Kapitel 5 – In einem fremden Land

In einem fremden Land

„Was ist hier los, Christian? Bist du an irgend einen Schalter gekommen, oder sowas?“, fragte Klara, eher verblüfft, als beunruhigt.

„Nein, wirklich nicht. Ich wollte dich gerade das Gleiche fragen.“ Christian versuchte noch einmal alles, um das Schiff wieder unter seine Kontrolle zu bringen, aber es nützte nichts. Auch Klara hatte ihre Versuche eingestellt, schaute dafür aber jetzt ein wenig verwundert nach draußen.

„Schau nur Christian. Wir bewegen uns trotzdem weiter. Und ich glaube, wir sind sogar schneller, als wir uns das getraut hätten.“

Christian schaute verärgert auf und verließ mit Klara die Kabine. Ein Blick auf die Wellen, die das Schiff verursachte und auf das schnell näher kommende Land, bestätigte Klara´s ersten Eindruck. Mit einer solchen Wende hatte Christian natürlich nicht gerechnet.

„Es ist fast so, als wären wir wieder im Traktorstrahl.“, überlegte er und Klara gab ihm recht.

„Aber wer oder was hat uns da eingefangen? Hermann bestimmt nicht. Ein rodLändische Anlage vielleicht?“

Christian erschien das wenig wahrscheinlich, da die Fahrt weiter in Richtung Insel ging. RodLänder hätten auf jeden Fall versucht, das Schiff für sich zu gewinnen und das hätte ihnen nur etwas genutzt, wenn sie das Innere Kraftfeld überwunden hätten. Und davon wüßte Hermann unter Garantie. Es musste eine andere Erklärung geben.
Klara, die nicht nur die Bewegungen des Schiffes und dessen Kurs beobachtete, fiel eine blinkende LED an einer schmalen Konsole über ihnen auf.

„Sieh mal Christian,“ lenkte Klara seine Aufmerksamkeit darauf. „Der Schalter dort steht auf AUS. Ich weiss zwar nicht, wieso die LED plötzlich leuchtet, aber vielleicht sollten wir den Schalter auf KONF stellen. So, wie das bei Hermann´s Schaltpult gemacht wird. Was soll schon passieren? Hier geht sowieso nichts mehr. Und weniger wie ‚geht nicht‘ gibt es doch nicht, oder?“

„Da hast du wahrscheinlich recht.“, zögerte Christian nicht lange und legte den Schalter um.

Plötzlich erscholl eine laute Stimme, die so übermächtig war, dass Christian und Klara instinktiv in die Hocke gingen und sich die Ohren zu hielten.

„…LLOO! MACHT AN! EINFACH AUF ‚KONF‘. HAAALLLOOO! DAS GIBT ES DOCH NICHT. HALLLOOOOO?“

Klara raffte sich schon aus Selbstschutz auf und hechtete zum Schalter, um ihn auf KONF zu stellen. Und dann schrie sie aus vollem Hals „Ruuuhe!“

Die Stimme verstummte sofort. Trotzdem waren hektische Bewegungen hörbar und sicherheitshalber schützte Klara ihre Ohren wieder. Sie hockte sich neben Christian, und drückte sich an ihn. Als weiter nichts geschah, nahmen die beiden erst einmal die Hände von den Ohren und richteten sich dann vorsichtig auf.

Nun war es Christian, der vorsichtig ein „Hallo?“ in den Raum stellte.
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Lautes Knirschen und Pfeiffen kam als Antwort über die Lautsprecher und Christian war schon dabei, wieder schutzsuchend in die Hocke zu gehen, als die Stimme erneut dröhnte:

„Ich hab euch. Nur einen Augenblick, ich muss nur die Feinabstimmung justieren, …Moment. So ein Mist, dieser blöde Kasten, … ich dachte, es funktioniert.“

Auch auf die Gefahr hin, dass der Mensch, zu dem die Stimme gehörte, böse wurde, schrie Christian aus Leibeskräften: „Mach das leiser! Du erschreckst uns!“

„Oh, …ja, tut mir leid.“, überdröhnte die Stimme immer noch die anderen Nebengeräusche, aber im nächsten Augenblick wurde es schlagartig still.

„Er ist weg. Christian, er ist weg. Ich höre ihn nicht mehr. Das war ein Erbauer. Hörst du? Du hast eben mit einem Erbauer gesprochen.“ Klara hatte vor Aufregung rote Wangen, doch Christian winkte ab.

„Quatsch, …Erbauer. Das ist jemand, der seine Technik nicht im Griff hat.“

„Oh, oh nein, wartet, ich hab´s gleich.“, flüsterte die Stimme nun aus der Konsole, so dass Klara und Christian Mühe hatten, sie zu verstehen. Dann wurden sie wieder mit ein paar unschönen Tönen beschallt, von denen der letzte Pfeiffton bis unter die Haut ging. Und dann kam die Stimme klar und deutlich zu ihnen durch:

„He? Ist das jetzt in Ordnung so?“

„Ja, alles gut.“, erwiderte Christian. „Wer bist du?“

„Mein Name ist Martin. Alles andere erzähle ich später. Jetzt ist wichtig, dass ich euch so schnell es geht hier herrüber bringe. Ich hatte gehofft, dass ihr Nachts heraus kommt. Das wäre für mich nicht so schwierig gewesen. Aber es geht auch so. Also passt auf. Ich lege jetzt eine Projektion, eine Art Kraftfeld über euer Schiff. So kann euch niemand sehen. Ihr macht an den Armaturen bitte gar nichts. Ich muss euch durch die Fahrtrinne manövrieren, ohne, dass es einen Zusammenstoß gibt. Eure Technik ist mittlerweile so veraltet, dass sie von unserem Leitsystem nicht erfasst wird. Gut für uns, schlecht für mich. Also, bitte nichts anfassen, verstanden?

„Außer, dass wir die Hände vom Schaltpult lassen sollen, …kein Wort.“, bestätigte Christian die Anweisung und Klara bemerkte bestürzt dieses Funkeln in seinen Augen, das bis jetzt immer der Vorbote für Ärger war. „Woher wissen wir denn, dass wir zu dir wollen?“

Martin benötigte ein Weilchen, bis er sich wieder meldete. Und jetzt klang seine Stimme sehr nachdenklich, fast vorsichtig:

„Die Frage ist berechtigt. Ich habe nur so lange auf euch gewartet, und da ist die Freude einfach mit mir durchgegangen. Aber ja, ihr müsst nicht zur Insel kommen, wenn ihr nicht wollt. Ich kann euch mit dem Traktorstrahl auch zum Festland leiten. Ich, …ich denke nur, es ist besser, wenn ihr erst einmal hier her kommt. Hier gibt es nämlich Menschen, die gehofft haben, dass es euch noch gibt, dass ihr überlebt habt, und vor allem, die wissen, dass es euch gibt.“

Klara, zupfte Christian am Ärmel. „Ist es nicht egal, wo wir landen? Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gern bei den Erbauern.“

„Es ist egal.“, gab Christian zu. „He Martin, dann hol uns zu euch!“

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Christian verließ das Führerhaus und schlenderte zur Spitze des Schiffes, aber Klara ließ sich von seiner Ruhe nicht täuschen. Mittlerweile wusste sie, wie unwohl er sich fühlte, wenn er über sein Kommen und Gehen nicht selbst bestimmen durfte. Trotzdem ging sie ihm nach und setzte sich auf das Deck, wobei sie die Beine über den Schiffsrand baumeln ließ und sich am Geländer fest hielt.

„Eigentlich ist es ja auch schön. Ich meine, dass man mal keine Angst haben muss.“, begann sie zögernd das Gespräch. Sie kamen jetzt in die Nähe der Fahrtrinne, von der dieser Martin erzählt hatte. Das Schiff stoppte auch schon ab, denn sie mussten warten, bis ein paar unglaubliche Fahrzeuge an ihnen vorbei rauschten, ohne wirklich das Wasser zu berühren. Die Wellen, die sie trotzdem erzeugten, erreichten nun auch ihr Schiff und ließen es so stark schwanken, dass Klara ein Kribbeln im Bauch verspürte und kichern musste. „Das war toll!“, rief sie zu Christian hinüber, der mit starrem Blick den Schiffen folgte.
Ihr eigenes Schiff begann sich wieder zu bewegen, und zwar so schnell, dass sich die beiden fest halten mussten. Sie sahen auch den Grund. Mindestens zehn dieser eigenartigen Schiffe kamen auf sie zu. Mittlerweile waren sie so nah dran, dass sie erkennen konnten, dass sie scheinbar von niemandem gesteuert wurden. Zumindest war kein Mensch darauf zu sehen.

„Lass uns in das Führungshaus gehen.“, forderte Christian in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Vielleicht kommen noch Anweisungen. Die Dinger ohne Führer da draußen, machen mir Angst.“

Im Führungshaus war es ganz still. Nur die kleine LED blinkte geruhsam vor sich her.

„Hast du das gesehen?“, fragte Klara, nur, um etwas zu sagen. „Da war kein Mensch in diesen Schiffen. Ich frage mich, wie das geht, und, wohin sie fahren.“

„Es gibt nur noch wenige Menschen, die das Recht haben, manuell ein Fahrzeug zu führen.“, ertönte die Antwort prompt über die Lautsprecher. „In der Regel übernimmt das unser Leitsystem. Die Schiffe, die gerade an euch vorbei sind, holen Nahrungsmittel und sonstige Sachen vom Festland für die Insel. Darum sehen sie ein wenig plump aus. Aber…, aber mmh, das ist nicht so interessant, denke ich. Ihr müsst noch ein wenig Geduld haben. Ich muss euch ins Haff lotsen. In der Zufahrt ist um diese Zeit jede Menge los. Es dauert noch eine Stunde, dann seit ihr hier.“

Christian grinste spöttisch. „Anscheinend kommen wir ganz einfach in das nächste Lager.“
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„So kannst du es nennen.“, antwortete Martin ernst. „Nur, dass es in einer anderen Welt ist.“

Christian, der überhaupt nicht damit gerechnet hatte, dass seine Bemerkung verstanden wurde, erstarrte bei dieser Antwort und Zorn schoss in seine Adern. Klara erkannte das in sekundenschnelle und umfasste seine Schultern, um ihm Halt und Ruhe zu geben. Doch Christian befreite sich abrupt aus ihrer Umarmung und trat dicht an das Mikrofon heran.

„Ist es nicht am Ende egal, in welcher Welt man eingesperrt wird? Lager bleibt Lager, und die Aufpasser darin, haben sicher die eine oder andere Gemeinsamkeit. Gleich, in welcher Welt sie sich befinden. Oder?“ Christian maßregelte diesen Menschen in einem Ton, der Klara die Schamröte ins Gesicht trieb.

„Da magst du vielleicht recht haben. Aber ist es nicht immer klüger, wenn man sich eine Sache erst einmal ansieht, ehe man sie verurteilt?“ Martin schien nicht sonderlich beleidigt zu sein, was Klara ungemein beruhigte. Aber auch Christian konnte sich diesen ruhigen Antworten nicht wirklich entziehen.
Er gab Martin Recht und sagte ihm das auch. Versöhnlicher wurde seine Stimmung dadurch nicht. Klara versuchte, mit Martin in ein Gespräch zu kommen, aber der war jetzt genau so schweigsam, wie Christian. Allerdings erklärte er dies damit, dass er sie jetzt ein Stück durch die Fahrtrinne bringen musste, was seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte.

Das Schiff nahm nun wieder an Geschwindigkeit zu und so näherten sie sich schnell dem Land. Klara hatte sich wieder zu Christian gesellt und zitterte vor Aufregung, als das Schiff stoppte und langsam parallel zur Strandlinie bewegt wurde. Ziel war eine kleine Bucht. Der Strand wurde hier von meterhohen Felsen begrenzt, so dass man die Bucht von der Insel aus nicht sehen konnte. Nicht, dass es dort etwas Sehenswertes gab. Sie war sehr klein, und ringsum von diesen Felsen gesäumt. Klara hätte sie unter Umständen sogar als ’schön‘ empfunden, wenn das Schiff nicht geradewegs darauf zu hielt.

Auch Christian hielt sich mittlerweile an seinem Rettungsring fest und zog Klara zum hinteren Teil des Schiffes.

„Das geht schief, der will uns etwas tun.“

„So ein Quatsch.“, erwachte Klara aus ihrer eigenen Aufregung und zog nun ihrerseits Christian ins Führungshaus. „Martin?“, rief sie fordernd ins Mikrofon. „Was soll das? Wir fahren auf einen Haufen meterhoher Steine zu. Das macht uns echt Angst.“

„Oh ja, keine Sorge. Das Tor öffnet sich gleich. Bitte entschuldigt, dass ich euch nicht vorbereitet habe.“

In diesem Augenblick teilten sich die Felsen und das Schiff wurde von einem Sog ergriffen, die das Schiff in ein hell erleuchtetes Areal zog, an dessen Ende sich eine Anlegestelle befand.
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Christian und Klara staunten über das Gewölbe, in das sie nun hineingezogen wurden. Die Wände schienen so glatt, wie Glas zu sein. Und sie erzeugten ein seltsam helles Licht, das in verschiedenen Farben leuchtete, wenn man sich ein klein wenig bewegte. Nirgendwo war ein Mensch, oder Apparate, oder auch nur Türen zu sehen. Einzig und allein die Anlegestraße beherrschte diesen Raum.

Das Anlegemanöver bemerkten die zwei überhaupt nicht. Erst, als das Schiff mit einem sanften Ruck gegen die Straße stieß, lenkten die beiden ihre Blicke wieder auf das unmittelbare Geschehen.

„Was sollen wir jetzt tun, Christian? Hier ist doch niemand.“, flüsterte Klara, immer noch unter dem Eindruck, des eben Erlebten stehend.

„Aussteigen. Was sonst? Irgendwer wird schon kommen, zumindest aber dieser Martin, …denke ich.“, sagte Christian gewollt laut und versuchte dabei, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen.

Sie hievten beide die kleine Brücke über den Einstieg und betraten dann fast andächtig die Anlegestraße. In diesem Moment ertönte ein kurzer Signalton und der Eingang des Gewölbes verschloss sich wieder. Gleichzeitig entstand, wie aus dem Nichts, eine Tür am Ende der Straße, aus der ein Mann heraus trat und auf sie zu lief. Klara musste bei seinem Anblick ihren ersten Impuls unterdrücken, der sie wieder auf das Schiff zurück trieb. Aber Christian griff nach ihrer Hand und zwang sie so, bei ihm stehen zu bleiben.
Der Mann war, für ihre Begriffe, über die Maßen groß. Außerdem bestand seine Kleidung aus einem schimmernden, fließendem Gewebe, so dass seine wahre Gestalt wie verschleiert wirkte.
Einzig und allein der Kopf und die Hände waren deutlich zu erkennen.
Aber eigentlich genügte das auch. Der Mann schien für seine Größe noch recht jung zu sein. Seine braunen Augen strahlten vor Freude und er hatte die Arme ausgebreitet, als wollte er ein Kind auffangen.

Christian und Klara, die sich tatsächlich ein wenig wie Kinder vorkamen, standen stocksteif und dachten überhaupt nicht daran, ihm entgegen zu laufen.
Das schien dem Mann aber nicht zu stören, denn er machte erst einen Schritt vor ihnen Halt. Dann ließ er sich auf seine Knie herab und umarmte die beiden, ohne, dass diese auch nur die winzigste Chance einer Gegenwehr bekamen.

„Ich bin so glücklich, dass ihr hier seid. Ich habe immer daran geglaubt, dass ihr überlebt habt. Auch, wenn mich viele für einen Spinner gehalten haben. Und jetzt seid ihr tatsächlich da. Und ihr seht gut aus. Ich meine, …“ Martin, den sie auf Anhieb an seiner Stimme erkannt hatten, schien plötzlich zu überlegen, was er sagen durfte, rang sich dann aber durch und beendete den Satz mit: „…Na ja, ein wenig klein, vielleicht. Das hatte ich zwar befürchtet, aber nie daran geglaubt, dass sie das wirklich hinbekommen haben.“

„Ich bin ziemlich groß für mein Alter.“, protestierte Christian halbherzig. Es fiel ihm sichtlich schwer, sich aus dem Bann dieses überaus freundlichen Menschens zu befreien. „Bist du der Einzigste, der uns hier erwartet?“ rang er sich zu einem distanziertem Ton durch und schaffte es tatsächlich, dass sich der Mann wieder erhob und einen Schritt zurück trat.

„Nein.“, lächelte Martin. „Ich bin aber der Einzigste, der keine Angst vor Ansteckung hat. Die Anderen warten noch die Auswertung der Scanns ab, die wir seit eurer Ankunft durchgeführt haben.“

„Wir sind nicht krank.“, mischte sich nun auch Klara ein und erntete das herzlichste Lächeln, das sie je in ihrem Leben gesehen hatte.

„Da sind wir einer Meinung, Klara. Die Tests sind auch jede Sekunde durchgeführt, und dann werdet ihr gebührend empfangen.“
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Man konnte es Martin ansehen, dass ihm die Situation nicht angenehm war. Er versuchte, die Stimmung zu entspannen, indem er Christian nach der Fahrt zur Insel fragte. Klara antwortete schnell, dass sie sie genießen konnten, da sie ja von dem Traktorstrahl geführt wurden. Und dann lenkte sie Martin´s Aufmerksamkeit auf eine Frage, die sie sich eigentlich selbst beantworten konnte:

„Wie habt ihr uns denn nach Krankheiten untersucht? Es war doch niemand bei uns. Dieser Scann ist es, stimmts? Aber, wie kann das denn sein? Wir haben doch überhaupt nichts bemerkt. Christian behauptet immer, dass einem da ein Lichtstrahl über den Körper fährt, der alles sehen kann. In WestLand gibt es so etwas nicht. Christian kommt aus RodLand und ist damit groß geworden.“ Klara schob ihre Hand vertrauensvoll in die des Mannes und schaute sich dabei unauffällig nach Christian um. Der durchschaute ihre Absicht zwar sofort, ließ sie aber gewähren.

Martin war glücklich über die Zutraulichkeit, die ihm Klara entgegenbrachte. Nur zu gern ließ er sich von der Widerspenstigkeit Christian´s ablenken und führte Klara zum Ende der Straße.

In diesem Moment ertönte ein erneutes Signal, weich und wohltönend. Gleichzeitig änderten die Wände ihre Farbe und gaben den Blick auf das wahre Innere des Gewölbes frei. Es bestand tatsächlich aus diesen großen hellen Steinen, nur dass diese hier drinnen künstlerisch bearbeitet wurden. Jemand hatte Skulpturen in den Stein gehauen. Mal stellten sie Ehrfurcht gebietende Menschen, dann wieder fantastisch aussehende Gebäude oder Gebilde dar. Selbst Pflanzen und eigenartige Lebewesen entdeckte Klara. Das alles wurde von versteckten Lichtern angestrahlt, die diesen Kunstwerken Farben und Konturen verliehen.

Christian und Klara waren von diesem Anblick überwältigt. Martin ließ sie in Ruhe schauen und hielt mit einer energischen Handbewegung die Menschen zurück, die schon auf den Anlegesteg hinaus drängten, um die Besucher zu empfangen.
Nach einer ganzen Weile schaute sich Christian nach Martin um, weil er von ihm wissen wollte, welche Lebewesen an den Wänden dargestellt wurden.
Und erneut erstaunte ihn dieser Mann, der jetzt in einer Kleidung hinter ihnen stand, die mit dem vorherigen Anzug überhaupt nichts gemein hatte. Die Sachen, die er nun trug, sahen zwar fremdartig, aber trotzdem bequem aus. Sie erinnerten Christian an die Bekleidung der Menschen in WestLand, nur, dass hier das Gewebe nicht so grob zu sein schien.

„Hee? Wie geht das denn? Wann hast du dich umgezogen?“, kam nun zum ersten Mal seine Neugier wieder zum Vorschein, die ihn bis hier her gebracht hatte. Jetzt wurde auch Klara aufmerksam, strahlte aber sofort über das ganze Gesicht. Offensichtlich gefiel ihr, was sie da sah.

„Ohh, … ich habe mich nicht umgezogen. Unser Computer hätte mich nicht zu euch gelassen, wenn ich dem Schutzanzug nicht zugestimmt hätte. Und nur, weil dieser mit weiteren Sensoren versehen war, der einen Nah-Scan ermöglichten und so die Test´s beschleunigt werden konnten, konnte ich ihn von der Zweckmäßigkeit meiner Vorgehensweise überzeugen. Nachdem ihr als ‚Unbedenklich‘ eingestuft wurdet, hat sich der Schutzanzug aufgelöst.“

„Du musst einen Computer fragen, was du tun darfst?“

„Na ja, fragen sicher nicht. Ich weiss ja nicht, auf welchem Stand der Technik ihr euch befindet. Hier ist es so, dass uns unsere Technik manchmal vor Unachtsamkeiten schützt. Und es war unachtsam, dass ich vor den Testergebnissen zu euch wollte. Nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen.“

„Was glaubt ihr denn, was wir haben?“, fragte Klara vorsichtig. Selbst ihr kamen diese Maßnahmen übertrieben vor.

Im ersten Moment schien es, als wollte Martin die Frage sofort beantworten. Dann aber besann er sich, widerstand dem Versuch, Klara über den Kopf zu streichen und meinte, dass es an der Zeit wäre, seine Mitstreiter kennenzulernen.
Damit war selbst Christian einverstanden und so gingen sie auf eine Gruppe Menschen zu, die Klara und Christian wie Riesen erschienen und denen echte Freude anzusehen war.
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Die großen Männer ließen sich tatsächlich in die Hocke nieder und die beiden Frauen beugten sich herab, um Christian und Klara auf Augenhöhe zu begrüßen. Die Frauen gingen sogar noch ein Stück weiter und nahmen die beiden nach kurzem Zögern einfach in die Arme. Worte wie ‚Prima‘, ‚Schön, euch zu sehen‘, ‚Fantastisch‘, und ähnliche mehr, schwirrten durcheinander und vermittelten zumindest Klara das Gefühl, angekommen zu sein. Christian ließ diese Art der Begrüßung eher skeptisch über sich ergehen, denn er stand stocksteif bei den Umarmungen, wie Klara aus den Augenwinkeln sehen konnte.
Martin machte dem Treiben ein Ende in dem er alle aufforderte nun in die vorbereiteten Räume zu gehen. Alle stimmten zu und nahmen Klara und Christian in ihre Mitte. Klara griff nach Christians Hand. Zwischen diesen großen Menschen kam sie sich tatsächlich wieder wie ein Kind vor, und das machte ihr ein wenig Angst. Christian verspürte zwar nicht direkt Angst, wohl war ihm aber auch nicht gerade.

„Wo bringt ihr uns hin?“, fragte er Martin, der sich neben den beiden hielt.

„Oh, wir haben hier ein Haus geschaffen, in dem ihr euch erst einmal wohl fühlen und vor allem die Welt da draußen kennen lernen könnt. Darin gibt es einen…, nun, wir nennen es einen Gemeinschaftsraum. Dort ist ein Essen für euren Empfang vorbereitet. Wir kennen zwar eure Sitten nicht, aber hier lernt man sich bei einem guten Essen am Besten kennen.“

Klara antwortete schnell und ohne zu überlegen:“Wir in WestLand essen auch gern gemeinsam. Am schönsten sind die verschiedenen Feste in den Gemeinschaften. Wie das in RodLand ist, weiss ich gar nicht. Darüber haben wir uns nie unterhalten, Christian.“

„Warum auch? In der Unterschicht wird nicht so oft zusammen gegessen. Die meisten haben gerade genug für sich selbst. Die Versorger-Läden lassen da nicht allzuviel Spielraum. Gemeinschaften gibt es selten. Und bei uns zu Hause war es noch schwieriger, weil wir das Zeug mit Biomasse nicht gegessen haben.“, antwortete Christian und wandte sich nun an Martin.
„Da ist doch keine Biomasse in eurem Essen, oder?“

Martin schüttelte energisch den Kopf. „Ich weiss nicht, was ihr unter Biomasse versteht. Unser Essen besteht aus dem, was es ist. Pflanzen, Fleisch, Gewürze, …solche Sachen eben. Aber was ist Biomasse?“

„Keine Ahnung. Meine Oma-Alte und auch meine Mutter haben nie drüber gesprochen, Max auch nicht. Sie ist in allem drin, was es in den Versorger-Läden gibt. Meine Mutter behauptet sogar, dass manche Sachen, wie Brot oder Fleisch, nur aus Biomasse bestehen.“

Nun schob sich eine der Frauen an Christian´s Seite und umfasste seine Schultern. „Das können wir alles später berichten und erzählen. Jetzt lasst uns erst einmal eintreten und ein wenig zur Ruhe kommen.“

Sie durchschritten nun die Tür, die sich vorhin auf so wundersame Art gezeigt hatte, und gingen einen hellen und freundlichen Gang entlang, dessen große Fenster und Türen Christian ein wenig an Heidi´s Domizil bei den Alten Kindern erinnerte. Der Ausblick hier war aber dagegen grandios. Er zeigte einen breiten Strand und ein riesiges Wasser. Danach sahen sie noch mehr Land, mit Erhebungen, für die Christian keine Namen hatte. Er trat an eine der großen Türen heran und blieb stehen. Klara tat es ihm unwillkürlich nach und sie standen minutenlang an den Fenstern und sahen den Menschen zu, und deren Treiben auf dem Wasser und am Strand.

„Wieder eine Projektion?“, fragte Klara leise.

„Ich hoffe, nicht.“, flüsterte Christian.

Er erschrak, als jemand seine Schulter berührte. „Das ist echt und keine Projektion, Christian.“, antwortete die Frau, die vorhin neben ihm gelaufen und seine Schultern umfasst hatte. „Wenn du willst, kannst du das sofort ausprobieren. Allerdings würdest du mit deinem Auftreten jede Menge Aufmerksamkeit bei den Menschen da draußen verursachen. Mit deinem Einverständnis möchten wir das noch ein wenig vermeiden. Zumindest so lange, bis ihr über unsere Gemeinschaft, hier auf der Insel, informiert seid. Ginge das?“, lächelte sie ihn freundlich an und Christan konnte überhaupt nicht anders, als seine Zustimmung zu geben.

Sie kamen nun in einen Raum, dessen Einrichtung genauso heimelig, wie zweckentsprechend war. Vor einem großen Panoramafenster stand ein sehr großer ovaler Tisch, der aussah, als wäre er dem schwarzglänzendem Steinfussboden entwachsen. Farbe, Muster und Material erhoben sich in einem einzigen Standfuss, der zur Tischplatte hin immer breiter wurde und sie trug. Die Stühle hatten Armlehnen und sahen ebenso schwarz marmoriert aus, nur, dass die Sitzflächen und Rückenlehnen mit weichen Polstern bezogen waren.
Auf dem Tisch standen Gedecke und Gläser. An beiden Seiten links und rechts des Tisches standen Schränke, auf denen Behälter, Schalen und Schüsseln wunderbar angerichtet waren, vollgeladen mit Gerichten, deren Duft Christian das Wasser im Mund zusammen laufen ließ.
Eine weitere Sitzgruppe stand vor einer Feuerstelle und eine besonders schöne stand vor einem einzelnen Fenster. Sie umfasste nur zwei zierliche Sessel, die einen noch zierlicheren Tisch flankierten. Von da aus konnte man direkt auf das Festland sehen.
Bilder, die keine waren, sondern nur eine Kombination aus verschiedenen Farben, vermittelten den Eindruck, überhaupt keine Bilder, sondern Farbexplosionen zu sein. Christian hegte den leisen Verdacht, dass sich die Farben veränderten, wenn man an den Bildern vorbei lief, war sich aber nicht sicher.
Noch viel schöner und eigenartiger sahen die Pflanzen auf, die in großen Kübeln stehend, die Einrichtung abrundeten und den Raum zu dem schönsten Raum machten, den Klara und Christian je betreten hatten.

„Legt bitte eure Fingerspitzen in die kleine Mulde am Ende der Armlehnen.“, lud Martin sie zum Setzen am großen Tisch ein. „So können wir euch besser bei der Auswahl der Speisen beraten.“
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Klara und Christian ließen sich behutsam auf die Stühle nieder, die sich sofort ihrer Körpergröße anpassten und sie in die richtige Position zur Tischplatte brachten. Das bedeudete für beide auch, dass ihre Beine in der Luft baumelten. Klara fand das lustig und legte als nächstes bereitwillig ihre Finger in die Mulde.

„Ich bin gespannt, was ihr mir zu essen gebt.“, kommentierte sie das Geschehen. „Ich habe nämlich überhaupt keinen Hunger.“ Frei und offen sah sie in die Gesichter der großen Menschen, die mittlerweile ebenfalls Platz genommen hatten. Diese freundliche Frau zauberte durch eine Berührung der Tischplatte einen Bildschirm hervor, den sie mit kurzen und schnellen Bewegungen bediente.

„Du hast vollkommen Recht, Klara. Dein Körper benötigt derzeit nicht viel, um alle Energien aufzufüllen. Was dir fehlt, ist ein wenig Glück in Form von Süßigkeiten. Also empfehle ich dir einige Stücke aus der Kuchenecke, und schon geht es dir bestens.“ Selbst die Männer lächelten bei dieser launigen Rede und einer von ihnen sprang sogar auf und begab sich zum Kuchenbuffet. Dort packte er von jedem Kuchen und Gebäck ein Stückchen auf Klara’s Teller, so dass eine beachtliche Menge zusammen kam. Klara zierte sich nicht lange und griff zu.

Christian machte von seinem Hochsitz aus ein Gesicht, als wollte er sofort herunter klettern und die Gesellschaft verlassen. Seine Fingerspitzen berührten eher zufällig die Mulde, und er zog sie sofort zurück, als er es bemerkte. Aber dieser kleine Moment genügte vollkommen, um die notwendigen Daten zu übermitteln.

„Bei Christian sollten wir mehr auf deftige Kost setzten. Seine Werte weisen einige Defizite auf, die allerdings nicht allein von der stressigen Überfahrt stammen können. Ein großes Steak, Kartoffeln und ein gemischter Salat sollten hier erst einmal ausreichen. Martin, bitte kümmere dich darum.“, wandte sie sich an den Mann, der sich ebenfalls sofort erhob und die angesagten Speisen auf einem Teller häufte, der in Christians Augen für zwei gereicht hätte. „Ihr anderen holt euch bitte ebenfalls, für mich reicht ein Teller Salat.“, setzte sie ihre Anweisungen fort, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von Christian’s Gesicht zu nehmen.

Als der gefüllte Teller vor Christian stand, konnte er den Düften und auch seinem Hunger nicht widerstehen und langte tüchtig zu. Alle anderen folgten erst dann seinem Beispiel, als sie sahen, dass es Christian offensichtlich schmeckte. Nur die Frau, die die Anweisungen gegeben hatte, aß sehr wenig und beobachtete vor allem Christian. Als sie aber sah, dass Klara ihr Mahl beendete, wandte sie sich dieser zu.

„Die Situation ist für beide Seiten ungewöhnlich, und ich denke, wir befinden uns alle in ungefähr der selben Position.
Außer Martin glaubte niemand mehr daran, dass es auf der Station noch Leben gibt. Wir sind ein kleiner Kreis Menschen, die Martin überreden konnte, trotzdem eine gewisse Vorarbeit zu leisten, falls es doch jemand geschafft haben sollte. Ihr beide seid der Beweis, dass wir uns alle irrten, außer Martin natürlich. Aus dem Wenigen, was ich bisher heraus gehört habe, gibt es da drüben hunderte von Menschen. Ist das richtig?“

„Wir haben, bis vor ein paar Tagen auch nicht gewusst, dass es euch gibt. Ich war immer der Ansicht, dass uns der User als eine Art Spielzeug erschaffen hat. Nur stand ich mit dieser Meinung immer so ziemlich alleine da.“, gab Klara freimütig und mit einem leichten Lächeln zu, wurde aber sofort wieder ernst. „Ja, allein in WestLand müssen es mehrere hundert Menschen sein. Wie viele in RodLand leben, weiss ich leider nicht. Aber ich denke, es sind noch viel mehr, weil sie in Städten wohnen und Biomasse haben.“

„Das mit der Biomasse taucht immer wieder in euren Geschichten auf. Darüber müssen wir unbedingt als Nächstes reden.“, mischte sich nun Martin ein. „Mir brennt eine Sache auf der Seele. Es hat so viele Jahre gedauert, dass es endlich jemand geschafft hat zu uns zu kommen. Das hat doch bestimmt einen Grund, oder? Gibt es akute Zustände bei euch? Ist schnelle Hilfe von Nöten? Müssen wir irgend etwas sofort unternehmen?“ Man konnte Martin ansehen, dass er sehr aufgeregt war, und auch alle anderen beugten sich vor und zeigten, wie gespannt sie auf eine Antwort warteten.

Christian, der noch an den letzten Bissen schluckte, verstand den Sinn dieser Fragen zuerst überhaupt nicht. Dann fiel ihm wieder ein, was er in der Nacht in Hermann’s Archiv gelesen hatte. Er saß hier tatsächlich vor Menschen, die anscheinend wieder gut machen wollten, was andere verbrochen hatten. Und mit diesen Gedanken kochte auch seine Wut wieder hoch.

„Zumindest in dieser Sache ist das Experiment geglückt. Wir kennen so gut, wie keine Krankheiten. In RodLand sowieso nicht. Jeder ernsthaft Erkrankte landet im Sterbehaus. In WestLand weiss ich nur von den Alten Kindern. Aber die sind nur im Geiste krank, nicht im Körper.
Es ist also nicht sofort notwendig, dass ihr dort drüben zwei Welten durcheinander bringt. Und wo wir einmal bei diesem Thema sind, … Was hat euch eigentlich abgehalten, euch um uns zu kümmern? Das möchte ich nur zu gern als Allererstes wissen.“ Christian sprach zum Schluss immer lauter und alle Anwesenden, einschließlich Klara, zuckten bei seinen letzten Worten zusammen.
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Außer Martin vermochte es niemand der Anwesenden, Christian’s herausforderndem Blick standzuhalten.

„Ich weiß genau, wieso ihr euch so freut, uns zu sehen. Ihr seid einfach nur froh darüber, dass nicht alle Menschen umgekommen sind, die unter diesem Wahnsinn von einem Projekt, leben mussten und auch noch müssen. Deswegen kann mir niemand von euch in die Augen schauen. Aber, ja, wir leben noch. Und ab jetzt werde ich keinen Ton mehr sagen, bevor ihr uns nicht erklärt, was wir wissen wollen.“

Christian rutschte jetzt tatsächlich von seinem Stuhl herunter, hatte aber nicht bedacht, dass er nun gerade mal über die Tischkante sehen konnte. Das brachte ihn in eine scheinbar unterlegene Position. Christian ließ sich davon nicht beirren, brachte nur ein paar Schritte Abstand zwischen sich und dem Tisch und veränderte so die Perspektiven ein wenig mehr zu seinen Gunsten.

„Was ist hier los?“, fragte er, nunmehr richtig wütend. „Schließlich ist eingetreten, worauf einer von euch hoffte, und wovor sich der Rest der Mannschaft fürchtete. Habt ihr gedacht, dass WIR uns über EUER Dasein freuen?
Nö, ich tue es jedenfalls nicht. Ich werde hier herum geführt und begafft, als wäre ich schlimm auf Droge.
Ihr gehört anscheinend zu den Menschen, die viel reden und nicht zu sagen haben. Feiglinge und Arschkriecher hat sie meine Oma-Alte immer genannt. Damals habe ich die Worte nicht verstanden, jetzt schon. Ich habe absolut keine Lust darauf, euch kennenzulernen. Und wenn ihr mir zeigt, wie ich hier heraus komme, wäre ich sehr froh darüber.“ Christian atmete ein paar Mal tief durch, bevor er wieder in die Augen der Anwesenden schaute.

Das Wort ergriff die freundliche Frau und auch jetzt bereitete es ihr keine Anstrengung, Christian zu beruhigen.

„Ich werde dir von unserer Situation erzählen, Christian. Und soviel vorab, … du hast uns vollkommen richtig eingeschätzt. Wir sind eine Truppe von Feiglingen und Angsthasen. Und vielleicht gibt es dafür keine Entschuldigung. Das sollen Andere entscheiden und es soll auch nicht unser Problem sein. Bevor ich dir und deiner Begleiterin unsere Sicht und unsere Geschichte erzähle, gestatte mir noch eine Frage. Wie alt seid ihr?“

Christian wurde dermaßen von dieser Frage überrascht, dass er im ersten Moment nicht antworten konnte. Er suchte kurz nach Klara’s Blick, die anscheinend ebenso wenig verstand.

„Ich bin jetzt Dreizehn.“, antwortete er deshalb vorsichtig.

Und Klara gab sofort danach Auskunft. „Ich bin sechzehn.“
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Die Frau verständigte sich durch Blicke mit den anderen, die mit einem kurzen Nicken und einer unmißverständlichen Handbewegung Zustimmung bezeugten.

Klara war mittlerweile ebenfalls von ihrem Stuhl herunter gestiegen und hatte sich demonstrativ an Christian´s Seite gestellt. Sie versuchte noch zu vermitteln, da ihr die Stimmung nicht gefiel, die über ihnen allen lag, doch Christian hielt sie davon ab. So stand sie aufrecht neben ihm und schaute die großen Menschen erwartungsvoll an.

„Wir haben uns überhaupt nicht vorgestellt. Seht uns diese Unhöflichkeit bitte nach. Wir sind alle sehr aufgeregt, seit Martin uns rief und haben seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Also, mein Name ist Sörine Harmsen. Ich erzähle euch unsere Geschichte, weil du, Christian, mich anscheinend als ein vertrauenswürdige Person einstufst. Ansonsten bin ich nur ein Mitglied unserer Gemeinschaft, wie jeder andere hier auch.
Ich möchte euch nur bitten, wieder bei uns Platz zu nehmen. Dann fällt es mir leichter zu erzählen, was wir über eure Heimat wissen.“ Sörine lächelte bittend, machte damit aber keinen besonderen Eindruck bei Christian.

„Wir sitzen nicht auf Stühlen, auf denen wir unsere Füße nicht auf den Boden stellen können.“, erwiderte er ungerührt.

„Dem kann abgeholfen werden.“, antwortete Martin schnell und erfreut darüber, dass er helfen konnte, die Situation zu entspannen. Wenige Handgriffe genügten, um Tisch und Stühle der Größe seiner Gäste anzupassen. Nun saßen er und die anderen zwar so niedrig, dass sie die Beine von sich strecken mussten, um überhaupt noch vernünftig sitzen zu können, aber das störte Christian nicht im Geringsten.
Er nahm sofort wieder Platz und schien nun zum Zuhören bereit zu sein. Klara dagegen ließ sich auf einem der Bodenkissen nieder und demonstrierte so, was sie von dem Geschehen hielt. Das brachte ihr einen dankbaren Blick von Martin ein, der jetzt auch Sörine bedeudete, mit ihrer Geschichte zu beginnen.

SÖRINE ERZÄHLT

„Ich hole ein wenig weiter aus, damit ihr begreift, woher die Idee zu eurer Welt stammt und warum es unseren Vorfahren notwendig erschien, überhaupt an ein Experiment in diesen Dimensionen zu denken.
Noch vor etwa einhundert Jahren gab es viele verschiedene Länder in dieser Welt, vergleichbar mit euren Ländern. Jedes hatte seine eigene Regierung, seine eigenen Ansichten, seine eigene Art mit Menschen und Gegenständen umzugehen. Und, es gab in jedem Land Machthaber. Einer davon zettelte einen Krieg an und verlor ihn.
Was ein Krieg ist? Menschen eines Landes töten die Menschen eines anderen Landes, um deren Eigentum zu bekommen. Das ist eine sehr einfache Erklärung, aber ausreichend, um euch die Vorgänge zu verdeutlichen.
Viele Länder hatten sich zusammengeschlossen und bekämpften gemeinsam diesen Machthaber. Sie siegten und teilten das gewonnene Land unter sich auf. Die Gesinnung eines Siegerlandes vereinbarte sich nicht mit der, der anderen Sieger und so kapselten sie sich mit ihrem gewonnen Land ab und regierten es nach ihrem Glauben und ihren Ehrbegriffen. Aus diesem Land stammen unsere und auch eure Vorfahren. Diese Land hieß Deutsche Demokratische Republik und sie ist entstanden aus dem Ursprungsland Deutschland. Aber das ist schon lange nicht mehr wichtig.
Überall gab es damals Kriege. Sie waren schlimm und kosteten Millionen Menschen das Leben und eben so vielen viel Leid und Tränen. Aber das war nicht das Schlimmste. Die Menschheit war auf dem besten Weg die Natur dieses Planeten zu zerstören. Das geschah größtenteils resultierend aus Gewinnsucht, aber auch aus Unachtsamkeit und Unüberlegtheit, und auch aus fehlendem Wissen heraus. Nichts desto trotz wuchs die Gesamtzahl der Menschen weiter und es war abzusehen, dass die Erde die Menschen nicht mehr lange am Leben halten konnte.

Einige Wissenschaftler, Forscher und andere kluge Köpfe in dieser kleinen Republik sahen diesen Kollaps voraus und bekamen den Auftrag nach Alternativen zu suchen. So entstand die Idee zu eurer Welt.

Der Auftrag bestand aus zwei hauptsächlichen Zielen. Die Menschen sollten erstens, körperlich so klein wie es nur möglich war werden, damit sich dadurch ihr Lebensraum verringerte und somit mehr Platz für alle wurde. Dabei sollte eine Welt geschaffen werden, die unabhängig von der Tierwelt der Erde existieren konnte, und die Menschen trotzdem ernährte.
Zweitens sollte heraus gefunden werden, welche Art Gesellschaft besser unter diesen Umständen überlebte. Eine Anlagen-bauende, und technisch versierte Gemeinschaft, oder eine, die zu den Ursprüngen des Lebens zurück kehrte, mit allen Mitteln der medizinischen Versorgung.

Die Resultate aus diesem Experiment sollten dann dazu genutzt werden, um das Überleben der Menschen dieser Republik zu gewährleisten.

Das war der Plan.
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Die Menschen, die zu diesem Projekt geholt wurden, mussten absolut mit den Ideen und Vorstellungen der Republik konform gehen und zusätzlich noch einige Bedingungen erfüllen, damit die Geheimhaltung ihrer Forschungen gewährleistet war. Zu allererst mussten sie sich von ihrem bisherigen Leben komplett verabschieden. Für Freunde, Bekannte und sonstige Menschen waren sie tot. Es gibt Aufzeichnungen und Fotos, die sogar über erlogene Begräbnisse berichten.
Sie wurden hierher, auf diese Insel umgesiedelt. Nach und nach vertrieb die Regierung, also die damaligen Machthaber die ursprünglichen Bewohner von hier, bis nur noch die Wissenschaftler übrig waren. Diese kleine Gruppe Menschen wurde pausenlos mit allen wissenschaftlichen Informationen, Erkenntnissen und Neuerungen versorgt, die dem Projekt in irgend einer Weise nützten.
Gleichzeitig wurde mit dem Bau der Plattform begonnen und das alles, ohne dass dies irgend jemand bemerkte. Dieser Prozess und der Bau nahmen immerhin ein paar Jahre in Anspruch.

In dieser Zeit eskalierten die Konflikte zwischen den Ländern der Welt, so dass sich ein erneuter, dieses Mal weltweiter Krieg anbahnte. Doch bevor dieser entfacht wurde, schlug eine Macht zurück, der sich niemand widersetzen konnte. Es war der Planet selbst.
Durch permanente Zerstörung der Natur wurde das ökologische Gleichgewicht des Planeten dermaßen gestört, dass er sich mit all seinen Mitteln zur Wehr setzte. Überall auf der Welt brachen Vulkane aus, die Feuersbrünste auslösten und den Himmel vernebelten. Gleichzeitig bebte die Erde, das Klima, wie man es damals kannte, gab es nicht mehr. Das wiederum führte zu Wirbelstürmen, Überflutungen, und vielem anderen mehr.
Zwei Drittel der Erdbevölkerung kamen entweder bei den Katastrophen selbst, oder bei ihren Nachwirkungen ums Leben.

Jetzt endlich besann sich die übrig gebliebene Menschheit. Nicht wie sonst in der Geschichte führten die kargen Zeiten zu erneuten Konflikten. Im Gegenteil, die Menschheit hatte begriffen. Erst rückten die Menschen der einzelnen Kontinente zusammen und halfen sich gegenseitig über die ersten bitteren Zeiten. Dann wurde eine Weltgemeinschaft gebildet, die als erstes Raumfahrtsprogramme und Kriegsmaschinerien beseitigte und mit den entstandenen freien Ressourcen eine neue Welt aufbauten. Die Menschheit schaffte alles ab, was die Natur unnütz belastete. Natürlich verzichtete man nicht auf die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, man setzte sie nur sinnvoll ein.
Die Forschung und der Ausbau der natürlichen Energieerzeugung ging unter diesen Voraussetzungen vehement voran. Im Zuge dessen kam man zu dermaßen außergewöhnlichen Erkenntnissen, dass heute kaum noch Rohstoffe der Natur benötigt werden, um vernünftig leben zu können.

Eure kleine Plattform und diese Insel gerieten durch die gewaltigen Geschehnisse und daraus resultierenden Änderungen einigermaßen in Vergessenheit. Jedenfalls für den Rest der Welt. Nicht aber für die hiesigen Wissenschaftler und die Machthaber der damaligen Republik. Die arbeiteten umso intensiver an ihrem Experiment und schafften es tatsächlich, Menschen dort anzusiedeln und ihre Pläne zu verwirklichen.
Sie erfanden auch als Erste den Aufbau eines Kraftfeldes, obwohl das bis heute nicht bekannt ist.
Man hatte unsere Insel zu einem Naturschutzgebiet für seltene Tierarten erklärt. Und es wurde alles getan, auch von dieser Seite aus, dass diese Tarnung Bestand hatte. So konnten die Arbeiten weiter geführt werden, ohne, dass jemand darauf aufmerksam wurde.

Bis auch wir, und somit auch ihr, von den Umweltkatastrophen betroffen wurden.
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Die Insel und auch eure Plattform blieben weitestgehend von den Katastrophen verschont, aber dann, vor ungefähr achtzig Jahren, ereilten uns die Ausläufer eines großen Seebebens und den damit verbundenen Tsunamie.
Als mit dem Bau der Plattform begonnen wurde, stand die Forschung um die Kraftfelder noch in den Kinderschuhen. Deshalb verfügte der Versorgungstunnel noch nicht über die notwendigen Einrichtungen. Als die Plattform selbst fertig gestellt wurde, diente sie mehr oder weniger ebenfalls als Versuchsobjekt für die neue Technologie. Sie war damals noch nicht ganz ausgereift, reichte aber aus, um die Plattform zu schützen und die Versuchsgruppen voneinander getrennt zu halten.
Der Tunnel jedoch stürtzte ein. Die damaligen Forscher nahmen diese Katastrophe zum Anlass und erklärten das Projekt als gescheitert. Sie programmierten das Kraftfeld über der Plattform so, dass es scheinbar radioaktive Strahlung abstrahlte. Es wurde behauptet, dass die ehemalige Republik dort einen Bunker gebaut hätte, in dem sie ihren Atommüll lagerte. Durch das Beben hätte der Bunker Risse bekommen und Strahlung wäre ausgetreten. Die Wissenschaftler der Insel konnten glaubhaft versichern, dass sie ein wirksames Kraftfeld um den Bunker errichtet hätten, die die Strahlung im Inneren hält, aber eine physische Berührung mit dem Kraftfeld würde die Zerstörung zur Folge haben.
Deshalb erklärte die Weltgemeinschaft euer Gebiet zur Quarantäne-Zone. Von nun ab mied jeder Mensch und jedes Schiff die Gegend, in der eure Plattform liegt.

Natürlich versuchten die Ahnen, den Tunnel wieder frei zu bekommen und zu reparieren. Eine Zeitlang funktionierte auch noch das eine oder andere Transportband, so dass man noch Waren rüber schicken konnte. Eine der Überlebenden der Plattform schickte sogar immer wieder Nachrichten, bis diese ganz ausblieben. Dann wurde die Insel erneut von einem Seebeben erschüttert, was zur Folge hatte, dass nun auch das Depot der Insel, eigens für die Plattform gebaut, einstürzte. Die Ahnen gingen damals davon aus, dass alle Menschen auf der Plattform ums Leben gekommen sind. Nachschauen durften sie nicht, da dies jemandem hätte auffallen können. Die Quarantäne-Zonen wurden damals streng überwacht und auch heute noch hält man eine Auge auf sie, da man ja davon ausgeht, dass dort Atommüll lagert. Dies ist auch nicht das einzige Lager, das, von Kraftfeldern geschützt, auf seinen Abbau wartet. Nur hat man bisher immer noch keine brauchbare Technologie erfunden, wie man das Zeug wirklich vernünftig zu entsorgen. Bis es soweit ist, verlässt man sich auf die Kraftfelder, überwacht sie aber ständig.

Nun gut, die Ahnen gingen also davon aus, dass auf der Plattform niemand mehr lebte. Es gab jedoch auch einige unter ihnen, die das anzweifelten. Der größte Zweifler war wohl Martins Urahn, der bis zu seinem Tod behauptete, dass die umgesiedelten Menschen im Inneren der Plattform auf jeden Fall größte Überlebenschancen hatten. Schon auf Grund des Aufbaues der Station. Er führte sogar Tagebuch über seine Vermutungen, Zweifel und auch über sein schlechtes Gewissen, welches ihm mit zunehmenden Alter immer mehr zu schaffen machte. Auch, wenn er von allen als Spinner abgetan wurde, sogar vehemente Abneigung und Ausgrenzung erfuhr, hielt er an seiner Überzeugung fest. Und er schaffte es sogar, einige seiner ehemaligen Mitstreiter dazu zu bewegen, das Wissen über die Plattform nicht ganz sterben zu lassen. Deren Nachfahren sitzen hier vor euch.

Der Rest ist schnell erzählt. Die meisten der damaligen Forscher und Wissenschaftler taten alles dafür, dass dieses fragwürdige Experiment in Vergessenheit geriet und auch nie aufgedeckt wurde. Sie wuchsen zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen, die nach Außen hin alles tat, was von ihnen verlangt wurde, um das angebliche Naturschutzgebiet nach den Katastrophen wieder aufzubauen. Das gelang ihnen auch sehr gut, und wir führen ihre Arbeit noch heute sehr erfolgreich fort.
Die Alten erzählten die Geschichte von dem Experiment nicht mehr weiter, und die Nachfolgenden hörten irgendwann auf zu fragen. Die Gemeinschaft blieb unter sich. Natürlich gehen wir auch auf das Festland. Jeder muss seinen Dienst an der Weltgemeinschaft leisten. Außerdem haben wir hier nicht die nötigen Bildungseinrichtungen für die wenigen Kinder der Insel. Auch unsere Lebenspartner suchen wir uns in der Regel auf dem Festland. Aber fast alle kommen wieder zurück, meistens, wenn sie ihren Ruhestand genießen möchten. Fremde Gesichter sehen wir hier selten und auch nicht gern. So werdet ihr verstehen, warum ich euch vorhin bat, noch ein wenig Geduld zu haben.

Bis heute ist eure Existenz also geheim geblieben. Wir sind natürlich glücklich, dass ihr dort überlebt habt und ihr müsst uns alles über euer Leben erzählen. Aber dann sollten Entscheidungen gefällt werden, denn länger können wir euch sicher nicht geheim halten und wollen es auch nicht.“

Sörine nahm einen langen Schluck aus ihrem Becher und lehnte sich erschöpft zurück, behielt Christian aber immer noch im Auge, als befürchtete sie eine unerwartete Reaktion auf ihre Geschichte.
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Christian dachte überhaupt nicht daran, etwas Unerwartetes zu tun, da er die Geschichte so ähnlich in Hermann´s Archiv gelesen hatte; nicht ganz so ausführlich, aber im Grundsatz gleich.
Klara hingegen sah blass und mitgenommen aus. Sie war es auch, die als Erste sprach.

„Sie haben alle umkommen lassen, ohne Hilfe zu schicken? Was waren das nur für Menschen? Und ihr habt auch nichts unternommen. Noch nicht einmal nachgeschaut. Selbst wenn alle tot gewesen wären, hättet ihr euch doch zumindest einmal davon überzeugen müssen, dass niemand mehr am Leben war, oder nicht?“ Klara sah hilfesuchend zu Christian, der nur mit den Schultern zuckte.

Martin, der bei ihren Worten die Augen gesenkt hielt, schaute ihr jetzt ins Gesicht und Klara sah, dass er geweint hatte.
„Du hast vollkommen Recht, das war nicht richtig. Wahrscheinlich war es einfach bequemer zu glauben, dass alle umgekommen wären, als sich Gewissheit zu verschaffen.“

Jetzt schaltete sich Christian ein. „Es ist vollkommen gleichgültig, warum die Entscheidungen so, und nicht anders gefällt wurden. Was mich noch interessiert, und was Sörine nur vage beschrieben hat, ist, was das für Menschen waren, die auf die Plattform gebracht wurden.“

„Die Menschen beider Gruppen waren schlicht und ergreifend Gefangene der Republik.“, antwortete Martin, bevor es jemand anders tun konnte. „Für die erste Gruppe wurden ausschließlich Menschen mit technischer Begabung und Ausbildung ausgewählt. Welche anderen Prämissen gesetzt wurden, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls habe ich nichts Spezielles in den Unterlagen gefunden.
Für die zweite Gruppe nahm man nur Menschen, die noch eines der alten Handwerke beherrschten, Künste betrieben, solche Sachen eben.
Eines hatten sie aber alle gemeinsam. Sie wären in der Republik nie wieder aus dem Gefängnis heraus gekommen, und sie hatten wenig, besser noch, keinen familiären Hintergrund.“

„Daraus entstanden dann RodLänder und WestLänder.“, überlegte Christian laut. „Und warum sind wir so klein? Im Gegensatz zu euch, meine ich.“

„Dazu habe ich erst einmal eine Frage, Christian.“, mischte sich hier Sörine ein. „Musstes ihr irgendwelche Sachen einnehmen, regelmäßig, meine ich. Oder wurdet ihr behandelt, wurdet ihr gespritzt oder sonst irgend etwas mit euch angestellt? Es kann euch ganz selbstverständlich vorkommen. Etwas, dass in beiden Ländern immer wieder gemacht wird?“

Christian und Klara sahen sich gegenseitig an und dachten einen Augenblick nach. „Nichts dergleichen.“, antwortete Klara dann zögernd. „Allerdings sind wir nicht gerade beste Freunde und mein Wissen über RodLand beschränkt sich auf das, was ich von den wenigen Grenzgängern erfahren habe und was Hermann erzählt hat. Christian hält sich eher zurück, wenn es darum geht, etwas über sich und seine Heimat zu erzählen.“

Jetzt antwortete Christian. „Es gibt nichts, was sowohl alle RodLänder, als auch alle WestLänder gleich machen. Sie essen noch nicht einmal das gleiche Essen. Woher allerdings das Trinkwasser kommt, weiß ich nicht. Die Vegetation ist die Gleiche und wahrscheinlich atmen wir die gleiche Luft. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Warum fragst du?“

„Ich sagte doch zu Anfang, dass eine der Aufgaben darin bestand, die Menschen kleiner zu züchten, damit mehr Lebensraum für jeden Einzelnen geschaffen werden konnte. Scheinbar ist ihnen das irgendwie gelungen.
Und noch etwas ist passiert. Ihr müsst wissen, ich bin Ärztin und habe die Scanns ausgewertet, die wir von euch machten, als ihr hier angekommen seid. Ihr sagt, ihr seid dreizehn und sechzehn Jahre alt. Nach den Scanns zu urteilen, müsstet ihr mindestens doppelt so alt sein.“
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„Christian und Klara verstanden nicht, was Sörine ihnen damit sagen wollte. „Was bedeudet das?“, fragten sie beide gleichzeitig.

„Das bedeudet, dass ihr älter seid, als ihr denkt. Eure Genetik sagt mir, dass ihr mindestens doppelt so alt seid.“

„Nein, ich meine, was bedeudet `alt sein`? Dreizehn zu sein ist ein Zustand in Rodland. Man hat die Erwachsenen-Ausbildung hinter sich und kann arbeiten. Die Oberschichtler haben ihre Ausbildungsgänge absolviert und beginnen ihre Laufbahn in der Behörde. Man darf sich eine Lebenspartnerschaft suchen und Kinder zeugen.“

„In Westland ist es ähnlich. Ich habe alle Test´s bestanden und kann nun in jeder Gemeinschaft für die Gesundheit derer Mitglieder sorgen. Ich kann mir eine Gemeinschaft suchen, in der es mir gefällt, und wo meine Fähigkeiten gebraucht werden. Dort kann ich mich niederlassen und bleiben, ohne, dass ich den Rat um Erlaubnis bitten muss.“

Alle, die vor ihnen saßen verstummten und sahen sich verständnislos an, als sie diese Antworten hörten.

„Bei euch gibt es also keine Zeitrechnung?“, fragte Sörine noch einmal nach.

„Keine Ahnung.“, antwortete Christian. „Ich kann mit diesem Begriff nichts anfangen. Was ist eine Zeitrechnung?“

„Wir zählen Minuten, Stunden, Tage und Jahre. Danach bestimmen wir das Alter eines Menschen, die Dauer eines Projektes oder Ereignisses. Zum Beispiel zählen wir die Jahre, die ein Mensch von seiner Geburt an lebt. So bestimmen wir sein Alter. Oder wir zählen die Jahre, die vergangen sind, seit etwas geschehen ist. Mit Hilfe der Zeitrechnung koordinieren und planen wir unser ganzes Leben.“, zeigte sich Sörine nun überrascht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies fremde Begriffe für euch sind.“

„Sind es auch nicht. Natürlich kennen wir Minuten, Stunden, Tage und Jahre.“, antwortete Christian, immer noch verwirrt. „Und auch bei uns bestimmen die Zeiten unseren Alltag. Aber wir machen das nicht an uns persönlich fest. Das sind Sachen, die helfen, den Alltag zu organisieren. Warum zählt man die Jahre, die ein Mensch lebt und wie lang es her ist, dass etwas passiert ist. Das ist doch vollkommen egal, oder?“

„Nun, das ist wichtig für…“, hier stockte Sörine und sah sich hilfesuchend nach den anderen um, die aber anscheinend genau so überrascht waren, wie sie selbst. „Ehrlich gesagt, weiss ich nicht genau, warum wir das so machen.“, lachte sie. „Früher gab es Regeln, die, je nach Alter eines Menschen, schützen oder strafen sollten. Heute, ja…, keine Ahnung. Ich denke, da hat sich noch niemand wirklich Gedanken gemacht, warum das wissenswert ist. Ich glaube, da können wir was von euch lernen.*

„Vor allem sollten wir für heute zur Ruhe kommen.“, mischte sich nun ein Mann ein, der sich bisher im Hintergrund gehalten und noch kein Wort gesagt hatte. „Wir sollten nun die Ereignisse des heutigen Tages überdenken und uns morgen wieder hier treffen. Ihr werdet sicher müde sein.“, wandte er sich an Christian und Klara. „Ihr könnt euch aussuchen, wer von uns euch in eure Quartiere begleitet und euch erklärt, was euch unbekannt ist.“

„Ich bleibe mit Klara zusammen.“, bestimmte Christian darauf hin und der Mann nickte zustimmend.

„Auch dafür haben wir eine passende Unterkunft. Nur, lasst uns jetzt zur Ruhe kommen. Ich denke, die brauchen wir jetzt alle.

Das war sicher kein schönes Ende für einen ereignisreichen Tag, aber niemand widersprach und alle erhoben sich.
Christian stellte sich zu Sörine und Klara reichte Martin ihre Hand. Es bedurfte nur noch einer kleinen Geste, und schon liefen alle auseinander.

„Na prima!“, seufzte Martin, als sie vier allein waren. „Schlimmer hätte es nicht kommen können.“
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Martin führte sie zurück zum Eingangsbereich. Dort steuerte er auf eine Tür zu, über der ein großes Schild mit einem `Herzlich Willkommen` die Gäste grüßte. Sie traten in einen Raum, dessen Wände sofort hell wurden, als Martin die Tür öffnete. Die Einrichtung des Raumes überraschte die Ankömmlinge, denn sie war eher spartanisch. Es gab nichts, was in Christian oder Klara das Gefühl von Gemütlichkeit weckte.

„Wir wussten nicht, wie wir die Räume einrichten sollten, denn für uns alle war es unvorstellbar, was Menschen als gut empfinden, die Überlebende dieses Experimentes sind.“, erklärte Martin, der die Blicke seiner Gäste bemerkte. „Es gab heftige Diskussionen darüber. Schließlich einigten wir uns auf diese dürftige und überschaubare Einrichtung, da sie jederzeit verändert und ergänzt werden kann.“

„Ein wenig farbiger ist es bei uns zu Hause schon.“, lachte Klara. „Aber ich denke, für heute sollte das genügen. Ich bin sehr müde und möchte gern zur Ruhe kommen. Außerdem möchte ich noch ein paar Worte mit Christian wechseln. Zeigt uns einfach, wo wir uns ein wenig säubern und dann schlafen können. Und eine Toilette bräuchte ich ebenfalls ganz dringend.“

Sörine nickte darauf hin zustimmend und nahm Klara wieder bei der Hand. „Ich zeige dir dein eigenes Zimmer. Dort findest du auch die nötigen Dinge, um dich zu waschen und deinen anderen Bedürfnissen nachzukommen. Martin wird das gleiche bei Christian tun. Und dann lassen wir euch allein.“

„Du bist verärgert.“, stellte Klara leise fest. „Aber mach dir keine Gedanken, das wird schon alles werden. Habt ihr einen User? Ich meine, jemanden zu dem ihr bitten könnt, wenn ihr Wünsche habt. Meine Gemeinschaft sind die Wünscher. Wir sind nicht sehr beliebt in WestLand, aber ich weiss jetzt, dass wir am Tod so vieler Menschen überhaupt nicht schuld sind. Und das hat mich sehr froh gemacht.“

„Ich verstehe nicht wirklich, was du mir da erzählst. Wir sind sehr gespannt auf eure Geschichten. Nur, sollten wir das tatsächlich auf morgen verschieben. Hier ist dein Zimmer.“ Sörine wollte ganz offensichtlich nicht weiter reden. Sie zeigte Klara noch die Dusche und die Toilette, dann verabschiedete sie sich.

Das Zimmer war genauso einfach eingerichtet, wie der erste Raum. Vorherrschend war ein breites Bett, in das sich Klara liebend gern sofort gelegt hätte. Aber der Drang, mit Christian zu reden, war größer.
Er wartete auch schon im ersten Raum und sie setzte sich still zu ihm. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, Fragen zu stellen oder über das Erlebte reden zu wollen, bevor er nicht selbst damit begann.
Aber als er begann, brachen all seine Wut und seine Enttäuschung aus ihm heraus, die er bis dahin hinter seinem Schweigen verborgen hatte. Angefangen vom Traktorstrahl, über die Erkenntnis, dass sie nur Kinder eines Experimentes waren, bis hin zu dem eben gehörten Schuldbekenntnis, es gab nichts, was ihm an dem heutigen Tag nicht wütend gemacht hätte.
Klara versuchte erst gar nicht, ihn zu beruhigen. Irgendwann begann er, ruhiger zu werden. Irgendwann war alles aus ihm heraus , was er auf Grund seiner Erziehung bis dahin zurück gehalten hatte und er ließ sich, vollkommen erschöpft, neben Klara nieder.

Den Menschen, die an den Monitoren diesen Ausbruch verfolgten, liefen die Tränen in Strömen über das Gesicht. Sie ahnten ja nicht, dass RodLänder immer die Wahrheit sagen mussten und ansonsten lieber schwiegen.
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Am nächsten Morgen wurden Klara und Christian von Sörine im Wohnraum erwartet. Sie informierte die beiden, dass alle Mitglieder der Gemeinschaft auf sie warteten um mit ihnen gemeinsam zu frühstücken. Alle wären gespannt, was die beiden von der Plattform zu erzählen hatten. Und danach sollte noch beraten werden, wie es weiter gehen sollte.

„Ich würde viel lieber das Festland sehen.“, wagte Klara einzuwenden, aber Christian überraschte sie, in dem er Sörines Plan zustimmte.

„Wir haben uns nie Gedanken gemacht, was passieren soll, wenn wir es nach draußen schaffen. Martin, Sörine und die anderen haben zumindest einen Plan. Und, es ist gut, dass sie sich mit uns beraten wollen. Das hätte auch anders laufen können.“

Sörine fühlte sich erleichtert. Nachdem sie alle Christian´s Gefühlsausbruch miterlebt hatten, machten sich einige von ihnen große Sorgen und sie hatten die halbe Nacht damit verbracht, zu überlegen, wie man den Menschen helfen und sie wieder in die große Gemeinschaft der Menschheit aufnehmen konnte. Da gab es so viele Dinge, die man ihnen erklären musste, die zu lernen waren. Und man durfte auch nicht vergessen, dass sie ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben hatten, was sie sicher nur ungern aufgaben. Die größte Sorge machte ihnen die Gesetze. Wenn man die Menschen integrieren wollte, mussten sie sich bedingungslos den Regeln der Weltgemeinschaft anpassen. Nach den vielen Entbehrungen und Kämpfen war ein Level erreicht, das keine Außenseiter duldete. Wenn es sie gab, schickte man sie in geschützte Territorien, in denen sie ihren Neigungen entsprechend leben konnten. Sie hatten aber keinen Zugang zur Gemeinschaft und wurden auch nicht von ihr versorgt. Sörine konnte sich nicht vorstellen, dort zu leben und war froh darüber, dass sie sich auf der Insel aufhalten durfte. Der Sonderstatus der hiesigen Menschen durfte deshalb nicht in Gefahr gebracht werden. Aber es musste auch unbedingt verhindert werden, dass die Überlebenden der Plattform in eine Gesperrte Zone gebracht werden.

Klara riss sie aus ihren schweren Gedanken heraus. „Wir würden uns gern frische Sachen anziehen, bevor wir zum Frühstück kommen. Unsere Sachen sind aber noch auf dem Schiff. Könntest du veranlassen, dass sie uns gebracht werden?“

„Oh, das ist nicht notwendig. Alles was ihr benötigt, findet ihr hier. Ich zeige euch, wie es geht. Kommt mit!“ Sörine lief in Klara`s Schlafzimmer und öffnete einen schmalen Schrank. „Dein Nachtgewand, Klara.“ Sie griff in den Schrank und holte ein langes Shirt heraus. „Entschuldige bitte. Ich vergaß gestern Abend, dir die Funktion dieses Schrankes zu erklären. Für uns ist das so selbstverständlich und ich war so aufgeregt.“ Sörine steckte das Shirt wieder in den Schrank und schloss die Tür. Als sie sie nach ein paar Sekunden wieder öffnete, holte sie einen bequem aussehenden zweiteiligen Anzug, nebst Unterwäsche, Strümpfen und Schuhen heraus. „Einen ähnlichen Schrank findest du im Badezimmer. Die benutzten Handtücher, oder auch die Sachen, steckst du einfach nach dem Duschen wieder da hinein und findest neue, wenn du wieder welche brauchst.“
Sie wandte sich zu Christian um, der jeden ihrer Handgriffe genau verfolgt hatte. „Ich hoffe, Martin war weniger nachlässig und hat dir das alles erklärt. Aber ich befürchte, dass auch du noch nichts von diesen Schränken wusstest.“

„Das ist Zauberei.“, antwortete er, mehr sich selbst. Dann aber schien er aus dem Staunen zu erwachen und antwortete nun Sörine auf ihre Frage. „Nein. Ich meine, Martin hat mir nur die Handhabung der Dusche und der Toilette erklärt. Aber, wie geht denn das mit dem Schrank?“, fragte Christian, immer noch verblüfft.

„Das ist keine Zauberei.“, sagte Sörine. „In jedem eurer Zimmer wacht IVI über euch. Das ist ein Computersystem, das anhand eurer Stimmung, der Tageszeit, der Temperatur und vieler Dinge mehr bestimmen kann, welche Kleidung ihr gerade benötigt. Ich erzählte euch schon, dass wir große Fortschritte machten, vor allem auf dem Gebiet der Umweltschonung. Früher hatten die Menschen, jeder für sich, ganz viele Kleidungsstücke. Und diese waren zum großen Teil der jeweiligen Mode und vor allem dem Geld, also dem Besitz des Menschen angepasst. Die Herstellung der Kleidung war ein große Belastung für die Natur. Deshalb wurde ein Verfahren entwickelt, das die Herstellung von Kleidung praktisch revolutionierte.
Heute hortet kein Mensch mehr Kleidungsstücke in seinem Heim. IVI erkennt, was man braucht, wie man sich fühlt und was notwendig zur Bekleidung ist. Dementsprechend stellt sie es ihrem Menschen zur Verfügung. Es wäre sicher zu kompliziert, euch das Verfahren zu erklären. Für den Anfang sollte euch das Wissen genügen, dass euch eure IVI schon längst vermessen und gescannt hat. Sie brauchte nur noch das OK für die Herstellung eurer heutigen Kleidung.
Ich schlage vor, dass ihr jetzt duscht und dann gehen wir zum Frühstück. Christian, du wirst wohl auch erst dein Nachtgewand aus deinem Schrank nehmen müssen und dann gleich wieder hinein tun. Dann findest du nach dem Duschen auch deine Kleidung im Schrank.“

„Was ist, wenn mir die Kleidung nicht gefällt?“, fragte Klara und dachte dabei an Kimmy, die ja doch ihren eigenen Stil hatte und sicher schwer davon abzubringen war.

„Von solchen Überlegungen haben wir uns vollständig gelöst. Zumal IVI auch in der Lage ist, unsere jeweiligen Gemütszustände und die damit verbundenen Bedürfnisse zu erkennen. Damit bringt sie so viel Farbe und Abwechslung in unser Aussehen, dass uns das genügt.“

„Und wenn mir etwas richtig gut gefällt, und ich es behalten will?“ Klara konnte sich immer noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass ein Computerprogramm über ihr Aussehen bestimmen sollte.

„Dann leistest du entsprechenden Dienst in der Natur, lernst, wie die Kleidung hergestellt wird, und tust dann genau das dafür Erforderliche. Glaub mir, du wirst das nicht mögen.“, lachte Sörine und ließ die Beiden allein.
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Als Klara zurück zum Wohnraum kam, wurde sie von Sörine erwartet und freudig begrüßt.

„Du siehst gut aus.“, stellte sie lächelnd fest. „Ich hoffe, du fühlst dich wohl?“

„Oh ja, der Stoff fühlt sich wundervoll an. Und die Farben passen genau zu meiner Stimmung. Diese IVI finde ich toll. Sie hat ganz genau meinen Geschmack getroffen, ich finde das einfach …“, unterbrach sie ihre Rede, und starrte überrascht auf Christian, der soeben den Wohnraum betrat, allerdings nur mit Unterwäsche bekleidet. „…komisch, wie sie uns einschätzt.“, vollendete sie den Satz und vermochte dann nicht weiter reden, weil sie dem Kichern, das sie bei seinem Anblick überkam, nicht länger Einhalt gebieten konnte. „Du wirst auf jeden Fall Geschichte schreiben, wenn du so vor unsere neuen Freunde trittst und von RodLand erzählst.“, lachte sie nunmehr ungezwungen heraus und Sörine stimmte mit ein.

Christian sah einigermaßen verärgert auf die lachenden Frauen, konnte sich aber der Situationskomik nicht ganz entziehen. Deshalb brachte er auch nur ein schiefes Grinsen zu Stande.
„IVI scheint irgend etwas falsch verstanden zu haben. Sie hat mir ein Kleid gemacht.“, streckte er hilflos die Arme vor und zeigte das Gewand.

Sörine stand sofort auf und lief auf ihn zu. „Das ist kein Kleid, Christian. Wir nennen es einen Kaftan. Wir bekommen ihn von IVI, wenn wir unsere wahre Gestalt verbergen und uns trotzdem wohl fühlen wollen. Probier ihn einfach an und sag mir, wie du dich fühlst.“
Einigermaßen misstrauisch zog Christian das Gewand über und fühlte sich aber, wider Erwarten, richtig wohl in diesem Kaftan. Und das sagte er auch, womit er ein zufriedenes Lächeln in Sörines Gesicht zauberte.
„Irgendwann möchte ich wissen, wie das geht, mit der Kleidung und dieser IVI. Für den Anfang finde ich sie aber auch gut.“, bemerkte er abschließend und gesellte sich nun zu den Frauen an einen reichlich gedeckten Frühstückstisch.

„IVI kann noch viel mehr. Sie hat uns auch dieses Frühstück ausgewählt, oder sie schickt uns zum Gesundheitstest, wenn wir es nötig haben.“, erzählte Sörine im Plauderton weiter und angelte dabei nach einem Brötchen.

„Und was ist, wenn ich mal auf etwas Appetit habe, wovon IVI nichts weiß?“, fragte Klara. Diese IVI wurde ihr langsam unheimlich, vor allem, weil sie sich ständig beobachtet fühlte, je mehr Sörine von ihr erzählte.

„Dann gilt das Gleiche, wie bei der Kleidung. Du lernst, wie man das Essen herstellen muss, und was alles dazu gehört. Das tust du dann und danach kannst du essen oder halt trinken, was du hergestellt hast. Ich kann dir aber versichern, dass es bei mir persönlich noch nie vorgekommen ist, dass ich etwas wollte, was IVI nicht für mich bestellt hatte. Ich kenne auch niemanden in meiner Familie oder Bekanntenkreis, dem so etwas schon einmal passiert ist. Die Menschen, die diese Art Arbeit auf sich nehmen, tun das mehr aus einer inneren Überzeugung und aus dem Bedürfniss heraus, ein Handwerk auszuüben. Wir haben besondere Territorien geschaffen, die die notwendigen Voraussetzungen dafür bieten, ein bestimmtes Handwerk auszuüben. Dorthin kann man gehen, wenn es jemanden einmal so ist, wie du das haben willst, Klara. Aber eigentlich haben sie vorrangig die Funktion, das Handwerk selbst nicht zu vergessen, nicht, dass Menschen sich kleiden oder essen können.“

„Dann muss es dort sein, wie in WestLand.“, rief Klara erfreut. „Das möchte ich sehen, darf ich?“

„Aber natürlich darfst du das. Ich fände es nur zu diesem Zeitpunkt schön, wenn ihr uns erst einmal erzählt, wie es bei euch zu Hause zugeht. Einverstanden?“

Beide nickten und da sie ihr Frühstück mittlerweile beendet hatten, erhoben sich die drei und begaben sich in den Gemeinschaftsraum. Dort wurden sie von Martin und seinen Freunden schon erwartet und herzlich begrüßt.
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Unter den Anwesenden befand sich auch ein Unbekannter, der nicht zum gestrigen Begrüßungskomitee gehört hatte. Er fiel sofort auf, da er die anderen mindestens um einen Kopf überragte, erheblich jünger war und außerdem ein Gewand trug, dass sich deutlich von denen der Anderen unterschied. Es sah irgendwie feierlich aus und hob sein Äußeres noch ein wenig mehr von allen Anderen ab. Dieser Mensch kam auch sofort auf Klara und Christian zu und stellte sich als Magister Sven vor.

„Magister ist ein seltsamer Vorname.“, bemerkte Christian, nachdem er sich und Klara ebenfalls vorgestellt hatte. „Ich glaube nicht, dass es in RodLand auch nur einen Menschen gibt, der so heißt.“

Der Magister lachte darauf hin, als hätte Christian einen Scherz gemacht. „Ich glaube, du verstehst da etwas falsch. Mein Name ist Sven. Magister ist die Bezeichnung für das Amt, das ich übernommen habe.“

„Martin und ich haben uns bisher mit den Informationen über unsere Welt zurück gehalten.“, schaltete sich Sörine nun in das Gespräch ein. „Die beiden hier sind vollkommen isoliert davon aufgewachsen. Wir wollten sie nicht überlasten. Wir wissen bisher noch fast nichts über ihre Welt. Deshalb haben wir dich zu einer so frühen Stunde hier her gebeten, damit du alles von Anfang an mitbekommst.“

Sörine bat Christian und Klara auf Plätze, die sich in der Mitte der Gruppe befanden und setzte sich dann zu Martin. Alle schwiegen und schauten die beiden erwartungsvoll an.
Schon, um diesen Druck zu entgehen, begann Klara von WestLand zu berichten. Bei ihrer Geschichte von den Geburtshäusern, den Alten Kindern und den Wächtern ging ein Raunen durch die Anwesenden. Sie wusste, dass es nur die Höflichkeit und der Respekt ihr gegenüber waren, die sie vor Fragen schützten. Als Christian übernahm, von Versorgeläden, der Behörde und den Sterbehäusern berichtete, wurde es ganz still. Auch, als er von seiner Flucht erzählte, den Dronen und ihrem Weg zur Draußen-Welt, hörte man keinen Laut.
Zu guter Letzt berichtete Martin noch von dem Experiment und allem, was er aus den alten Aufzeichnungen heraus gelesen und an Überlieferungen gehört hatte.
Der Magister hörte allen Rednern geduldig zu und unterbrach keinen von ihnen mit einem Wort. Nur seinem Minenspiel konnte er nicht immer gebieten.
Als alles erzählt war, erhob sich der Magister und sah alle der Reihe nach an.

„Es ist unglaublich, was ihr da erzählt und was unsere Vorfahren dort, nur wenige Kilometer vor unserer Haustür, erbaut haben sollen.“, sagte er langsam. „Noch unglaublicher ist die Tatsache, dass ihr hier auf der Insel von dem allen gewusst und nie einen Ton darüber gesagt habt.“

„Wem hätte es etwas genützt?“, wagte Martin einzuwenden. „Zuerst gab es weitaus wichtigere Probleme zu lösen. Und dann kamen ja auch keine Lebenszeichen mehr. Nachdem die Plattform offiziell in eine Quarantäne-Zone umgewandelt wurde, bestand erst recht keine Eile mehr. Vor allem hätte ich mich strafbar gemacht, wenn ich in diese Zone gefahren wäre.“

Sven wusste, wovon Martin redete. Er bat alle, sich zum Mittagstisch wieder einzufinden. Er müsse jetzt erst einmal nachdenken. Und so verließ er den Raum.
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Sven lief in seinem Quartier auf und ab und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Er kannte sein Land und die wenigen Menschen, die hier lebten und er kannte auch die Vorgeschichte dieses Landes. Aber er war in dem Bewusstsein heran gewachsen, dass die Irrungen und Abscheulichkeiten, deren sich sein Volk schuldig gemacht hatte, der Vergangenheit angehörten. Er benötigte einige Zeit bis er begriff, dass er hier auf die Reste seiner eigenen Geschichte gestoßen war. Sven gehörte zu den jüngsten Magistern der Weltgemeinschaft. Er zeichnete sich durch seine Intelligenz und seinem Streben nach der Wahrheit aus. Die Forschungsteams, die er ins Leben gerufen hatte, waren äußerst erfolgreich. Dass es in seinem Bereich Dinge gab, von denen er nicht die geringste Ahnung hatte, hätte er bis heute Morgen für unmöglich gehalten.
Er verschwendete keinen Gedanken daran, wie er das dem Weltrat beibringen sollte, obwohl er wusste, dass dies ein schwerer Gang sein würde. Ihm machte viel mehr Sorge, wie diese Menschen in die Gemeinschaft integriert werden konnten. Vor allem Christians Bericht von den Drohnen beunruhigte ihn. Auf der Erde waren jegliche Art von automatischen Waffen vernichtet wurden. Wenn es jetzt eine Truppe ausgebildeter Menschen gab, die über eine Waffengewalt verfügte, und diese im Ernstfall auch einsetzte, fand sie eine vollkommen wehrlose Menschheit vor sich, die sie ohne Anstrengung unterwerfen konnte. Das musste unter allen Umständen vermieden werden.
Es gab keinen anderen Weg. Christian, Klara und Martin mussten ihre Geschichte dem Weltrat vortragen. Und dann musste gemeinsam beraten werden, wie man diese unerwartete Gefahr abwenden konnte. Sven fühlte sich plötzlich wieder frei und sehr viel leichter, als er mit seinen Überlegungen zu diesem Entschluss kam. Von dieser Euphorie getragen trat er den Weg zum Mittagstisch an, ließ sich sein Essen schmecken und amüsierte sich köstlich darüber, was Christian und Klara über die Speisekarten ihrer Heimat zu berichten hatten.

Nach dem Essen lud Sven zu dem Treffen mit dem Weltrat ein und war überaus erstaunt, dass Christian sich dagegen wehrte.
„Warum soll ich vor euren Weltrat?“, fragte Christian, nachdem Sven davon gesprochen hatte. „Und wie kommst du darauf, dass RodLänder irgendwo integriert werden müssen? ICH wollte raus aus RodLand. ICH glaube an eine andere Bestimmung, für MEIN Leben. Was hat das mit dem Leben der Anderen zu tun?“

Sven hatte eine Gegenwehr aus dieser Richtung überhaupt nicht erwartet. „Wir müssen euch doch aus der Isolation heraus holen. Ihr müsst doch Teil unserer Gemeinschaft werden. Und wir können nicht so tun, als gäbe es euch nicht.“ Sven kam ordentlich ins Schwitzen als er nach Antworten auf Christian´s Frage suchte.

„Wenn ich alles richtig verstanden habe, ahnte bisher niemand, Martin ausgenommen, dass es uns gibt. Wir sind ein Experiment, das Menschen gestartet haben, die längst nichts mehr zu sagen haben. Willst du die Menschen, die da drüben leben wirklich in eure Welt versetzen? Was ist, wenn sie das nicht wollen?“

„Ich habe keine Ahnung. Aber ich denke, dass dies alles falsch ist, was bei euch passiert.“

„Für deine Welt, vielleicht. Aber für die Menschen da drüben doch nicht. Ich lasse es nicht zu, dass meine oder Klara´s Leute durch mich leiden müssen.“ Christian sagte dies mit einer Bestimmtheit, die Sven zum Nachdenken brachte.
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Auch Sörine, Martin und alle anderen Anwesenden dachten über Christian´s Worte nach. Klara gab Christian recht und warnte davor, überstürzte Entscheidungen zu treffen.
Selbst Martin schraubte seinen Tatendrang zurück und sah ein, dass hier eine Lösung ausgedacht werden musste, die vor allem die Menschen schützen sollte, die auf ihrer Plattform nichts vom Rest der Welt wussten.
Klara schlug vor, sich zuerst mit den Wächtern zu besprechen. Sie vermutete, dass diese noch viele Informationen hatten, die Hermann nicht an seine Besucher weiter gegeben hatte, einfach, weil es ihm vielleicht nicht wichtig erschien. Dieser Vorschlag wurde von allen begeistert aufgenommen und in kürzester Zeit entbrannte ein heftige Diskussion über die nächsten Schritte in Richtung Plattform.
Der Magister hörte sich alle Vorschläge an, ohne sich einzumischen. Dann unterbrach er die Debatte mit einer einzigen Handbewegung und erinnerte daran, dass, egal, was sie als nächstes unternehmen würden, die Zustimmung des Weltrates vorliegen musste. Betroffen schwiegen alle und senkten den Blick, denn diesen Aspekt hatten sie tatsächlich vollkommen verdrängt.
Christian hatte dem allen ebenfalls nur zugehört und sich nicht an der Debatte beteiligt. Nun wandte er sich an den Magister und fragte ihn, was denn so schlimm wäre, wenn man den Weltrat zu diesem Zeitpunkt noch nicht informiert.

„Wie meinst du das?“, fragte Sven verblüfft.

„Ich frage dich, ob es euch erlaubt ist, etwas zu verschweigen? Oder vielleicht sogar zu lügen? Und wenn nein, was passiert mit euch, wenn es euer Weltrat erfährt?“, präzisierte Christian seine Frage.

„Oh, ach so meinst du das. Natürlich kann man lügen oder etwas verschweigen. Es ist nur unhöflich und wird nicht mehr praktiziert. Wenn doch, dann könnte es mir zum Beispiel passieren, dass ich das Vertrauen und die Achtung meiner Mitmenschen und der Magister verlöre. In diesem Fall hat jeder Betroffene das Recht, um meine sofortige Ablösung zu ersuchen. Eine Abstimmung darüber erfolgt sofort über IVI. Und wenn mehr als fünzig Prozent dafür sind, werde ich von meinem Amt entbunden und ein neuer Magister gewählt. Das wäre meine Strafe.“

„Das klingt nicht sehr schlimm. Bei uns stände die Behörde sofort auf dem Plan und wir könnten nicht mehr anders, als die Wahrheit zu sagen. Erwachsene landen dann im Sterbehaus, je nach Schwere der Lüge. Kinder werden von ihren Eltern getrennt und in einer der Felsenfestungen zu Behörde-Menschen gemacht.“

„RodLänder bekommen einen Chip in den Arm. Der erkennt, ob ein Mensch lügt, und das wird sofort an die Behörde gemeldet.“, erklärte Klara, die die irritierten Blicke untereinander und das Unverständnis aller sofort registriert hatte.

„Schweigen wird nicht bestraft, also lernt jedes Kind bei uns zu schweigen. Wenn ihr das könnt, dann lasst uns allen drei Tage Zeit, bevor wir die Plattform offiziell werden lassen.“, schlug Christian vor.
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Zu diesem Zeitpunkt erhob eine Frau ihre Stimme, die sich bisher immer dezent im Hintergrund gehalten und sich kaum an den Diskussionen beteiligt hatte. Sie unterschied sich von den Anwesenden, weil sie zum einen älter als alle war und zum anderen eine Ruhe und Sicherheit austrahlte, derer man sich schwer entziehen konnte. Christian, dem es genau so ging, hatte beobachtet, dass sich die Blicke der jeweiligen Redner immer wieder zu ihr verirrten. Einfach, um zu erkennen, was sie von dem Gesagten hielt.

„Mein Name ist Griseldis, Christian. Ich glaube, du kannst mich mit einer der Ältesten in WestLand vergleichen, obwohl es solche Hierarchien bei uns nicht mehr gibt. Vielleicht bin ich auch eine Art Wächterin, denn ich habe mein Wissen über eure Plattform an meinen Sohn Martin weiter gegeben, den du nun schon kennen gelernt hast.
Ich gebe dir vollkommen Recht. Hier darf nichts überstürzt werden, und weder Sven, noch sonst irgend Jemand hat etwas zu befürchten, wenn wir hier noch ein wenig still sind.
Was ich jetzt unbedingt wissen muss, ist, ob du auch jetzt noch Pläne hast, von denen wir wissen sollten?“

„Ich habe zur Zeit keine Pläne, Griseldis.“, antwortete Christian freimütig, stand aber unwillkürlich auf, als er sie direkt ansprach. „Das Einzige, was ich nicht möchte, ist, dass unseren Leuten dort drüben etwas angetan wird, was sie nicht wirklich wollen. Das möchte ich nicht auf mein Gewissen laden.“

„Dann sind wir uns in diesem Punkt schon einmal einig. Das gibt mir den Mut, meine Bitte vorzutragen. Ich möchte den heutigen Abend und den morgigen Tag gern mit Klara und dir allein verbringen. Wenn ihr es erlaubt, werde ich mich sogar bei euch einquartieren und auf der Couch in eurem Wohnzimmer schlafen.“

Klara ergriff die Gelegenheit und stellte sich neben Christian. „Du kannst mein Bett haben, Griseldis. Ich schlafe bei Christian. Wir haben in den letzten Wochen oft nahe beieinander geschlafen. Und, ich würde gern mit dir zusammen sein.“
Christian bekräftigte diesen Wunsch mit einem Kopfnicken und Griseldis quittierte diese spontane Zusage der Beiden mit einem feinen Lächeln.

„Gut, dann werden Sven und Martin dafür sorgen, dass Morgen ein Teil der Insel für uns abgesperrt wird, damit wir nicht weiter den ganzen Tag im Haus bleiben müssen. Außerdem werde ich veranlassen, dass uns für den heutigen Abend eine Reihe der besten Dokumentationen zur Verfügung stehen, die euch zeigen werden, was in den letzten Jahrzehnten auf diesem Planeten geschehen ist. Übermorgen kommen wir dann alle wieder zusammen, und beraten dann gemeinsam weiter. Seid ihr damit einverstanden?“, fragte sie in die Runde, sah aber letzendlich Christian und Klara an. Diese nickten nur und stellten sich an ihre Seite. „Dann wäre das ja wohl geklärt.“, freute sich Griseldis und verließ mit den Beiden den Raum.

„War das nicht furchtbar unhöflich?“, fragte Klara bedrückt, als sie durch die Eingangshalle liefen.

„Ja. Das war es.“, bestätigte Griseldis Klara´s Eindruck. „Aber glaube es mir, sie werden genau tun, was ich bestimmt habe. Nicht zuletzt deswegen, weil mein Sohn und ich schon seit Jahren auf die Möglichkeit eurer Existenz hinweisen. Auch im Weltrat. Ganz so unangemeldet erscheint ihr also nicht. Uns hat man immer als Spinner und Phantasten abgetan, und deswegen haben wir geschwiegen. Nun werden sie mit einer Situation konfrontiert, der sie sich bis heute nie stellen wollten. Es gab immer wichtigere Dinge, als die Folgen eines solchen Experimentes zumindest zu prüfen. Auf die Gesichter der Magister im Weltrat bin ich echt gespannt, wenn wir mit euch vor sie treten. Ihr müsst darauf drängen, dass ich dabei sein darf. Ehrlich gesagt nutze ich ein wenig meine Stellung und mein Alter aus, um dieses Ereignis erleben zu dürfen.“

„Du kommst aber nicht etwa aus RodLand?“, grinste Christian verschmitzt.

„Nein, mein lieber Christian. Aber deine Oma-Alte hätte mir gefallen. Und deine kleine Schwester muss ich unbedingt kennenlernen.“
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Sie betraten den Wohnbereich der Gästewohnung. Griseldis sah sich kurz um und sagte dann:

„IVI? Lege mir bequeme Kleidung und alles, was ich in den nächsten 48 Stunden benötige, in Klaras Schrank. Ich werde eine Weile hier bleiben und sehne mich nach weniger offizieller Kleidung.“

„Sehr gern, Griseldis“, drang darauf hin eine sehr angenehme Frauenstimme anscheinend aus den Wänden. „Die bestellten Dokumentationen sind auch schon eingetroffen. Ich bin zum Senden bereit.“

„Danke IVI. Wir werden später darauf zurück kommen.“ Griseldis ließ sich Klara`s Zimmer zeigen und verschwand darin.

Klara und Christian nahmen auf der Couch Platz und schwiegen eine ganze Weile. Doch Klara hielt die Stille nicht lange aus.

„Es ist schön hier, und die Menschen sind sehr freundlich. Ich finde zwar alles ganz schön verwirrend, aber das ist wohl normal, wenn man in eine andere Welt kommt. Das mit IVI und dem Essen finde ich genial. Ich möchte zu gern wissen, wie das alles funktioniert. Was denkst du darüber?“

„Du plapperst Klara.“, antwortete Christian mürrisch. „Klar möchte ich das alles auch verstehen, aber ich habe zur Zeit andere Sorgen.“

„Man könnte denken, dass es dich überhaupt nicht freut, dass wir es bis hier her geschafft haben.“ Klara ignorierte ganz einfach Christian´s Laune, obwohl es sie verletzte, dass Christian sie so wenig freundlich behandelte. „Rede mit mir über deine Sorgen.“, schlug sie ihm vor. „Vielleicht finden wir ja gemeinsam eine Lösung.“

„Ich glaube kaum, dass wir uns noch in der Position befinden, in der wir über Lösungen bestimmen dürfen.“

„Da irrst du dich gewaltig, mein lieber Christian.“, ertönte als Antwort Griseldis´ Stimme, die das Wohnzimmer, unbemerkt von den beiden, wieder betreten und die letzten Worte gehört hatte. Sie ließ sich zwischen Klara und Christian nieder und ergriff jetzt Christian´s Hände.
„Eine der größten und bedeudensten Errungenschaft der Weltgemeinschaft ist das Recht jedes Einzelnen auf Freiheit und Selbstbestimmung. Das ist oberstes Gesetz und darf von niemandem verletzt werden. Da ihr und die Menschen auf der Plattform praktisch von dem Augenblick an zu unserer Weltgemeinschaft gehörten, seit ihr die Plattform verlassen habt, musst du dir um deine Position keine Sorgen machen. Ihr habt die gleichen Rechte, wie jeder hier. Selbst ein Magister oder der Weltrat wird nichts tun, was gegen deinen Willen ist.
In diesem Fall ist die Lage natürlich ein wenig komplizierter, da du ja nur für dich selbst sprechen kannst und nicht für alle Menschen, die auf der Plattform leben. Deshalb müssen wir gemeinsam die ersten Schritte über die Köpfe dieser Menschen hinweg festlegen. Dabei werden du und Klara zu wichtigen Personen, da nur ihr berichten könnt, wie den Menschen drüben am Besten zu helfen ist.“

Diese Worte schienen Christian ein wenig zu beruhigen, denn seine Gesichtszüge und seine ganze Körperhaltung entspannten sich. Er lehnte sich zurück und brachte sogar ein Lächeln zustande, was wiederum Klara erleichtert zur Kenntnis nahm und sich ihrerseits entspannte.

„Für uns ist hier alles fremd und wenig verständlich.“, richtete sich Klara nun an Griseldis. „Nichts, was euch selbstverständlich ist, kann man mit unserem Zuhause vergleichen. Ich fühle mich erschlagen, von so viel Neuem und nie Gesehenen. Jeder Schritt durch eine Tür, jeder Satz von euch wirft tausend Fragen auf. Man weiss wirklich nicht, wo man beginnen soll. Das macht mich mutlos und auch ängstlich.“

Griseldis nickte verständnisvoll und zog Klara ein wenig näher zu sich heran. Offensichtlich konnte sie Klara´s Befürchtungen gut verstehen, denn sie schlug vor, sich die Dokumentationen anzusehen. Sie meinte, dass diese allein schon ein wenig mehr Licht in das Dunkel bringen würden und auf jeden Fall bestens geeignet wären, Ängste und Sorgen zu vertreiben.
Dazu waren Klara und Christian nur zu gern bereit und so bekam IVI den Befehl, mit der Sendung zu beginnen.
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Bevor IVI die Sendung startete, zauberte sie noch Schüsseln mit Essbarem auf den Tisch, das von Griseldis als Knabberzeug bezeichnet wurde. Auch gefüllte Gläser erschienen und Griseldis bediente sich, ohne darüber nachzudenken. Klara und Christian folgten zögernd ihrem Beispiel, fanden aber schnell heraus, dass das Servierte köstlich schmeckte. Dann begann die Sendung und schon nach Minuten wurden sie so in den Bann der Geschichten gezogen, dass sie weder an Essen, noch an Trinken dachten.
Die Geschichten berichteten von der Entstehung der Menschheit von der Urzeit an. In Kurzfassung sahen sie, wie sich die Völker entwickelten und die Länder gegründet wurden. Sie erfuhren, was Krieg bedeudet und wie ein Krieg die Welt verändern konnte. Bei den letzten großen Kriegen der Menschheit wurde ein wenig länger verweilt, und Klara liefen die hellen Tränen über das Gesicht, als sie das Leid und die Grausamkeiten sah, die die Menschen ertragen mussten.
Hier stoppte Griseldis die Sendung, weil sie befürchtete, dass Klara und auch Christian unter der Fülle der Eindrücke zusammen brechen würden. Sie sahen beide furchtbar blass aus und die Augen wirkten leer und ausdruckslos.

„Ihr dürft nicht vergessen, dass dies alles längst vergangene Geschehnisse sind und fast einhundert Jahre hinter uns liegen. Heute wären diese Kriege unvorstellbar.“, kämpfte sie gegen das Entsetzen der Beiden an. „Wir können sofort aufhören, wenn euch die Berichte überfordern.“

„Wieviele Menschen sind denn bei diesen Kriegen zu Tode gekommen?“, fragte Christian, immer noch fassungslos.

„Die genaue Zahl ist nicht bekannt, zumal die Länder damals uneins waren und viele Angaben verschleiert wurden. Aber ich glaube, im Laufe der gesamten Menschheitsgeschichte müssen es Milliarden gewesen sein.“

„Ich kenne keine Worte, die beschreiben könnten, was ich von diesen Bildern halte. Ich möchte aber auch wissen, wie die Menschen dahin gekommen sind, wo sie heute stehen. Du auch, Klara?“, wobei die Frage eher rhetorisch gestellt wurde. Klara nickte nur, denn zum Sprechen fühlte sie sich einfach nicht in der Lage.

„Nun gut.“, erklärte sich Griseldis einverstanden. „Aber tut euch selbst und auch mir den Gefallen und unterbrecht die Sendung, wenn es euch zuviel wird. Denn was jetzt kommt, berührt mich mehr, als alles bisher Gesehene. Diese ganzen Greuel bis hier hin, basierten auf Herrsucht und dem Streben nach Reichtum. Kaschiert, erklärt und gesellschaftsfähig gemacht, wurde dies alles unter dem Mantel der Politik. Die wirklichen Drahtzieher waren Menschen, denen ihr eigener Reichtum über dem Wohl der Menschen stand, oder, die einfach fanatisch ihren Willen durchsetzen wollten, ohne auf irgend jemanden Rücksicht zu nehmen. Gelitten haben darunter nicht nur die Menschen, sondern auch dieser Planet. Ohne Rücksicht auf die Natur und allem, was dazu gehörte.
Bevor der Planet versuchte, uns los zu werden, starben täglich tausende Tier-und Insektenarten aus. Heute gibt es zahlreiche Teams, die die Schäden wieder reparieren. Auch unsere Truppe gehört dazu.
Von über acht Milliarden Menschen sind ziemlich genau zwei Komma fünf Millionen übrig geblieben. So viele, oder so wenige, hat der Planet am Leben gelassen, verteilt auf fünf Kontinente.
Damals haben es die Menschen als Weisung aufgenommen. Seit dem wacht man darüber, dass es nicht wieder mehr Menschen werden. Das ist die Masse Mensch, die dieser Planet tragen kann, ohne selbst Schaden zu nehmen.
Wollt ihr diese Geschichten auch noch sehen?“

„Ja!“ antwortete Christian sofort. „Aber nicht mehr heute Abend. Lass uns das auf Morgen verschieben, und schlafen gehen.“, bestimmte er, und niemand widersprach.
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Ohne sich abgesprochen zu haben, schliefen die drei nur zwei Stunden. Griseldis saß schon auf der Couch und betrachtete gerade die Bilder zerstörter Städte und weinender Menschen. Es lief kein Ton mit, aber das schien sie nicht zu stören. Warum auch? Die Bilder sprachen für sich.

Klara setzte sich schweigend zu ihr und ließ es sich gern gefallen, als Griseldis ihr eine Decke über legte.

„IVI, schalt bitte aus. Wir wollen uns unterhalten.“, befahl sie und strich die wirren Haare aus Klara´s Gesicht. „Es würde mich nicht wundern, wenn du aus Albträumen erwacht bist, kleine Klara.“, mutmaßte sie. Aber Klara schüttelte energisch den Kopf.

„Nein. Die Geschichten waren sehr grausam und die Dummheit der Menschen haben sie auch nicht besser gemacht. Mich hat die Neugier nicht schlafen lassen. Ich will wissen, wie es weiter geht. Vor allem möchte ich sehen, wo wir heute stehen. Ich meine, in welche Welt wir gekommen sind.“

„Mir ergeht es ähnlich.“, sagte Christian, der aus der Dunkelheit in den kleinen Lichtkegel trat, den IVI rund um die Sitzmöbel erschaffen hatte. Er setzte sich in den Sessel und bat darum, die weiteren Sendungen zu starten.
IVI reagierte prompt und nun bekamen sie Bilder von Tieren zu sehen, die sie noch nicht einmal den Namen nach kannten. Sie sahen Filme über deren Ausrottung und Berichte, wie das Gleichgewicht der Natur dadurch gestört wurde.
Dann kam der Kampf des Planeten gegen den Menschen. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Seebeben, Dinge die Klara und Christian so unfassbar erschienen, dass sie das Gefühl bekamen, dass ihre kleine Welt der sicherste Ort der Erde sein musste. Auch bei diesen Dokumentationen wurde vom Leid und dem Tod der Menschen erzählt und es wurde gezeigt, welche Gewalt der Planet aufbrachte, um sich von seinen unnützen Bewohnern zu befreien. Sie sahen, wie Inseln unter den Wassermassen begraben wurden, riesige Erdspalten ganze Städte verschlangen, Steinlawinen ganze Täler unter sich begruben und sich die Menschen nur noch Nachts heraus trauten, weil sie sonst von der Sonne verbrannt wurden. Als die Szenen mit explodierenden Waffenlagern und Treibstofftanks vorrüber waren unterbrach Griseldis den Bericht.

„IVI kann euch diese Bilder zu einem späteren Zeitpunkt vorspielen. Den Rest der Geschichte möchte ich euch lieber mit meinen eigenen Worten erzählen, wenn es euch recht ist.“ Klara und Christian nickten nur zustimmend und Griseldis fuhr sofort mit ihrem Bericht fort.

„Wie viele Menschen nach alledem noch durch Unfälle oder Krankheiten zu Tode kamen, kann kein Mensch sagen. Fakt ist, dass die die überlebten hervor kamen, als die Erde sich wieder beruhigt hatte. Dabei handelte es sich vorwiegend um Menschen, die den Kollaps des Planeten schon viele Jahre vorausgesagt, aber immer nur tauben Ohren gepredigt hatten. Deshalb bauten sie sich für den Notfall Unterkünfte in Regionen, die nach dem damaligen Wissensstand als sicher galten. Zu unser aller Glück handelte es sich dabei oft um Wissenschaftler und friedliebende Menschen, denen nichts ferner lag, als sich gegenseitig umzubringen.
Die Verhältnisse waren natürlich schwierig. Nichts funktionierte mehr wirklich und die Menschen hatten Angst. Kaum jemand wusste noch, wie man sich Nahrung verschafft. Und natürlich gab es Streit unter den Überlebenden. So leicht ließen sich Besitzdenken und Gier nicht ausrotten. Aber man hatte Platz genug, um sich aus dem Weg zu gehen. Es dauerte auch nicht lange bis man einsah, dass irgendwelche Zahlungsmittel nichts mehr nützten. Fähige Leute stellten sich an die Spitze ihrer Gemeinschaften und schafften das Zahlungsmittel Geld ab. Das verlief ziemlich unspektakulär, da trotz aller Zerstörung noch mehr übrig geblieben war, als die wenigen Menschen verbrauchen konnten.
Es bildeten sich ziemlich schnell Allianzen, die je nach Wissensstand, Neigung und Vorlieben bestimmte Regionen besiedelten und dort erst einmal wieder zur Ruhe kamen. Und es wurde aufgeräumt. Zuerst mussten die Toten beerdigt werden, um die Gefahr von Seuchen und Krankheiten einzudämmen. Ich mag mir überhaupt nicht vorstellen, wie das damals vor sich ging. Man hob Massengräber aus, um den vielen Toten ein einigermaßen würdiges Ende zu geben. Viele Jahre später wurden ihnen zu Ehren Eichenbäume um die Grabstätten gepflanzt. Wir ehren die Toten immer noch einmal im Jahr indem wir zu dem nächst gelegenen Grab laufen und dort eine Blume einpflanzen, die uns am Besten gefällt.“

Hier unterbrach Griseldis ihre Erzählung und ließ von IVI Bilder dieser Grabstätten zeigen.
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Bilder von immens großen Hainen zogen an Klara und Christian vorrüber. Sie fanden sie überwältigend, nicht nur ihrer Größe wegen, sondern vor allem, weil sie so schön waren. An allen möglichen Stellen waren sie angelegt, an Berghängen, in Stadtruinen, ganze Täler bestanden aus riesigen Blumenwiesen, die umsäumt waren von Eichen. Alles in Allem gab das ein Bild des Friedens und der Ruhe.

„Ja. Wir hatten Glück im Unglück. Die Menschen schlossen damals alles aus ihrem Leben aus, was der Natur schadete. Man baute einfach nicht wieder auf, was sowieso durch die verheerenden Katastrophen nicht mehr funktionierte, oder einfach überflüssig geworden war. Natürlich ging das nicht von heute auf morgen. Man benutzte immer noch Autos, die mit Benzin fuhren. Aber die gesamte Luftfahrt wurde eingestellt, zu allererst die Raumfahrt. Einzig und allein die Satelliten, die den Planeten auch heute noch umkreisen, wurden von Anfang an weiter betrieben. Allerdings benutzt man sie heute nur noch zur Kommunikation zwischen den Kontinenten und deren Bewohnern.
So begann die neue Welt. Die Menschen bewegten sich zuerst einmal zwei oder drei Schritte auf der Entwicklungsleiter zurück. Die Gemeinschaften wurden allesamt wieder zu Bauern und Handwerkern. In Gebieten, in denen sich noch funktionierende Forschungsstationen befanden, wurde wieder angefangen zu forschen. Aber auf einem ganz anderen Level. Man nutzte die Ressourcen, die noch vorhanden waren und brachte somit alle auf ein Niveau, auf dem man aufbauen konnte. Die anfänglich bunt zusammen gewürfelten Gemeinschaften formierten sich neu. Jeder ging in die Gemeinschaft, die seiner Neigung und Bildung am nächsten kam. Und da niemand mehr unter kommerziellem Druck stand, forschte man immer nur an den Projekten, die für das Wohlergehen der Gemeinschaft förderlich waren.
Zuerst ging es daran, die Energieversorgung wieder zu stabilisieren. Das war relativ einfach, weil selbst unsere Ahnen schon auf umwelttaugliche Energien umgestellt hatten und nun für die verbliebenen Menschen genug dieser Anlagen existierten, um die Energieversorgung zu gewährleisten.
Oooh es wurden ganz wundervolle und spektakuläre Entdeckungen damals gemacht. Schon nach zehn Jahren konnten die wenigen Kraftfahrzeuge außer Betrieb genommen werden, weil man eine Methode entwickelte, bei der man sich die Gravitation des Planeten zu Nutze machte. Heute braucht man keinen Treibstoff mehr, außer der Gravitation und Luftdruck. Wie das genau geht, kann ich euch nicht sagen. Das ist jenseits des Gebietes, in dem ich arbeite. Ich weiß nur, wie man die heutigen Verkehrsmittel benutzt. Man besteigt einfach die richtige Bahn, und ist innerhalb von Stunden überall auf der Welt, oder bei der nächsten Gemeinschaft, in Minuten. Niemand besitzt mehr ein eigenes Fahrzeug.
Es bildete sich nach und nach ein Weltrat, bestehend aus je einem gewählten Mitglied einer Gemeinschaft. Die einzige Aufgabe des Rates besteht darin, den Wiederaufbau des Planeten zu koordinieren und zu überwachen.
Aber die größte Errungenschaft sind die Replizierer, und damit verbunden, IVI. Man hatte jede Menge Müll, der nach dem Zusammenbruch zu nichts mehr nützte. Also entwickelte man ein Verfahren, dass die wertvollen Bestandteile aller Arten von Müll aufnehmen und zu neuen, brauchbaren Dingen wieder zusammen setzten konnte. Anfangs waren es nur grobe Sachen, wie Möbel oder Töpfe. Ziemlich schnell kamen die Kleidung und zum Schluss die Nahrungsmittel hinzu. Es werden immer noch die Rohstoffe benötigt, aber da sie in allen Arten in Form von Müll zur Genüge vorhanden sind, wird das viele Jahre kein Problem sein.
Ihr schaut so, als würdet ihr nicht verstehen, wovon ich rede. Seht ihr, eigentlich müssten wir unseren umweltverschmutzenden Vorfahren dankbar sein. Sie hinterließen uns Berge von Müll und verwertbaren Rohstoffen, die wir auch heute noch abbauen. Jeder von uns ist in diesen Arbeitstrupps regelmäßig beschäftigt. Wir holen die Rohstoffe aus den Ruinen der Städte und Dörfer, den angelegten Deponien, dem Meer und allem, wo wir ihn vermuten und auch immer noch finden. Dann wird er zu den Replikatoren transportiert, in seine Bestandteile aufgelöst und dann alles daraus gemacht, was die heutige Menschheit benötigt.
Das gilt auch für Nahrungsmittel. Mittlerweile wissen wir genau, welche Menge Nahrung notwendig ist, um die Menschheit zu ernähren. IVI kontrolliert das ständig und in allen Gemeinschaften dieser Welt. Sie sorgt dafür, dass nur so viel Obst und Gemüse angebaut und so viel Tiere gehalten werden, um die Menschen vernünftig und gesund zu ernähren.
Die Replikatoren bereiten alle Stoffe auf, IVI verteilt sie auf die Wohnstätten und hier werden sie zu dem wieder zusammen gesetzt, was eben benötigt wird. Ihr müsst euch das vorstellen, wie ein Wasserversorgungssystem. Irgendwo ist ein großer See, der von vielen Bächen und Flüssen versorgt wird. IVI betreut die Kanäle und leitet in sie hinein, was gerade benötigt wird. Und zu Hause kommt genau das Gewünschte aus dem Wasserhahn. Diese sogenannten Replies sind nicht größer als ein Daumennagel und stecken in fast Allem, was uns umgibt.
Genial, oder?“ Griseldis sah sich um und freute sich über das Staunen, dass sie in Christians und Klaras Augen sah.
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„Das alles ist unvorstellbar, eine Welt, wie in einem schönen Traum.“, flüsterte Klara, als Griseldis schwieg. „Aber eine Frage habe ich doch, die ich aus WestLand mit hier her gebracht habe. Bei uns gibt es auch Gemeinschaften, ähnlich denen, von denen du erzählt hast. Ich gehöre der Gemeinschaft der Wünscher an. Wir sind nicht sehr beliebt, aber das ist hier erst einmal egal. Wir glauben an einen User, der all unsere Geschicke bestimmt. Wir bitten zu ihm und sind überzeugt, dass er unsere Bitten hört und sie auch erfüllt. Gibt es in eurer Welt einen User, Griseldis?“

Diese dachte eine Weile nach, bevor sie antwortete. „Ich weiss nicht genau, ob der, an den auch heute noch viele Menschen glauben vergleichbar ist mit deinem User. Aber ja, auch in dieser Welt glaubt man immer noch an einen User. Bei uns nennt man ihn Gott, aber er hat in anderen Gemeinschaften noch andere Namen. Doch, egal wie er genannt wird. Ich denke, es wird immer und überall die Bezeichnung und der Name für ein und dasselbe Phänomen sein. Ich stand diesem Glauben nie sehr nahe. Für mich wurde sein Name zu oft als Vorwand für Kriege und andere Greueltaten und Ungerechtigkeiten benutzt. Trotzdem respektiere ich diese Menschen, da sie nicht fanatisch sind, wie das früher zu oft der Fall gewesen war. Ich schaue zuweilen selbst einmal in die Kirchen oder Tempel, in denen Gott verehrt wird. Sie sind, wie die Blumenhaine, Stätten der Ruhe und des Friedens. Das gefällt mir. Auch hier auf der Insel gibt es eine kleine Kirche. Wir können gern dort hin gehen, wenn du magst, Klara.“

Diese nickte nur heftig als Zustimmung, denn die Erregung über das Gehörte schnürte ihr den Hals zu. Griseldis senkte den Kopf leicht und lächelte freundlich, was Klara als Einverständnis deutete und erfreut in die Hände klatschte.

Christian hatte sich bis hier in allein auf´s Zuhören beschränkt und auch jetzt starrte er auf den Boden vor seinen Füßen und sagte kein Wort. Deshalb sprach ihn Griseldis an, der das Gebaren des Jungen seltsam vorkam.

„Was ist mit dir, Christian? Findest du hier eine Welt, die dir lebenswert erscheint? Und hast du denn keine Fragen?“

„Das weiß ich noch nicht. Ich meine, ob ich hier leben möchte“, antwortete er prompt und sah Griseldis nun gerade in die Augen. „Fragen habe ich auch. Für den Anfang sind es drei, die mich am meisten beschäftigen.
Als erstes möchte ich wissen, wie es den Planeten und seiner Natur heute geht. Als zweites interessiert mich, wo der Haken in dieser scheinbar perfekten Welt ist. Aber das Wichtigste ist, wie soll das gehen, dass wir von der Plattform uns in eure Welt einfügen können?“

Griseldis hatte sich bei jeder Frage ein bisschen höher aufgerichtet und Christian kam es vor, als wappnete sie sich zum Kampf. Christian ließ sie keine Sekunde aus den Augen und deshalb sah er auch, dass Griseldis kampfbereit, aber nicht böse war.
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„Die Natur heilte sich ziemlich schnell.“, antwortete Griseldis in einem kühlen Ton, der Christian erstaunte. „Zumindest was die noch vorhandene Tier- und Pflanzenwelt betraf. Es gab ja kaum noch jemanden, der sie in irgendeiner Art und Weise daran hinderte.
Schwieriger waren die ständigen weltweiten Ausbrüche von Vulkanen zu händeln. Man sah sich gezwungen, die Atmosphäre vor den aktivsten Vulkanen mit Kraftfeldern zu schützen, denn die von ihnen ausgestoßene Asche allein hätte schon genügt, um das Leben auf dem gesamten Planeten zu zerstören. Heute gibt es Teams, die die Kraftfelder der Vulkane ständig überwachen. Das ist deshalb notwendig, weil sich innerhalb der Kraftfelder nicht nur die Asche, sondern auch die ausgestoßene Lava sammelt.
IVI? Zeig uns die Bilder, bitte“

Christian und Klara sahen nun Bilder von einem ausbrechenden Vulkan. Allerdings nur die ersten Minuten. Dann füllte sich das Kraftfeld mit Asche und innerhalb kürzester Zeit sahen sie nur noch eine riesengroße grau-schwarze Glocke, die inmitten einer blühenden Landschaft stand. Die Ausmaße dieser Glocke schienen den beiden unfassbar zu sein. Und sie zuckten beide zusammen, als die Lava das Kraftfeld erreichte und sich der Lavastrom an der Innenseite der Glocke brach. Nun konnten sie beobachten, wie sich die Glocke mit der Lava füllte und diese schließlich langsam erkaltete. Zum Schluss sah es aus, als hätte jemand ein riesiges Gebäude mitten in die Landschaft gebaut.
Dann kamen Menschen, die an Überwachungsterminals handierten und schließlich die Glocke berührten. Als nächstes sahen sie Maschinen und Fahrzeuge. Offensichtlich stand das Kraftfeld nicht mehr, denn die Maschinen arbeiteten sich in die erkaltete Gesteinsmasse und transportierten das Gestein auf die Fahrzeuge. Diese verteilten es im Umfeld der Vulkane. Im Zeitraffer wurde dargestellt, mit welchen Mühen die Folgen eines solchen Ausbruches abgebaut werden mussten. Irgendwann verschwand diese Glocke und ein neues Kraftfeld wurde errichtet.

„Das ist der einzig gravierende Eingriff in die Natur, den wir heute noch vornehmen.“, unterbrach Griseldis an dieser Stelle die Dokumentation. „Aber überlebensnotwendig. Mit der Erfindung der Replikatoren überlegte man, ob das zu Tage geförderte Gestein nicht auch verwendet werden könnte. Man kam schnell wieder von dem Gedanken ab und blieb der eingeschlagenen Linie treu, der Natur nicht mehr zu schaden.“

Griseldis lehnte sich ein wenig zurück und betrachtete Christian nachdenklich. Dann raffte sie sich wieder auf und berichtete weiter.

„Die Natur eroberte sich den Planeten binnen weniger Jahre zurück. Die Pflanzenwelt erholte sich schneller, als die Tierwelt. Das lag daran, dass in der Tierwelt zu viele Beutetiere übrig geblieben waren. Die Menschen hatten es tatsächlich fertig gebracht die meisten tierischen Jäger zu verdrängen, oder auszurotten. Das wurde ihnen erst bewusst, als der Mensch aufhörte zu jagen. Es dauerte sehr lange bis sich wieder ein natürliches Gleichgewicht zwischen Jägern und Gejagten einstellte.
Für unseren Eigenbedarf werden heute nur noch die notwendige Anzahl an domestizierten Tieren gehalten. Also von Tieren, die schon längst keine Rolle mehr im Gleichgewicht der Natur spielen. Schweine, Kühe und Hühner, das reicht vollkommen. Diese Tiere leben in riesigen Gehegen. Alle sind mit einem Chip versehen und werden durch den Chip auch getötet, wenn ein Replikator Nachschub benötigt. Sie verspüren wahrscheinlich nur einen leichten Stich in der Schultergegend, dann schlafen sie ein und wachen nicht wieder auf. Speziell dafür gebaute Transporter holen sie aus ihren Lebensgebieten und bringen sie zu den Replikatoren.

Das sollte genug Antwort auf deine erste Frage sein, Christian. Ich gehe noch ein wenig schlafen, und das solltet ihr aucht tun.“, beendete Griseldis ihren Bericht abrupt.
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Christian stand auf und eilte Griseldis hinterher, die nach ihrer Geschichte den Raum genau so abrupt verlassen wollte, wie sie die Geschichte beendet hatte.

„Ich weiß nicht, womit ich deinen Unmut hervor gerufen habe und es tut mir leid. Aber so solltest du die Nacht nicht beenden. Meine Oma-Alte hat immer gesagt, dass nichts mehr schmerzt, wie unterdrückte Gefühle. Es gehört Mut dazu, sie heraus zu lassen. Aber man fühlt sich besser, hinterher.
Warum bist du so verärgert?“

Griseldis stand schon längst still und rang scheinbar mit sich selbst. Aber dann umfasste sie Christian und zog ihn einen Augenblick zu sich heran.

„Ja, mein Junge. Du hast vollkommen recht. Ich bin verärgert. Und zwar deswegen, weil du Fragen stellst, die heute niemand mehr stellt. Es macht mich wütend diese Bilder zu sehen. Ein Irrsinn war es, diese atemberaubende Natur zu verwüsten. Und das nur aus Gewinnsucht heraus. Aber noch wütender macht es mich, euch zu sehen.“ Griseldis war wieder zum Sofa zurück gekehrt, hatte aber Christians Hand nicht eine Sekunde los gelassen.
„Es ist schwierig, über die Verfehlungen unserer Ahnen zu reden. Wir richten unsere Energie lieber darauf, die Zukunft zu sichern. Und dann kommt ihr. Der lebende Beweis für fehlgeleitete Menschen.
Das macht mich wütend und traurig. Vor allem jetzt, wo uns die letzten Testergebnisse vorliegen. Es wurden euch permanent Medikamente zugeführt. Wir vermuten, dass dies über das Wasser geschieht. Die Medikamente bewirken zum einen, dass euer Wachstum gehemmt wird. Zum anderen scheint ihr jünger zu sein, als es eurer Körperreife entspricht.
Dieses unsägliche Experiment ist anscheinend auf der ganzen Linie geglückt. Durch euren kleinen Wuchs benötigt man weniger Platz und könnte so mehr Menschen unterbringen. Durch die Unterdrückung eurer Geschlechtsreife reguliert man das Bevölkerungswachstum. In Klaras Blut haben wir Empfängnisverhütungsmittel gefunden, die es ihr unmöglich machen, ein Kind zu empfangen. In Christians Blut zirkuliert eine Substanz, deren Wirkstoff wir noch nicht kennen.“ An dieser Stelle räusperte sich Griseldis und man sah es ihr an, dass es ihr schwer fiel, weiter zu sprechen.

„Hattest du schon einmal eine, nun ja …, eine Erektion, Christian?“

Christian schaute erst verwundert, so als wollte er wissen, ob Griseldis die Frage ernst meinte. Als er aber sah, wie gespannt sie auf seine Antwort wartete, lachte er.

„Nein! Nein, natürlich nicht. Ich bin noch viel zu jung dafür. Außerdem müsste ich mir eine Partnerin suchen. Anders wird man in RodLand überhaupt nicht frei geschaltet für Sex.“

„Ihr werdet dafür frei geschaltet? Wie? Wann? Und wer macht das?“ Griseldis schien fassungslos zu sein, aber für Christian war das die natürlichste Sache der Welt.

„Das Wie kann ich dir nicht erklären. Das hat die Behörde in ihrer Hand. Das Wann ist einfach zu beantworten. Du musst mindestens einen Schulabschluss haben, zwei Jahre mit einer Partnerin zusammen leben, keine Droge nehmen, und treu und brav deinen Dienst in den Versorgerläden verrichten. Dann wirst du für vier Jahre frei geschaltet. Das bedeutet, Mann bekommt Erektionen, Frau bekommt Kinder…, wenn alles gut geht. Wenn nicht, war´s das mit dem Sex und dem Kinder kriegen. Ganz einfach, oder?“

Christian und Klara konnten sich nicht erklären, warum Griseldis fassungslos, und ohne ein einziges Wort zu sagen in der Sofaecke sass, und sie beide betrachte, als hätten sie etwas Ungeheuerliches erzählt.
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Christian und Klara waren ratlos, angesichts der Fassungslosigkeit, die Griseldis zeigte. IVI hatte einen aromatisch duftenden Trank auf den Tisch gezaubert, nach dem Griseldis griff, als wäre sie dem Verdursten nahe. Schon nach dem ersten Schluck kehrte wieder Farbe in ihr Gesicht zurück und sie schien sich, zumindest äußerlich. zu beruhigen.

„Nun gut.“, begann sie nach einigen Minuten erneut. „Über diese neueste Ungeheuerlichkeit werden wir später noch reden.“
Sie holte ein paar Mal tief Luft, als müsse sie sich zum nächsten Kampf rüsten und Christian wollte sie schon daran hindern, weiterzusprechen. Aber Griseldis verhinderte dies mit einer ungeduldigen Handbewegung.
„Du hast mich gefragt, Christian, wo der Haken in unserer perfekten Welt wäre. Das kann ich dir sagen. Nach dem Kollaps des Planeten blieben, wie schon gesagt, ungefähr zweieinhalb Millionen Menschen übrig. Als sich der Weltrat gebildet hatte, war eines der ersten Gesetze, die er beschloss, dass die Menschheit nicht mehr größer werden durfte.
Dadurch gibt es auch in unserer Welt eine strenge Geburtenkontrolle, was vielen Menschen nicht gefällt. Grundsätzlich ist die Bereitschaft gegeben, sich an dieses Gesetz zu halten. Umstritten ist nur das Auswahlverfahren, welches Paar ein Kind zeugen und austragen darf.
Die überwiegende Mehrheit der Menschen gibt sich lieber ihren Aufgaben, Vorlieben und Forschungen hin. Für die meisten passt ein Kind nicht in ihren Lebensplan. Aber die, die unbedingt Kinder haben möchten, stehen auf einer langen Warteliste. Es gibt nur zwei Kriterien, die erfüllt werden müssen. Das Paar ist gewillt, sich die Zeit für die Aufzucht zu nehmen, und, es muss ein Mensch gestorben sein, damit sein Platz nachbesetzt werden kann.
Und mit dem Sterben haben wir es nicht mehr so. Die meisten Menschen werden einhundertzwanzig Jahre alt, sogar noch älter, wenn auch nicht sehr viel. Und sie erfreuen sich bester Gesundheit, da die meisten Krankheiten mit der Genesung der Natur von selbst verschwanden und durch den Wegfall des kommerziellen Aspektes auch ziemlich schnell ein Heilmittel gegen jegliche Krankheit gefunden wurde.
Ich habe keine Ahnung, wie sich eure Art der Geburtenregelung auf die Menschen auswirken wird. Ich denke, das wird eine spannende Sache werden. Und so kommen wir zu deiner letzten Frage, Christian.
Du befürchtest, dass sich die Menschen aus RodLand und WestLand schwer in unsere Welt einfügen. Da gebe ich dir vollkommen Recht. Martin und ich entwickeln schon lange Pläne, wie eine solche Eingliederung aussehen könnte. Wir hatten die wildesten Vorstellungen und Pläne dafür, das darfst du mir gern glauben. Aber irgendwann kristallisierte sich die Frage heraus, was wäre, wenn die Menschen auf der Plattform das überhaupt nicht wollen. Was, wenn sie glücklich sind, da wo sie sind, … und mit unserer Welt garnichts zu tun haben wollen.
Wir haben nur einen Weg gefunden, der für unsere Begriffe allen Bedürfnissen entsprechen sollte. Jeder, der Interesse an dieser Welt hat, bekommt einen persönlichen Berater an seine Seite. Mit ihm kann derjenige dann herum reisen, sich die Welt anschauen, sesshaft werden und sich dann vielleicht sogar einer Gemeinschaft anschließen. Je nach Interesse und Veranlagung natürlich.
Und selbst diejenigen, die die Plattform nicht verlassen wollen, könnten auf Wunsch einen Berater an ihre Seite bekommen, oder besser noch, selbst zum Berater werden. Nämlich für die Welt auf der Plattform. Sicher gibt es einige Dinge, die repariert werden sollten oder einfach nur das Leben ein wenig schöner machen könnten. Dafür gibt es sicher jede Menge Redebedarf.
So! Ich hoffe, ich habe zumindest die grundlegensten Dinge angesprochen, wenn auch sicherlich nicht geklärt.
Die Sonne geht bald auf und ich bin nun wirklich müde. Ihr solltet auch noch ein wenig schlafen. Wir haben heute noch einiges vor, möchte ich meinen.“

Weder Christian, noch Klara hatten gegen diesen Vorschlag etwas einzuwenden. Im Gegenteil, mittlerweile fühlten sie sich der Menge an Informationen nicht mehr gewachsen und waren froh darüber, nichts mehr hören zu müssen.
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Es war schon kurz vor Mittag, als sich die drei wieder im Wohnbereich trafen. IVI hatte für passende Kleidung und einen reichlich gedeckten Essenstisch gesorgt. Christian und Klara fanden sehr viel Freude daran, sich quer durch die servierten Speisen zu probieren, auch wenn IVI immer wieder meldetet, dass die Speisen nicht zu ihrer optimalen Versorgung beitragen würden. Über jede dieser Meldungen kicherten sie, ausgelassen wie kleine Kinder. Und auch Griseldis ließ sich davon anstecken und bestellte bei IVI immer wieder Speisen, von denen sie annahm, dass sie Christian und Klara schmecken müssten. Jeder darauf folgende Kommentar IVI´s wurde von Lachsalven quittiert und Griseldis meinte später, dass sie noch nie ein so lustiges Mahl eingenommen hätte.
Überhaupt zeigten sich Christian und Klara wie ausgewechselt. Sie hatten beschlossen, sich einen Tag Ruhe zu gönnen und alles zu vergessen, was sie bis hier her belastete und bedrückte. Beide waren sich sicher, dass sie sich in guter Gesellschaft befanden.

Und so ließen sie sich von Griseldis die Insel zeigen. Von den Vögeln waren sie beeindruckt. Die kannten sie in dieser Form noch nicht und auch die Vielfalt der Pflanzen überraschte sie. Vor allem fanden sie es beeindruckend, dass alle Tiere und Pflanzen, die sie zum ersten Mal in ihrem Leben sahen, nur einem einzigen Zweck dienten, dem Erhalt der Natur.

Natürlich gab es auch Anbauflächen, aber sie waren verhältnismäßig klein, und, wie Griseldis erzählte, der Anzahl der Menschen in ihrer Gemeinschaft angepasst. Die Anbauflächen befanden sich außnahmslos in der Nähe des für die Gemeinschaft zuständigen Replikators. Alle Pflanzen wuchsen in Hochbeeten, die von Gravitatoren gehalten wurden, so dass die natürliche Pflanzenwelt auch hier nicht beeinträchtigt wurde. Griseldis wies darauf hin, dass nur Nutzpflanzen gezogen wurden, die der Gegend entsprachen und sich dem Klima entsprechend entwickeln konnten.

Aber es gab auch ein weniger schönes Gelände, das sich ebenfalls in der Nähe des Replikators befand. Hier lagen Halden voller Plastikmüll, Metalle und Baustoffe.

„Wir haben die Insel noch nicht vollständig beräumt, aber ein Ende ist abzusehen. Alles, und wirklich alles, was nicht mehr benötigt wird, transportieren wir hier her. Der Replikator ist in der Lage aus den vorhandenen Materialien alles zu replizieren, was wir benötigen.“ erklärte Griseldis mit einem stolzem Unterton. „Allein die Fahrzeuge, die da hinten gelagert werden, ergeben eine Materialvielfalt, dass wir uns auf Jahre selbst die ausgefallensten Sachen leisten könnten.“

„Und woher kommen die vielen Baustoffe?“, fragte Klara, die bewundernd vor einem Buntglasfenster stand und die Konturen der Zeichnung vorsichtig nachzeichnete.

„Die Insel war einst ein Ort, zu dem die Menschen kamen, wenn sie sich erholen wollten. Viele kamen auch der Gesundheit wegen. Aber wie fast alles in dieser Zeit, wurde auch hier maßlos übertrieben. Die Unterkünfte strotzten vor Luxus, so nannte man den Aufwand damals. Die Menschen mussten sehr viel bezahlen, um sich hier erholen zu dürfen, oder einfach nur zu gesunden.
Schlecht für die Natur, gut für uns heute.
Wenn wir nachher zur Kirche kommen, müssen wir ein paar dieser Orte passieren. Dort kann man noch recht gut sehen, wie man damals lebte.“

Griseldis winkte die beiden zu einem der Fahrzeuge, die scheinbar immer vor Ort waren, wenn man eines benötigte. Sie nannte sie Gravvis. Die Bedienung übernahm auch hier die allgegenwärtige IVI. Man sagte nur den Zielort, das Gefährt erhob sich ungefähr dreißig Zentimeter über den Boden und schon begann die Fahrt. In diesem Fall durchschwebte der Gravvi mehrere menschenleere Städte, indem er einfach einer immer noch gut erkennbaren Straße folgte, die die Städte einmal miteinander verbunden hatte. Auf der anderen Seite sahen sie das Meer, das an diesem Tag so ruhig war, dass man meinen könnte, einen riesigen See vor sich zu haben.

Schon nach den ersten Kilometern verstanden Christian und Klara, was Griseldis mit Luxus meinte. Wenn sie sich vorstellten, alles wäre noch intakt und nicht von den Katastrophen gekennzeichnet, dann wäre das sicher ein schöner Platz zum Leben gewesen.
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Der Gravvi glitt an vielen Städten vorbei und die Landschaft um sie herum änderte sich merklich. Griseldis erklärte, dass dies die letzten Stadtruinen auf der Insel wären. Man hätte wohl von der Festland-Seite mit dem Aufräumen begonnen, da sich die Gemeinschaft am Anfang nicht im Klaren darüber war, an welcher Stelle sie sich nieder lassen wollte. Außerdem brachte ihr Sonderstatus Probleme mit den Gemeinschaften, die in Küstennähe auf dem Festland lebten. Griseldis erklärte, dass alle Mitglieder der Gemeinschaft Ausgestoßene seien. Eben deshalb, weil sie die Nachfahren der Erbauer der Plattform waren. Ihre Einstellung zur Weltgemeinschaft wurde allgemein als radikal und unakzeptabel eingestuft.
So, wie Griseldis es ihnen darstellte, gab es auf der ganzen Welt Gemeinschaften, wie die ihre. Sie meinte, dass, egal wie die Bedingungen auch waren, es immer Menschen gäbe, die sich nicht wirklich in eine Gemeinschaft einfügen wollten. Um nicht in erneute Konflikte zu geraten, hatte der Weltrat Territorien geschaffen, auf denen sich diese ´Freigeister` niederlassen konnten. Aber alle waren sich einig, dass der Schutz des Planeten und die Erhaltung und der Wiederaufbau der Natur die oberste Direktive aller Menschen war. Und niemand hatte auch nur ansatzweise das Bedürfnis, sich nicht an diese Grundregeln zu halten.

„Wir kommen jetzt zur Steilküste.“, unterbrach Griseldis ihre Geschichte und machte so auf die veränderte Umgebung aufmerksam. „Es gibt nicht vieles, was der Weltrat als würdig erachtet, etwas aus den alten Zeiten zu erhalten und zu bewahren. Die kleine Kirche, hier am äußersten Zipfel der Insel, gehört dazu. Du hast Glück, kleine Klara. Ich denke, hier kommst du deinem User ein kleines Stück näher.“

Der Gravvi hielt vor dem Gebäude und schon das Äußere unterschied sich von allem, was Klara und Christian bis jetzt von diesem fremden Land gesehen hatten. Beinahe ehrfürchtig öffnete Klara die Pforte zur Kirche und ging in das Gebäude hinein.

Christian und Griseldis blieben draußen. Beide aus den selben Gründen. Christian konnte nichts mit dem Glauben der Wünscher anfangen und Griseldis konnte nichts mit dem Glauben der Christen anfangen.
Griseldis schlug Christian vor, den äußersten Zipfel der Insel anzuschauen und er war nur zu gern bereit dazu.

IVI hatte Klara darüber informiert, wo ihre beiden Begleiter abgeblieben waren und sie war sogar erleichtert, dass sie nach dem Besuch der Kirche keine Fragen beantworten musste. Sie war nämlich sehr enttäuscht von der Besichtigung. Irgendwie hatte sie einen anderen User im Sinn. Mit diesem halbnackten gefolterten Mann, den man offensichtlich das Schlimmste angetan hatte, konnte sie nicht viel anfangen. Und mit seiner Geschichte, die sie den Bildern entnommen hatte, noch viel weniger. Für Klara war der User schon immer eine strahlende, kraftstrotzende Figur, dem niemand etwas anhaben konnte. Aber sie begriff auch, dass dieser Jesus eine tragende Rolle in der alten Zeit spielte, und den Menschen Trost gab. Wenn sie auch nicht verstand, warum, so respektierte sie doch den Glauben der Menschen.

Den Namen dieses bemitleidenswerten Mannes fand sie allerdings sehr hübsch.

Als Griseldis und Christian von ihrer Tour zurück kehrten, meldete IVI, dass vier weitere Magister auf der Insel eingetroffen wären und ihre Rückkehr erwarteten.

„Es wird wohl besser sein, wir bringen dieses erste Treffen so schnell wie möglich hinter uns.“, kommentierte Griseldis die Meldung. „Erstaunlich, dass gleich vier Magister geschickt wurden, aber…gut. Seid ihr bereit für euren Auftritt vor dem Rest der Menschheit?“, spöttelte Griseldis und Klara und Christian sahen sich an, als käme ihnen dieses Treffen sehr ungelegen.

Dann aber zuckte Christian mit den Schultern, umfasste Klara und strahlte sie an.

„Hast du gehört, die Magister des Weltrates wollen uns sprechen. Wenn das nicht eine Ehre ist, dann weiss ich auch nicht.“

Christian ignorierte geflissentlich, dass Klara und Griseldis sein Verhalten nicht verstanden. Er wandte sich statt dessen im Gravvi an IVI und fragte nach, ob bei einem solchen Treffen eine besondere Kleidung angebracht wäre. IVI benötigte ein paar Sekunden, bevor sie antwortete.

„Grundsätzlich ist es den Magistern gleichgültig, wie ein Mensch gekleidet ist. In eurem Fall stelle ich euch Kleidung zur Verfügung, die ich dem Anlass entsprechend auswähle. Das ist unüblich, aber angebracht.“

Christian lachte, als hätte er die Antwort im Voraus gewusst. „Ich bin gespannt, IVI.“, antwortete er, immer noch lachend.

„Na ich erst.“, flüsterte Klara Griseldis zu, die anscheinend genau so überrascht war, wie Klara.
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Im Quartier wieder angekommen, fanden sie einen kleinen Imbiss vor, aber keiner von ihnen verspürte großen Appetit. IVI meldete, dass sie in einer halben Stunde von den Magistern erwartet wurden. Sie wieß noch darauf hin, dass neue Bekleidung für sie bereit läge und auch Griseldis riet zu einer Dusche.

Als Klara und Christian den Wohnraum wieder betraten, strahlten sie vor Freude. IVI hatte ihnen Sachen bereit gestellt, die fast denen glichen, in denen sie angekommen waren. Es ließ sich nicht übersehen, dass sie sich darin richtig wohl fühlten und Griseldis dankte IVI für ihre Weitsicht.

Dann begaben sie sich in den Empfangsraum, in dem sie, außer von Martin und dem Magister Sven von vier weiteren feierlich aussehenden Menschen erwartet wurden. Die fremden Magister erhoben sich unwillkürlich, als Christian, mit Klara an seiner Seite, vor ihnen stand. Griseldis hielt sich dezent im Hintergrund und gesellte sich leise und unauffällig zu Martin.
Sven stellte die Magister vor, die kaum einen Blick von den den Beiden wenden konnten, und bat sie allesamt Platz zu nehmen.
Dieses Mal standen entsprechende Sitzmöbel bereit, und Christian musterte nun seinerseits die Magister. Sie waren allesamt ziemlich jung. Er schätzte sie so alt, wie seine Mutter sein musste. Klara bewunderte ihrerseits die Frisur, die die beiden Frauen trugen, und ihre Kleidung.

Sven konnte diese schweigsame Musterung nicht sehr gut aushalten. Also brach er das Schweigen und erklärte Christian und Klara, dass die Minister den ganzen Tag damit zugebracht hatten, ihre Geschichten anzuhören, die IVI aufgezeichnet hatte. Alle wären sehr erstaunt, teilweise schockiert darüber, was sie vom Leben auf der Plattform erfuhren und sie hätten eine heiße Diskussion darüber geführt, welches die nächsten Schritte sein könnten. Man hielt Martin´s Pläne für annehmbar, aber nicht sehr ausgereift. Vor allem müsse man als erstes die Kraftfelder über und auf der Plattform abschalten und den Menschen einen Weg zur Weltgemeinschaft öffnen.

„Nein, halt!“, unterbrach Christian Svens Rede. „So geht das nicht. Ich sagte schon, dass ich nicht zulassen werde, dass den Menschen auf der Plattform etwas geschieht. Nur, weil ich nach einer anderen Welt gesucht habe.“

„Ja wie hast du dir das denn vorgestellt?“, fragte einer der Magister erstaunt.

„Das kann ich dir genau sagen. Wir werden zu Hermann zurück kehren und als erstes Kontakt mit den Wächtern aufnehmen, die sicherlich für diesen Fall auch schon Pläne parat haben. Die Kraftfelder dürfen nicht einfach abgeschaltet werden, vor allem darum, weil sie das Klima schützen, unter dem wir gewohnt sind zu leben.
Wir dürfen auch die Drohnen nicht vergessen.
Die Wächter werden ganz sicher noch in Besitz weit reichendere Informationen sein, die unbedingt Beachtung finden müssen.
Ich werde euch auf keinen Fall helfen, Zugang zur Plattform zu bekommen, wenn ihr gegen diese Vorgehensweise seid.“

„Aber Christian.“, mischte sich nun Sven ein. „Gerade dir müsste doch daran gelegen sein, dass die Menschen in RodLand aus ihrer misslichen Lage befreit werden. Du wirst doch nicht wirklich wollen, dass deiner Familie etwas passiert?“

„Nein, natürlich nicht. Wie es sich gezeigt hat, können sie ganz gut selbst auf sich aufpassen. Ich kann nur nicht einschätzen, wie die Behörde auf eine solch radikale Veränderung reagiert. Vor allem, zu welchen Maßnahmen sie greifen könnte, sollte sie mit dieser Veränderung nicht einverstanden sein. Immerhin gibt es eine Oberschicht, die ganz sicher ein angenehmes Leben führt. Das werden die nicht ohne Weiteres aufgeben wollen.
Und noch eins macht mir ein wenig Angst. Was, wenn wir tatsächlich einen, na wie heisst das nochmal? Ach ja, einen Krieg auslösen?
Also, ich weiss nicht, was ihr euch denkt. Ich möchte die Gewissheit haben, dass wir hier behutsam starten.“

„Eine gute Idee.“, meldete sich nun eine der Magisterinnen zu Wort. „Vor allem, werden wir zumindest eine Nacht über unsere neuen Entscheidungen schlafen. Darum bin ich jetzt dafür, dass wir uns zur guten Nacht trennen. Wir müssen und sollten erst einmal alles überdenken, was wir voneinander erfahren haben. Das sollte auch in eurem Sinn sein, wenn ich mir anschaue, wie müde ihr ausseht.“

Diesen Worten gaben alle recht und so trennte man sich sehr nachdenklich voneinander und stebte den Quartieren zu.
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Der Vorschlag der Magisterin sollte sich als wohltuend für den nächsten Tag erweisen. Nicht allein, dass Christian und Klara nach der fast vollständig durchwachten Nacht zum ersten Mal richtig durchschliefen, auch die Mitglieder der Gemeinschaft und die Magister waren zur Ruhe gekommen. Ziemlich spät fanden sie sich an einem, wieder reichlich gedeckten, Frühstückstisch zusammen und alle bekamen endlich ein Gefühl des gegenseitigen Verständnisses. Man lachte ebenso herzlich über die eher unkonventionellen Speisenzusammensetzungen ihrer Gäste, und den damit verbundenen Kommentaren, die IVI allen Lachsalven zum Trotz, von sich gab.
Zwischendurch wurden auch immer wieder Geschichten von beiden Seiten erzählt und so zog sich das Frühstück fast bis zur Mittagszeit hin.

Aber irgendwann nahmen die Gespräche wieder eine ernstere Tonart an. Bis Sven das Wort ergriff:

„Wir haben uns deine Worte durch den Kopf gehen lassen, Christian. Und wir geben dir Recht. Wenn wir nicht vorsichtig und behutsam vorgehen, müsste das auf die Menschen bei euch zu Hause wirken, wie der Kollaps des Planeten auf unsere Ahnen gewirkt hat. Dass es die Wächter gibt ist von unschätzbaren Vorteil, wenn sie, wie du, nur das Beste im Sinn haben.
Kannst du uns das versichern?“

Christian lachte hart auf. „Wie soll ich euch so etwas versichern können? Ihr habt doch meine Geschichte gehört. Ich kenne diese Menschen nicht wirklich und habe mich nur aus dem einem Grund an sie gehalten. Sie haben mir weiter geholfen und mich mit notwendigen Informationen versorgt. Viel mehr weiß ich nicht von ihnen.
Hermann macht da sicher eine Ausnahme, da sein ganzes Leben daraus besteht, für die Menschen auf der Plattform zu sorgen, soweit es ihm möglich ist. Das allein spricht schon für ihn, glaube ich.
Lasst uns einfach hinüber fahren. Beziehen wir Hermann als einen unserer Verbündeten mit ein und wenn wir ihn überzeugen können, dann wird er das wichtigste Verbindungsglied werden, was wir haben können.
Dann treten wir vor den Weltrat, präsentieren mich und Klara der Weltgemeinschaft, ja und dann, … Ich denke, dann werden wir weiter sehen.“

„Auf, nach WestLand, würde ich sagen.“, unterstützte Martin Christians Vorschlag enthusiastisch und Griseldis klatschte vor Freude darüber in die Hände.

„Dann dürfte der Anfang ja geklärt sein.“, meinte Sven mit leicht resignierenden Unterton und alle Magister schlossen sich seiner Meinung an.
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Verena zog Peter mit sich hoch, der allerdings deutlich erkennen ließ, dass ihm Einiges auf der Seele brannte. Sie verbot ihm aber mit einer deutlichen Handbewegung das Wort und sah Christian forschend in die Augen. Er hielt ihrem Blick mühelos stand und war auch nicht überrascht, als sie ihn bat, auf der Hut zu sein und ein paar Gedanken in die Zukunft zu lenken, bevor er einen Entschluss fasste.

„Du kannst hier unter Umständen ein Feuer entfachen, das nicht mehr zu löschen ist. Denke auch an die Menschen, die von alledem hier keine Ahnung haben und noch dazu vollkommen schuldlos sind.“ Mit diesen Worten entfernte sie sich vom Feuer, Peter im Schlepptau hinter sich her ziehend.

Jetzt waren nur noch Klara und Roland übrig. Klara nahm behutsam seine Hand und lehnte ihren Kopf vertrauensvoll an seine Schulter. Roland hingegen stierte in das Feuer, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt.

„Ich habe das alles so nicht gewollt. Das müsst ihr mir glauben.“, sprach Christian zu dem Feuer, weil er sich nicht traute, einem seiner Freunde in die Augen zu sehen. „Aber ich musste wissen, was gespielt wird. Ich war von Anfang an der Meinung, dass irgendetwas falsch läuft. Mit diesem Gefühl kann ich ganz schlecht umgehen.“

„Du musst dich für nichts rechtfertigen, Christian.“, erhob nun endlich Roland seine Stimme. „Auch für einen WestLänder ist es kein gutes Gefühl, betrogen zu werden. Aber Verena hat Recht. Unter diesen Umständen müssen wir genau überlegen, was wir als nächstes tun. Hast du schon eine Idee?“

„Eine Idee habe ich schon. Ich weiß nur nicht, ob sie sich verwirklichen lässt. Und ich weiß auch nicht, ob sie das Feuer nicht doch entzündet, vor dem Verena mich gewarnt hat.“

„Hör mit dem Gequatsche auf! Ein wenig Feuer wird diese Welt nicht aus den Angeln heben. Und ein wenig davon unter den Hintern einiger dieser selbstgefälligen Magister, sollte ein bisschen Spass in die Sache bringen.“ Roland warf noch einen Ast in das Feuer und sah Christian nun verschmitzt an.

Der fühlte sich ziemlich überrascht von Roland´s Reaktion, aber sie erleichterte ihn ungemein. Aus seinen Worten konnte Christian hören, dass ihn die Präsenz der großen Menschen nicht sonderlich beeindruckte. Christian fühlte sich verstanden und war nicht zum ersten Male froh darüber, dass Roland sich ihm angeschlossen hatte.
„Was würdest du als nächstes tun?“, fragte er aus dieser Überlegung heraus und wunderte sich nicht im Geringsten darüber, dass Roland nur mit den Schultern zuckte.

„Ich bin derjenige, der dem Anführer den Rücken frei hält, oder denselben stärkt, falls es notwendig sein sollte. Ich bin kein Bestimmer. Den Posten überlasse ich gern weiterhin dir. Aber wenn du schon fragst, kann ich dir zumindest sagen, was ich über diese neue Situation denke.“

„Lass hören.“

„Wenn ich nur allein die Leute von der Insel anschaue, stellen sich meine Nackenhaare auf. Sie sind so in ihren Rollen gefangen, dass sie es noch nicht mal selbst bemerken. Sven spielt das Spiel der Magister munter mit, ohne auch nur darüber nachzudenken. Ich gehe davon aus, dass auch alle anderen Magister so, oder ähnlich, ticken. Wir sollten nach einer Möglichkeit suchen, diesen ganzen Magister-Weltenrat-Kram zu umgehen. Jeder Mensch sollte zeitgleich erfahren, was auf diesem Planeten gespielt wird. Damit könnten wir alle Bestrebungen im Keim ersticken, die die Wahrheit verschleiern würden. Ich habe nur nicht die geringste Idee, wie wir das hinbekommen sollen.“

„Dabei kann ich euch vielleicht helfen.“, ertönte darauf hin eine Stimme aus dem Dunkeln, die niemand erwartet hätte.
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