrheit verschleiern würden. Ich habe nur nicht die geringste Idee, wie wir das hinbekommen sollen.“

„Dabei kann ich euch vielleicht helfen.“, ertönte darauf hin eine Stimme aus dem Dunkeln, die niemand erwartet hätte.
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Alle Köpfe fuhren herun und alle waren erstaunt, als Hermann in ihre Mitte trat. Klara erholte sich als Erste von ihrer Überraschung, sprang auf, und holte den alten Mann an Christians Seite.

„Ihr seid erstaunt, und das kann ich gut verstehen. Nachher wir noch jemand zu uns kommen, der nicht unerheblich an eurem Plan beteiligt sein wird.“

„Hermann!“, Christian war tatsächlich eher erstaunt, als überrascht. „Wo kommst du denn her? Und vor allem, was willst du hier? Ich dachte, du bist vollauf mit der Vorbereitung unseres Auftrittes beim Weltrat beschäftigt.“

„Ach komm, Christian. Du kannst doch nicht ernsthaft davon ausgegangen sein, dass wir Wächter uns nicht auch unsere eigenen Gedanken gemacht haben. Und Vorkehrungen getroffen haben, für einen Fall, wie diesem. Dass wir uns hier unter einer Glocke befinden, war allen Wächtern bekannt. Was wir nicht wussten, war das „Warum?“. Um diese Frage zu klären, fehlte uns die Verbindung nach draußen. Ich konnte und wollte sie nicht herstellen, weil mir das Risiko unverhältnismäßig groß erschien. Aber das wißt ihr ja bereits.“

„Ich kann es nicht fassen.“ In Christians Augen loderte schon wieder der Schatten des Zornes. „Wieso sagt hier niemand die Wahrheit? Ich fühle mich, als wäre ich ein Blatt im Wind. Ich werde bewegt, kann aber selbst nichts bewegen. Immer dann, wenn ich meine, irgendwo angekommen zu sein, dann bewegt mich wieder ein anderer Wind. Am liebsten möchte ich von hier verschwinden. Diese versteckten Spiele sind einfach nichts für mich. Vor allem finde ich sie ungerecht jedem gegenüber, der darin nicht eingeweiht ist. Vielleicht kannst du mir sagen, welcher Sinn sich hinter dem allen verbirgt, Hermann. Ich sehe jedenfalls nichts Sinnvolles darin.“

Roland erhob sich nach diesen Worten und machte Anstalten, das Feuer ebenfalls zu verlassen. Aber dann drehte er sich herum und trat wieder in den Lichtkreis. Es war ihm genau anzusehen, dass er jetzt ebenso wütend, wie Christian war.
„Weißt Du was? Du beginnst, mich zu nerven. Mit deiner Jammerei kommen wir keinen Schritt weiter. Was hast du denn geglaubt zu finden, wenn du die Grenzen deiner Heimat durchbrichst? Menschen, die auf dich warten, und so sind, wie du sie gern hättest? Verhältnisse, die keinen Widerspruch in sich bergen und nur für dein Wohlsein geschaffen wurden?
Mittlerweile glaube ich, du hast dir überhaupt nichts gedacht. Bist einfach blind und taub los gestolpert und hast dabei riesiges Glück gehabt, dass dir bis jetzt nichts Schlimmes passiert ist.
Mann, und zu so einer Memme habe ich mal hoch geschaut.“ Roland schaute verächtlich auf Christian, und es schien ihm überhaupt nichts auszumachen, dass dieser aufgestanden war und nun mit geballten Fäusten vor ihm stand.

„Was würdest du denn an meiner Stelle denken, glauben, fühlen oder machen?“, brüllte Christian den Freund unvermittelt an, wobei ihm die Tränen in die Augen stiegen

„Spiel dein eigenes Spiel, RodLänder, wenn du mit dem Spiel der anderen nicht einverstanden bist. Die haben dich ja schließlich auch nicht gefragt, was du von deren Spielregeln hältst. Uns übrigens auch nicht.“, erwiderte dieser ruhig, und hielt Christian´s flammenden Blicken, ohne mit der Wimper zu zucken, stand.
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Christian schien die Stimme verloren zu haben, und unterdrückte gleichzeitig den Impuls, auf Roland los zu gehen. Roland wich nicht einen Zentimeter zurück, obwohl er sah, dass ihn sein Freund angreifen wollte.
Statt dessen maßen sie sich mit Blicken, die schärfer waren, als es Klingen sein könnten. Das alles dauerte nur Sekunden. Dann drehten sich beide, wie auf Verabredung um, und liefen in entgegen gesetzter Richtung auseinander.

„Na prima!“, kommentierte Hermann diesen Vorfall mit einem Lächeln. „Unser Hauptakteur ist wieder einmal unpässlich, und sein bester Freund zieht sich gekonnt aus der Affäre. Das ist genau das, was wir jetzt gebrauchen können.“

„Christian kann den Jähzorn nicht beherrschen.“, antwortete Klara nachdenklich. „Unsere Alten sagen über jähzornige Menschen, dass sie mit der kleinen Wut nicht umgehen können. Anstatt sie sofort heraus zu lassen, stapeln sie einen unterdrückten Wutausbruch auf den anderen. Und irgendwann fällt der Stapel um und explodiert. Kein Mensch kann etwas dagegen tun.“

„Da mögen sie Recht haben. Das hilft uns aber keinen Schritt weiter. Wie geht man denn mit so jemanden um?“

„Überhaupt nicht.“, lachte Klara. „Man geht ihnen aus dem Weg und wartet, bis sie von selbst wieder zurück kommen.“

„Tolle Strategie. Jetzt möchte ich wirklich nicht in seiner Nähe sein.“ Hermann legte noch ein wenig Holz nach und schien nachzudenken. „Was hältst du denn eigentlich von den ganzen Informationen, die auf euch in letzter Zeit eingestürmt sind?“

„Ich gebe Christian vollkommen Recht. Es ist einfach unmöglich, sich in diesem ganzen Wirrwar zurecht zu finden.“, kam Klara´s Antwort spontan. „Und auch Roland hat Recht. Wenn uns die Großen nur als Spielfiguren benutzen, sollten wir ihnen zeigen, dass wir genau das, nicht sind.“

Hermann nickte zustimmend. „Das ist die Einstellung, die ich von euch erwarte. Pass auf!“ Hermann stieß einen leisen Pfiff aus, und sofort raschelte es im Dunkel hinter Klara. Dann wurden Geräusche laut, die sie zuerst nicht zuordnen konnte und als nächstes stürmte Paul in den Kreis des Lagerfeuers und begrüßte Hermann und Klara überschwenglich.

„Paul ist der wichtigste Teil im Plan der Wächter.“, erklärte Hermann. „Sieh dir sein Halsband an. Es ist dicker, als es für Hunde seiner Größe notwendig wäre. Das liegt daran, dass darin ein Ding versteckt ist, das Heidi Stikker nennt. Man steckt es in eine der Konsolen und bekommt Zugriff auf alle Bildschirme, die auf der Plattform existieren und betriebsbereit sind. Ich verstehe ja nichts von den ganzem Kram, und wir konnten es noch nie ausprobieren. Aber Heidi sagt, es funktioniert auf jeden Fall.“
Hermann erzählte weiter, dass Heidi durch Zufall auf diese Dateien gestoßen war, als sie das Amt der Wächterin übernahm. Da nur in ihrem Haus Computer standen, die noch ausgezeichnet funktionierten, begann sie sich durch alles zu klicken, was ihr zugänglich war. Irgendwann fand sie Dateien, die ungewöhnlich aussahen, und durch ein Passwort geschützt wurden. Dieses Passwort zu knacken, wäre wohl die größte Herausforderung gewesen. Hermann gab zu, dass er aus den Berichten Heidi´s nie recht schlau geworden war, aber irgendwie hatte sie es geschafft. Heidi vermutete, dass dieses Programm irgendwann von außerhalb eingespielt wurde, denn es gab darin Schutzmechanismen, die sie sich nicht erklären konnte. Jedenfalls bekam sie Zugriff auf die Bildschirmanlagen, von denen bis dahin niemand eine Ahnung hatte. Die Wächter zogen los, suchten und fanden sie auch. Sie waren praktisch an jedem strategisch wichtigem Ort angebracht, den man sich in WestLand denken konnte. Vermutlich galt für RodLand das Gleiche, aber das konnte bisher nur vom Wächter der Grenzgemeinde bestätigt werden.
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Hermann erzählte weiter, dass Heidi auf ihrer Suche auf ein weiteres Programm stieß. Sie nannte es „TOBI“. Diesen Namen hatte sich das Programm wohl selbst gegeben. Heidi meinte, dass TOBI von Anfang an von IVI wusste, und alles tat, um seine Existenz vor ihr zu verheimlichen. TOBI hätte wohl sehr viele Sicherungsprogramme dafür eingerichtet. Diese Tatsache verhinderte, dass Heidi an die Informationen kam, die die Wächter gern hätten. Aber TOBI verhinderte seit dem Eintreffen der Großen auf der Plattform, jeglichen Versuch IVI´s, auf die Daten zuzugreifen, die zur Steuerung der großen Bildschirme notwendig waren.
Die Wächter waren sich sicher, dass TOBI von einem der Erbauer erfunden wurde. Wahrscheinlich war das Programm ursprünglich dafür da, um die Menschen auf der Plattform zu befreien.
Fakt war, dass es sich erfolgreich gegen IVI´s Zugriffe wehrte, ohne dass IVI wusste, dass es TOBI überhaupt gab.
Heidi berichtete, dass TOBI´s Kampf so spannend wäre, dass sie es kaum vermochte, sich von den Computern los zu reißen.

Paul hatte nun ein Update auf diesen Stikker, das unbedingt auf die Konsole der Übergabestation geladen werden musste. Nur von dieser Konsole aus gäbe es die notwendigen Schneidestellen, die es TOBI ermöglichten, sowohl Zugang zum Computersystem der Großen zu bekommen, als auch die Kommunikationskanäle RodLands abzuhören.

„Frage mich bitte nicht, wie das alles möglich ist. Ich habe und hatte noch nie eine Ahnung von diesem ganzen Kram. Aber ich denke, dass es äußerst hilfreich ist, dieses TOBI-Programm zu haben.
Ein Problem gibt es jetzt allerdings. Paul hat sich zwar an Christian gehängt, wie wir es ihm antrainierten. Besser gesagt, Heidi hat das übernommen. Aber, Paul kann die Konsole nicht bedienen. Ich denke, Hunde sind für so etwas von Natur aus ungeeignet.
Ich wüßte noch nicht einmal, in welchen Anschluss ich diesen komischen Stikker stecken sollte und bei dir habe ich auch noch nie ein großartiges Interesse für die Konsolen gesehen.“, beendete Hermann seinen Bericht.

Klara hatte dem allen zugehört, ohne den geringsten Versuch zu unternehmen, Hermann mit Fragen zu unterbrechen, die ihr förmlich auf der Seele brannten. Sie streichelte nur Paul und fuhr unbewusst immer wieder über sein Halsband.

„Ich habe auch nur wenig Ahnung von solchen Sachen.“, erwiderte sie, seltsam abwesend.

„Aber ich schon.“, ertönte in diesem Moment eine Stimme aus der Dunkelheit und Roland trat aus einem Gebüsch hervor. „Wenn sich unser großer Anführer in seinen verletzten Gefühlen badet, kann er das gern tun. Ich aber stehe immer noch zu unserer Sache. Ich werde mit Paul zur Übergabestation zurück kehren, und diesen Stikker an die Stelle bringen, an der er uns etwas nützt.“ Mit diesen Worten gesellte er sich wieder zu Klara, die ihn freudestrahlend begrüßte. Auch Hermann griff sich den Jungen und drückte ihn herzhaft an sich.

„Das könnte dir so passen, hier den Anführer zu mimen.“, kam eine weitere Stimme aus der entgegen gesetzten Richtung. Christian kam wieder zum Feuer zurück, als hätte es nie einen Wutausbruch gegeben. „Dich brauche ich als Auge und Ohr bei den Großen. Ich werde gehen. Und Klara nehme ich mit.“
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Hermann und Klara sahen von dem einem zum anderen, als würde sie eine Erscheinung narren.

„Na so etwas.“, erholte sich Hermann als Erster von seiner Überraschung. „Da bin ich nun davon ausgegangen, dass ich mein Leben in aller Einsamkeit und der dazu gehörenden Ruhe, hier, auf diesem Außenposten beende. Und nun werde ich Tag für Tag mit den unmöglichsten Situationen konfrontiert.“

Christian ließ sich wieder am Feuer nieder und Klara sah es ihm an, dass er Entscheidungen getroffen hatte. Und das spitzbübische Grinsen, das in seinen Mundwinkeln hockte und aus seinen Augen heraus strahlte, machten ihr ein wenig Angst. Aber in diesem Zustand sah sie Christian sehr viel lieber, als in seiner Wut.
Auch Roland schien mit dem plötzlichen Erscheinen Christians zufrieden zu sein. Auch er gesellte sich wieder in die Runde. „Klappsmann“, moserte er nur, kaum hörbar, und damit war sein Kommentar abgegeben.

„Liege ich richtig mit meiner Annahme, dass ich eine einwandfreie Verbindung zu Heidi bekomme, wenn ich diesen Stikker zur Übergabestation bekomme?“, fragte Christian und fuhr nun seinerseits immer wieder über das Halsband, das Paul so selbstverständlich trug.

„Heidi konnte die Kommunikation über TOBI nicht ausprobieren. Nein, gekonnt hätte sie es wohl schon. Sie wusste nur nicht, ob es aufgefallen wäre, und hat es deswegen nie probiert. Seit IVI Zugriff auf die Plattform hat, ist Heidi besonders vorsichtig geworden. Die Drohnen machten ihr Sorgen. Sie wollte nicht, dass dort jemand aufmerksam wird. Und nun sitzt sie in Bereitschaft und wartet darauf, dass ihr jemand sagt, dass sie TOBI frei schalten kann.“
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„Das klingt gut.“, erwiderte Christian nachdenklich. „Roland und ich werden mit Paul zur Übergabestation zurück kehren, den Stikker anschließen und mit Heidi und diesem TOBI-Programm in Verbindung treten. Ihr anderen brecht morgen früh auf und führt unsere Gäste zum Depot zurück.“

„Was sollen wir ihnen sagen?“, wagte Klara einzuwenden und erntete nur ein Schulterzucken von Christian.

„Die Wahrheit, was sonst?“, lächelte Christian. „Und das, was ihr beiden nicht sagen wollt, verschweigt ihr ganz einfach. In RodLand klappt das prima.“

„Und was ist die Wahrheit?“, schaltete sich Hermann jetzt ein.

„Na, dass Roland und ich fürchterlich stritten, und wir dann in entgegen gesetzter Richtung davon gelaufen sind. Keiner von euch weiß, wo wir uns aufhielten. Dass wir zurück kamen, gehört zu dem Teil der Geschichte, der nicht unbedingt erwähnt werden muss.“

„Und was wirst du tun?“

„Genau kann ich euch das nicht sagen. Erst muss ich wissen, was dieser TOBI eigentlich kann. Und dann werde ich mein Spiel spielen. Nach meinen Spielregeln. So, wie es Roland vorschlug.“

„Ich habe es befürchtet.“, kommentierte Hermann, wobei er theatralisch eine totale Kapitulation mimte, was alle zum Lachen brachte.

Christian bat Klara, einige Sachen zusammen zu packen. Er wollte sofort los. So lange Klara weg war, beschwor er Hermann und Roland nichts zu tun, bevor sie von ihm oder Klara etwas hörten. Ihre Aufgabe bestand darin, die Menschen von der Insel von, wie auch immer aussehendem, Handeln abzuhalten. Christian versprach, spätestens in zwei Tagen wieder im Depot zu erscheinen. Bis dahin stände sein Plan fest, egal, was sich ergeben würde.

Weder Roland noch Hermann waren mit diesem Vorgehen einverstanden. Aber sie waren klug genug, Christian´s Anweisungen zu folgen. Unabhängig voneinader sagten sie sich, dass alles besser werden würde, wenn Christian wieder in Aktion trat.
Klara gesellte sich wieder zu ihnen, mit gepackten Rucksäcken und Paul im Schlepptau. Der Abschied verlief wortkarg, aber herzlich. Jeder konnte sehen, dass auch Klara viel lieber bei ihren Freunden geblieben wäre. Aber sie fügte sich, ohne Widerrede.
Sie liefen auch nicht lange in der Dunkelheit, bis Christian fürsorglich seinen Arm um Klara´s Schultern legte und sie zu einem der kleinen Zeltlager führte, das sich Hermann angelegt hatte.

„Ich wollte nur weg sein, wenn die Großen erwachen. Und dich brauche ich. Du bist mein gutes Gewissen, seit ich in WestLand eingetroffen bin. Irgendwie wirkst du beruhigend auf mich.“, erklärte er Klara und bereitete ihr ein bequemes Lager. „Ich hätte auch gern Kimmy an meiner Seite. Aber die regt mich ständig auf und beunruhigt mich. Ich kann mir nicht erklären, warum. Es ist einfach so.“

„Du bist verliebt in sie.“, stellte Klara fest, und kuschelte sich wohlig in ihren Schlafsack. „Lass uns schlafen, RodLänder. Du hast Einiges vor, und ich mit dir. Wenn auch nur gezwungener Maßen.“
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Die wenigen Stunden bis zum Anbruch der Dämmerung schliefen Christian und Klara tief und fest. Dann aber erfolgte ein schneller Aufbruch und sie erreichten die Übergabestation innerhalb kürzester Zeit. Dort angekommen bestand Klara darauf, dass sie etwas Essbares zu sich nahmen. Sie drohte Christian damit, sofort zusammen zu klappen, wenn er ihr diese Pause nicht gönnte. Er murrte zwar, gab dann aber sehr schnell nach. Es machte einfach keinen Sinn, sich zu diesem Zeitpunkt dermaßen zu verausgaben.
Nach dem Essen nahmen sie Paul das Halsband ab und legten vorsichtig den Stikker frei. Der sah so unfassbar einfach aus, in Form und Farbe, dass die beiden es kaum glauben konnten, dass er ein Programm enthielt, das wahrscheinlich über die Zukunft der Plattform entschied.

Als sie ihn in den Anschluss der Konsole steckten, hielten beide vor Spannung den Atem an. Zuerst passierte überhaupt nichts, aber nach Sekunden begannen mehrere LED´s damit, hektisch zu blinken. Auf dem Bildschirm, der sie bis jetzt immer nur dunkel angestarrt hatte, zeigte sich ein diffuser Balken, der sich zunehmend mit hellem Grün füllte. Christian und Klara beobachteten diesen Balken wie gebannt und unfähig, sich zu rühren. Nur Paul wedelte freudig mit dem Schwanz und gab ab und zu ein leises Winseln von sich.
Als der Balken fast mit diesem strahlendem Grün gefüllt war, schmiegte sich Klara zitternd an Christian und umfasste mit einer Hand den vor ihr sitzenden Paul. Aber auch diese Geste weckte Christian nicht aus der Erstarrung, mit der er den Balken fixierte. Dann wurde der Bildschirm wieder schwarz, bis auf einen kleinen weißen Punkt in der Mitte, der langsam blinkte. Und mit einem Mal öffnete sich ein Bild.

Das erste, was sie sahen, war Heidi´s Gesicht. Sie sah furchtbar entstellt aus. Doch die drei vor dem Bildschirm erschraken nicht nur deswegen. Alleine schon, dass es überhaupt ein Bild gab, erschien ihnen nahezu unfassbar.
Heidi war unterdessen aus dem Bild verschwunden und sie sahen nur noch ein Zimmer, voll von Apparaturen, an das sich Christian nicht erinnern konnte. Dann sahen sie Heidi wieder. Sie drehte sich um ihre eigene Achse, vollführte groteske Sprünge und klatschte dazu in die Hände. Sie benötigten Sekunden, bis sie begriffen, dass Heidi anscheinend einen Freudentanz vollführte. Plötzlich füllte ihr Gesicht wieder den ganzen Bildschirm aus und war ebenso gruselig anzusehen, wie beim ersten Mal. Anscheinend wollte sie ihnen etwas sagten, aber Christian und Klara hörten sie nicht. Jetzt trat sie ein paar Schritte zurück und wurde wieder zu der wunderschönen und quicklebendigen Heidi, die Christian kennengelernt hatte.
Anscheinend hörte sie auf jemanden, der nicht zu sehen war, denn sie stand für ein paar Sekunden regungslos. Dann nickte sie und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.
Jetzt formte sie betont die Lippen und schien nur zwei Worte immer wieder zu wiederholen.

„Sie will uns etwas sagen.“, stellte Christian fest.

„Ja. Und ich glaube, sie sagt ‚TOBI rufen‘.“, stimmte ihm Klara zu, um im nächsten Moment zusammen zu zucken, als eine vollmundige Männerstimme ihr genau diese Annahme bestätigte.

„TOBI ist meine Aktivierung. Sobald ihr dieses Wort aussprecht, kann ich Verbindung zu euch aufnehmen. Außerdem solltet ihr den Kanal zur Wächterin öffnen. Dann könnt ihr sie auch hören.“

Die Einspielung des Programmes hatte sehr gut funktioniert. Und als Christian den entsprechenden Schalter betätigte, konnten sie Heidi auch hören.
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