Kapitel 3 – Im Äußeren Kreis

Am Torbogen verabschiedete sich Christian von Andreas. Dessen Frau hatte dort noch frische Kleidung und jede Menge Proviant bereit gelegt.

„Hör zu Christian. Ich habe keine Ahnung, was du bei uns erwartet hast. Aber ich sehe dir an, dass du enttäuscht bist. Die Menschen hier haben sich eingerichtet. Auch sie wollten irgendwann ein besseres Leben. Und was haben sie gefunden? Eine Welt, die genauso kaputt ist, wie die, aus der sie kamen. Nur eben auf eine andere Art und Weise.“ Andreas ließ den Kopf hängen, als wäre er Schuld an allem.

„Irgendwas ist verkehrt.“, antwortete Christian. „Hier genauso, wie in RodLand.“

„Meine Eltern sind mit mir übergelaufen, als ich noch ein ganz kleines Kind war. Ich kann mich kaum daran erinnern, wie es in RodLand war. Aber ich bin froh darüber, dass ich hier in der Kolonie gelandet bin und meine Eltern bis zu ihrem Tod um mich hatte. In WestLand hält man im allgemeinen nicht viel von Eltern-Kind-Beziehungen.“ Andreas deutete ein Lächeln an, das aber vollkommen mißglückte.

„Wie auch immer. Du kommst jetzt zur Grenzregion, wenn du weiter den Hauptweg in Richtung Westen gehst. Ich kann dir nicht sagen, was dich dort erwartet. Auf jeden Fall wirst du keinem Menschen mehr begegnen. Die WestLänder fallen einfach tot um, wenn sie sich über die Grenzen unseres Lagers hinaus wagen. Auch wir meiden diese Richtung. Nicht, dass es uns umbringt, in diese Richtung zu gehen. Aber man fühlt sich mit jedem Schritt miserabeler. Irgendwann ist alles besser, als weiter zu gehen.
Also mach dir keine großen Hoffnungen.“

Christian hatte aufmerksam zugehört. Trotz der Warnungen des Wächters wankte er nicht in seinem Entschluss. „Ich danke dir, Andreas. Mach dir keine Sorgen. Wenn es gar nicht anders geht, komme ich zu euch zurück. Das ist doch möglich, oder?“

„Aber natürlich. Bei mir und in meinem Haus findest du auf jeden Fall eine Heimat.“

Andreas hielt dem Jungen seine Hand hin und Christian kam es so vor, als hätte er eben ein Versprechen erhalten. Dieses Gefühl erleichterte ihm seine nächsten Schritte ungemein, denn ein wenig Angst hatte sich in seine Gefühle eingeschlichen. Vor allem machte ihm die Vorstellung zu schaffen, dass er von nun an keinen Menschen mehr treffen sollte. Jedenfalls diesseits der Grenzregion nicht mehr.

Kurz nachdem der Torbogen, und mit ihm Andreas, wieder hinter der Biegung verschwunden waren raschelte es im Unterholz. Christian blieb abwartend stehen, ahnte aber schon, was sich da seinen Weg zu ihm bahnte. Und tatsächlich, der Hund kroch aus dem Gebüsch hervor und begrüßte Christian, vorsichtig Abstand haltend, mit freudigem Schwanzwedeln.

„Na du bist vielleicht ein komischer Hund.“, begrüßte Christian seinerseits das Tier. „Ich habe keine Ahnung, wieso du mir so hartnäckig folgst, aber irgendwie bin ich froh, dass du da bist.“ Er ließ sich in die Hocke nieder und versuchte, das Tier zu sich zu locken. Der Hund rührte sich aber nicht vom Fleck. Erst, als Christian ein Stück Wurst hervor holte, näherte er sich vorsichtig und kam auf Reichweite zu Christian heran. Ganz behutsam nahm er die Wurst aus Christians Hand auf und als er es fraß, ließ er Christian nicht aus den Augen.
„Du musst keine Angst vor mir haben. Kannst ruhig mitkommen, wenn du willst. Ich tu dir schon nichts. Höchstens die Gegend, in die wir kommen.“

Christian erhob sich wieder und der Hund blieb nun wirklich an seiner Seite. Es wurde langsam Zeit, sich nach einem Nachtlager umzusehen und Christian wollte schon den Hauptweg verlassen, als der Hund sich ihm mit einem kurzen Bellen entgegen stellte, um dann auf dem Hauptweg ein paar Schritte weiter zu laufen und schwanzwedelnd auf ihn zu warten.

„Du willst noch ein Stück weiter laufen? Mmh, na gut. Aber weit gehe ich nicht mehr. Es ist jetzt schon so dunkel, dass man im Wald nicht mehr wirklich sehen kann.“ Der Hund sprang darauf hin freudig voran, und Christian fragte sich wieder einmal, worauf er sich hier eigentlich eingelassen hatte.

Aber er musste nicht mehr weit laufen. Plötzlich verließ der Hund den Hauptweg und rannte freudig bellend in den Wald. Christian sah nach wenigen Schritten, dass jemand im Wald ein Feuer entzündet hatte, auf das der Hund jetzt zulief. Zwei Personen saßen im Halbschatten, die Christian jedoch nicht erkennen konnte. Der Hund aber schien sie zu kennen, denn er machte erst halt, als er beim Feuer ankam.

Christian lief ihm nach und war dann doch maßlos überrascht darüber, wer sich hier ein Nachtlager aufgeschlagen hatte.

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Christian trat in den Lichtschein des Lagerfeuers und fand zunächst keine Worte.

„He Kleiner, hat es dir die Sprache verschlagen, oder was? Erkennen wirst du mich ja wohl noch. Ist ja nur ein paar Tage her, seit du mich und die None allein gelassen hast.“

„Kimmy. Was machst du denn hier?“

„Ich bin dazu bestimmt, weiter deinen Babysitter zu spielen. Du hast einen gefährlichen Weg vor dir. Da kannst du Hilfe gebrauchen.“

„Ich brauche keine Hilfe. Schließlich bin ich ja auch ohne Hilfe bis hier her gekommen.“ Christian wandte sich nun an Kimmy´s Begleiter, von dessen Anwesenheit er noch mehr überrascht war, als von Kimmy´s.

„Guten Abend, Willy.“, begrüßte er den Wächter des Grenzlagers nicht gerade freundlich. „Willst du mir etwa auch helfen?“

„Das wäre ziemlich dumm von mir, vor allem nicht wirklich hilfreich für dich, denn noch ein paar hundert Meter auf dieser Straße, und ich wäre ein toter Mann. Schon vergessen?“ Willy streckte dem Jungen die Hand zur Begrüßung entgegen und forderte ihn gleichzeitig auf, sich neben ihn zu setzen.

„Und was macht Kimmy dann hier? Ihr wird es nicht anders ergehen.“ Christian legte seinen Rucksack ab und setzte sich auf den trockenen Waldboden.

„Dein Einwand ist berechtigt mein Junge. Trotzdem hoffen wir, dass es nicht so ist. Kimmy hat sich freiwillig zu deiner Begleitung gemeldet. Es ist ein Experiment, und kann durchaus tödlich für sie enden. Wie für dich übrigens auch.“, erwiderte Willy ernst.

„Ich will aber nicht, dass sich jemand wegen mir in Gefahr begibt.“, trumpfte Christian auf, worauf Willy abwinkte.

„Du glaubst nicht, wieviele Menschen sich mittlerweile deinetwegen in Gefahr gebracht haben. Mich eingeschlossen. Und das alles darf nicht umsonst gewesen sein. Deshalb bin ich hier, Christian. Um dir zu erklären, warum es so wichtig ist, dass du einen Weg nach draußen findest.
Und auch du, Kimmy, sollst erfahren, was wohl das bestgehütetste Geheimnis von WestLand ist, und warum wir gerade auf dich, Christian, gewartet haben. Und, warum wir dich, Kimmy, für diese Mission ausgewählt haben und sehr froh darüber sind, dass du eingewilligt hast, Christian zu begleiten.“

Christian sah von Willy zu Kimmy, die bis jetzt sehr ernst den Worten des Wächters folgte. Ein Augenzwinkern von ihr zeigte Christian dennoch, dass sich die wahre Kimmy nur dem Ernst der jetzigen Situation anpasste.

Der Hund hatte sich zu Willy`s Füßen nieder gelassen und blinzelte verschlafen in das Lagerfeuer.

„Also ihr beiden, seid ihr bereit für die Geschichte?“, fragte Willy und Christian und Kimmy nickten nur zustimmend. Nun blickte der Alte ins Feuer, und begann zu erzählen:

„Die sogenannte Draußen-Welt, gibt es ganz sicher. Wenn ihr es schafft, in den Äußeren Kreis zu kommen, werdet ihr sogar einen Blick darauf werfen können. Aber ich will von vorn beginnen.

Wir scheinen auf einer Insel zu leben, auf der es nur die zwei Länder gibt. RodLand und WestLand. Insel deswegen, weil wir ringsum von einem riesigen Wasser eingeschlossen sind, dass man das Meer nennt. Warum wir wirklich hier leben, darüber können wir nur Vermutungen anstellen. Wir glauben, dass unsere Vorfahren, und somit auch wir, Teil eines Experimentes waren. Es ist auffällig, dass in RodLand überwiegen dienstleistende Beschäftigungen ausgeführt werden und die Menschen sich außnahmslos in diesen Bereich betätigen. Hauptaugenmerk liegt dort vor allem auf Technik und den dazu gehörenden Wissenschaften. Rodländer bauen Häuser, Fabriken, Anlagen. Sie bedienen Computer, und fahren Autos. Sie leben in Städten oder Dörfern und sie scheinen keinen Drang zu haben, Felder zu bestellen. Nach allem, was wir wissen, waren auch keine Flächen für Felder vorgesehen. Das hat sich ein wenig gewandelt. Aber nicht deswegen, weil die Menschen plötzlich ihre Lust am Sähen und Pflanzen entdeckten, sondern, weil sie eurem vorrangigem Nahrungsmittel, eurer Biomasse nicht mehr trauen. Das hat eure Oberschicht übrigens noch nie gemacht. Deswegen dulden sie die Felder nahe der Grenzregion, lassen sich davon aber nur zu gern mitversorgen.“

Willy machte eine Pause und sah Christian herausfordernd an. Der wusste darauf nichts zu erwidern und so fuhr Willy mit seiner Geschichte fort.

„In WestLand wurden die Menschen von Anfang an in kleinen Gemeinschaften angesiedelt. Hier wollten die Menschen auf der einen Seite einem Handwerk nachgehen, und dann gab es welche, die sich nur mit Musik, Malerei und Kunst beschäftigten. Kein Mensch in WestLand kann wirklich ein Haus bauen oder eine Produktionsanlage. Wir sind froh, dass es die Kolonisten gibt. Die können so etwas und bringen uns etwas bei. Aber das war keinesfalls so geplant. Unsere Wissenschaftler forschen am Menschen. Wir sind ganz gut unterwegs in Sachen Gentechnik, möchten aber umgekehrt überhaupt nicht in Familien leben. Das ist sehr eigenartig. Immerhin sind unseren Doktoren und Wissenschaftlern einige verblüffende Erfolge gelungen. So haben sie anhand der Gentechnik einwandfrei beweisen können, dass unsere Vorfahren anscheinend nach bestimmten Kriterien der Gentechnik ausgewählt wurden.

Aber irgendwann muss etwas Grundlegendes sich geändert haben. Irgend etwas muss passiert sein.“

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Willy machte eine Pause und legte ein paar trockene Äste in das Feuer. Dann schüttelte er den Kopf, als hätte ihm jemand eine Frage gestellt. Er schaute Christian und Kimmy an, die aber anscheinend keine Fragen hatten.

„Na gut, ich greife der Geschichte vor. Also weiter im Text.

Nach allem, was wir wissen, waren die Wissenschaftler in RodLand vorrangig damit beschäftigt, in den Bereichen Energiegewinnung, Nahrungsersatzmittel und Überwachungstechnik zu forschen. RodLänder, die nicht zu den Wissenschaftlern gehörten, setzten die Erkenntnisse in die Praxis um und bedienten die Anlagen, reparierten sie und nutzten die Produkte, die hergestellt wurden.

Die Wissenschaftler in WestLand beschäftigten sich außschließlich mit der Genforschung und die übrigen Menschen bauten Lebensmittel an, züchteten Nutztiere und verarbeiteten sie, trieben Handel und widmeten sich der Künste.

Wir wissen, dass es weder die RodLänder, noch die WestLänder nötig hatten, sich mit ihrer Arbeit zu ernähren. Es gab Depots, die regelmäßig auffüllten, was die Menschen benötigten. Und zwar in beiden Ländern. In RodLand funktionieren sie teilweise heute noch. Wahrscheinlich, weil es dort genug Techniker gab, die sie regelmäßig instand hielten.

In WestLand ist nur noch die Versorgung mit Wasser und Strom zuverlässig gesichert. Alle anderen lebensnotwendigen Dinge stellen die Menschen mittlerweile komplett selbst her. Deshalb wird die Anzahl der Menschen hier so klein gehalten, dass es für alle reicht. Aber dazu komme ich später noch einmal.

Die Lieferung der Depots ist so angelegt, dass es die Menschen gar nicht merkten, dass sie von Außen versorgt wurden. Wahrscheinlich ist, dass dies genau so gewollt war. Die Versorgungsstrecken in RodLand enden in euren Versorgerläden, Christian. Über Nacht arbeitet auch heute noch eine Maschinerie, die die Lager auffüllt. Nur nicht mehr mit allen möglichen Sachen, die es ursprünglich einmal gewesen sein müssen. Die Lücken füllen heute die Nahrungsmittel auf, die aus Biomasse bestehen.

In WestLand sorgten unterirdische Anlagen dafür, dass die Felder, die um die Gemeinschaftslager angelegt wurden, fruchtbar und ertragreich waren. Diese Anlagen sind schon vor langer Zeit ausgefallen. Zusätzlich gab es auch noch ähnliche Versorgerläden, wie es sie in RodLand immer noch gibt. Sie waren klein, eher unscheinbar, und sie standen immer an der Zugangsstraße zu dem jeweiligen Lager.
Der erste Rat von WestLand beschloss, die Läden in Wächterhäuser umzuwandeln. Das war damals die Aufgabe der Depot-Betreiber, den Lehrern der heutigen Wächter. Sie wurden vom Rat zum Still-Schweigen verpflichtet und allein diese Gruppe Menschen betraute man mit dieser Aufgabe. Sie veränderten das Aussehen der Läden, so gut, wie sie es eben konnten. Sie verwalteten auch den immer spärlich werdenden Nachschub. Die Leute gewöhnten sich daran, dass im Versorgerladen nun ein Wächter wohnte, der nur noch bedingt Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände ausgeben konnte. Sie machten sich keine Gedanken darüber. Im Gegenteil, das spornte sie nur dazu an, ihr Handwerk intensiver zu betreiben und zu vervollkommnen.

Wir wissen, dass die Veranlagung eines Menschen in seinen Genen begründet ist. Daher sind wir überzeugt, dass es sich bei uns um ausgesuchte Menschen handelt. Hand-Verlesen, sozusagen. Deswegen ging der Ausfall der Versorgerstrecken ziemlich spurlos an den Menschen vorbei. Niemand wurde böse, oder gewalttätig. Man gewöhnte sich an den Mehraufwand, erledigte ihn sogar gern.

Und dann gab es einen Totalausfall aller Anlagen. Was ihn bewirkt hat, wissen wir bis heute noch nicht. Fakt ist, dass beide Länder plötzlich ohne Strom auskommen mussten. Nach fünf Stunden und dreiundzwanzig Minuten war der Strom wieder da, und mit ihm einiges, was vorher noch nicht dagewesen war.

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Willy unterbrach sich selbst und schaute Christian und Kimmy an, scheinbar, um zu kontrollieren, ob die beiden ihm auch noch zuhörten.

Das taten sie, und zwar sehr aufmerksam. Und es war nur ein Zeichen von Respekt, dass sie Willy bei seiner Geschichte bis jetzt nicht unterbrochen hatten. Nun aber, da Willy schwieg, redeten beide durcheinander und stellten eine Frage nach der anderen. Willy ließ sie eine Zeit lang gewähren, alles andere hätte er als unnatürlich empfunden. Als sie aber anfingen, sich über ihre eigenen Mutmaßungen zu streiten, beendete er den Streit mit einer einzigen Handbewegung.

„Hört auf, euch zu streiten. Erst, wenn ihr die ganze Geschichte kennt, können wir über das reden, was euch bis dahin noch unklar erscheint. Sorgt dafür, dass das Feuer nicht erlischt, dann erzähle ich weiter.“

Kimmy machte keine Anstalten, sich zu erheben. Aber Christian kam der Aufforderung gern nach. Sie gab ihm die Gelegenheit, das bisher gehörte ein wenig zu verarbeiten. Außerdem begann sich Angst in ihm zu regen. Angst vor dem, was er noch zu hören bekam und vor allem Angst davor, was das Gehörte für ihn bedeuten würde. Der Hund war ihm unaufgefordert in den Wald gefolgt. Als Christian die gesammelten Äste aufhob, nahm dieser einen herunter fallenden Ast ins Maul und stolzierte damit ab, als hätte er eine Heldentat vollbracht.
Christian musste darüber so lachen, dass ihm fast alle Äste wieder entglitten. „Na du bist vielleicht ein Komiker!“, rief er dem Hund hinterher, der darauf hin den Ast fallen ließ und Christian mit einem fröhlichen „Wuff“ antwortete. Christian fühlte sich nun sehr viel leichter und entspannter und als er zum Feuer zurück kam, setzte er sich nahe zu Willy, der ihm freundlich zunickte und, nachdem das Feuer wieder hell brannte, sofort weiter erzählte.

„Nach diesem Stromausfall wurde plötzlich alles anders. Es hatten sich unsichtbare Mauern errichtet, die Grenzregionen. Anfangs bemerkten es die Menschen noch nicht einmal. Die Begegnungen von RodLändern und WestLändern waren bis dahin schon immer dürftig, da es von je her an Gemeinsamkeiten fehlte. Nur die wenigen, die Interesse am Leben im anderen Land hatten, bemerkten die Veränderung. Den Westländern, die auf ihren gewohnten Wegen nach RodLand wollten, passierte nicht viel. Sie liefen einfach nur gegen eine unsichtbare Wand. Die schlimmsten Verletzungen, von denen ich weiß, waren wohl Beulen und ein paar gebrochene Rippen.
Auf der anderen Seite sah die ganze Sache schon etwas anders aus. Dort hatte sich über Nacht dieser Todesstreifen gebildet. Wir haben keine Ahnung, ob es die Lichtfallen, Stolperdrähte und Bodenschalter schon immer gab und sie durch den Stromausfall einfach nur aktiviert wurden. Es ist aber die logischste Erklärung dafür, denn die Anbringung und der Bau selbiger hätte zumindest Aufsehen erregt und wäre auf keinen Fall unbeobachtet geblieben. Es kann sich auch niemand von uns erklären, woher auf einmal die Drohnen und deren Besatzungen kamen. Das wiederum, scheint eines der bestgehütetsten Geheimnisse von RodLand zu sein.

Aber die Mauer zwischen den beiden Ländern war nicht das Schlimmste, was passierte. Noch schlimmer war, dass die Mauer auch den Äußeren Kreis, die eigentliche Grenzregion vor uns abgesperrt wurde. Auch hier ist bis heute nichts zu sehen und zu spüren von dieser vermaledeiten Mauer. Sie bewirkte aber, dass die Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Äußeren Kreis befanden, nicht mehr zu uns kamen. Die Mauer durchzieht alle Ebenen, sogar die unterirdischen. Allein die Depots sind noch zugänglich, aber auch nur, bis zum Warenlager. Der Zugang zu den Ländern, in diesem Fall reden wir von den Transportbändern, wird ebenfalls von der Mauer abgeschirmt.“

„Also leben noch Menschen im Äußeren Kreis?“ unterbrach Christian aufgeregt Willys Erzählung.

„Ja. Aber es ist nur noch ein einziger Mensch da draußen. Und der wartet auf dich, Christian.“

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„Da draußen lebt nur noch ein einziger Mensch? Ganz allein?“ Kimmy schaltete sich nun ins Gespräch ein, da ihr dieser Teil der Geschichte nun doch zu unwahrscheinlich vorkam.

„Ja! Und das seit etwa 35 Jahren. Denn in dieser Zeit passierte noch ein zweites Unglück. Es gab einen Tunnel von hier bis zum Festland. Er wurde sicherlich gebaut, um die Versorgung der Menschen hier zu bewerkstelligen. Aber auch das sind nur Vermutungen, denn es liegen riesige Mengen Kabel in diesem Tunnel. Und es gibt nur einen Weg, der breit genug ist, dass ein Elkawe ihn befahren könnte. Ob noch andere Wege angelegt waren, können wir heute nicht mehr genau ergründen. Der Tunnel ist verschüttet. Es gab wohl eine gewaltige Detonation. Keiner wußte, was sie ausgelöst hat. Die Menschen, die im Äußeren Kreis lebten und arbeiteten, rannten in den Tunnel. Sie wußten ja, dass dies die einzige Möglichkeit war, Verbindung mit der Draußen-Welt zu halten. Vor allem auch Nachschub an Lebensmitteln und anderen Dingen zu bekommen.
Also griffen sie nach Werkzeugen aller Art und versuchten, den verschütteten Tunnel wieder frei zu legen. Jeder verfügbare Mensch im Äußeren Kreis hielt sich in diesem Tunnel auf, als eine erneute Detonation dazu führte, dass die Menschen im Tunnel verschüttet wurden. Keiner entkam diesem Unglück. Nur die wenigen, die zu dieser Zeit an den Transportbändern arbeiteten, überlebten die Katastrophe. Lange wartete man auf Hilfe von der Draußen-Welt. Es wurden Wächter am Eingang des Tunnels postiert, damit jedes Zeichen, jeder Klopfton oder eventuelle Geräusche von der anderen Seite sofort bemerkt werden konnten. Aber nichts geschah.
Die wenigen Menschen, die nun noch im Äußeren Kreis lebten, waren vollkommen isoliert. Nicht nur zu ihren Freunden und Bekannten war jede Verbindung abgebrochen, auch zu RodLand führte kein Weg, da diese vermaledeite Mauer bis in den Äußeren Kreis reichte.

Viele zerbrachen an dieser Isolation und starben früher, als es in WestLand üblich ist. Es gab wenige, die an die Zukunft dachten, und erkannten, dass die WestLänder für sich selbst sorgen mussten, wenn die Lager leer waren, und kein Nachschub in Aussicht stand. Diejenigen, die technisch versiert waren, konnten nach vielen Experimenten und zahllosen Fehlversuchen zumindest eine Kommuninkation in die ehemaligen Versorgerläden herstellen. Sie besteht auch heute noch. Und, man bildete junge Menschen aus, die die wenigen, noch funktionierenden Anlagen bedienen und bis zu einem gewissen Grad auch reparieren konnten.
Übrig geblieben ist davon nur einer. Hermann. Die anderen sind nach und nach verstorben. Manche durch Unfälle, andere an Krankheiten, die wir hier überhaupt nicht kennen.
Hermann ist unser einziges Verbindungsglied zum Äußeren Kreis. Aber er ist alt, und des Alleinseins müde. Außerdem muss es jemanden geben, der seine Arbeit weiter führt, sollte ihm etwas geschehen, oder er einfach so sterben.
Wir Wächter warten schon lange auf jemanden, wie dich, Christian. Eigentlich war Kimmy diejenige, mit der wir das Experiment wagen wollten und wir hätten auch nicht mehr lange gezögert.
Aber dann kamst du durch die Mauer. Du bist der Glücksfall, auf den wir so lange gewartet haben, Christian!“

Christian schaute Willy mit großen Augen an. „Was ist denn an mir ein Glücksfall?“, fragte er erstaunt.

„Na das möchte ich auch wissen.“, kommentierte Kimmy. „Wenn hier jemand ein Glücksfall ist, dann doch wohl ich. Das sollte jedem klar sein.“, grummelte sie vor sich hin, wagte es aber nicht, Willy oder Christian anzuschauen.

Willy lachte darauf hin. „Ihr seid beide ein großes Glück für unser Vorhaben. Genetisch gesehen seid ihr beide echte Rodländer. Christian hat nur den Vorteil, dass er auch in RodLand gelebt hat und dort groß geworden ist. Außerdem wissen wir, dass er einer richtig guten Linie rodLänder Wissenschaftler entstammt, die sich von Anfang an gegen diese Sterbehäuser und Flaggenfestungen, und letzendlich auch gegen die Behörde gestellt haben.
Das macht dich übrigens doppelt interessant für unsere Ärzte.“

„Hee!!“, schaltete sich Kimmy aufgebracht ein. „Wie kommt ihr darauf, dass ich eine RodLänderin bin? Ich war in meinem ganzem Leben nirgendwo anders, als hier in WestLand.“

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„Das ist so nicht richtig, Kimmy. Geboren wurdest du in RodLand. Ich war zum Dienst an der Mauer eingeteilt, als deine Eltern einen Überlauf versuchten. Es war das schlimmste Erlebnis, das ich in meinem ganzem Leben hatte.“

„Ich habe richtige Eltern? Und sie waren RodLänder? Das ist ein Witz, oder?“ Kimmy war zu verstört, um auch nur an Witze zu denken, und das sah man ihr auch an. „Was muss ich tun, damit du weiter redest, Willy?“ Ihre Verstörtheit hatte sich innerhalb von Sekunden in höchstgradige Erregung gewandelt. Nichts hielt sie mehr auf ihrem Platz. Sie kniete förmlich vor Willy und Christian bekam es ein wenig mit der Angst zu tun.

„Vielleicht solltest du einfach die Klappe halten, RodLänderin? In unserem zu Hause macht man das so, wenn man etwas erfahren möchte.“, warf Christian ein und zog sich dann schnell zurück, als Kimmy Anstalten machte, auf ihn los zu gehen. Aber Christians Einwurf half. Kimmy setzte sich wieder hin und Willy, der ausgesprochen ruhig dem ganzen Geschehen zugesehen hatte, erzählte einfach weiter.

„Warum auch immer, man kann durch die Mauer in Richtung RodLand sehen. Das weißt du ja Kimmy. Warum man von RodLand nicht nach WestLand sehen kann, wissen wir nicht. Vermutlich ist es eine technische Störung, genauso sie die Durchdringbarkeit der Mauer von eurer Seite aus. Anders können wir uns die ganze Sache nicht erklären.
Auf jeden Fall musste ich mit ansehen, wie deine Eltern in den Todesstreifen liefen. Die Drohnen kamen sehr schnell und deine Mutter und deine große Schwester wurden gefangen genommen. Dein Vater schaffte es, mit dir auf den Arm, bis zur Mauer. Als die Drohnen-Leute ihn erreichten, riß er sich noch einmal von ihnen los und warf dich herüber. Erst dann ließ er sich fest nehmen und abführen. Da hatte ich dich schon gefunden. Du hast wie verrückt geschrieen und die Hände nach drüben ausgestreckt. Ich brauchte alle Kraft, um dich zu bändigen und trotzdem gelang es dir, dich aus meinen Armen heraus zu winden. Wir WestLänder haben ja in der Regel keine Erfahrungen mit Babys und ich wollte dir nicht weh tun.
Du bist auf Händen und Knieen zurück zur Mauer und hast dabei furchtbar geweint. Ich habe keine Ahnung, ob du vorher schon laufen oder stehen konntest. Aber an diesem Tag hast du dich aufgerichtet, sobald du bei der Mauer ankamst und hast dann gefühlte Stunden dort verbracht. Immer, wenn ich mich dir nähern wollte, begann dein Geschrei von vorn. Also wartete ich. Irgendwann bist du einfach umgekippt und eingeschlafen. Und dann habe ich dich zur Grenzgänger-Gemeinschaft gebracht.“

Völlig fassungslos sah Kimmy von Willy zu Christian und wieder zurück zu Willy.

„Ich habe eine Schwester, und Eltern. Ich komme aus RodLand. Und niemand,“ Kimmy´s Stimme wurde jetzt immer lauter und überschlug sich am Ende fast. „Niemand von euch hat es fertig gebracht, mir auch nur ein Wort davon zu sagen???? Und jetzt soll ich auch noch in euren bescheuerten Außenkreis, mein Leben auf´s Spiel setzen und auf dieses Baby hier aufpassen? Sag mal, seht ihr eigentlich noch klare Bilder?“

„Kimmy, vielleicht…“

„Mach den Mund zu, Kleiner!“ schrie Kimmy Christian an, der sich sofort an ihre Aufforderung hielt und es liebend gern den Wächter überließ, dieses aufgebrachte Energiebündel wieder zur Ruhe zu bringen.

„Ich will sofort nach RodLand, hörst du?“ zeterte Kimmy nun wieder in Richtung des Wächters. „Ich muss meine Schwester finden, meine Eltern, meine … oohh man. Wie nennt ihr das gleich nochmal, dieses Ding zwischen Eltern und Kindern. Na nun guck nicht so doof“, herrschte Kimmy Christian an. „Da, wo sie alle drin stecken, auch eure Alten. …nun sag schon!“

„Familie?“, stammelte Christian auf gut Glück und sah erleichtert, wie Kimmy dieses Wort aufnahm. Sie plumpste nämlich auf den Boden, als wäre plötzlich alle Kraft aus ihren Beinen gewichen.

„Ja. Genau! Meine Familie. Ich habe eine Familie.“

„Kimmy?“, ließ sich nun die ruhige Stimme des Wächters vernehmen. „Dir ist schon klar, dass du allenfalls noch deine Schwester finden kannst. Für deine Eltern gibt es keine Hoffnung darauf, dass sie noch am Leben sind.“

„Ich bin ja nicht blöd.“, kam nun wieder die alte Kimmy zum Vorschein. „Aber für meine Schwester gibt es Hoffnung. Also gehe ich nach RodLand.“

„Ja. Und der einzige Weg, die einzige Hoffnung überhaupt da hin zu kommen, findest du im Äußeren Kreis. Das ist dir doch hoffentlich klar?“ Willy zwang Kimmy, ihm genau zuzuhören, indem er immer leiser wurde. „Meinst du nicht auch, dass wir uns schon längst mit den RodLändern zusammen getan hätten, wenn es irgend eine Möglichkeit dazu gegeben hätte? Und was ist mit Hermann im Äußeren Kreis? Glaubst du etwa, dem macht es Spass Jahr um Jahr sterbende Anlagen zu bewachen und nur menschliche Stimmen zu hören, wenn einer der Wächter die Gelegenheit hat, sich mit ihm zu unterhalten?“

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„Und wenn schon.“ Kimmy zeigte sich von den Worten des Wächters ziemlich unbeeindruckt. „Ich kenne diesen Hermann ja noch nicht einmal.“

„Na klar, und vor ein paar Minuten hast du noch nicht einmal gewusst, dass du eine Familie hast. Aber die vollkommen unbekannte Schwester willst du sofort suchen.“ Christian hatte für Kimmy´s Verhalten nur ein Schulterzucken übrig und wendete sich wieder an Willy. „Was ist an mir so gut, dass es ein Glücksfall für euch ist, dass gerade ich durch die Mauer gekommen bin? Das möchte ich gern wissen.“

„Der Glücksfall findet sich in deinen Genen. Wir sind in der Genforschung immens weit gekommen und wissen daher, dass das Verhalten, die Neigungen, Intelligenz und vor allem Begabungen ihren Ursprung in den Genen haben. Wir haben dir deinen Chip im Grenzgängerlager entfernt. Dabei haben wir dir Blut entnommen und sie von Freunden untersuchen lassen. Heidi war bei dieser Aktion federführend.
Aus deinen Genen wissen wir, dass du eine hohe technische Begabung in dir trägst und überdurchschnittlich intelligent bist. Außerdem bist du ein reinrassiger RodLänder, was für den etwaigen Durchbruch in den Äußeren Kreis von äußerster Wichtigkeit ist. Würde sich nur eine Spur westLändischer DNA in deinem Blut finden, wäre ein Durchbruch von vorn herein zum Scheitern verurteilt.
Diese Grundvoraussetzung ist übrigens bei Kimmy ebenso gegeben. Nur, dass sie nicht so begabt in technischen Dingen ist, wie du.“ Den Seitenhieb konnte sich Willy nicht verkneifen und erntete dafür prompt ein bitterböses „EEEEEeeeeh, pass auf du!!“, von Kimmy.

Willy schaute schmunzelnd in den Himmel, an dem sich schon die ersten Vorboten des neuen Tages zeigten. „Ich bin bald fertig mit meiner Geschichte. Und dann sollten wir ein wenig schlafen.“

Weder Christian, noch Kimmy hatten dagegen etwas einzuwenden, denn mittlerweile forderte der hinter ihnen liegende Tag und die durchwachte Nacht ihren Tribut.

„Also, der jetzige Äußere Kreis war in beiden Ländern die Arbeitsstätte derjenigen, die die Verbindung zur Draußen-Welt hielten und hatten. Informationen von dort aus ins Innere der Länder waren absolut nicht gewollt und vermutlich auch verboten. Hier, in WestLand sind wir Wächter tatsächlich die einzigen Menschen, die diese Informationen darüber haben und schaut her…“ Willy streifte seine Jacke ab und krempelte den Ärmel seines Hemdes ganz nach oben.

Christian erkannte sofort, was Willy ihnen zeigen wollte. „Du hast einen Chip.“, stellte er nur fest und sah Willy erstaunt an.

„Ja, aber zum Glück keinen, der mich für´s Lügen bestraft. Gefährlich ist er trotzdem, denn er enthält einen Empfänger und ein sofort wirksames Gift, dass alle meine Erinnerungen unwiderbringlich vernichten würde. Ich wäre dann nur noch ein sabbernder Alter, der sich in die Hosen macht und nicht ein Wort reden kann. Der Chip kann nur auf einstimmigen Beschluss der Wächter-Gemeinschaft ausgelöst werden. Nämlich dann, wenn ein Wächter Informationen über die Draußen-Welt an WestLänder weiter gibt, oder sie sonst irgendwie zu seinem eigenen Nutzen, oder zum Schaden Anderer verwendet. Das ist aber noch niemals vorgekommen.
Wir gehen davon aus, dass wir tatsächlich alle ein Teil eines Experimentes sind. Warum die Initiatoren, meinetwegen auch der User keine Verbindung mehr zu uns aufnimmt, ist unklar. Wenn dies aber einmal passieren sollte, oder wir einen Weg in die Draußen-Welt finden, sollte das Experiment zumindest Erfolg haben, oder die Informationen liefern, die gewünscht und gewollt waren.
Deshalb versuchen wir, alles was die Draußen-Welt betrifft, von den Menschen fern zu halten.“

Willy war zum Schluß immer leiser geworden und rang ganz offensichtlich mit seinen Gefühlen. „Sonst wäre ja am Ende alles umsonst gewesen.“, beendete er seine Geschichte mit einem sehr traurigen Gesichtsausdruck.

Die drei richteten sich ihre Nachtlager her und bald schon verrieten tiefe Atemzüge, dass zu mindest Willy fest eingeschlafen war. Von Kimmy`s Seite hörte Christian überhaupt nichts. Sie war für Christians Begriffe so wie so sehr still geworden, nach der erstaunlichen Eröffnung über ihre wahre Herkunft. Er hegte die Befürchtung, dass sie irgend etwas plante, und nahm sich vor, doppelt Obacht zu geben.
Er selbst hätte nur zu gern gewusst, was die Wächter nun eigentlich von ihm erwarteten. Offensichtlich war, dass er von diesem Hermann in dessen Aufgaben im Äußeren Kreis eingewiesen werden sollte. Aber sie konnten doch nicht ernsthaft annehmen, dass er sich freiwillig dort hin aussperren ließ.
Über diesen trüben Gedanken fielen ihm die Augen zu und er schlief fest ein.

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Als Christian erwachte stand die Sonne schon hoch am Himmel. Von Willy und Kimmy konnte er keine Spur entdecken und das war ihm auch ganz recht. So konnte er in Ruhe erwachen und seine Gedanken ordnen. Und das schien ihm sehr notwendig zu sein. Mehr denn je fühlte er sich wie eine Marionette, nur dass er diejenigen nicht kannte, die an den Fäden zogen. Und das war etwas, was Christian ganz und gar nicht passte. Er sah zwar ein, dass die einzige Möglichkeit weiter zu kommen, im Äußeren Kreis lag. Aber er hatte absolut keine Lust, den Job von Hermann zu übernehmen, oder mit Kimmy den Rest seiner Tage zu verbringen. Falls sie überhaupt einen Weg in den Äußeren Kreis fanden.

Christian hatte sein Frühstück beendet und war dabei, seinen Rucksack zu packen, als der Hund erschien und ihn laut bellend umsprang.

„Na du Streuner.“, begrüßte ihn Christian sehr viel weniger euphorisch.

Dann lauschte er auf die Stimmen, die plötzlich zu ihm drangen und von Geräuschen begleitet wurden, die er nicht zuordnen konnte. Deshalb versteckte er sich vorsichtshalber hinter dem Stamm einer großen Kiefer und wappnete sich so vor der nächsten Überraschung.

Die kam auch tatsächlich. Nicht in Gestalt von Willy und Kimmy, die er ja erwartete. Die beiden kamen in Begleitung zweier Menschen und vor allem, in Begleitung von zwei Tieren, die Christian bisher auch nur aus Büchern kannte. Er musste eine Weile überlegen bis ihm die Namen der Tiere einfielen. Es waren Pferde, die da auf den Lagerplatz geführt wurden.

Das es diese Tiere in Wirklichkeit gab, fand Christian so erstaunlich, dass er hervor trat und im ersten Moment überhaupt nicht auf die Menschen achtete, die sie führten. Erst, als Willy ihn ansprach, konnte er sich von der Faszination, die die Pferde auf ihn ausübten, lösen.

„Ich habe hier noch zwei Begleiter für dich mitgebracht, von den Pferden einmal abgesehen.“

„Hallo Christian!“, trat nun ein schlankes Mädchen hinter einem der Pferde vor, und kam ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. Auch hier brauchte er ein paar Sekunden, bis er erkannte, wer da vor ihm stand.

„Klara.“, stellte er dann fest. „Was machst du denn hier?“

„Ich werde dich bei deinem Versuch, in den Äußeren Kreis zu gelangen, begleiten. Gemeinsam mit meinem Freund Roland hier.“

Christian sah von einem zum anderen und übersah die Hand, die ihm Roland zur Begrüßung reichte.

„Das werdet ihr nicht.“, antwortete er, immer noch zu verblüfft, um einen klaren Gedanken zu fassen. Fast hilfesuchend glitt sei Blick über die Gesichter von Willy und Kimmy, bis er wieder auf die Pferde fiel. „Was ist mit euch los? Seid ihr alle verrückt geworden?“, sprach er eher zu sich selbst.
„Was wollt ihr eigentlich alle von mir?“, brach nun der, seit gestern, aufgestaute Ärger aus Christian heraus und ließ ihn laut werden.
„Warum nur wollt ihr mit mir kommen? Wieso jetzt? Habt ihr nicht so viele Jahre Zeit gehabt, einen Weg nach draußen zu suchen?

Ich will eure Begleitung nicht, ich will auch keinen doofen Wächter-Job übernehmen und am allerwenigsten will ich mit zwei Mädchen unterwegs sein, die keine zwanzig Meter nebeneinander gehen können, ohne sich dabei furchtbar zu streiten.“

Christian war so in Rage gekommen, dass er jeden Einwand im Keim erstickte, indem er die Menschen einfach nur ansah.
„Lasst mich einfach mein Ding machen, und ihr macht euer Ding. Fertig!“, beruhigte er sich nun langsam wieder. „Wenn überhaupt jemand mitkommt, dann der kleine Streuner hier.“ Christian strich dem Hund über den Rücken und verbarg mit dieser Geste seine Unsicherheit, die ihn angesichts der wie versteinert stehenden Menschen vor ihm, plötzlich befallen hatte.

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„Jetzt beruhige dich erst einmal, Christian.“

Willy trat auf den Jungen zu und legte vorsichtig seinen Arm um dessen Schulter. „Natürlich haben es im Laufe der Jahre immer wieder Menschen versucht, in den Äußeren Kreis zu gelangen. Die meisten taten es, ohne das Wissen der Wächter und sind entweder umgekommen, oder haben aufgegeben, wenn es reinrassige RodLänder waren. Irgendwann ging keiner mehr die alten Wege.
Sieh sie dir an, die dich begleiten wollen.“

Willy ließ Christian Zeit zu erkennen, was sie alle so offensichtlich gemeinsam hatten.
„Ihr seid alle sehr jung. Die Alten haben jede Hoffnung aufgegeben. Und…, jeder einzelne von euch hat besondere Eigenschaften, die uns hoffen lassen, dass uns nun ein Durchbruch gelingt.
Kimmy ist frech und spontan genug, um auf unvorhersehbare Ereignisse angemessen zu reagieren. Sie kommt mit ihrer Intelligenz nahe an die deine.
Klara ist von dem User so besessen, dass allein ihre Entschlossenheit, ihn zu finden, ein Pluspunkt ist. Außerdem verfügt sie über Wissen, welches die Wünscher schon seit Jahren nur unter sich weiter geben. Die Gründe dafür sind dir bekannt.
Roland kann gut mit den Pferden umgehen. Er und seine Familie sind die einzigen Menschen hier, die Pferde überhaupt noch halten. Eigentlich will er gar nicht in den Äußeren Kreis und er will zurück kommen, sobald ihr einen Durchgang gefunden habt. Aber die Pferde können euch tragen, wenn es euch nicht gut geht. Und nicht nur das. Sie werden auch euer Gepäck transportieren. Und Roland wird darauf achten, dass es den Tieren dabei gut geht.“

Willy trat einen Schritt von Christian zurück und schaute ihn an, als sähe er ihn das erste Mal.

„Und nun zu dir.“, fuhr er mit seiner Rede fort. „Hast du wirklich geglaubt, dass wir ohne einen Grund einen zwölfjährigen Jungen allein durch unser Land laufen lassen? Wir alle waren von Anfang an von deiner Entschlossenheit und Zielstrebigkeit beeindruckt. Wir wollten einfach sehen, wie weit du kommst, ohne dich in Schwierigkeiten zu bringen. Keiner von uns Wächtern hat geglaubt, dass du es bis hier her schaffst. Dein Wissen und deine Begabung für technische Sachen sind nur eine willkommene Zugabe.
Deshalb beschlossen wir, dir bei deinem Weg zu helfen und dir die Unterstützung zu geben, die wir für dich bereit stellen können. Und das, Christian, ist eigentlich schon alles.“

„Uns nun soll ich dafür wohl möglich auch noch dankbar sein?“ In Christian kochte schon wieder der Ärger hoch, da er sich durch Willy`s Ausführungen nur darin bestätigt sah, dass er irgendwie einfach nur benutzt wurde.

„Dankbarkeit erwartet wohl niemand hier von dir.“, ließ sich nun zum ersten Mal Roland vernehmen, der schätzungsweise nur zwei oder drei Jahre älter als Christian war. „Aber ein wenig mehr Respekt wäre wohl nicht zu viel verlangt.“

„Und du bist hier, weil es jemanden geben muss, der mir sowas unter die Nase reibt?“ Christian musterte sein Gegenüber, der dabei nicht einmal mit der Wimper zuckte.

„Arschloch!“, antwortete Roland und begann zu grinsen.

„Selber!“ grinste Christian zurück.

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„Dann wäre das also geklärt.“, stellte Willy befriedigt fest und drehte sich nach den Mädchen um, die abseits warteten. „Kommt zu uns.“, forderte er sie auf und alle setzten sich zusammen.
Die Stimmung war seltsam gedrückt. Christian fühlte sich mehr denn je als ein Außenseiter, der das Spiel der anderen mitspielen musste. Aber er war vernünftig genug, um die ihm angebotene Hilfe nicht abzulehnen. Wahrscheinlich hätte man ihn auch allein weiter laufen lassen und er unterdrückte den Versuch, diesen Vorschlag zu machen, nur aus einem einzigen Grund. Es war immer wichtig, Hilfe zu bekommen, wenn man Hilfe brauchte. Egal, warum sie gewährt wurde. Das hatte er zu Hause gelernt.

Willy betrachtete die vier jungen Menschen an seiner Seite nachdenklich. Man konnte es ihm ansehen, dass es ihm nicht leicht fiel, sie weiter zu schicken. Er überlegte noch einen kurzen Moment, dann zwang er sich, seine Zweifel abzuschütteln und gab ihnen noch mit, was noch nicht gesagt wurde.

„Hier bleibe ich zurück. Es dauert noch ungefähr ein oder zwei Stunden, bis ihr auf die ersten Überreste derer stoßen werdet, die einen Weg zum Äußeren Kreis gesucht haben. Lasst euch von den Überresten nicht aufhalten. Es sind nur Knochen. Die Toten werden euch nichts tun.
Von denen, die weiter gekommen und irgendwann zurück gekommen sind, wissen wir, dass es euch von da an übel ergehen wird. Die RodLänder berichteten von Erbrechen, Durchfall und Kopfschmerzen. Manche sahen vage Gestalten und hatten seltsame Erlebnisse.
Heidi und die kleine Gruppe Ärzte, die uns helfen, sind der Meinung, dass die Menschen Wahnvorstellungen hatten. Die müssen ihnen eine solche Angst eingejagt haben, dass sie lieber umkehrten.
Diejenigen, die sich auch davon nicht abschrecken ließen, berichteten, dass danach das Unwohlsein leichter zu ertragen war. Aber dann wären riesengroße Tiere gekommen, oder es entstanden plötzlich Feuersäulen aus dem Nichts. Dann wieder wäre nicht ertragbares Geschrei zu hören gewesen und alle hatten das Gefühl, als lege sich ein unsichtbarer Druck auf sie. Es wäre ein Gefühl gewesen, als ob sich schwere, unsichtbare Gewichte auf sie gelegt hätten. Manche konnten sich nur noch kriechend zurück helfen.

Das alles sind Dinge, die wir uns nicht erklären können.

Jeder, der je einen Versuch unternommen hat, und bis zu dieser Zone gelangte, kehrte um. Keiner von ihnen war länger als drei Tage unterwegs.
Wie weit es dann noch ist, kann niemand sagen.

Nun. Das ist euer Weg. Sollte es sich jetzt jemand anders überlegen, so wird es jeder verstehen und ihr könnt einfach zurück gehen.“

„Also, ich versuche es auf jeden Fall.“, antwortete Christian auf die unausgesprochene Frage.

„Bei einer solchen abgefahrenen Kacke will ich dabei sein.“, gab Kimmy kund.

Klara zuckte nur mit den Schultern und meinte, dass der User auf jeden Fall bei ihr sein wird und Roland meinte, dass sie sowieso alle verrückt wären.

„Nun gut,“ meinte Willy nach diesen eindeutigen Ansagen. „Dann lasst uns packen, und dann geht es los.“

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Roland erwies sich als äußerst hilfreich als es darum ging, das Gepäck der kleinen Gemeinschaft in den Satteltaschen und auf dem Rücken der Pferde zu verstauen. Die Rucksäcke die sie sich jetzt umschnallten, waren um ein Vielfaches leichter, als sie es bisher gewohnt waren.

Willy verabschiedete sie alle mit einem festen Händedruck. „Kehrt um, wenn ihr nicht mehr könnt, oder euch diese ganze Sache über den Kopf wächst. Bringt euch nicht noch mehr in Gefahr, als ihr es so wie so schon tut…“

„Hör mit deinem Palaver auf.“ Christian unterbrach den Wächter mit einer, für ihn, ungewohnten Härte. „Ich gehe den Weg für mich. Nicht für eure Pläne, nicht für irgendeinen User, geschweige denn für irgendeinen alten Mann, der einen Nachfolger braucht. Und wenn ich dabei umkomme, dann interessiert es auch niemanden. Dann wäre ich nur ein weiterer Versuch, der fehl geschlagen ist.“

Die anderen zogen es vor, nichts weiter, als einen leisen Abschiedsgruß zu murmeln. Dann folgten sie Christian und dem Streuner, der sich wie selbstverständlich an Christians Seite hielt.

Willy sah der Gruppe nach, bis sie hinter der ersten Biegung verschwanden. Er hatte getan, was in seiner Macht stand, um die Insel zu retten. Und er hoffte inbrünstig, dass es dieses Mal klappen würde.

Christian übernahm die Position eines Anführers, ohne es wirklich zu wollen. Warum die anderen mit ihn kamen, konnten ihm alle Geschichten, die er bis jetzt gehört hatte, nicht erklären. Und es war ihm auch egal. Der kleine Streuner an seiner Seite stand ihm im Augenblick näher, als die Menschen, die schätzungsweise zwanzig Meter hinter ihm her liefen.
Nach ungefähr einem Kilometer fand sich Klara bei ihm ein und lief neben ihm her, ohne ein Wort zu sagen. Lange hielt das Christian nicht aus. Die None hatte ihm nichts getan und sie konnte auch nichts für seinen Ärger. Am Ende war sie ja auch nur eine Spielfigur in einem Spiel, das er immer noch nicht verstand. Deshalb war er der Erste, der das Schweigen brach.

„Hallo Klara. Wir konnten vorhin nicht viel miteinander reden, das tut mir Leid.“

„Das muss dir nicht leid tun. Ich kann dich gut verstehen. Die Anderen übrigens auch, oder was glaubst du, wieso Kimmy so zahm ist?“

Christian musste darauf hin lachen, ob er wollte, oder nicht. „Kimmy? Die verfolgt ihre eigenen Pläne, glaube mir. Und wahrscheinlich ist sie immer noch geplättet von Willy´s Geschichten. Wäre ich auch, wenn alles stimmt. In WestLand lernt man schnell, alles zu hinterfragen. Trotzdem freue ich mich, dass du hier bist.“

„Schön, das würde ich dir auch nicht glauben, wenn du ein WestLänder wärst. Und nur darum wage ich es, dich um etwas bitten.“

„Das tut in diesem Land scheinbar jeder.“, antwortete Christian mürrisch. „Aber nur zu. Wenn ich kann, werde ich dir deine Bitte erfüllen.“

„Gut, dann bitte ich dich, uns zumindest so lange zu vertrauen, bis wir einen Weg in den Äußeren Kreis gefunden haben.“

„Nichts anderes hatte ich vor, Klara“

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Sie liefen die nächsten zehn Minuten wieder schweigend nebeneinander her und Christian war sehr dankbar dafür. Jetzt, da er wusste, dass nichts weiter kam, als eine gefährliche Zone, war ihm doch ein wenig mulmig geworden. Und dass seine Weggefährten einfach hinter ihm blieben und ihm die Führung überließen, machte die Sache nicht unbedingt einfacher.

„Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn wir auf die beiden hinter uns warten?“, fragte Klara vorsichtig, und holte Christian aus seiner Gedankenwelt zurück. „Ich würde mich besser dabei fühlen, wenn wir zusammen gehen.“

„Ja, natürlich. Gute Idee.“ Christian zwang sich zu einem Lächeln und dann warteten sie auf Roland und Kimmy, die ihre lebhafte Diskussion unterbrachen, als sie in Hörweite von Christian und Klara kamen.

„Na Kleiner, ausgetrotzt?“ Kimmy konnte ihr loses Mundwerk immer noch nicht halten, aber das machte Christian nichts aus.

„Ja klar.“, grinste er sie freundlich an. „Ich habe überlegt, ob ihr vielleicht  noch einmal nützlich sein könntet.“

„Eeeh du Baby, werd mal nicht so frech. Wenn hier jemand nützlich ist, dann doch wohl du. Oder hast du das schon vergessen?“

„Nö. Und wenn es einmal soweit kommen sollte, gibt es ja schließlich dich, um mich daran zu erinnern.“

Da ihnen nun niemand mehr entgegen kam, hatten sie die ganze Straße für sich und so konnten sie bequem nebeneinander herlaufen. Roland hatte zwar immer wieder damit zu tun, die Pferde davon abzuhalten, dass sie in den Wald liefen, aber da er wieder kein einziges Wort sprach, seit alle zusammen gingen, fielen seine Bemühungen den anderen gar nicht auf, da sie eine lebhafte Unterhaltung über die Wächter führten. Erst, als Roland mit den Pferden immer weiter zurück blieb, wurde Kimmy aufmerksam.

„He, Roland!“, rief sie ihm zu. „Brauchst du Hilfe?“

Roland verneinte, hielt sich aber so krampfhaft an den Zügeln der Pferde fest, dass Christian spontan verkündete, dass sie eine Pause machen sollten. Roland setzte sich sofort erleichtert mitten auf die Straße und als die anderen zu ihm kamen, sahen sie, dass sein Gesicht schweißüberströmt war.

„Es geht dir nicht gut!?“ Klara beugte sich zu Roland nieder und fasste seine Stirn an. „Dir ist es nicht heiß, trotzdem schwitzt du. Was ist los?“

„Ich weiß es nicht. Die Pferde wollten nicht auf der Straße bleiben. Sie wollten noch nicht einmal weiter gehen, selbst im Wald nicht. Ich musste sie zwingen, weiter nach Westen zu gehen. Plötzlich ging es wieder und sie folgten mir gutwillig zur Straße zurück. Das Problem ist, dass es mir seitdem ziemlich übel ist, und ich nicht weiß, warum.“

„Geht es euch gut, Kimmy? Klara?“, fragte Christian sofort besorgt.

„Ja!“, antworteten die beiden einstimmig.

„Gut, dann bleibt bei Roland. Ich gehe ein Stück zurück, vielleicht sehe ich ja etwas. Weißt du noch, wo die Pferde in den Wald wollen, Roland?“

„Nein, nicht genau. Vielleicht vor zweihundert Metern. Ich kann es dir nicht sagen. Vielleicht kommt es mir auch so weit vor, weil ich ja ein durch den Wald gehen musste. Ich weiß es einfach nicht mehr.“

Christian nickte nur und lief dann ein gutes Stück des Weges zurück. Aber so sehr er sich auch umsah, er konnte nichts entdecken, was ihn stutzig gemacht hätte. Er fand sogar die Stelle, an der die Pferde in den Wald gelaufen waren. Aber da war nichts. Nur die Straße und der Wald.

Als er zur Gruppe zurück kam, hatte sich Roland ein wenig erholt. Zumindest sah er weniger krank aus.

„Da hinten ist nichts.“, antwortete er auf die unausgesprochene Frage der drei. „Aber du solltest uns zeigen, wie man mit Pferden umgeht, Roland. Anscheinend reagierst du am empfindlichsten auf das, was auch immer hier ist.“

„Christian!“, unterbrach ihn Klara empört. „Rede nicht so. Das war nicht fair.“

Christian erschrak im ersten Moment über Klara´s Reaktion. Dann sah er zu Roland und war sehr erleichtert, als dieser ihm Recht gab.

„Das mache ich. Und wir können sofort damit beginnen. Und noch eins, Christian. Dein Streuner ist ungefähr an der selben Stelle verschwunden, an der die Pferde nicht mehr auf der Straße laufen wollten. Das kann Zufall sein, aber daran glaube ich nicht. Zumindest sollten wir auch ihn im Blick behalten, falls er wieder auftaucht.“

„Mmmh,… ich habe noch nicht einmal gemerkt, dass er weg ist. Aber das muss ja nichts bedeuten.“

Und dann stießen sie auf die ersten Skelette.

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Christian hätte sie noch nicht einmal als Skelette erkannt. Sein Wissen über die menschliche Anatomie war eher dürftig. In den Schulen RodLands legte man auf solche Dinge keinen großen Wert.

Seine drei Begleiter hingegen wussten sofort, was da vor ihnen auf der Straße lag. Klara ging fast andächtig auf die verwesten Überreste der Toten zu, von denen tatsächlich nur noch gebleichte Knochen und zerfallene Kleidungsstücke übrig waren. Die Schädel zeigten in die Richtung, aus der die vier kamen.

„Das müssen welche von denen gewesen sein, die die Gefahr erkannten und versuchten, umzukehren. Bis hier her haben sie es geschafft. Was ist hier nur passiert?“, sprach sie mehr zu sich selbst, als zu den Anderen. Die waren ein wenig entfernt stehen geblieben, denn Klara hatte so betroffen ausgesehen.

„Hauptsache ist, dass wir nicht auch einmal so enden.“, bemerkte Kimmy und Christian stieß sie ziemlich grob mit den Ellenbogen in die Rippen. „Aua! Spinnst du?“ beschwerte sie sich darauf hin lautstark. Und auch, wenn ihr Verhalten wieder einmal unpassend erschien, half es doch, die Stimmung ein wenig zu heben. Zumindest führte es dazu, dass sich Klara von dem Anblick der Toten los riss, und sie alle weiter gehen konnten.

Sie kamen von nun an immer wieder an toten Menschen vorbei. Aber immer noch lagen alle in Richtung WestLand. Also konnten sie noch nicht so weit sein, wo es für die meisten, die damals den Ausbruch versuchten, zu Ende ging.
Christian fragte immer wieder, ob sich alle gut fühlten, denn er selbst spürte überhaupt nichts, höchstens seine Beine. Aber das war wohl normal, da sie fast den ganzen Tag ohne nennenswerte Pause gelaufen waren. Klara und Kimmy bestätigten ihm ebenfalls immer wieder, das alles in Ordnung mit ihnen war. Selbst Roland erholte sich zusehens und auch die Pferde trotteten brav hinter ihrem jeweiligen Führer her.
Roland hielt sich an Christians Anweisung und ließ sie abwechselnd die Tiere betreuen. Dabei erklärte er ihnen, was sie wissen mussten, um im Notfall auch ohne ihn mit den Pferden zurecht zu kommen.
Der Streuner war weit und breit weder zu sehen, noch zu hören. Jetzt vermisste Christian ihn doch ein wenig. Er machte sich zwar nicht wirklich Sorgen um ihn, war aber ein wenig traurig darüber, dass er einfach so abgehauen war. Aber vielleicht tat er ihm auch Unrecht. Auf jeden Fall nahm er sich vor, ihm endlich einen Namen zu geben, sollte er wieder auftauchen.

Die Sonne stand schon über den Baumwipfeln als sie beschlossen, ihr Nachtlager aufzuschlagen. Christian schlug vor, auf der Straße zu bleiben. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie hier sicherer waren, als im Wald. Er konnte dieses Gefühl nicht erklären, aber es fragte auch keiner danach. Nur Roland bat darum, dass sie noch so weit gehen sollten, bis sie in die Nähe einer Lichtung kamen, damit er die Pferde frei lassen könnte.

Ohne, dass sie sich großartig absprachen, richteten sich Kimmy und Klara und auch Roland und Christian in jeweils nur einem Zelt ein. Keiner wollte jetzt allein sein, auch wenn sie ziemlich eng zusammen rücken mussten, da sie alle nur ein Ein-Mann-Zelte mit sich führten.
Keiner von ihnen lag lange wach. Und es störte auch nichts ihren Schlaf.

Das Frühstück am nächsten Morgen verlief fast fröhlich, obwohl sie alle mit Muskelkater und ziemlich zerknittert aus ihren Schlafsäcken krochen. Es dauerte aber nicht lange, bis sie wieder in die Gänge kamen und sie mussten auch nicht mehr sehr weit gehen, bis sie auf eine Stelle trafen, an der sich die Knochen förmlich häuften.

Hier lagen die Schädel ausnahmslos in Richtung Westen und der Anblick war entsetzlich.

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„Oh Mann, das ist ja ein riesiger Haufen Knochen.“ Kimmy nahm mit ihrem Ausspruch einen guten Teil des Entsetzens, das dieser bei allen auslöste. Obwohl er auch hier wieder unpassend wirkte.

„Es ist unfassbar, dass man tote Menschen einfach so liegen lässt.“ Roland ging langsam auf die Ansammlung von Skeletten zu, die die Straße nahezu bedeckten, so weit, wie er sehen konnte. „Ich hoffe, es denkt niemand daran, dass wir hier durch steigen?“, fragte er in die Runde. „Also ich mache da nicht mit.“

„Wir können in den Wald ausweichen. Dort sehe ich zwar auch genug Knochen, aber lange nicht so viele, wie hier auf der Straße.“ Klara war an den Straßenrand getreten und suchte schon nach einen Ausweg.

Christian interessierten die Knochen überhaupt nicht. Er war wieder gut einhundert Meter in Richtung WestLand gegangen und schien irgend etwas zu suchen. Jetzt kam er wieder zurück, den Blick immer noch auf die Straße gerichtet und scheinbar völlig in Gedanken versunken. Kurz vor dieser unnatürlichen Straßensperre blieb er stehen und sondierte auch jetzt konzentriert seine Umgebung. Auch, wenn die Vorstellung über diese toten Menschen zu steigen, nicht sonderlich angenehm erschien, fühlte er keine Gefahr vor sich. Irgendwie fand er es richtig, weiter auf der Straße zu bleiben. Er konnte sich dieses Gefühl nur nicht erklären. Und er wusste auch nicht, wie er es den anderen erklären sollte.

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Wider besseren Wissens gab er deshalb den anderen nach und sie begannen, sich einen Weg durch den Wald zu bahnen. Sehr viel angenehmer war es auch hier nicht. Der einzige Unterschied zur Straße bestand darin, dass sie nicht immer sahen, wohin sie traten. Und dann knickte Klara plötzlich ein und fiel auf die Knie. Ehe Christian sie erreichte, übergab sie sich und legte sich dann mit blutleerem Gesicht zur Seite.

„Klara!“, Christian kniete sich neben sie und drehte sie vorsichtig auf den Rücken. „Was ist los mit dir?“

„Ich weiss es nicht, Christian.“, flüsterte sie. „Plötzlich wurde mir speiübel und mir schwand jegliche Kraft aus den Beinen. Ich konnte nicht verhindern, dass ich mich übergab. Und ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, jetzt aufzustehen.“ Christian strich Klara den Schweiß aus der Stirn und beruhigte sie, so gut es ihm möglich war. Er sah sich Hilfe suchend nach Kimmy und Roland um, konnte die beiden aber nicht entdecken. „Pass auf Klara. Ich suche Kimmy und Roland. Weit weg können sie nicht sein. Bevor ich zu dir lief, waren sie kurz hinter mir. Hier!“ Christian holte seine Decke aus dem Rucksack und wickelte Klara darin ein. „Ich bin sofort wieder bei dir.“

„Pass auf dich auf Christian. Irgendwas ist hier. In unseren Schriften steht, dass der Übergang zur Draußen-Welt geschützt ist.“

„Mmmhh. Ich glaube nicht, dass ich eure Schriften dazu gebraucht hätte, um das zu erkennen.“ Christian wusste, dass er Klara mit diesen Worten nicht half, aber sie machten es ihm möglich, das kranke Mädchen allein zu lassen. Er vermied es, Klara noch einmal anzusehen und erhob sich, wobei er wieder die nähere Umgebung absuchte. Dann winkte er Klara noch einmal aufmunternd zu und machte sich dann auf die Suche nach seinen Gefährten.

Er musste nicht wirklich lange suchen. Schon nach wenigen Metern antworteten sie auf seine Rufe. Und die führten ihn wieder auf die Straße zurück. Dort waren beide damit beschäftigt, die Pferde im Zaum zu halten, die sich wie wild gebärdeten und immer wieder versuchten, zu fliehen. Roland hielt sie zwar mit fester Hand zurück, aber es erforderte seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit, die total verängstigten Tiere zu zügeln.
Kimmy war dabei, ein Seil um den kräftigsten Baum zu knoten, der in der Nähe der Straße stand.

„Hilf mir!“, rief sie Christian zu, als sie ihn erblickte. „Die Pferde wollen fliehen. Und sie wollen weg vom Wald. Auf der Straße sind sie noch zu bändigen, aber selbst bis hier hin können wir sie nicht bewegen. Wir müssen sie halten, sonst ist unser gesamter Proviant weg.“

Christian erkannte sofort den Ernst der Lage. Er griff sich das zweite Seil, band es um den Baum, während Kimmy schon zu Roland lief, ihm das Seilende reichte und ihm gleichzeitig eines der Pferde abnahm. Roland band das Pferd fest und eilte dann Kimmy zu Hilfe, bis Christian mit dem zweiten Seil kam.
Als beide Tiere fest angebunden waren, setzten sich die drei erst einmal erschöpft auf die Straße und versuchten, wieder zu Atem zu kommen.

„Was ist hier passiert?“, fragte Christian nach einigen Minuten.

„Ich kann es dir nicht sagen.“, antwortete Roland sofort. „Die Pferde kamen gutwillig mit in den Wald. Es gab einfach nichts, wovor sie sich hätten erschrecken können. Plötzlich stellten sie sie sich auf, und versuchten zu fliehen. Wir hielten uns an ihnen fest und wurden ein ganzes Stück mitgeschleift. Erst, als sie wieder auf der Straße ankamen, beruhigten sie sich einigermaßen. Wir konnten sie bis hier her bringen. Aber jetzt wollen sie nicht wieder zurück. Du hast ja gesehen, wie sie sich aufführen.“

„Euch ist aber nichts passiert?“, fragte Christian besorgt.

„Ein paar Kratzer und sicher auch ein paar Blutergüsse, sonst fehlt mir nichts.“ Kimmy ließ sich nach hinten fallen, verdrehte die Augen und stellte sich tot.

Roland lachte. „Nein, ein paar Blessuren, aber sonst ist alles in Ordnung. Aber wo ist Klara?“

„Klara geht es nicht gut. Sie liegt da hinten im Wald. Ihr ist schlecht und sie übergibt sich. Ich habe sie in eine Decke gewickelt und wollte euch zu Hilfe holen. Wir waren immer zusammen und im höchsten Fall zwanzig Meter voneinander entfernt. Ich weiß nicht, wieso sie zusammen gebrochen ist. Vor allem ging es furchtbar schnell. Aber, ich habe eine Vermutung.“

„Scheiß auf deine Vermutung! Wir müssen zu ihr.“ Kimmy stand sofort auf und wollte in den Wald, doch Christian hielt sie zurück.

„Warte! Wenn ich Recht habe, liegst du bald ebenso hilflos da, und kotzt dir die Seele aus dem Leib. Also, hör mich erst einmal an.“ Christian hatte seine Stimme nicht wirklich erhoben, war aber laut und bestimmt geworden. Das half. Kimmy kam zurück und setzte sich wieder neben ihn.

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„Wir gehen getrennt. Du Kimmy, gehst in die Richtung, die ich dir zeigen werde und suchst Klara auf die Art, wie es dir gut erscheint. Roland und ich gehen einen Weg, den ich gekennzeichnet habe. Es kann passieren, dass es dir genau so schlecht geht, wie Klara. Dann bleib, wo du bist und wir sammeln dich auf unserem Rückweg ein. Wärest du bereit für dieses Experiment, Kimmy“

„Mir wird nicht schlecht und ich weiß nicht, was du hier abziehst. Wir müssen Klara holen, das ist jetzt wichtig. Dein Experiment kannst du dir sonst wohin stecken.“ Kimmy war offensichtlich so wütend, dass sie auf Vernunft nicht mehr reagieren wollte. Und genau dort, wollte Christian sie haben. Er hielt sie auch nicht zurück, als sie in den Wald stürmte und schon nach wenigen Minuten nur noch ihre Rufe nach Klara zu hören waren.

„Was soll das?“ Roland ließ sich nur von Christian, der sich ihm in den Weg gestellt hatte, aufhalten. „Wir müssen ihr nach, und vor allem Klara helfen.“

„Das werden wir auch tun Roland.“ Christian lockerte seinen Griff, mit dem er Roland gehindert hatte, Kimmy zu folgen. „Wir sind in ein paar Minuten bei Klara, und außer, dass es ihr übel ist, fehlt ihr nichts. Ich glaube, ich weiß, warum das so ist und du wirst mir helfen, meine Vermutung zu bestätigen.“

Roland beruhigte sich und folgte dann Christian, der nun in aller Ruhe den Waldboden absuchte. „Such nach irgend etwas, was aussieht, wie ein Pedal. Du wirst nur die aktivierten Pedale finden, wenn du überhaupt eins siehst. Die inaktiven werden wohl nicht mehr sichtbar sein, weil sie aussehen, wie der Waldboden. Aber vielleicht haben wir Glück.“

Christian folgte nun den Kerben, die er auf seinem Rückweg in die Bäume geschlagen hatte. Roland aber richtete seinen Blick nur noch auf den Boden und hatte sehr bald das Gefühl, dass jedes Blatt aussah, wie ein Pedal. „Nach was suche ich hier eigentlich? Hier wachsen doch sicher keine Pedale aus dem Boden?“, rief er Christian nach, der sich schon mehrere Meter von ihm entfernt hatte. Christian blieb stehen und es fiel ihm ein, dass er Roland bisher noch nichts von seiner Vermutung erzählt hatte. Also kehrte er um und erklärte Roland, was er bei seinem Übergang nach WestLand erlebt hatte.

„Anton in RodLand nannte die Dinger Bodenschalter. Ich habe nie wirklich einen gesehen, aber ganz sicher bin ich auf einen getreten, wenn nicht sogar auf mehrere. In der Grenzregion haben sie die Drohnen herbei geholt. Mit den Drohnen kamen dann Menschen, die mich wahrscheinlich in ein Sterbehaus gebracht hätten, wenn ich erwischt worden wäre. Hier gibt es meiner Meinung nach auch Bodenschalter. Nur aktivieren sie keine Drohnen, sondern irgendwas, das WestLänder umbringt und RodLänder krank macht. Davon bin ich fast überzeugt. Ich habe nur noch keinen Bodenschalter oder irgend etwas in der Art gefunden.“ Christian suchte schon wieder den Boden ab und sah deshalb nicht, dass Roland zweifelnd den Kopf schüttelte.

„Na das ist vielleicht ein toller Plan.“, meinte er dann schulterzuckend und folgte Christian, der schon wieder ein paar Meter vor ihm lief. „Wie kommst du darauf, dass hier solche Dinger sind?“, rief er Christian hinterher, nachdem er ein Weilchen über dessen Vermutungen nachgedacht hatte.

„Es geht so schnell.“, rief Christian zurück. „Und, es muss etwas sein, was sofort wirkt. Ich habe es bei Klara gesehen. Und auch die Toten erzählen es uns. Nur die, die erkannt haben, das Weiterlaufen sie umbringt, hatten die Möglichkeit, umzukehren. Und trotzdem hat es viele von denen auch noch erwischt. Es ist also nichts, was weiträumig wirkt. Verstehst du?“

„Ich verstehe überhaupt nichts. Aber das ist jetzt auch egal. Lass uns Klara finden. Und dann müssen wir auch noch nach Kimmy sehen und die Pferde können wir auch nicht so lange allein lassen. Ich sage dir was. Deine Bodenschalter, oder Pedale, oder was auch immer, bildest du dir ein. Wer soll sowas hier, mitten im Wald eingegraben haben?“ Roland überholte Christian, und begann, nach Klara zu rufen.
Sie mussten auch nicht mehr weit laufen, als sie die None fanden. Sie lag in ihrem Erbrochenen und abgesehen davon, dass sie fürchterlich stank, sah sie auch noch furchtbar aus.

Klara schaffte es kaum, ihre Augen zu öffnen, rang sich aber ein leises Lächeln der Erleichterung ab, als sich Christian neben sie kniete.

„Bring mich hier weg, das ist kein guter Ort.“, flüsterte sie gerade noch hörbar, dann fiel ihr Kopf zur Seite. Roland zögerte nicht lange. Er wickelte das Mädchen aus der Decke und hob sie auf seine Arme.

„Lass uns hier verschwinden und nach Kimmy sehen.“, forderte er Christian auf, der Klara´s Lager untersuchte.

„Warte einen Moment…“ Christian strich noch mehr Laub von der Stelle, auf der Klara gelegen hatte. Und endlich fand er, was er schon lange vermutet hatte. Es war ein Platte, nicht größer, als seine Handfläche, und kaum vom natürlichen Waldboden zu unterscheiden. „Komm her und setze Klara noch einmal ab. Ich zeige dir, was ich meine. Klara hat genau auf diesem Ding gelegen.“

Roland folgte dieser Aufforderung nur sehr ungern, fand es aber wichtig zu sehen, was Christian gefunden hatte.

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Christian zog ein Messer aus dem Halfter, dass ihm Willy zum Abschied geschenkt hatte. Er legte den Bodenschalter frei, ohne, dass er besonders vorsichtig dabei vorging. Roland, der Klara und sich ein wenig abseits in Sicherheit gebracht hatte, trat nun neugierig näher und sah Christian zu. Der hatte ansscheinend einen Mechanismus gefunden, denn plötzlich öffnete sich die Platte und ein schwaches Zischen wurde hörbar, was Christian dazu veranlasste, sofort zur Seite zu springen und die Luft anzuhalten. Roland hatte sich instinktiv ebenso verhalten, trotzdem wurde es ihm plötzlich übel und auch Christians Gesicht hatte einen grünlichen Schimmer.

„Wir müssen ein paar Minuten warten und tief Luft holen. Ich wette, dann geht es uns gleich besser.“, presste Christian keuchend heraus, wobei er sich krampfhaft den Magen hielt.

Es dauerte ein paar Minuten, bis es den Jungen wieder besser ging. Roland spürte es als erster und schaute nach Klara, die anscheinend eingeschlafen war. Als er sich wieder umdrehte hockte Christian schon wieder vor dem Bodenschalter und betrachtete intensiv das, was der Deckel bisher verborgen hielt.

„Komm her, Roland. Es besteht keine Gefahr mehr.“, winkte er Roland heran.

Der näherte sich nur zögernd, aber die Neugier überwand seine Angst und bald darauf kniete er neben Christian und starrte auf das Innere des Schalters, ohne zu verstehen, was er da sah.

Christian hingegen war ganz aufgeregt. „Siehst du? Sieh nur her! Das ist eine Düse, die anscheinend mit einem Druckbehälter verbunden war. Und sieh hier!“ Er zeigte auf den Dorn auf der Rückseite der Klappe. „Wenn jemand auf diesen blöden Deckel tritt, bohrt sich der Dorn in die Düse und öffnet wahrscheinlich den Verschluß der Düse. Und das hier ist eine Druckpatrone.“ Christian berührte etwas, das aussah, wie ein kleiner Zylinder, der mit dem Behälter unter der Düse verbunden war. „Ich kenne diese Dinger. Sie benutzen sie in den Wasserspendern, die in unseren Versorgerläden herum stehen.“
Christian setzte sich neben die kleine Bodenöffnung und sah Roland an, als müsste der gleich in Jubel ausbrechen. Der stand aber nur da, und schaute verwirrt von Christian zum Bodenschalter und wieder zurück.

„Und? Was sagt mir das?“, fragte er und Christian musste an sich halten, um seine Antwort nicht heraus zu schreien.

„Also. Es geht so. Jemand tritt auf den Bodenschalter, der Dorn bohrt sich in die Düse und macht die Verbindung der Druckpatrone zu dem Behälter frei. Dadurch wird ein Gas, oder ein Gift oder was weiß ich frei gesetzt, und tötet den WestLänder, wenn er lange genug darauf stehen bleibt, oder oft genug das Zeug einatmet. Ich habe keine Ahnung, was das für ein Zeug sein kann, aber ich vermute, dass hier hunderte von diesen Schaltern, oder auch Pedalen installiert sind. Je mehr Menschen hier lang gelaufen sind, desto mehr Gas wurde freigesetzt, weil sie natürlich auf fast jeden Schalter traten, der hier ist. Wir, oder Klara, besser gesagt, haben diesen einen hier gefunden, weil niemand vor uns hier lang gegangen ist. Verstehst du jetzt?“

„Das einzige, was ich verstehe ist, dass die Schalter offensichtlich Menschen töten. Und wir sollten jetzt Klara wieder zur Straße bringen. Wahrscheinlich ist Kimmy auch auf so ein Ding getreten und es geht ihr ebenso schlecht, wie Klara. Alles andere interessiert mich im Moment nicht.“
Roland hob Klara wieder auf seine Arme und wollte in die Richtung, in der er Kimmy vermutete. Doch auch jetzt hielt ihn Christian zurück.

„Lass mich nach Kimmy suchen und bleib du mit Klara auf den Weg, den ich gekennzeichnet habe. Es nützt niemandem, wenn du auch noch schlapp machst“ Christians Worte hielten Roland tatsächlich davon ab, einfach ziellos nach Kimmy zu suchen.

„Einverstanden! Aber du suchst jetzt nach Kimmy, versprichst du mir das?“, fragte er Christian eindringlich.

„Ja, sofort. Und versprechen muss ich dir nichts. Ich kann nämlich nicht lügen. Schon vergessen?“ Christian schlug sich in die Büsche und ließ Roland zurück, der kurz über Christians Worte nachdenken musste.

„He RodLänder!“, rief er dann Christian nach. „Hier kannst du, aber wehe dir, du tust es!“

Ein Lachen war die einzige Antwort, die er darauf aus dem Wald bekam. Aber Roland schätzte, es war das Beste, was er in dieser Situation bekommen konnte.
Er machte sich mit Klara auf den Weg zur Straße zurück und hoffte, dass er sich auf Christian verlassen konnte.

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Und er konnte sich auf Christian verlassen. Während er Klara auf den gekennzeichneten Weg in Richtung Straße trug, suchte Christian nach Kimmy. Und er musste auch nicht weit laufen. Ein Stöhnen und die Würgelaute ließen nicht lange auf sich warten und halfen ihm, Kimmy schnell zu finden.

„Wo bleibst du denn so lange?“, empfing sie ihn, unterbrochen von einer Brech-Attacke. „Du Mistkerl hast genau gewusst, was mich hier erwartet. Wenn ich erst wieder kann, werde ich dich umbringen.“

„Ich kann´s erwarten.“ Christian zog Kimmy aus der Bodensenke, in die sie sich verkrochen hatte und schaute sich nach dem nächsten Skelett um. Das lag glücklicherweise nur ein paar Meter entfernt. Da der Schädel in Richtung WestLand zeigte, untersuchte er den Waldboden sehr sorgfältig. Und er stocherte vor jedem Schritt mit einen Stock in den Boden.
Erst, als er sicher war, dass kein Bodenschalter ausgelöst werden könnte, holte er Kimmy. Die hatte sich zumindest soweit erholt, dass er sie nicht mehr über den Boden schleifen musste. Trotzdem fiel es Christian sehr schwer, sie in einen sicheren Bereich zu bringen, denn Kimmy war immer noch furchtbar schwach.

„Mann, das hast du doch gewusst. Wieso lässt du es zu, dass es mir so schlecht geht?“

„Hättest du auch nur ein Wort geglaubt, wenn ich dir was erzählt hätte? Ha! Bodenschalter! Was´n das für Mist? So wärst du mir gekommen. Kann ja wohl nicht angehen, dass ein mittlerweile Dreizehnjähriger ne zündende Idee hat. Oder?“ Christian zog Kimmy zum Skelett und hoffte auf seinem Weg, dass er alles gründlich genug abgesucht hatte. Kimmy war ungefähr zwei Jahre älter als er, und entsprechend größer und schwerer. Es war ein hartes Stück Arbeit für ihn, sie so weit zu bringen. „Hör also auf, hier rumzumotzen und vertrau mir einfach. Ich muss noch einmal zurück, dann erkläre ich dir alles.“
Christian wartete nicht auf eine Antwort. Er lief noch einmal zu dem Ort, an dem er Kimmy gefunden hatte. Und nach einer kurzen Suche fand er den Bodenschalter, den er auch hier vermutete hatte. Nur suchte er jetzt nach einer Möglichkeit, ihn zu erkennen, bevor jemand drauf trat.

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Aber so sehr Christian auch suchte und nach Auffälligkeiten Ausschau hielt, es gab nichts, was den Schalter verriet. Er war perfekt seiner Umgebung angepasst. Dieser Umstand bewies Christian, dass sich die Schalter schon lange im Boden befanden. Wahrscheinlich schon immer, seit es die Insel gab. Die Wahrscheinlichkeit, dass Willy und alle anderen mit ihrer Vermutung recht hatten, wurde immer größer.

Christian lief zu Kimmy zurück, die sich überraschend schnell erholt hatte. Zumindest lag sie nicht mehr und hatte ihre Körperfunktionen wieder unter Kontrolle. Ansonsten jedoch sah sie immer noch verheerend genug aus, denn bei ihr hatte das Gas, oder was auch immer für ihren Zustand verantwortlich war, nicht nur nach oben gewirkt, sondern auch nach unten. Demzufolge verbreitete sie einen Geruch um sich, der ihr selbst zuwider war.

Das hielt sie aber nicht davon ab, Christian weiter zu beschimpfen, der sich erst einmal nur bis zur geruchsneutralen Zone gewagt hatte. „Was passiert hier?“, moserte sie mit schwacher Stimme. „Ich habe mich von oben bis unten voll gemacht, und kann mich nicht auf den Beinen halten. Es ist mir immer noch übel und in meinem Bauch rumort es, als hätte ich ein anderes Lebewesen in mir. Dann legst du mich auch noch neben einem dieser Knochenhaufen ab. Findest du, dass das in meinem Zustand förderlich ist? Und du? Du stehst vor mir und versuchst, dir das Grinsen zu verkneifen. Anscheinend geht es dir gut?“

„Bist du jetzt fertig?“, fragte Christian, als Kimmy erschöpft schwieg. „Die Knochenhaufen sind der sicherste Schutz, der mir im Moment einfällt. Die Menschen sind gestorben, weil sie vor uns auf die Bodenschalter getreten sind. Also gibt es keine aktiven mehr, da, wo sie liegen. Wenn ich dich zur Straße bringe, müssen wir über sie hinweg und dürfen nur dort laufen, wo sie liegen. Ich kann nicht gleichzeitig den Boden nach den Schaltern absuchen, und dich dabei tragen. Du wiegst mindestens hundert Kilo und ich bin schließlich nur ein kleiner Junge.“

„He, Christian.“ Kimmy lenkte ein und besann sich darauf, dass Christian genug zu tragen hatte. Und das nicht nur im physischen Sinne. „Ich habe zwar keine Ahnung, wovon du redest, aber ich glaube dir, wenn du sagst, dass das unser Weg ist. Die Hauptsache ist, dass es mir bald wieder besser geht. Dann kannst du mir alles erklären. Und ich möchte mich sauber machen. Kannst du das verstehen?“

„Klar! Also komm.“ Christian schob sich einen Arm Kimmy´s auf die Schulter und hob sie mit dem anderen Arm auf. Kimmy unterstützte ihn, wo sie nur konnte, trotzdem war es ein schweres Stück Arbeit, sie bis zur Straße zurück zu bekommen. Dort warteten schon Roland und Klara auf sie. Roland lief ihnen entgegen, sobald die beiden den Wald verließen. Schnell legte er sich Kimmy´s freien Arm um seine Schulter und entlastete so Christian, dem mittlerweile der helle Schweiß auf der Stirn stand. Er warf zwar Christian einen bezeichnenden Blick zu, als er in Kimmy´s Dunstkreis eintauchte, fasste aber beherzt zu, als er die beiden erreichte. Minuten später lag Kimmy neben Klara und die beiden hielten sich aneinander fest, als würde dies gegen ihren Zustand helfen.
Roland und Christian saßen ein paar Meter entfernt und erholten sich erst einmal von den Strapazen.

„Die stinken!“, bemerkte Roland grinsend.

„Und wie!“, feixte Christian.

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Die Jungen ließen sich nicht lange Zeit zum Verschnaufen. Nach ein paar Minuten holten sie die Pferde, die sich mittlerweile auch wieder beruhigt hatten. Dann packten sie soviel ihres Gepäckes auf eines der Pferde und teilten den Rest auf ihre eigenen Rucksäcke auf. Dann hoben sie vorsichtig die Mädchen auf das zweite Pferd und suchten sich danach vorsichtig einen Weg durch die Skelette. Christian lief mit einem Stock voran, mit dem er jeden Meter Asphalt abklopfte. Aber seine Ahnung schien sich zu bestätigen. Er fand keinen weiteren Schalter und er löste offensichtlich auch keinen aus, da es ihm und Roand weiterhin gut ging und sich Kimmy und Klara zusehens erholten.
Obwohl der Weg über die Skelette mühsam und auch nicht sonderlich angenehm war, kamen sie gut voran. Und sie mussten auch nicht sehr weit laufen, bis sie an einen Bach kamen, der nahe an der Straße entlang lief und an dem sich Klara und Kimmy reinigen konnten. Sie beschlossen, an dieser Stelle zu rasten, nachdem Christian und Roland den Boden am Ufer des Baches gründlich abgesucht hatten.
Und hier fand auch der Streuner wieder zu ihnen. Wie aus dem Nichts, tauchte er plötzlich auf und begrüßte Christian freudig und ausgelassen, indem er ihm auf den Schoß sprang und versuchte, das Gesicht abzulecken.

„Lass das Paul, das mag ich nicht.“, wehrte Christian den Hund ab, dem das aber nichts ausmachte. Er lief einfach zu den anderen hin und holte sich von jedem einzelnen ein paar Streicheleinheiten. Als er seine Runde beendete, ließ er sich zu Christians Füßen nieder und legte zufrieden den Kopf zwischen seine Vorderläufe.

„Paul?“ Roland sah Christian zweifelnd und ein wenig amüsiert an.

„Ja. Der sieht aus, wie ein Paul. Und ich hatte mir vorgenommen, ihm einen Namen zu geben, sollte er wieder auftauchen. Paul ist so gut, wie jeder andere Name.“

„Na, ihm scheint er zu gefallen. Zumindest stellt er schon jetzt die Ohren auf, wenn du den Namen sagst.“

Klara und Kimmy gesellten sich zu ihnen und Klara bat darum, den Rest des Tages und die Nacht an diesem Rastplatz zu verbringen. Christian wäre zwar gern noch ein wenig weiter gelaufen, aber Klara und selbst Kimmy sahen immer noch ziemlich grün im Gesicht aus und wirkten sehr erschöpft. Also baute er mit Roland die Zelte auf, sie befreiten die Pferde von ihren Lasten und gaben ihnen die Köpfe frei. Diese hielten sich freiwillig in der Nähe ihrer Menschen auf und mieden gewisse Stellen, obwohl das Gras dort besonders üppig wuchs.
Christian fiel das zwar auf, aber er machte sich keine großen Gedanken darüber.

Die Mädchen verabschiedeten sich schon am frühen Nachmittag, nachdem sie ihre beschmutzten Sachen im Bach gereinigt und auf den Zeltdächern zum Trocknen ausgebreitet hatten.

„Ein Bad könnte euch beiden auch nicht schaden.“, bemerkte Kimmy noch beiläufig, bevor sie zu Klara ins Zelt kroch. „Auch, wenn ihr euch nicht besudelt habt, riecht ihr nicht besonders angenehm.“

Christian und Roland sahen sich darauf hin verblüfft an. Sie beschnupperten sich gegenseitig und mussten Kimmy recht geben. Also nahmen auch sie ein ausgedehntes Bad im Bach, bei dem ihnen Paul freudig Gesellschaft leistete. Sie spielten ausgelassen mit dem Hund, der nicht müde dabei wurde, die Stöcke, die sie ins Wasser warfen, zu aportieren. Dann wuschen sie auch noch ihre Sachen und nahmen sich frische Wäsche aus ihren Rucksäcken.
Jetzt fühlten sie sich wie neu geboren und sahen gemeinsam zu, wie die Sonne langsam hinter den Baumwipfeln verschwand.

„Was ist dein Plan?“, fragte Roland, als das Farbenspiel des Sonnenunterganges verblasste und die Dämmerung begann.

„Ich habe keinen Plan. Hab noch nie einen gehabt. Ich denke aber, dass wir nicht mehr lange über die Toten steigen müssen. Wer auch immer die Bodenschalter installiert hat, wusste, wie sie wirken. Und auch, wie weit ein WestLänder im besten Falle kommen würde. Hinter dieser Zone wird uns wohl nichts Bedrohliches mehr erwarten.“ Christian schaute nachdenklich in die Ferne, als würde er die Grenze zum Äußeren Kreis schon erahnen.

„Du meinst, dann ist es nicht mehr weit bis nach draußen?“

„Ja. Trotzdem müssen wir erst einmal durchkommen. Es muss eine Art Kraftfeld sein. In RodLand haben sie so etwas, um die Versorgeranlagen zu schützen, oder die Sterbehäuser.
Wenn jetzt noch irgend welche Fallen kommen, können sie nur dazu da sein, um im Äußeren Kreis davor zu warnen, dass jemand durchgekommen ist. Und das kann uns egal sein. Wir sind ja wohl erwünscht da draußen.“

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Der Aufenthalt am Rastplatz und eine ruhige Nacht trugen dazu bei, dass alle schon sehr früh auf den Beinen waren. Kimmy und Klara sahen erholt und vollkommen gesund aus, nur ihr Appetit ließ noch zu wünschen übrig.

„Das kann ja nicht schaden,“ kommentierte Klara, als sie ihr Stück Brot angewidert an Christian weiter reichte, so, wie es Kimmy vor ihr bei Roland getan hatte. „Unsere Vorräte gehen so wie so zur Neige.“

Auch deshalb ließen sich beide überreden, wieder auf das Pferd zu steigen. Ganz so fit, wie sie erscheinen wollten, fühlten sie sich wohl doch noch nicht.

Christian übernahm wieder die Führung. Der Weg über die Knochen der vielen toten Menschen war beschwerlich, zumal die Pferde immer wieder einmal scheuten und sich weigerten, mit ihren Führer zu gehen. Auch Paul ging seine eigenen Wege, denen die Pferde aber immer gutwillig folgten. Roland fiel dieser Umstand als Erstem auf. Er machte Christian darauf aufmerksam und Kimmy schlug vor, es einfach den Tieren zu überlassen, wo sie lang gehen sollten, solange sie nur die gewünschte Richtung beibehielten.
Christian hatte zwar Zweifel, ob dies eine gute Idee war, beugte sich aber der Mehrheit. So überließ er es einem Hund und zwei Pferden den Weg zu finden. Anfangs tastete er den Weg immer noch mit einem Stock ab. Aber nach ungefähr zwei Kilometern war er überzeugt, dass Paul alles umging, was Gefahr für ihn bedeutet hätte.
Und dann war plötzlich Schluss mit den Skeletten. Die letzten Toten, oder auch ersten, der hier Gestorbenen, lagen fast in einer Reihe. Christian verdrängte die Vorstellung, was hier passiert sein musste. Und er sah es seinen Wegbegleitern an, dass es ihnen ähnlich ging. Aber mit einem Male hatten sie wieder eine freie Straße vor sich.

„Das ist unheimlich.“, sprach Kimmy aus, was Christian fühlte.

„Ja.“, bestätigte Roland. „Und er hat es geahnt, dass es so kommen würde.“, und zeigte auf Christian.

„Na toll! Wenn du das alles geahnt hast, warum hast du uns nicht vor den Kotz-und-Kack-Attacken beschützt?“ Kimmy schien immer noch sauer darüber zu sein, was ihr und Klara widerfahren war.

„Die Antwort habe ich dir schon gegeben, Kimmy.“, antwortete Christian, fast abwesend, wobei er schon wieder eingehend seine Umgebung musterte.

„Und was erwartet uns nun?“ Klara sah ziemlich ängstlich aus, als sie ihre Frage stellte. Offensichtlich wollte sie nicht nur einem Streit zwischen Kimmy und Christian zuvor kommen, sie hatte auch tatsächlich Angst.

„Ich habe keine Ahnung Klara. Wirklich nicht. Ich glaube, dass wir ab hier nichts Bedrohliches mehr erwarten müssen. Sicher bin ich mir dessen nicht. Es wäre nur nicht logisch. Die größte Herausforderung wird es sein, zu diesem Hermann durchzukommen. Achtet am Besten auf alles, was euch ungewöhnlich erscheint. Stolperdrähte, Lichtschranken, solche Sachen halt.“ Christian hielt inne, als er die weit aufgerissenen Augen seiner Truppe bemerkte. „Was?“

„Christian,“ meldete sich Roland zögernd, aber entschlossen. „Keiner von uns dreien weiß, wovon du redest.“

Christian seufzte und erzählte den anderen, was er beim Übergang nach WestLand erlebt hatte. „Ich denke, dass vor uns ein intaktes Kraftfeld ist. Ein Kraftfeld hat auch immer was mit Energie, oder Elektrizität zu tun. Und wenn das der Fall ist, bekommen wir ein Problem. Damit kenne ich mich nicht aus. Aber ich weiß, dass es uns umbringen kann, wenn wir unvorsichtig sind.“

Die Anderen hatten ihn bis hier hin angehört, ohne ihn mit Zwischenfragen zu unterbrechen. Offenbar erwarteten sie noch weitere Unterweisungen und schienen enttäuscht zu sein, das Christian nicht weiter sprach.

„Ich dachte, RodLänder haben eine besondere Beziehung zu technischen Anlagen? Jedenfalls wird das immer erzählt.“ Roland fragte, nur um die plötzlich eingetretene Stille zu unterbrechen.

„Ja, haben sie auch. Nur nicht, wenn sie mit zwölf von der Schule gegangen sind. Und erst recht nicht, wenn man einer unerwünschten Familie angehört. Ich war schon immer von Technik umgeben. Ich weiß auch, wie man sie benutzt. Aber ich habe keine Ahnung, warum sie funktioniert. Das Wenige, was ich weiß, sollte hier nicht ausreichend sein. Aber lasst uns doch einfach schauen, was da vor uns ist.“

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Klara und Kimmy stiegen von ihrem Pferd ab. Beide hatten das Gefühl, dass sie von nun an doppelt vorsichtig sein mussten. Und sie wollten sich in dieser Situation nicht einem, für sie so unberechenbarem Tier anvertrauen. Ihre Vorsicht war allerdings vorerst unbegründet. Es passierte überhaupt nichts. Paul lief ungerührt die Straße entlang, es gab keine Drähte, keine unnatürlichen Erscheinungen und auch die Pferde folgten Roland, ohne ein einziges Mal zu scheuen. Nur das Gelände änderte sich. Der Wald wurde immer lichter und von Hügeln abgelöst, die anscheinend nur aus Sand bestanden. Das Einzigste, was auf diesen Hügeln noch wuchs, war hohes Gras. Christian widerstand der Versuchung, diese Hügel zu untersuchen. Und ohne, dass er ein Wort sagen musste, blieben auch die anderen auf der Straße.

Sie liefen ungefähr eine Stunde und es gab keine nennenswerten Ereignisse. Christian´s Aufmerksamkeit wuchs mit der Ereignislosigkeit ihres Weges. Plötztlich erklang aus dem Nichts eine Stimme, die so allgegenwärtig schien, dass alle wie im Trance ihren Befehlen folgte.

„Sie sind nicht berechtigt, diese Zone zu betreten. Legen Sie sich mit ausgestreckten Armen und Beinen nieder und warten Sie auf unser Sicherheitspersonal. Sollten Sie sich von nun an in eine aufrechte Position bewegen, aktivieren Sie die Selbst-Schuss-Anlage. Die Gewehre verfügen über einen Sensor, der einen Fehlschuss unmöglich macht. Bleiben Sie liegen!“

Christian und die Anderen lagen mittlerweile flach auf der Straße und wagten es gerade noch, zu atmen. Er hatte das Gesicht zu Klara gedreht, die neben ihm lag und der die pure Angst ins Gesicht geschrieben stand. Christian traute sich nicht, nach ihrer Hand zu greifen, um sie zu beruhigen. Er wagte es noch nicht einmal, seinen Kopf zu heben um zu sehen, wo das Sicherheitspersonal blieb.
Als die Stimme erneut ihre Botschaft in die Gegend donnerte, erschrak er fast zu Tode, als jemand seine Stirn berührte. Christian brauchte Sekunden, ehe er begriff, dass Paul ihm das Gesicht ableckte.

„Leg dich hin, Paul.“, zischte er den Hund an. „Du wirst uns alle umbringen. Leg dich sofort zu mir, und lieg still!“

„Christian, mach was!“, flüsterte Klara neben ihm zu Tode geängstigt.

„Er hört ja nicht auf mich. Was soll ich denn machen?“ Christian hob langsam und vorsichtig seinen Arm und versuchte den Hund an seine Seite zu ziehen, der ihn ganz offensichtlich aufforderte, aufzustehen.

„Christian?“ Roland hörte sich einigermaßen verwirrt und auch ungläubig an.

„Was ist?“, antwortete Christian genervt und ängstlich, da Paul immer noch vor ihm herum sprang, als hätte er ein neues Spiel erfunden, in dem Hundefreunde erschossen werden.

„Eines unserer Pferde hat mich gerade in den Hintern gebissen.“

Diese Botschaft kam so überraschend, dass Christian noch nicht einmal darüber nachdachte, dass er sich ja nicht bewegen sollte, was ihm die Stimme erneut lautstark erklärte. Er drehte einfach seinen Kopf in Roland´s Richtung und bekam gerade noch mit, wie sich das Pferd erneut an Rolands Hinterteil zu schaffen machte.

„Hau ab, du Biest.“, wehrte sich Roland auch entsprechend lautstark, um die Ansage zu übertönen, aber, ohne sich großartig zu bewegen. „Wieso schießt diese Schuss-Anlage nicht? Das Mistvieh hält doch nicht still?“

‚Ja, warum nicht?‘, fragte sich Christian mittlerweile ebenso. Einer plötzlichen Eingebung folgend, erhob er sich langsam, immer bereit, sich sofort wieder fallen zu lassen, sollte ein Schuss fallen.

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„Bist du wahnsinnig?“, versuchte Kimmy ihn davon abzuhalten, wirklich aufzustehen, traute sich aber schon, ihren Kopf zu heben.

„Das ist ein Fake.“ meinte Christian, und schrak trotzdem erneut zusammen, als die Ansage wieder los donnerte. Als die Stimme wieder schwieg, stand er aufrecht und schaute sich um.

„Hier kommt keiner. Wir müssen irgendeine Alarmanlage ausgelöst haben. Wartet!“ Er griff nach seinem Rucksack, wobei er von Paul freudig umsprungen wurde, der sich vollkommen unbeeindruckt von der Stimme verhielt .

Ganz zuunterst fand er die Spraydose, die ihm auf seinem Weg schon wertvolle Dienste geleistet hatte. Er musste auch nicht sonderlich weit laufen. Schon nach zwei Metern fand er die Lichtschranke, die den Alarm wahrscheinlich ausgelöst hatte.
Nun suchte er nach dem Ursprung der Stimme. Er fand die Lautsprecher in zwei Bäumen, die sich rechts und links neben der Straße befanden. Die Front der Lautsprecher sah aus, wie die Rinde der Bäume, in dessen Stämme sie eingebaut waren. Wahrscheinlich hätte sie jeder übersehen, der nicht danach suchte.

„Steht auf!“, rief er den anderen zu, die immer noch flach auf der Straße lagen. Nur zögernd richteten sich alle wieder auf, jeder Zeit bereit, sich wieder fallen zu lassen. „Es ist nur eine Stimme.“

„Und was ist mit der Schuss-Anlage?“, rief Roland zu ihm herüber. Offensichtlich traute er dem Frieden doch noch nicht.

„Ich lebe noch. Oder?“, rief Christian zurück. Das Argument zog, und nun stellten sich auch die drei wieder auf ihre Füße, zumal die Lautsprecher-Stimme so plötzlich verstummte, wie sie ertönt war

„Vielleicht gibt es diese Selbst-Schuss-Anlage trotzdem.“, warnte Christian, als sie zusammen berieten, wie es jetzt weiter gehen sollte. „Wir müssen weiter vorsichtig sein. Ich denke, wir sind jetzt nahe der Grenze. Entweder gab es eine solche Anlage nie, oder sie funktioniert einfach nicht mehr.“

Nach diesem Zwischenfall liefen sie alle langsam weiter, sondierten aufmerksam ihre Umgebung und achteten vor allem auf alles, was vor ihren Füßen lag.
Die Tiere verhielten sich ganz normal. Paul lief wie immer ein paar Meter voran, ohne eine Spur von Angst erkennen zu lassen.

Sie kamen an auffälligen Säulen vorbei, die auf der Seite, die von der Straße aus zu sehen war, wirkten, als wären sie nur Verzierung. Ging man aber auf ihre Rückseite, gab es einen Hohlraum, eine Niesche, in der sich jemand gut verstecken konnte. Christian verstand nur den Aufbau dieser Nieschen nicht. Der Boden bestand aus einem gemauertem Podest, auf das er sich gefahrlos stellen konnte. Aber selbst wenn er auf dieses Podest stieg, ein erwachsener Mann wäre immer noch nicht bis an die Luke herangekommen, die sich auch jetzt noch cirka einen Meter hoch über Christian´s Kopf befand. Kurz unter der Luke stand ein kleiner Sims hervor, den Christian benutzte, um sich daran hoch zu ziehen und durch die Luke zu schauen.

Durch diese Öffnung konnte er die Straße gut überblicken und er glaubte, dass diese Säulen eine Art Wächterhäuser darstellten. Weshalb die Luken darin jedoch so weit oben angebracht waren, wusste er sich beim besten Willen nicht zu erklären.
Auch die anderen redeten bei ihrer Mittagspause von der eigenartigen Konstruktion der Säulen. Keiner von ihnen fand eine plausible Erklärung dafür. Selbst Klara, die bis jetzt immer wieder hartnäckig alles Ungewöhnliche auf die Existenz des Users schob, hatte keine Idee, welchem Zweck die Säulen wirklich dienten.

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Sie liefen nicht mehr sehr lange nach ihrer Pause, als Christian ein eigenartiges Licht in der Ferne sah. Es schien einige Meter über der Straße zu schweben. Und es leuchtete grellrot. Kimmy und die anderen bemerkten es auch und blieben unwillkürlich stehen.

„Was ist das?“ Sie richtete ihre Frage automatisch an Christian, der aber nur mit den Schultern zuckte.

„Wir sind noch zu weit entfernt, aber, … ich denke, ich weiß, was das ist.“

„Oh! Wieder eine deiner Vermutungen!“, höhnte Kimmy und blieb augenblicklich stehen. „Womit haben wir denn dieses Mal zu rechnen?? Vielleicht mit Geistern, oder Wahnvorstellungen? Etwas, was uns um den Verstand bringt? Oder machen wir uns nur wieder von oben bis unten voll?“

Christian war ein paar Schritte weiter gegangen, blieb nun aber ebenfalls stehen. Langsam drehte er sich um. Der Blick, mit dem er Kimmy jetzt musterte, war kalt und hart. Sie hielt ihm erst stand, senkte dann jedoch die Augen.

„Genau wegen dieser Reaktion habe ich nicht über meine Vermutung mit den Bodenschaltern gesprochen.“ Christian nahm Roland und Klara ins Visier, die aber nur auf den Boden starrten. „Niemand zwingt euch, weiter zu gehen. Mir wäre es sogar lieber, wenn ihr alle umkehren würdet. Und wißt ihr auch, warum?“ Auf diese Frage hatte anscheinend keiner eine Antwort. Nur Paul stellte sich an Christian´s Bein auf und winselte leise. „Ich sage es euch.“, sprach Christian weiter und streichelte dem Hund beruhigend über den Kopf. „Weil wir keine Freunde sind! Wenn ich in RodLand beim containern auf euch angewiesen wäre, würde meine Familie verhungern.“

„Du bist ungerecht,…“, versuchte Klara jetzt, ihm zu antworten, wurde aber sofort wieder unterbrochen.

„Ach ja? Bin ich das?“, Christian schnaufte verächtlich, zwang sich dann aber ganz offensichtlich zur Ruhe. „Jeder von euch weiß eigentlich mehr über den Äußeren Kreis, als ich. Aber keiner spricht darüber. Wir tauschen uns nicht aus. Wenn du, Klara irgend etwas zu den Ereignissen sagst, kommst du mit deinem User und euren Schriften, über die du angeblich nicht reden darfst. Ansonsten schweigst du nur. Und du Kimmy, kriegst auch nur deine große Klappe auf, wenn dir was nicht passt. Ansonsten hast du noch nicht viel dazu beigetragen, dass wir hier weiter kommen. Als ob du durch deine Verbindungen zur Kolonie, zu deiner eigenen Gemeinschaft und den vielen Menschen, denen du Biomasse verkaufst, nicht genug Informationen hättest, die vieleicht hilfreich wären. Und du Roland? Ich denke, dass jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, um umzukehren. Du wolltest ja so wie so nicht mit hinaus. Oder?“

Roland, der bei dieser leidenschaftlichen Rede die Augen nicht gesenkt hatte, antwortete als erster:
„Du hast recht, wir sind keine Freunde. Und das konnten wir unter diesen Umständen auch noch gar nicht werden.
Viele aus meiner Gemeinschaft sind unzufrieden mit ihrem Leben, weil es keinen Fortschritt gibt. Im Gegenteil, wir werden das Gefühl nicht los, dass es nur noch bergab geht.
Durch unsere Verbindungen zur Kolonie wächst bei vielen der Wunsch, Familien zu gründen und die Kinder ganz naturgemäß zur Welt zu bringen, sie zu unterrichten und zu erziehen. Aber der Rat erlaubt das nicht. Außerdem werden immer mehr der Alten von dieser komischen Vergessen-Krankheit befallen. Mich haben sie mit geschickt, weil ich RodLänder bin, gut mit Pferden umgehen kann und schon immer den Wunsch äußerte, die Draußen-Welt zu erkunden. Ich habe mir nur die Möglichkeit offen gelassen umzukehren, wenn du dich als Flop erweisen hätte solltest. Das hast du aber nicht.
Also! Wenn du mich nicht weg schickst, komme ich weiter mit.“

„Ich schlage vor, wir setzen uns erst einmal hin und reden.“ Christian sah es den dreien an, dass sie erleichtert über seinen Vorschlag waren.

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Roland versorgte noch kurz die Pferde, dann gesellte er sich zu den anderen, die mitten auf der Straße saßen und sich anschwiegen. Sowie er sich zwischen sie setzte, war es, als wäre die Spannung zwischen ihnen weniger stark, weniger greifbar. Als er dann noch begann, in seinem Rucksack nach Proviant zu suchen, musste Kimmy einfach etwas sagen.

„Ich finde es unmöglich, dass du jetzt essen kannst.“, wies sie Roland zurecht, der das aber nicht weiter tragisch nahm. Alle merkten es ihm an, dass ihm sein Geständnis eine große Last genommen hatte. Wahrscheinlich kam in diesem Augenblick ein kleines Stück des wahren Roland zum Vorschein.
Das machte es Klara leichter, darüber zu reden, was ihre Aufgabe bei dieser Mission war.

„Die Wünscher werden gemieden und verachtet, seit sie das erste Mal versuchten, den Äußeren Kreis zu erreichen. Warum, haben wir ja gesehen. Niemand wollte mehr etwas über den User hören. Wir wurden fast aller Rechte beraubt, die für einen anderen WestLänder selbstverständlich sind. Unsere Schriften wurden vernichtet, so wie man ihrer nur habhaft werden konnte. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Originale, die wir ängstlich hüten. Die Weisheiten und die Gebote werden nur noch mündlich gelehrt. Und nur diejenigen, die sie sich am Besten merken können, dürfen die Gemeinschaft verlassen und in anderen Gemeinschaften leben und tätig sein. Ich war eine der Besten, und die Neugierigste.
Außerdem finde ich, dass sich jeder an die Gebote des Users halten sollte. Ich, für meinen Teil, tue es jedenfalls. Und zwar sehr gern, weil ich mich dabei wohl fühle.“

„Was sagen denn diese Gebote?“, fragte Christian dazwischen.

„Das erkläre ich euch später. Das ist versprochen!“ Klara unterbrach ihre Rede kurz, und alle merkten ihr an, dass es ihr nicht leicht fiel, fortzufahren.
„Ich soll beweisen, dass es den User wirklich gibt. Das ist meine Aufgabe.“
Klara wagte es zuerst nicht, aufzuschauen. Als aber niemand etwas dazu sagte, hob sie ihren Blick und sah Kimmy an. Diese verstand auch sofort, verspürte aber anscheinend nicht die geringste Lust, weiter zu reden. Da sich aber nun alle Blicke auf sie richteten, begann auch sie mit ihrem Bericht.

„Mich wollen sie einfach nur los werden. Ich passe nicht hier hin. In keine Gemeinschaft und in keine Regel. Wahrscheinlich tanzen sie schon auf meinem Grab, weil keiner damit rechnete, dass wir es bis hier her schaffen.“ Kimmy versuchte die Tränen zu verbergen, die ihr ganz unverhofft über die Wangen liefen.

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Dann aber fuhr ihr Kopf energisch in die Höhe und sie schaute einen nach dem anderen provokativ an.

„Ich wollte mit auf diese Mission. Dafür habe ich zwei Räte mit Biomasse bestochen.
Ich will hier raus. Dieser Ort nimmt mir die Luft und ich habe das Gefühl, dass ich nicht hier her gehöre. Ursprünglich versuchte ich, einen Weg nach RodLand zu finden. Deshalb habe ich mich immer wieder freiwillig zum Dienst im Grenzlager gemeldet, wenn ich wieder einmal diszipliniert werden sollte. Ich dachte, dass es nur keinen WestLänder gibt, der den Mut hat, einen Weg durch die Mauer zu finden, oder auch nur das Interesse. Aber das stimmte nicht. Es waren immer wieder Menschen im westLändischem Grenzgebiet. Sie haben alles versucht. Mit Feuer, mit irgendwelchen Dingern, die einen höllischen Krach machten, aber nichts weiter bewirkten, als dass die Bäume umfielen.
Einmal habe ich einen Mann gerettet. Ich suchte abseits der Wege nach diesen Bodenschaltern, wie es sie drüben in RodLand gab. Der Trottel hatte eine Grube direkt an der Mauer gegraben, in der Hoffnung, sich drunter durch graben zu können. Dabei vergaß er, dass er ja auch wieder raus musste aus dem Loch, falls sein Plan nicht klappte. Ich habe Stunden benötigt, um genug Stämme und ähnliches zusammen zu sammeln, um diesen Idioten wieder aus seiner Grube zu befreien.
Was ich sagen will…, in Richtung RodLand scheint es keinen Weg zu geben. Und dann kamst du, Christian. Keine Ahnung, was die Wächter aufmerksam gemacht hat. Aber sie waren sich sofort einig, dass du versuchen wirst, auch aus WestLand heraus zu kommen. Da wollte ich mit, und hätte es fast vermasselt. Weil ich mich immer mit Klara gezofft habe, weißt du noch? Sie haben dafür gesorgt, dass du deinen Weg weiter gehen konntest, ohne, dass du dich über mich aufregen musst.
Erst, als du kurz vor dieser aufregenden Zone hier angekommen bist, haben sie uns wieder zu dir gelassen. Roland ist auch nicht nur für die Pferde geplant, sondern sollte auch ein Gleichgewicht für dich herstellen. Hat er nur vergessen zu erwähnen. Bei seiner eindrucksvollen Rede von vorhin.“

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Christian hatte sich die Erklärungen seiner Weggefährten angehört, ohne, dass in seinem Gesicht eine Regung erkennbar wurde. Seine Blicke waren dabei auf Paul gerichtet, der sich an seiner Seite nieder gelassen hatte, und jeden Sprecher aufmerksam und mit aufgestellten Ohren musterte.
Christian dachte einige Zeit darüber nach, was ihm da soeben erzählt worden war. Dann hob er seinen Blick und sah einem nach den anderen in die Augen, als wollte er hinter ihre geheimen Gedanken kommen.

„Ihr seid also nur hier, weil ihr eure eigenen Ziele verfolgt.“, ließ Christian dann seine Überlegungen laut werden. „Und warum muss ich euer Anführer sein? Jeder von euch kennt sich hier besser aus, als ich.“

„Keiner hat deinen Mut und deine Unvoreingenommenheit.“, antwortete Roland.

„Und deinen Starrsinn und Eigenwilligkeit.“, fügte Kimmy halb anerkennend und halb ärgerlich hinzu.

„Und…, deine Geduld.“, vollendete Klara die gemeinsame Antwort.

„Ich verstehe es trotzdem noch nicht. Aber das ist jetzt egal, und führt zu nichts. Ich gehe also davon aus, dass ihr alle weiter mitkommt?!“ Christian bekam seine Feststellung sofort bestätigt und stellte nun die Frage, die ihm wohl am meisten beschäftigte.
„Weiß einer von euch etwas, was uns hilft, in die Draußen-Welt zu kommen? Irgendein Hinweis, ein Gerücht, meinetwegen auch nur eine Geschichte, irgendetwas in der Art?“

Klara fühlte sich sofort angesprochen und verteidigte sich, als hätte sie jemand angegriffen. „Es gibt viele Geschichten, in denen beschrieben wird, dass der User unsere Geschicke lenkt und leitet. Es steht aber nirgends geschrieben, wie man zu ihm kommt. Wir werden zum User gerufen, wenn er uns hier nicht mehr benötigt. Dann bekommen wir Zugang zu seiner Welt. Nur wird dort unser Bewußtsein ein ganz anderes sein. Wir werden unser hiesiges Bewußtsein verlieren und in der Welt des Users als ganz neue Menschen, ohne eine Erinnerung an unsere Vergangenheit, die Aufgaben erfüllen, die der User für uns bereit hält. Wie das passiert, darüber findet sich nichts in den Schriften.“

Kimmy übernahm, als sie merkte, dass Klara mit dem, was sie beitragen konnte, zu einem Ende gekommen war. Es schien so, als ob Christian eine Grenze in ihren Köpfen eingerissen hätte. Es war, als hätten alle nur darauf gewartet, reden zu dürfen.
„Es gibt so gut wie keinen Hinweis aus den ‚Rand-Gemeinschaften‘, wie du sie so nett nennst, dem ich nicht nachgegangen wäre. Die Geschichten sind so widersprüchlich, dass sie gar nicht stimmen können. Zwei davon halten sich aber überall hartnäckig. Die Alten behaupten immer wieder, dass wir von Depots versorgt wurden und zum Teil noch werden. Das wäre der einzigste Übergang zur Draußen-Welt. Und dass alles, was uns in diesem Todesstreifen passiert, zu einer Sicherheitsanlage gehört. Etwa so, wie die an den Wächterhäusern. Man könne sie ausschalten. Mehr weiß ich auch nicht.“

Roland sah in die Runde und wusste, dass auch er jetzt etwas sagen sollte. Ihm fiel es schwer, auf dieser Art im Mittelpunkt zu stehen. Er gab sich trotzdem einen Ruck und sprach aus, was er wusste. Selbst auf die Gefahr hin, dass er sich lächerlich machte.
„Meine Leute mögen Tiere. Es gibt wenige wild lebende, hier in WestLand. Wenn man aus der Schule in unsere Gemeinschaften kommt, ist klar, dass man für Tiere eine Begabung hat. Eine der Alten behauptet schon immer, dass man schwimmen können muss, um zur Draußen Welt zu gelangen. Sie sagt, dass das Wasser lebenswichtig wäre, und deshalb fließen muss. Alle Tiere können schwimmen, und wenn man den Tieren folgt, käme man nach draußen. Keiner weiß, wovon sie redet. Ich auch nicht.“

Jetzt sahen alle Christian an, der das Gefühl hatte, als wäre er beschenkt wurden.

„Na also!“, sagte er aber nur. „Dann können wir jetzt über einen Plan reden.“

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Christian hob seinen Blick und fixierte das rote Licht in der Ferne. Kimmy folgte seinem Blick und bekam nun die Gelegenheit, noch einmal danach zu fragen.

„Was meinst du? Was ist das da vorn? Solche Lichter gibt es in WestLand nicht, jedenfalls habe ich noch keins in der Art gesehen. Bedeutet es Gefahr?“

„Das weiss ich nicht Kimmy.“, antwortete Christian ernst. „Wenn ich Recht habe, ist das eine Ampel. Die stehen zu Hause an jeder Straßenecke rum.

‚Bei Rot bleibe stehen, bei Grün kannst du gehn.
Bei Gelb gib gut acht und sei auf der Wacht.
Bei Rot musst du warten, bei Grün kannst du starten.
Das merke dir gut, und sei auf der Hut.‘

Das ist ein Kinderlied, dass uns unsere Alten und die Eltern beibringen. Ich glaube, dass ist überhaupt das erste Gedicht, das ein rodLändisches Kind lernt.
Es ist überlebenswichtig in LE. An den Ampeln halten sich alle an diese Regel. Wenn es einer nicht tut, gibt es Tote, meistens jedenfalls. Wird einer dabei erwischt, diese Regel nicht zu beachten, kommt die Behörde und er wird niemals wieder gesehen.“

„Ich sehe aber kein gelbes Licht, und auch kein grünes.“, warf Klara zweifelnd ein.

„Du hast Recht, und darum bin ich mir ja auch nicht sicher, ob es eine Ampel ist. Und warum sollte ich über Dinge sprechen, die ich nicht weiß? Mmh?“

Roland kam Kimmy zuvor und verhinderte mit seiner schnellen Antwort, dass Kimmy zum Zuge kam, die schon wieder aussah, als wolle sie streiten.
„Weil einer von uns vielleicht eine andere Idee hat, und so einer Überlegung vielleicht eine andere Richtung geben kann.
Der Team-Player des Tages bist du auch nicht unbedingt, Christian!“ Roland sah Christian gerade in die Augen und Christian erwiderte diesen Blick zuerst starr. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht und als nächstes senkte er die Augen.

„Da hast du wohl Recht. Ich war auch nur mit meinen Zielen beschäftigt. Ihr interessiertet mich nicht im Geringsten. Ihr ward eigentlich nur hinderlich. Aber…!“, und hier machte er eine bedeutungsvolle Pause. „Ich denke, dass das vorbei ist.“ Und jetzt lächelte er alle an.

Eine Gemeinschaft war entstanden, das merkten alle. Und es fühlte sich gut an.

„Na gut!“, übernahm Kimmy jetzt doch. „Und was machen wir nun?“

„Ich schlage vor, dass wir allen Hinweisen und Geschichten nachgehen. Einem nach den Anderen. Eine weitere Möglichkeit sehe ich nicht, denn eure Hinweise sind nicht wirklich hilfreich.“ Christian setzte sich unbewusst wieder an die Spitze, und niemand hinderte ihn daran. „Beginnen wir mit der Ampel. Und deiner Variante, Kimmy, dass wir es hier einfach nur mit einer Sicherheitsanlage zu tun haben.“
Er überlegte einen winzigen Augenblick und fügte dann fast bittend noch hinzu. „Lasst uns keinen Plan machen. Keinen richtigen, meine ich. Wenn ich zu Hause mit den Jungs einen Plan gemacht habe, dann ist meistens etwas schief gegangen. Entweder waren vor uns schon welche da, oder die hatten die Stellplätze für die Container verschlossen, oder die Behörde stand Wache, …, so Sachen eben. Und dann hatte keiner mehr Lust, weiter zu machen. Weil alle enttäuscht waren. Versteht ihr?“

Alle nickten zustimmend. Christian fühlte sich erleichtert und das gab ihm den Mut zu seinem nächsten Vorschlag.
„Lasst uns die Abendstunden nutzen, und so weit, wie möglich an diese Ampel heran kommen. Vielleicht schaffen wir es noch heute, die Gegend zu erkunden. Und dann können wir uns überlegen, was wir als Nächstes machen.“

Sie zeigten sich alle einverstanden. Irgendwie beflügelte dieses neu gewonnene Gemeinschaftsgefühl ihre müden Beine und vor allem, ihren Willen.

Sie liefen auf gleicher Höhe. Die Jungen führten an den Außenseiten je ein Pferd. Die Mädchen liefen innen und suchten die Straße immer wieder nach den Bodenschaltern ab. Christian und Roland hielten das für überflüssig, und sie sagten es auch. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass Klara und Kimmy mit Stöcken die Straße abklopften. Und so gaben sie es nach einem Kilometer auf.

Einzig und allein Paul hielt sich abseits der Straße. Er hielt zwar Kontakt zur Gruppe, kam aber nicht auf die Straße und zeigte sich nur ab und zu einmal.

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Trotzdem war es ein leichtes Laufen. Die Rucksäcke schienen leichter zu sein und die Gedanken nur halb so schwer, wie bisher.
Die Straße unter ihren Füßen veränderte sich ebenfalls. War sie bisher fast immer glatt und ohne erhebliche Beschädigungen gewesen, wies sie jetzt mit jedem Meter, den sie der vermeintlichen Ampel näher kamen, Risse und Verwerfungen auf. Auch die Gegend änderte sich. Der Wald blieb immer weiter hinter ihnen zurück und gab eine Landschaft frei, die nur noch aus Sandhügeln zu bestehen schien, wovon keiner höher, als fünf Meter war. Überall wuchs meterhohes Gras, ab und zu standen eigenartig geformte Büsche am Fuß der Hügel. An ihnen hingen anscheinend Früchte. Christian machte seine Begleiter darauf aufmerksam, aber keiner von ihnen, kannte diese Früchte.

„Wir kommen jetzt ins Reich des Users.“, bemerkte Klara erst ehrfürchtig. „Und es scheint kein sehr fruchtbares Land zu sein.“, setzte sie  trocken hinzu und brachte so die anderen zum Lachen.

„Ja, und einen eigenartigen Kunstgeschmack scheint er auch zu haben.“, setzte Roland noch einen drauf. „Seht nur, da sind diese komischen Säulen wieder.“, zeigte er in Richtung Ampel. „Hauptsache, er brüllt uns nicht wieder so an.“

Jetzt lachten alle frei heraus, selbst Klara. Und auch Paul kam zur Straße und umsprang die Gruppe freudig bellend. Sie benötigten einige Zeit, um sich wieder zu beruhigen.
Dann aber nahmen sie die Säulen noch einmal in Augenschein. Christian suchte mit der letzten Sprayflasche nach Lichtschranken, fand aber keine. Es begann auch keine Stimme mit Selbstschussanlagen zu drohen. Gerade deswegen blieb Christian aufmerksam. Auch Paul hatte sich wieder von der Straße verkrümelt. All diese Wahrnehmungen führten dazu, dass sich die vier kaum noch unterhielten. Alle suchten nach einer möglichen Bedrohung, denn jeder hatte mehr und mehr das Gefühl, als käme eine auf sie zu.
Es dämmerte schon, als die Pferde plötzlich scheuten und sich weigerten, weiter zu gehen. Paul stand auf einem Hügel und knurrte mit gesträubten Nackenfell etwas an, das die vier Menschen nicht sehen konnten. Dann lief zu Christian und blieb drei Meter vor ihm stehen. Er bellte aufgeregt und lief dann wieder den Hügel hinauf. Dort setzte er sich auf seine Hinterläufe und bellte wieder.

„Wir sollen ihm folgen.“, mutmaßte Roland. Und Kimmy sprach gleichzeitig: „Er will uns etwas zeigen.“
Sie mussten sich nicht absprechen, sondern folgten dem Hund, nachdem Roland die Pferde an einer der Säulen festgebunden hatte.
Vorsichtig liefen sie den Hügel hinauf und duckten sich instinktiv, als sie seine Kuppe erreichten. Das letzte Stück robbten sie sogar, obwohl das Christian albern vorkam. Was immer der Hund ihnen zeigen wollte, schien außerhalb dessen Kopfhöhe zu sein. Und Paul stand hoch aufgerichtet auf der höchsten Stelle des Hügels. Aber da die anderen diese Fortbewegung für angebracht hielten, wollte er sich nicht schon wieder ausschließen. Deshalb machte er mit, blieb sogar hinter ihnen zurück und überließ Kimmy den ersten Blick über den Hügel.

„Was ist das?“, fragte Kimmy eher erstaunt als erschrocken, nach hinten, nachdem sie sprachlos und mit offenen Mund über den Hügel geschaut hatte. Natürlich bemühten sich die anderen so schnell es ihnen möglich war, zu folgen. Aber was sich ihren Augen bot, schien tatsächlich keinen Sinn zu machen. Der Hügel, auf den sie nach oben gekommen waren, endete an seiner höchsten Stelle. Da, wo die vier jetzt nebeneinander auf dem Bauch lagen, ging es senkrecht nach unten.

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Die vier lagen Seite an Seite und schauten nach unten, ohne, dass einer von ihnen so recht begriff, was sie da vor sich sahen.

„Auf dieser Seite ist der Hügel abgebrochen.“, fasste Roland das einzig Offensichtliche in Worte, nur um irgendetwas zu sagen.

„Ja.“, stimmte ihm Klara zu. „Und anscheinend hat er etwas unter sich begraben. Zumindest teilweise. Ich weiß nur nicht, was.“

Christian interessierte der abgebrochene Hügel überhaupt nicht. Er versuchte herauszufinden, was hinter den Geröll-und Erdmassen zu sehen war.
Es kamen zwei schmale Straßen aus dem Schutt heraus, die jede für sich auf einer Säulenkonstruktion ruhten, die eingenartig filigran wirkte und auch nicht sonderlich hoch zu sein schien. Christian schätzte, dass die Straßen keine zwei Meter über dem eigentlichen Boden lagen. Sie schienen auch sehr schmal zu sein. Das Merkwürdigste daran war aber etwas ganz anderers. Auf diesen Straßen befanden sich in regelmäßigen Abständen kurze, oben abgerundete Säulen, um die sich dicke Seile wickelten. An deren Ende hingen, … ja, was eigentlich?
Kimmy sprach aus, was Christian dachte.

„Was, in aller Welt, hängt da an den Seilen?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“, antwortete Christian. „Das müssen wir uns ansehen.“, legte er dann kurz entschlossen fest, besann sich aber sofort und schwächte seinen Entschluß ab. „Wer kommt mit?“, fragte er ein wenig verunsichert in die Runde, ohne dabei seine Kameraden anzusehen.

„Wie sollen wir denn dort hinunter kommen, ohne uns sämtliche Knochen zu brechen? Der Hügel umfasst das ganze Gelände. Und es scheint nirgendwo anders auszusehen, als hier.“, gab Klara zu bedenken.

Christian hatte sich inzwischen erhoben und stand gefährlich nahe am Abhang. Er ließ das gesamte Bild noch einmal auf sich wirken, konnte sich aber immer noch keinen Reim darauf machen, was sich seinen Augen bot.

„Es ist eindeutig irgend eine Anlage. Ähnliches habe ich zwar noch nie gesehen, aber die Struktur und die Anordnung von allem, was wir dort sehen, kann nur bedeuten, dass sie etwas mit der Draußen-Welt zu tun haben muss. Einer von uns wüßte sonst, was das da unten ist. Aber zu einer Anlage gehören auch immer Wege, die dahin führen. Entweder benutzen sie die Menschen, die in einer solchen Anlage arbeiten, oder aber die Reparatur- und Wartungs-Trupps, nicht zu vergessen die Behörde-Fuzzis.“

„Hier sind wir aber in WestLand, Christian.“, unterbrach Kimmy seinen Gedankenfluss. „Hier gibt es keine Wartungs-…, was auch immer. Und auch keine Behörde.“

„Ja, klar. Trotzdem. Überlegt doch mal. Warum sollte jemand so etwas bauen, wenn er es nicht auch benutzen will? Also, braucht er Wege, um hinzukommen. Wenn wir jetzt nicht auf den nächsten Metern an eine unsichtbare Grenze stoßen, dann liegt die Anlage noch innerhalb WestLands. Lasst uns zur Straße zurück kehren und ganz besonders aufmerksam nach einer Abzweigung suchen, die in Richtung der Anlage führt. Vielleicht haben wir ja Glück.“

Da niemand eine bessere Idee hatte, folgten sie Christian den Hügel hinunter und fühlten sich sehr viel sicherer, als sie wieder auf der Straße standen. Die Pferde scheuten zwar immer wieder, als sie sie weiter führten, blieben aber gutwillig an der Seite der Jungen. Nur vor den Säulen schienen sie sich zu ängstigen. Waren sie einmal daran vorbei, liefen sie ruhig weiter. Paul hielt sich jetzt dicht an Christians Seite. Auch er mied die Säulen, zeigte aber keine wirkliche Angst.
Christian bat die Mädchen, mit ausgestreckten Armen voran zu laufen, weil er fürchtete, dass sie in aller nächster Zeit auf eine Art Kraftfeld stoßen würden. Kimmy weigerte sich spontan, dies zu tun. Aber Klara zog sie zur Seite und die Mädchen tuschelten ein paar Minuten miteinander. Dann verließ Klara die Straße, während Kimmy in ihrem Rucksack kramte. Klara kam mit langen Stöcken zurück und auch Kimmy hatte anscheinend gefunden, was sie suchte.

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Christian und Roland waren mit den Pferden beschäftigt und damit abgelenkt von dem, was die Mädchen trieben. Die blieben kurze Zeit zurück, überholten dann aber die Jungs und schwenkten die Stöcke vor sich, an deren Spitze Ketten befestigt waren, in denen Christian Kimmy´s Schmuckketten erkannte.

„Was soll das bringen?“, rief er den beiden hinterher, worauf Klara sich zurückfallen ließ, bis sie zwischen Roland und Christian lief.

„Du vermutest ein Kraftfeld. Unseren Schriften zufolge gibt es das wirklich, und nur ein Wächter, der vom User bestimmt wurde, kann es ausschalten. In den Schriften wird von Elektrizität geredet, und davon, dass kein metallischer Gegenstand dieses Kraftfeld durchstoßen kann. Der User würde mit Blitzen und Donner antworten und mit unsichtbarer Hand den Gegenstand weg schleudern, egal, wie groß er ist. Menschen würden sterben, wären sie in unmittelbarem Kontakt mit Metall.
Ich habe die Wächter beobachtet. In jeder Gemeinschaft und wann immer mir es möglich war. Sie sind die Einzigen in Westland, die mit Strom umgehen. Einmal sah ich, wie Wilhelm einem solchen Blitz erzeugte. Anscheinend beging er einen Fehler. Er wurde duch das halbe Zimmer geschleudert und im Hintergrund schrie jemand, er wäre ein Idiot und solle trockenes Holz benutzen. Also dachte ich, dass uns die Stöcke mit den Ketten dran erstens warnen und zweitens schützen können, sollte es hier wirklich so ein Kraftfeld geben.“

„Du bist unglaublich Klara.“ Christian war sichtlich beeindruckt. „Und vor allem, du hast vollkommen richtig kombiniert. In RodLand gehen wir ständig mit Strom um. Jedes Kind weiß, dass man mit Metall nicht in die Nähe eines Stromleiters kommen darf. Man bekommt einen Stromschlag, an dem man sogar sterben kann, wenn er nur stark genug ist. Trockenes Holz leitet den Strom nicht weiter und so kann einem nichts passieren. Genauso verhält es sich mit Gummi und Plastik. Wasser leitet Strom. …du bist genial, Klara, echt!“
Christian wurde mit einem Male sehr ernst. Dann blieb er stehen und mit ihm auch die anderen. „Das hätte mir einfallen müssen. Mir, und nicht Klara, die sich damit überhaupt nicht auskennt. Ihr wäret tot, wenn wir auf ein solches Feld gestoßen wären. Und ich hätte Schuld daran.
Warum nur ist mir das nicht eingefallen?“

„Es ist müßig, sich darüber Gedanken zu machen.“, mischte sich Kimmy in das Gespräch ein. Sie hatte sich ebenfalls ein wenig zurück fallen lassen, befand sich jedoch immer noch mit ihrem Stock an der Spitze der Gruppe. „Lasst uns einfach nur den Weg nach der Anlage suchen.“

Wie sich heraus stellte, brauchten sie aber überhaupt nicht danach suchen. Ein Schild wies ihnen sogar den Weg. Christian wusste bald, dass das rote Licht tatsächlich von einer Ampel erzeugt wurde. Und diese Ampel stand an einer Kreuzung, wie er sie aus RodLand kannte. Die Richtung, in die sie sich bis jetzt bewegten, war nicht gesondert gekennzeichnet. Wahrscheinlich war es ursprünglich nicht notwendig gewesen, jemanden darauf hinzuweisen, wohin die Straße führte. Aber auf die Abzweigung wurde hingewiesen.

Und auf dem Schild stand ‚HAFEN‘.

Alle vier standen vor dem Schild und sahen abwechselnd in die gekennzeichnete Richtung und auf das Schild zurück. Dass die Suche nach einen Weg so einfach sein sollte, war eigentlich nicht zu begreifen.
Aber was bedeutete das Wort auf dem Schild? Keiner wusste diesen Begriff zu erklären, und deshalb beschlossen sie, ihren Plan einfach weiter zu verfolgen und die Anlage zu untersuchen.

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Sie hielten sich dicht beieinander, als sie diese Abzweigung betraten. Die Pferde hatten sie am dem Pfosten, der die Ampel hielt, angebunden. Sie wollten sich mit den nervösen Tieren nicht belasten und eigenartiger Weise schienen diese keine Scheu vor der Ampel zu haben.
Paul hingegen freute sich, als sich alle in Richtung Abzweigung bewegten. Er lief ihnen voran und machte somit auch die Aktion mit den Stöcken überflüssig. Immer wieder war er ihnen mehrere Meter voraus und wartete sichtbar ungeduldig darauf, dass sie ihm folgten.

Es lief sich leicht auf dieser Straße. Wenn überhaupt, hatte sie kein erkennbares Gefälle. Sie fraß sich förmlich wie eine Schneise durch den Hügel. Christian fühlte sich nicht sonderlich wohl, als die Wände des Hügels so hoch über ihre Köpfe ragten. Fast erschien es ihm, als würde die Straße immer enger werden. Auch die anderen zeigten sich ängstlich. Klara und Kimmy hielten sich sogar an den Händen.
Und dann ging es plötzlich nicht mehr weiter. Ein immenser Geröllhaufen versperrte ihnen den Weg, als sie um eine Kurve kamen. Sie befanden sich nun an der Stelle, an der der Abhang des Hügels abgerutscht war.
Zuerst standen sie ratlos davor, aber Paul setzte sich unbekümmert in Bewegung und erklomm den Geröllhaufen mit Leichtigkeit. Oben angekommen, wuffte er hinunter und forderte so die Menschen auf, ihm zu folgen.

„Wir sind lange nicht so leicht, wie der Hund.“, gab Roland zu bedenken, als Christian sich anschickte, Paul zu folgen.

„Das wird schon gehen. Was ein Hund schafft, werden wir doch auch zustande bringen. Los! Seid einfach vorsichtig. Sucht euch Halt, bevor ihr den nächsten Schritt tut. Der Schutthaufen ist nicht besonders steil, aber die Erde und das Geröll sind locker. Das ist die größte Gefahr.“ Christian begann mit dem Aufstieg und seine Kameraden wußten, dass sie ihn nicht aufhalten konnten.
„Passt auf, dass ihr keine Steine los tretet. Am Besten ist es, wenn wir in einer Linie nach oben gehen. Jeder sucht sich seinen Weg, so gut er kann. Vermeidet hastige Bewegungen und bleibt in der Nähe der Sträucher, damit ihr euch festhalten könnt, solltet ihr abrutschen.“

Niemand hatte Christian beigebracht, wie man einen solchen Aufstieg bewältigt. Aber er hatte Paul beobachtet, und … , er vertraute dem Tier mittlerweile. Wie er, bewegte sich Christian von nun an auf allen Vieren. Vorsichtig umging er die allzu lockeren Stellen des Abhanges und er gab acht, dass er unter seinen Füßen immer einen festen Stand hatte. Seine Kameraden beobachteten ihn auf den ersten Metern und sie erkannten sehr schnell, worauf es ankam. Es dauerte nicht lange, bis sie, jeder für sich, Christian folgten.
Der hielt einen Augenblick inne und drehte sich zu seinen Freunden um. Als er sah, wie sie sich bemühten, umspülte ihn eine warme Welle der Zuneigung.

„Falls einer von euch abrutscht, seht zu, dass ihr mit den Beinen voran hinunter kommt. So findet ihr am ehesten Halt. Ihr habt mehr Kraft in den Beinen, als in Händen und Armen.“, rief er zu ihnen hinüber und stieg dann weiter nach oben.

„Du kannst mir den Buckel herunter rutschen mit deinen guten Ratschlägen. Meinetwegen auch mit den Füßen voran!“, rief Kimmy darauf hin zurück und richtete sich auf. Dabei verlor sie das Gleichgewicht, ruderte wie wild mit den Armen und fiel dann glücklicher Weise wieder auf ihre Knie und Hände.

Darüber mussten alle lachen, blieben aber wohlweisslich unten. Kimmy schüttelte sich nur und machte sich dann wieder an den Aufstieg, indem sie vor sich hin schimpfte, ohne, dass die anderen verstanden, was sie da von sich gab.

Segenswünsche an den User waren es sicher nicht, mutmaßte Klara, sagte aber nichts.

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Der Aufstieg forderte ihre Kräfte über die Maßen. Als sie die höchste Stelle der Halde erreichten, hatten alle das Gefühl, keinen Meter mehr weiter zu gehen zu können. Das kümmerte Paul überhaupt nicht. Er hatte geduldig gewartet, bis alle bei ihm angekommen waren. Sobald sie die Kuppe erreichten erhob er sich und stieg die andere Seite wieder hinab. Dabei bewegte er sich deutlich langsamer und vorsichtiger, als zuvor bei seinem Aufstieg. Und auch dieses Mal sah Christian sehr genau hin.

„Der Abstieg scheint noch gefährlicher zu sein, als der Aufstieg.“, bemerkte Christian aus seiner Beobachtung heraus.

„Du willst doch nicht etwa sofort weiter?“ Roland hatte kaum genug Luft um diesen einen Satz heraus zu bringen. Auch Kimmy und Klara sahen aus, als könnten sie keinen Schritt mehr voran kommen. Sie lagen mehr, als dass sie saßen und ihre Gesichter waren schweißüberströmt.

Christian schaute sich erstaunt um. Natürlich erkannte er, dass sie alle müde waren, und kaputt von dieser Kletterei, die keiner von ihnen gewohnt war. Ihm selbst ging es nicht viel anders. Aber das war für ihn kein Grund, den restlichen Tag nutzlos verstreichen zu lassen.
„Ich dachte, wir machen eine Pause, essen was, und gehen dann weiter. So können wir bis zur Dämmerung locker bei der Anlage sein.“

„Oh nein, bitte nicht! Ich kann nicht mehr weiter.“, kam ein Stöhnen aus Klaras Richtung und auch Roland ließ sich aus seiner sitzenden Haltung auf den Rücken fallen und breitetet dabei die Arme aus, als wolle er sagen: ‚Ohne mich‘. Kimmy dagegen fand noch genug Energie, um sich aufzurichten und stützte sich nun auf ihre Ellenbogen.
„Du spinnst ja wohl? Ich gehe keinen Schritt mehr weiter. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich noch stehen kann.“ Sprachs, und ließ sich wieder auf den Rücken fallen.

Christian sah von einem zum anderen und versuchte, seiner aufsteigenden Wut Einhalt zu gebieten. Deswegen antwortete er nicht sofort, atmete mehrmals tief durch und überlegte sich jedes Wort, das er gleich sagen wollte. Nur seine Gesichtszüge versteinerten und sein Blick wurde eiskalt.
„Ich weiß ja nicht, wie es in euren Rucksäcken Proviant-Mäßig aussieht.“, begann er betont ruhig. „Wenn ich mir meinen Proviant einteile, habe ich für heute und morgen noch einen Imbiss. Wasser habe ich noch für höchstens zwei Tage.“ Er holte noch einmal tief Luft und sprach dann weiter. „Wenn wir absteigen und die Anlage erkunden wollen, benötigen wir mindestens fünf Stunden. Dann müssen wir wieder hinauf und zu den Pferden. Die tragen unseren letzten Proviant auf ihren Rücken. Und der reicht vielleicht noch für vier Tage. Ganz davon abgesehen, dass das kleine Rasenstück, auf dem sie stehen, schon längst abgegrast sein dürfte. Oder wolltet ihr die Tiere verhungern lassen?“

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Alle sahen ein, dass Christians Vorschlag einige Vorteile bot. An die Pferde hatte tatsächlich niemand gedacht, wofür sich wohl Roland am meisten schämte. Und der Abhang, der vor ihnen lag, sah wirklich gefährlich aus. Christian beobachtete weiter Paul’s Abstieg, den er in diesem Augenblick beendete und dies auch mit einem lauten „Wuff“ kundtat.

„Ganz so einfach, wie es dem Hund gelungen ist, werden wir nicht hinunter kommen.“ Christian winkte alle an den Abhang. „Es gibt nur wenige Stellen, an denen der Untergrund fest zu sein scheint. Überall besteht die Gefahr, abzurutschen. Wir sollten rückwärts absteigen Klara, auch, wenn das Gefälle des Hanges nicht so steil ist, dass es auf den ersten Blick notwendig erscheint.“

Christian musterte den Abhang noch einmal genau und versuchte von oben einen Weg zu finden, der am wenigsten gefährlich erschien. Schließlich wandte er sich um und sah Kimmy und Roland fest in die Augen.
„Wenn uns etwas passieren sollte, dann macht ihr beide weiter. Es gibt einen Weg nach draußen, da bin ich mir sicher. Wenn alles gut geht, sind Klara und ich vor Einbruch der Dunkelheit in der Anlage. Wir übernachten dort und werden spätestens morgen früh auf Erkundung gehen. Was wir auch finden, gegen Mittag kommen wir zurück zur Halde. Entweder, wir rufen euch hinunter, oder wir kommen wieder hinauf. Bis dahin ruht euch aus, so gut es eben geht.“

Er nickte allen noch einmal aufmunternd zu und begann dann mit dem Abstieg. Klara zögerte nicht lange und folgte ihm in einigen Metern Abstand.

Wie Christian es erwartet hatte, gab der Boden unter ihnen sehr leicht nach. Es war schwer, einen festen Halt zu finden. Klara suchte zu seiner Überraschung gar nicht erst danach. Sie stieg nicht einfach auf allen Vieren nach unten, sondern ließ sich gleich auf die Kniee nieder. Immer wenn sie ins Rutschen kam, machte sie sich so lang und so breit, wie sie konnte. So verlangsamte sie zwar ihren Rutsch und fand mit Händen und Füßen auch immer wieder Halt, nahm aber eine Menge loser Erdschichten und Geröll mit sich.

„So kommst du vielleicht nicht ins Rutschen, wirst aber mit Sicherheit von dem Geröll getroffen, das von dir gelöst wird.“, rief Christian warnend zu Klara hinunter, die ihn auf diese Art und Weise schon längst überholt hatte.

Sie drehte sich darauf hin um und setzte sich erst einmal hin. „Mir tut der Rücken weh, die Knie brennen und ich habe mir die Hände aufgeschürft. Denkst du wirklich, dass es so sicherer ist, hinunter zu kommen?“, rief Klara zurück.

„Wie willst du sonst hinunter kommen?“

Klara schien nicht lange zu überlegen. Sie richtete sich auf und begann den Abstieg vorwärts. Durch das Gefälle kam sie sehr schnell in Fahrt. Nach nur wenigen Minuten rannte sie hinunter. Ab und zu kam sie ins Straucheln. An besonders lockeren Stellen ließ sie sich einfach auf den Hosenboden herunter und verlangsamte so den Abstieg. Sobald sie durch feste Bodenschichten gestoppt wurde, richtete sie sich einfach wieder auf und rannte weiter nach unten. Innerhalb von Minuten kam sie unten an. Sie war außer Atem und schwankte, als sie festen Boden erreichte. Sobald es nicht weiter nach unten ging, ließ sie sich fallen und rührte sich nicht mehr. Nur eine einzige Bewegung führte sie noch aus. Sie winkte Christian zu und reckte ihren Daumen in die Höhe.

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Christian konnte sich nicht dazu entschließen, den Abstieg auf diese Art zu absolvieren. Er befürchtete, dass ihm sein sehr viel schwererer Rucksack zuviel Schwung verleihen würde. Dann kam ihm die Idee, den Rucksack einfach hinunter rollen zu lassen. Leicht fiel es ihm nicht, sich dazu zu entscheiden. Irgendwie hatte er das Gefühl, er müsste das Letzte, das zu ihm gehörte, beschützen. Dann aber gab er Klara ein Zeichen. Er legte den Rucksack einfach ab und gab ihm einen Schub. Aber er war zu schwer und das Gefälle nicht steil genug, als dass er einfach hinunter rollte. Trotzdem brachte diese Idee einen entscheidenden Vorteil. Christian schob den Rucksack an, der rollte einige Meter, wenn er auf festen Flächen angeschubst wurde. Dann konnte Christian sich ziemlich sicher voran bewegen. Traf der Rucksack auf loses Gestein, schlitterte er hinunter und nahm sehr viel Gestein mit sich. An diesen Stellen bewegte er sich besonders vorsichtig und hielt sich in Reichweite der kargen Büsche auf, die die Halde bewuchsen. Auf diese Art prüfte sein Rucksack für ihn das Gelände und er kam bedeutend schneller voran. Die letzten Meter legte er sogar so zurück, wie Klara es ihm vorgemacht hatte.

Als er bei ihr ankam, fühlte er sich vollkommen erschöpft. Klara hingegen hatte die Stunde genutzt und sich einigermaßen erholt. Sie hatte schon ein Lager vorbereitet und versorgte nun Christian mit Wasser und Essbarem.

„Ruhe dich ein wenig aus.“, riet sie ihm, als er ein wenig zu Atem gekommen war. „Ich schaue mich schon mal hier um. Das Gelände scheint ungefährlich zu sein. Wir sind in einer Art Graben, der größer ist, als alles, was ich bisher kannte. Diese komischen Straßen führen auf einer Seite direkt in die Halde. Das ist ja noch nachvollziehbar. Wahrscheinlich ist verschüttet, was unter der Halde liegt. Aber ich war vorhin schon ein Stück weiter vorn. Auf der anderen Seite scheinen sie auf einmal aufzuhören. Das kann ich mir nicht erklären. Dahin sollten wir zuerst, denke ich. Ich gehe auch allein.“

„Nein!“, wehrte Christian ab. „Lass mir noch ein paar Minuten, dann gehen wir zusammen.“ Christian schloß die Augen und Klara blieb neben ihm, obwohl sie ihre Neugierde kaum bezwingen konnte. Und es dauerte tatsächlich nicht lange, bis sich Christian erholte. Er packte ihren Rucksack komplett aus und steckte dann nur ein wenig Proviant für sie beide hinein. Dann erhob er sich stöhnend, sagte aber kein Wort und lief in Richtung Graben. Klara folgte ihm. Sie war erleichtert, dass er heute noch weiter ging, machte sich aber Sorgen darüber, dass er seine Kräfte überschätzte.

Paul lief ihnen wieder voran. Nur blieb er jetzt dicht bei Christian. Auch er schien mittlerweile müde zu sein. Allerdings schien sein Bedürfnis in der Nähe der Menschen zu bleiben größer zu sein, als sein Wunsch nach Ruhe.

Sie kamen sehr schnell auf dem Grund des Grabens an. Jetzt sahen die eigenartigen Gebilde, die an der Seite der Straßen an den Seilen hingen, noch verwunderlicher aus.

Christian umrundete die ersten, die auf ihrem Weg lagen, langsam und überlegend. „Sie kommen mir vor, wie Autos. Nur dass die Dinger hier keine Räder haben. Irgendwie kommen sie mir bekannt vor. Als hätte ich sie schon einmal gesehen. Mir fällt nur nicht ein, wo.“ Christian gab auch seinem Wunsch nicht nach, sie näher in Augenschein zu nehmen. Das musste warten, bis sie diese eigenartigen Straßen erkundet hatten.

Klara lief immer schneller, je näher sie der Stelle kamen, an denen die Straßen scheinbar im Nichts endeten. In Christian erwachte ein Gefühl, das er sich zuerst nicht erklären konnte. Aber je weiter sie kamen, desto mehr fühlte er eine Wand. Und dann kam ihm die Erkenntnis.

„Kraftfeld, Klara! Bleib stehen!“, schrie er in dieser Sekunde hinter Klara her, die schon etliche Meter vor ihm lief.

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Aber es war schon zu spät. Klara prallte gegen das Kraftfeld und wurde mit unsichtbarer Hand nach oben geschleudert. Ein greller Blitz lief über das Kraftfeld und zeigte in Bruchteilen von Sekunden, was sich dahinter verbarg. Christian sah ein hohes Tor, dann schloß sich das Feld wieder und Klara landete einen Meter vor ihm auf dem Erdboden.
Christian stürtzte zu ihr hin. Sie rührte sich nicht und Christian konnte auch keine Lebenszeichen erkennen. Ohne nachzudenken riss er sie in eine aufrechte Haltung und schüttelte sie, wobei er laut ihren Namen rief. Als das nichts nützte und sie einfach nur in sich zusammen sank, legte er sie flach auf den Rücken und schlug ihr aus lauter Verzweiflung ins Gesicht. Dabei flehte er sie an aufzuwachen und tatsächlich. Nach dem zweiten Schlag holte sie ganz plötzlich tief Luft und presste gequält ein ‚Aua‘ hervor.
Christian zog sie darauf hin zu sich heran und brachte ihren Oberkörper wieder in eine aufrechte Lage. Paul hatte sich zu ihnen gesellt, und leckte ihr eifrig das verrußte Gesicht ab.

„Klara, Klara, …“, sprach Christian das Mädchen nun sehr viel leiser an. Er hielt sie fest in seinen Armen und wiegte sie sanft hin und her. Nach einigen Minuten begann sich Klara zu regen. Zuerst versuchte sie ziemlich erfolglos den Hund abzuwehren, der weiter wie wild ihr Gesicht und ihre Hände ableckte. Dann befreite sie sich aus Christians Armen, der sie nur zögerlich los ließ und sich bereit hielt, sofort zuzufassen, sollte sie ihr Gleichgewicht verlieren.

„Das war ja mal ein Schlag.“ Klara versuchte, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen, aber Christian ließ sich nicht täuschen. Ihre langsamen und sparsamen Bewegungen sprachen eine eigene Sprache.

„Ein Kraftfeld zu berühren, ist tötlich, wenn es intakt ist. Du hast Glück gehabt. Dieses hier ist scheinbar nur noch bedingt funkionsfähig. Du musst dich unbedingt ausruhen Klara.“ Christian’s Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Er erhob sich und holte den Rucksack herbei. Dann legte er seine Jacke darüber und bereitete so ein bequemes Lager für Klara. Sie ließ sich von ihm darauf betten und Christian legte sich neben sie. Paul kuschelte sich an ihren Bauch und schon bald verrieten tiefe Atemzüge, dass Klara eingeschlafen war.
Auch Christian fielen die Augen zu. Die überstandenen Strapazen forderten auch bei ihm ihren Tribut. Doch schon bald wurde er wieder wach. Er erhob sich vorsichtig von dem Lager und bedeutete Paul, bei Klara zu bleiben. Der schien die Gestik gut zu verstehen, denn er wedelte nur kurz mit dem Schwanz und lehnte sich dann wieder an Klara, die ihn im Schlaf umfasste, so, als suche sie Halt.

Christian ging im letzten Tageslicht auf die Pfähle zu, die die Straße trugen. Er achtete sorgsam darauf, dem Kraftfeld nicht zu nahe zu kommen. Das war ein wenig schwierig, da sich die Perspektiven verschoben, je näher er der Straßenkonstruktion kam. Außerdem hatte Klara’s Zusammenstoß mit dem Kraftfeld ihm gezeigt, dass das Feld ein Bild projizierte, das vorspiegelte, weiter entfernt zu sein, als es tatsächlich war. Also bewegte er sich strikt auf der Grenze, die ihm ihr Lager vorgab.

Als er die Pfähle erreichte und die Straße sich Meter über ihm erhob verspürte er eine Mutlosigkeit, der er sich kaum erwehren konnte. Er lehnte sich an einen Pfeiler und ließ sich von den letzten Strahlen der Sonne bescheinen, die durch den Belag der Straße zu ihm drangen. Und dann wurde er gleichzeitig auf zwei Dinge aufmerksam. Erstens schien die Straße über ihm keine Straße zu sein, sonst könnte keine Sonne zu ihm durch scheinen. Und dann entdeckte er an einem Pfahl eine Art Steigeisen, die nur durch das Zwielicht der untergehenden Sonne erkennbar wurden.

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Die Steigeisen ließen sich ausklappen und Christian erspähte neben der Stelle, an der der Pfahl auf die darüber liegende Straße traf, eine Art Luke. Er konnte sich die ganze Konstruktion der Anlage immer noch nicht erklären, nahm aber an, dass er über die Steigeisen und durch die Luke auf die Oberfläche der Straße gelangen konnte. Christian überlegte kurz, ob er zu Klara zurück gehen sollte und die Untersuchung der Straße auf den nächsten Tag verschieben sollte, entschied sich dann aber dagegen. Das Tageslicht reichte bestimmt noch fast zwei Stunden, und es konnte nicht schaden, wenn er schon ein wenig Vorarbeit leistete.

Bevor er sich an den Aufstieg machte sammelte er noch ein paar Steine ein und steckte sie in die Hosentasche. Die Steigeisen ließen sich schwer ausklappen. Die Scharniere rosteten teilweise, obwohl an einigen Stellen eine schwarze schmierige Schicht klebte, die Christian verriet, dass sie irgendwann einmal auch gepflegt worden waren. Außerdem waren sie soweit voneinander angebracht, dass Christian Mühe hatte, sie wie eine normale Leiter zu benutzen. Zum Glück musste er nicht allzu hoch steigen. Er hatte sich zwar um einiges verschätzt, als er die Höhe der beiden Straßen von der Halde aus beurteilte, aber das machte ihm nichts aus.

Er stieg vorsichtig nach oben und prüfte sorgfältig den Halt jedes Steigeisens, bevor er weiter stieg. Eines brach sofort, als er sein Körpergewicht daran hing und er erreichte nur mit Mühe das nächst höhere. Aber er kam gut voran. Als er die Luke erreichte, versuchte er sie aufzustoßen. Das gelang ihm nicht auf Anhieb, zumal er sich sehr hoch recken musste, um überhaut heran zu kommen. Trotzdem bewegte sich die Luke nur wenige Millimeter. Es war, als hielt sie irgend etwas zu. Und dann sah er einen einfachen Riegel, der nur gedreht werden musste, um die Luke öffnen zu können. Christian hatte trotzdem Mühe, die große Luke aufzustoßen und er schrak einigermaßen zusammen, als sie auf die Straße krachte. Auch hier verstand er nicht, warum die Klappe so groß war und warum das letzte Steigeisen so weit davon entfernt angebracht wurde. Christian konnte sich  mit einem Klimmzug auf die Straße hieven und lag dann erst einmal nur mit dem Oberkörper auf der Oberfläche, seine Beine baumelten noch in der Luft. Er benötigte ein paar Atemzüge, bevor er die Kraft fand, sich vollends auf die Straße zu ziehen.

„Mann, wer baut denn so einen Unsinn?“, schimpfte er leise vor sich hin, als er es endlich geschafft hatte. Dann erhob er sich und musterte erst einmal die erklommene Straße. Eigentlich stand er auf einem Steg, bestehend aus breiten Balken, die im Abstand von einigen Zentimetern angereiht waren. Die abgerundeten Halterungen, an denen die Seile fest gemacht waren, begrenzten diesen eigenartigen Steg nach außen hin. Für Christian war es erst einmal wichtig zu wissen, wo das Kraftfeld stand. Deshalb griff er in seine Hosentasche und warf den ersten Stein in Richtung Kraftfeld. Und schon dieser erste Stein traf. Christian stand nur zwei Meter vor dem Feld.
Erschrocken wich er einige Meter zurück. Und wieder überfiel ihn Mutlosigkeit. Was konnten sie wohl gegen dieses Feld ausrichten, wie sollten sie es ausschalten oder durchdringen? Fast ein wenig verzweifelt ließ er sich auf einen der Böller fallen, die breit genug waren, um ihm einen sicheren Halt zu bieten. Er hatte sich kaum hingesetzt, als der Böller plötzlich unter ihm nach oben wuchs und ihn mit nach oben schob. Christian sprang erschrocken herunter und schaute mehr erstaunt, als erschrocken zu, was sich da vor ihm präsentierte.

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Der Böller zeigte nun sein Innenleben, das sich Christian als relativ einfach und verständlich präsentierte. Auf der linken Seite gab es einen großen Schalter, dessen Aussehen Christian von RodLand kannte. Er wuchs mit einer großen halbrunden, roten Schaltfläche wie ein Pilz aus seinem gelben Untergrund hervor. Das darunter angebrachte Hinweisschild mit der Aufschrift ‚NOT-AUS‘ hätte der Junge nicht gebraucht, um zu erkennen, dass er vor genau diesem Schalter stand. Er fragte sich nur, welche Funktion der Schalter unterbrechen sollte, wenn ein Mensch in Not geriet.
Die rechte Seite der sichtbaren Schaltfläche erschien Christian weitaus interessanter zu sein. Dort sah er vier Schalter. Jeder von ihnen war mit einer weichen Gummimasse überdeckt, wie Christian durch eine vorsichtige Berührung feststellte. Die beiden oberen Schalter trugen die Beschriftung ‚AN‘ und ‚AB‘. Die unteren beiden waren mit ‚AUF‘ und ‚ZU‘ beschriftet.
Christian traute sich nicht, auch nur einen dieser Schalter zu berühren. Auf seinem Weg bis hierher hatte er bemerkt, dass zwar einige der wenigen technischen Anlagen in WestLand nur noch teilweise, oder auch garnicht mehr funktionierten. Aber er sah auch welche, die noch einwandfrei arbeiteten. Dabei dachte er vor allem an die Toranlagen, die die Wächter behüteten.

Ihm fiel zwar nichts ins Auge, was eine Anlage hier bewegen sollte, aber er wollte kein Risiko eingehen. Die eigenartigen Vehikel, die da an die Böller gefesselt waren, konnten seiner Ansicht nach nicht der Grund für eine Schaltfläche im Böller sein. Er befürchtete eher, dass sich diese merkwürdige Straße verändern würde, sollten die Schalter noch in Betrieb sein. Christian wollte einfach nichts zufällig in Gang setzen, was Klara in Gefahr brachte, oder ihn daran hindern konnte, wieder zu seinen Freunden zurück zu kehren.
Während er noch darüber nachdachte, was er als nächstes tun sollte, senkte sich die Schalttafel plötzlich wieder mit einem leichtem Zischen in ihre Ausgangsposition und dann sah der Böller wieder aus, wie alle anderen.
Christian schreckte zusammen und trat einige Schritte zur Seite. Als aber nichts weiter passierte, trat er wieder darauf zu. Diese Mal legte er nur sacht seine Hand auf den Böller und schon öffnete dieser sich wieder, und gab die Schalter frei. Christian legte die Hand wieder auf, und die Schalter verschwanden augenblicklich.
Nachdem er die Funktion auch bei anderen Böllern mit dem gleichen Ergebnis ausprobiert hatte, war er überzeugt davon, dass zumindest hier draußen noch alles funktionierte.

Christian bewegte sich nun wieder in Richtung Luke. Er war sich nicht sicher, ob das Kraftfeld vor ihm Schaden nahm, wenn er es noch einmal mit seinen Steinen beschoss, wollte es aber trotzdem noch einmal riskieren, bevor er zu Klara zurück kehrte. Ihm gab das Bild zu denken, dass sich für Bruchteile von Sekunden seinen Augen geboten hatte, als Klara mit dem Feld zusammen stieß. Also stellte er sich an den Rand der Luke und warf den größten Stein, den er in seiner Hosentasche fand, gegen das Feld.
Wieder zischten Blitze darüber hinweg, aber Christian konnte sehen, dass sich hinter dem Feld und der Projektion ein riesiges stabiles Tor befand, dessen Flügel allerdings horizontal angeordnet waren.
Christian warf auch noch einen Stein nach der anderen Richtung, also weg vom Graben zwischen den beiden Straßen. Dort offenbarte sich nur eine Mauer, die mindestens genauso hoch war, wie das Tor.

Das genügte Christian. Er hatte genug gesehen und wollte jetzt zu Klara. Nicht zuletzt, um nachdenken zu können und für den nächsten Tag zu planen.

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Bei seinem Abstieg über die Steigeisen hatte er Mühe, das erste Eisen unter dem Steg zu erreichen und noch einmal machte er sich kurz Gedanken darüber, wieso das Eisen für ihn so schwer zu erreichen war. Mit seinen nunmehr dreizehn Jahren konnte er zwar noch wachsen und er war auch sehr groß für sein Alter, aber die wenigen Zentimeter, die ihm noch zur Erwachsenen-Größe fehlten, rechtfertigten nicht die Anordnung der Eisen.
Von diesen Gedanken wurde er fast augenblicklich abgelenkt, als er unten Paul bellen hörte. Er ließ sich sofort noch ein wenig tiefer rutschen, angelte hastig mit den Füßen nach dem ersten Steigeisen und glitt dann vorsichtig durch die Luke wieder nach unten.
Paul hatte sich an den Pfahl gesetzt und bellte ab dem Moment nicht mehr, als er Christian wieder sah. Der kletterte nun ein wenig beruhigter nach unten, begrüßte Paul mit einem kurzen Streicheln und machte sich dann sofort auf den Weg zu Klara.

Die war mittlerweile erwacht und saß in Christians Jacke gehüllt mit dem Gesicht in Richtung Kraftfeld.

Christian sah, dass sie sich entspannte und scheinbar auch freute, ihn wieder in ihrer Nähe zu haben. Aber sie schien nicht sonderlich daran interessiert zu sein, was er gesehen hatte.
„Du warst lange weg.“, bemerkte sie nur und drehte noch nicht mal den Kopf in seine Richtung. Einzig und allein Paul brachte sie dazu, sich überhaupt zu bewegen. Der forderte nämlich Streicheleinheiten ein, da er offensichtlich seine Aufgabe erfüllt und Christian wieder ins Lager zurück gebracht hatte. Sie zog das Tier zu sich heran und betrachtete weiter den Sonnenuntergang.
„Es ist so friedlich hier.“, meinte sie nachdenklich. „Man könnte glauben, dass man immer nur weiter gehen muss, und dann würde alles noch besser, noch friedvoller, noch ruhiger werden. Und dann…, peng, läuft man gegen eine Mauer, die man nicht sehen kann.“
Klara drehte sich nun endlich nach Christian um. „Ich habe über die Dinger nachgedacht, die an den Seilen hängen. In den Geschichten über den User steht geschrieben, dass er einmal einen Wünscher im Traum begegnet sei, und ihn angewiesen hätte, ein Boot zu bauen. Er hatte wohl Angst, dass unsere Welt in Wassermassen unter geht. Der Wünscher hat so ein Ding gebaut. Man kann es heute noch anschauen, wenn man unsere Gemeinschaft besucht. Es wurde zu einem Denkmal gemacht, und sieht vollkommen anders aus, als die Dinger da draußen. Nur die äüßere Form ist überraschend gleich. Beim Denkmal sieht man nur das obere Drittel des Bootes. Alles andere ist von Wasser umgeben. Deshalb ist es mir auch nicht gleich aufgefallen“

Christian dachte eingehend über Klara’s Geschichte nach. „Hier ist aber kein Wasser.“, gab er zu bedenken, sah die Gebilde an den Seilen jetzt aber mit anderen Augen an. „Ich habe ähnliches noch nie gesehen. Weder hier, noch in RodLand. Welchen Zweck sollten die Dinger denn erfüllen?“

„Ich glaube, dass sie schwimmen können. Kannst du schwimmen?“

„Ja. Meine Oma-Alte hat es mir beigebracht. Sie meinte, dass es wichtig wäre, schwimmen zu lernen. Ich habe zwar nie wirklich verstanden, warum. Aber es hat Spass gemacht, und der Oma-Alten schien es zu gefallen, dass ich mitmachte. Ansonsten kenne ich niemanden, der das kann. Die wenigen Stellen in RodLand, an denen man schwimmen kann, sind nicht sehr angenehm. Das hat mir aber nie etwas ausgemacht. Aber nocheinmal, hier ist weit und breit kein Wasser.“

„Das macht nichts, aber schau dir die Anlage einmal an. Wir sitzen hier am Grund eines Grabens. Es gibt Straßen, die mehrere Meter über dem Grund angelegt wurden und die komischen Gefangenen an den Seilen da draußen, sehen aus, als wären sie Boote und könnten schwimmen. Was hast duuu gesehen, als du auf der Straße warst?“

„Auf der Straße selbst? Nichts wirklich Interessantes. In den Böllern verbergen sich Schalter. Ich habe es nicht gewagt, sie auszuprobieren, weil ich den Eindruck habe, dass die Anlage noch funktioniert. Das Kraftfeld scheint nicht mehr voll funktionsfähig zu sein. Das Bild, was wir vor uns sehen ist eine Projektion. Warte, ich zeige dir, was ich meine.“ Christian erhob sich und suchte nach einem Stein. „Ich hoffe, es wird nicht zu instabil und bricht zusammen. Keine Ahnung, was dann passiert. Aber ich denke eher, dass es der eigentlichen Sicherheitsanlage vorgeschaltet ist. Wie auch immer, durchbrechen müssen wir es sowieso, wenn wir hinaus wollen. Also! Pass auf!“
Christian warf den Stein gegen das Feld und Klara sah, was er meinte. Nur…, sie war vorbereitet. Und so entging ihr nicht, dass sich die Öffnung der horizontalen Torflügel noch über den Straßen befand. Und sie bemerkte noch etwas äußerst befremdliches. Im Licht hinter dem Kraftfeld erkannte sie das Licht eines herannahenden Morgens. Der Kontrast wurde um so deutlicher, weil sich die Sonne auf ihrer Seite gerade vom Tag verabschiedete.

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Christian entdeckte auch noch etwas, da er die Straße im Auge behalten hatte. Diese schien genau an diesem Tor zu enden und das Tor selbst war in einer Mauer verankert, die bis zum linken Ende des Grabens reichte. Um sich selbst von seiner Wahrnehmung zu überzeugen riskierte er noch einen Steinwurf und behielt den gegenüber liegenden Steg im Auge. Und er behielt Recht. Auf dieser Seite sah es ganz genau so aus.

„Das mit dem Licht hinter dem Kraftfeld ist wirklich komisch.“, dachte Klara laut nach. „Es ist, als gäbe es zwei Sonnen. Findest du das nicht auch komisch?“, wandte sie sich an Christian, der anscheinend keine Ahnung hatte, wovon sie sprach.

„Ich habe nichts am Licht bemerkt.“, tat er beiläufig ab. Ihn interessierte mehr die Konstruktion der Anlage und Klara’s Geschichte von diesem User. „Die Anhöhe da draußen zieht sich im Halbkreis um diesen Graben. Begrenzt wird er nach vorn erst von dem Kraftfeld und dahinter von einer Mauer rechts und links der jeweiligen Straßen. In der Mitte gibt es ein großes Tor, dessen Flügel sich widersinniger Weise anscheinend nach oben und unten öffnen lassen, statt nach rechts und links. Vollkommen irrsinnig sind die Straßen. Warum sind sie so hoch angebracht? Und dann die Auto’s, die keine sind,… wozu benutzt man sie?
Ich verstehe das alles nicht.“ Christian setzte sich resigniert neben Klara und sah zu, wie die Dämmerung den Graben eroberte. „Erzähle mir mehr von diesem Wünscher der dieses …?

„Boot.“

„Ja, … Boot bauen sollte. Und was hätte er damit machen sollen?“

„Der User sagte ihm, er soll alles, was er kennt und liebt dort hinein packen. Wenn das große Wasser kommt, würde das Boot ihn an ein Land bringen, in dem für ihn, und allem, was ihn begleite, ein vollkommen neues Leben beginnt.“

„Und? Was ist passiert?“

„Nichts. Norbert, so hieß der Wächter, wartete und wartete. Er ist darüber alt geworden und gestorben. Aber er hat das Boot immer gepflegt und einsatzbereit gehalten, falls das Wasser doch noch kommen würde. Es soll kein einfaches Leben für ihn gewesen sein. Norbert wurde wohl bis an sein Ende verspottet und belächelt. Aber er glaubte unerschütterlich an den User, und deshalb konnte er alles gut ertragen. Es kamen keine Wassermassen. Und wenn, hätte das Boot noch nicht einmal die Hälfte der Gemeinschaft aufnehmen können.
Aber, wir halten es in Ehren und pflegen es als Denkmal. Wir haben es nur ein wenig versteckt, in unserem Lager. Auf zusätzlichen Spott von Außenstehenden können wir gut verzichten.
Wenn ich nach Hause komme, gehe ich gern zu der kleinen Lichtung auf der es steht. Es ist ruhig und friedlich dort.“

Christian zeigte sich enttäuscht von dieser Geschichte. Es fiel ihm immer noch schwer, diesen User mit in sein Kalkül zu ziehen. Er war sich mittlerweile ziemlich sicher, dass alles, was er hier sah und gerade erlebte, von jemandem, außerhalb dieser Grenzen, Kraftfelder und Tore, erdacht und erbaut worden war.

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Die beiden rückten ein wenig näher zusammen, da sie das Gesehene und das Erlebte verarbeiten mussten und es beiden fröstelte, angesichts der Möglichkeiten, die sich ergeben konnten. Christian hatte seine Arme über die Knie gelegt und sein Kinn auf die überkreuzten Arme gestützt. Er fixierte das Bild vor sich, als könnte er diese trügerische Projektion einfach weg denken.
Klara hingegen genoss einfach nur die Ruhe nach der Aufregung und Strapazen der vergangenen Stunden.

„Wir sollten uns schlafen legen.“, schlug sie aus diesem Gefühl heraus vor. „Morgen wird es sicher nicht weniger anstrengend werden. Und mir tut nach dem Schlag alles weh.“

Christian widersprach nicht, obwohl sie ihm anmerkte, dass er sich nur schwer aus seinen Gedanken lösen ließ. Trotzdem stand er auf, holte die zweite Decke aus dem Rucksack und legte sich wortlos neben sie. Paul kam heran und legte sich ganz selbstverständlich zwischen sie und klappte die Augen zu.

„Der Kerl wird reichlich frech. Meinst du nicht auch?“

Klara lachte leise. „Er liebt dich. Er möchte so nahe bei dir sein, wie du es zulässt.“ Klara streichelte Paul, der sich darauf hin lang ausstreckte. „Mich stört er nicht.“ Klara legte sich wieder auf ihre Seite und es dauerte nur wenige Minuten, bis sie einschlief.

Aber auch Christian blieb nicht mehr lange wach. Als Klara’s Vorschlag kam, war er noch der Meinung, dass er in dieser Nacht kein Auge zu bekommen würde. Tatsächlich schlief er aber fast ebenso schnell ein, wie sie.
Er wurde aber auch nach nur fünf Stunden wieder wach. Alles um ihn herum war stockfinster, nur die Sterne über ihm ließen ihr verschwommenes Licht leuchten, das diesen Graben aber nicht erreichte.
Christian dachte über alle Dinge nach, die ihm in den letzten Stunden begegnet waren und in ihm reifte ein Plan. Er fand ihn ein wenig abenteuerlich, aber in seiner Absurdität schon wieder logisch. Als er alles genau durchdacht hatte, fielen ihm die Augen wieder zu.
Und das nächste, was er danach wahr nahm, war eine hellwache Kimmy, die anscheinend jeden Rucksack auf sein Gewicht prüfte und Roland, der mit Paul irgend ein albernes Spiel spielte.

„Wo kommt ihr denn her?“ Christian streifte die Decke ab und wehrte sich beim Aufstehen gegen Paul, der sofort von Roland weg lief und ihn bellend umsprang. „Und vor Allem, … wo ist Klara?“

„Klara schaut sich diese komischen Dinger an, die an den Seilen hängen.“ Kimmy zeigte auf die rechte Seite, auf der Christian nur mit sehr viel gutem Willen Klara ausmachte, die auf einen dieser Boote herum stieg.

Roland stand jetzt neben Christian und beobachtete Klara genauso besorgt, wie das Christian tat, erzählte aber nebenbei weiter.
„Wir haben mit den Pferden den Proviant so hoch gebracht, wie sie gefahrlos gehen konnten. Dann habe ich sie frei gelassen. Meine Schecke wollte nicht weg. Sie riß sich los, bevor ich ihr das Zaumzeug abnehmen konnte, lief aber nicht wirklich weg. Und ich wollte sie so nicht gehen lassen.
Also folgte ich ihr. Sie führte mich zu einem alten Zeughaus und ließ sich erst dort gutwillig das Geschirr abnehmen.
Die Seile, die ich im Zeughaus fand, waren größtenteils verrottet. Aber es gab auch noch ganz viele intakte.
Aus denen habe ich uns eine Strickleiter gebunden. Daran habe ich bis in die Nacht gesesen. Kimmy hat allein alles nach oben getragen und hat mich flechten lassen.

Der Rest war nicht mehr schwer. Als ich ferig war, haben wir das Notwendigste in unsere Rucksäcke gepackt und den Rest so gesichert, dass nichts mehr passieren kann. Dann haben wir uns schlafen gelegt, und sind in der Dämmerung zu euch aufgebrochen.“

„Wir haben gesehen, wie Klara gegen das Kraftfeld stieß. Ich wollte sofort zu euch. Doch der Verrückte hier, hielt mich davon ab.“ Kimmy kickte einen Stein weg.

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„Die Leiter war noch nicht lang genug. Selbst wenn wir sofort los gelaufen wären, wir hätten nicht mehr helfen können.“, entschuldigte er sich bei Christian, der ihm aber beruhigend auf die Schulter klopfte.

„Mann, du hast vollkommen Recht, und ihr habt alles perfekt gemacht. Habt uns einen gefahrlosen Rückzug geschaffen und seid auch noch gleich bei uns. Das spart uns nach meinem Plan mindestens einen halben Tag Zeit.“

„Jetzt hat er schon wieder einen Plan, …!“, rief Kimmy scheinbar entrüstet. „Ich fasse es einfach nicht!“ Sie verdrehte die Augen komisch nach oben, ließ sich dann ergeben auf die Knie fallen und vergrub den Kopf in ihren Händen.

Die Jungen lachten vergnügt über die kleine Vorstellung, die ihnen Kimmy gab. Diese stimmte fröhlich mit ein und dann sahen sie gespannt Klara entgegen, die sich ihnen näherte. Sie berichtete, dass sie nun sicher wäre, dass es sich bei den Gebilden an den Seilen um Boote handelte. Genau so, wie das Boot des Wünschers Norbert. Kimmy verdrehte darauf hin wieder die Augen und plusterte die Wangen auf. Doch Christian hielt sie mit seinem gefürchteten Blick sofort in Schach. Dann nickte er Klara aufmunternd zu, die sofort ihren Bericht unterbrach, als sie Kimmy’s Reaktion bemerkte.

„Ja.“, fuhr sie nun ein wenig verunsichert fort. „Scheinbar gab es noch ein paar mehr Menschen, die auf unvorhersehbare Wassermassen vorbereitet sein wollten. Ich denke, unseren Norbert hätte dieses Wissen glücklich gemacht.“

„Das denke ich auch.“ Christian hielt kurz inne und überlegte, wie er anfangen sollte. Dann gab er sich einen Ruck.
Er berichtete, was er in den letzten Stunden gesehen und beobachtet hatte, rief allen noch einmal die Geschichten der Wächter ins Gedächtnis und ergänzte alles zusammen mit Klara’s Geschichte über den Wünscher Norbert.
„Was ihr nicht wisst, ist, dass ich solche Not-Aus-Schalter aus RodLand kenne. Bei uns benutzt man sie, um eine Anlage lahm zu legen, wenn Gefahr besteht. Entriegelt man sie, versetzt man die Anlage in den Zustand, in dem sie vor Betätigung des Schalters gewesen ist. Und ich möchte ausprobieren, ob das hier noch funktioniert.“ Christian schaute kurz in die Runde, aber niemand schien bisher Einwände zu erheben.
„Es ist ein wenig verrückt und wenn ich Recht habe, auch nicht ganz ungefährlich.
Also…, wenn ihr euch den Hügel um diesen Graben betrachtet, hat er die Form eines Hufeisens. Zur offenen Seite hin wird er erst von dem Kraftfeld begrenzt und dahinter kommt die Mauer und das Tor. Wenn in den Geschichten der Wächter ein wenig Wahrheit steckt, kommt dahinter die Wassermasse, auf die der Wünscher gewartet hat. Ich nehme an, dass es ein riesiges Wasser ist, von dem wir umgeben sind. Aber es kann nicht höher sein, als die Straßen hier. Sonst würde die gesamte Anlage keinen Sinn ergeben, nicht das komische Tor, nicht die Straße und auch nicht die Boote.
Irgendetwas oder irgendwer hat das Kraftfeld aktiviert und das Tor geschlossen. Wenn wir beides öffnen, bekämen wir ganz sicher den Zugang zur Draußen-Welt. Ich sehe da nur ein riesiges Problem. Wenn wir das Kraftfeld ausschalten, schalten wir dann nur das Feld vor uns aus, oder das gesamte Feld, das WestLand umgibt? Und wenn ja, was passiert dann?“

Es herrschte einen Augenblick Schweigen unter den vier Menschen und jeder dachte über diese Möglichkeit nach. Dann sprach Kimmy und sie schien jedes Wort überlegt zu haben.

„Das glaube ich nicht. Es kann doch nicht ein ganzes Land von einem einzigen Not-Aus-Schalter abhängig sein. Wenn es so wäre, möchte ich nicht mit dem zusammen kommen, der diesen Unsinn ausgedacht hat. Eeh, echt nicht.“

Diese Überlegung war so überzeugend, dass selbst Christian seine Zweifel verlor.

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„Der Gedanke hat was.
Also, nichts würde einen Sinn machen wenn wir das Tor öffnen, und es käme kein Wasser hier herein. Nur deshalb sind die Straßen so hoch gebaut und hängen die Boote so komisch an den Seilen. Wir müssen also auf die Straße. Kann einer von euch schwimmen?“ Christian erntete nur Kopfschütteln auf diese Frage und nahm sich darauf hin vor, in einer ruhigen Minute darüber nachzudenken, warum das so war.
„Gut, oder besser gesagt, … nicht gut. Wir müssen also einen Rettungsweg haben. Am Besten ist es demnach, wenn wir den letzten Böller vor dem Hang nutzen, um die Anlage auszuprobieren. Wir tragen unsere Sachen einfach an eine Stelle, die noch ein Stück höher, als die Straße liegt. Und auf der wir zur Not auch noch alle Platz finden.
Ich werde als erstes zum letzten Pfahl laufen und nachsehen, ob dort auch Steigeisen angebracht sind. Wenn nicht, müssen wir unsere Sachen durch die Luke bugsieren, durch die ich schon einmal auf die Straße gekommen bin. Ich schlage vor, dass ihr unterdessen zusammen packt.s“

Alle nickten zustimmend und erhoben sich sofort. Sie spürten alle eine seltsame Unruhe und Spannung in sich, die sie zur Eile antrieb. Und niemand hatte die geringste Lust, irgend eine Diskussion zu beginnen.

Paul schloss sich Christian an, der sich in Richtung Straße auf den Weg machte. Aber er lief nicht direkt darauf zu, sondern eher zum Hang hin. Vielleicht konnte man dort etwas erspähen, was hilfreich war. Aber so genau Christian die Gegend auch musterte, sollte er Recht behalten, gab es hier nichts, das ihnen helfen konnte.
Am letzten Pfahl waren ebenfalls Steigeisen angebracht. Christian klappte sie aus und teste auch dieses Mal ihre Haltbarkeit. Sie sahen sogar noch ein wenig besser aus als die, die er zuerst fand. Aber auch hier war der Abstand zwischen ihnen unnatürlich groß. Die Luke ließ sich leicht öffen und so zog sich Christian nach oben, um ein wenig näher an den Hang, beziehungsweise das Geröll zu treten. Irgend etwas störte ihn an dem Bild, er kam aber nicht darauf, was es sein könnte. Sicherheitshalber warf er einen Stein, den er noch in der Hosentasche trug. Aber der traf nur den Hang und kugelte dann ein paar Meter hinunter, gemeinsam mit anderen Steinen, die sich durch den Aufprall gelöst hatten.

Christian trat den Rückweg an und fand sich wenig später wieder bei seinen Freunden ein.

„Alles klar.“, meinte er nur und griff nach seinem Rucksack und einem weiteren Gepäckstück. „Dort hinten kommen wir gut hinauf. Ich habe schon alles geprüft.“

Auch die anderen standen bereit und beluden sich mit dem restlichen Gepäck. Zusammen marschierten sie zu dem Pfahl, an dem Christian sofort hoch steigen wollte. Aber Roland hielt ihn zurück.

„Warte Christian.“, bat er und Christian stieg wieder herunter. Roland war ein wenig verlegen, da er nun so plötzlich im Mittelpunkt stand, gab sich dann aber einen Ruck. „Wir müssen uns doch nicht alle mit den schweren Taschen belasten, wenn wir da hinauf wollen. Ich habe noch ein Seil aus dem Zeughaus. Das müsste reichen. Einer von uns klettert ohne Gepäck hinauf und wirft das Seil herunter. Die Mädels folgen, ohne Gepäck, und dann knotet der letzte, der hier unten ist, die Stücke am Seil fest, und die oben ziehen es herauf. Was hältst du davon?“

„Das ist wirklich eine gute Idee, Roland. So machen wir das. Zumal wir sowieso beide Hände brauchen, um überhaupt gefahrlos hoch zu kommen. Wer zuerst?“

„Du natürlich.“, räumte Roland sofort seinen Platz im Mittelpunkt und reichte Christian das Seil.

Die Prozedur dauerte länger, als zu erwarten war. Das lag größtenteils daran, dass Klara und Kimmy noch ein gutes Stück kleiner, als die Jungen waren. Sie erreichten die Steigeisen nur mit der Hilfe Rolands, der hinter jedem her stieg und sie nach oben schob.
Paul schien das alles zu umständlich zu sein. Er suchte sich einen Weg über die Geröllhalde, um von da aus wieder in die Nähe von Christian zu kommen.

Als sie endlich alle oben standen, waren sie zwar erschöpft, erholten sich aber schnell wieder, nachdem sie sich einen Imbiss aus den immer karger werdenden Vorräten gönnten.

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