Kapitel 2 – WestLand –

Christian rappelte sich auf und besah sich sein Gegenüber. Auf den ersten Blick erkannte er nicht, ob es sich um einen Jungen, oder ein Mädchen handelte. Er oder sie hatte einen kahl rasierten Kopf. Nur auf der Schädeldecke ragten Haare in die Höhe, die aussahen, als wären sie nicht beweglich. Das ganze sah aus, wie eine Hahnekamm. Nicht, das Christian schon einmal einen Hahn in echt gesehen hätte. Er kannte nur Bilder aus den wenigen Schulbüchern, die er je besessen hatte. Den Eindruck eines Hahnekamms wurde verstärkt durch die grellrote Farbe, in der die Haare gefärbt waren.
Auch das gesamte Äußere des Menschen kam Christian vor, wie ein einziges Kostüm. So wie es die Kinder zu Hause trugen, wenn Karneval war.

„Wer bist du?“, fragte Christian, als er seine Musterung beendet hatte.

„Was geht es dich an?“

„Bist du ein Junge, oder ein Mädchen?“

„He, werd nicht frech, du kleiner Wichser!“, Der-Die-Das stand blitzschnell vor Christian und packte ihn am Vorderteil seiner Jacke. „Du wirst ja wohl noch ein paar Titten erkennen, wenn du welche siehst.“ Damit stieß Der-Die-Das Christian zurück, so dass dieser schmerzhaft auf seinem Hinterteil landete.

Nun gut, wenn er genau hinschaute, zeichneten sich die wachsenden Brüste eines jungen Mädchens unter dem weitem Shirt ab. Aber auch nur, wenn sich das Shirt durch eine Bewegung seiner Trägerin an den Körper anlegte, wie es jetzt der Fall war, als sie ihren Rucksack aufsetzte.
Christian wusste überhaupt nichts von den Menschen, die in WestLand wohnten. Auch nichts von deren Regeln und Gesetzen, schon gar nicht von deren Art, sich zu kleiden. Also hielt er seine Meinung über ihr Aussehen zurück. Nur eines musste er vorerst noch wissen.

„Wie heißt Du? Und wieso kümmerst du dich um mich?“

„Kimmy. Und kümmern? Ich sitze hier in diesem blöden Grenzabschnitt meine Strafe ab. Wärst du nicht gekommen, dann könnte ich nach Sonnenuntergang nach Hause gehen. So muss ich dich auch noch in das Lager bringen. Also beeil dich, und wage es nur nicht, dich bei den Bonzen zu beklagen. Ich musste dich schlagen, damit du zu wieder zu Bewusstsein kommst, verstanden? Und nun komm mit.“

Christian verstand zwar kein einziges Wort, außer den Namen seiner Begleiterin, aber er raffte sich auf und folgte seiner neuen Bekannten. Es war ihm ganz recht, dass Kimmy nicht mit ihm redete, denn er musste erst einmal für sich selbst realisieren, dass er sich nun in einem anderen Land befand. Wenn er sich umdrehte, konnte er RodLand sehen und das Feld, dass er überquert hatte. Mittlerweile wimmelte es dort von Menschen und zwei Drohnen standen in einem Abstand von etwa zweihundert Metern auf dem Feld. Das er der Grund dafür war, konnte Christian überhaupt nicht fassen. Und noch weniger konnte er verstehen, wieso sie nicht, wie er, durch die Mauer rannten, und ihn einfach zurück holten.

– 1 –

Christian konnte sich nur schwer von diesem Bild lösen. Und von seiner Heimat.
Kimmy lief schon mindestens einhundert Meter vor ihm, ohne dass sie sich nach ihm umsah. Und was hatte sie da von einem Lager geredet? Er lief doch nicht vor dem einen davon, um im nächsten zu landen. Und überhaupt, wieso musste er denn mit dieser Kimmy mit gehen?
Christian sah sich erst einmal um. Das Gelände hinter der Mauer sah nicht viel anders aus, als in Rodland. Nur gab es hier kein freies Feld. Er vermutete, dass es hier auch Grenzdörfer gab. Und dort hin wollte er jetzt. Kimmy interessierte ihn nicht mehr und er machte sich auf den Weg durch den Wald.

Bis Kimmy wieder vor ihm stand. „Du spinnst ja wohl!“, sagte sie, und versuchte, ihn am weiter gehen zu hindern. Christian schüttelte ihre Hand ab und wich dabei keinen Schritt vor ihr zurück.
„Ich gehe in kein Lager. Und ich gehe auch nicht mit dir mit! Keine Ahnung, was du überhaupt von mir willst. Ich wollte nur raus aus RodLand und weg von den Flaggenfestungen. Weiter habe ich nicht gedacht. Dann komme ich hier her, als erstes bekomme ich Schläge von einem Mädchen in einem lächerlichen Kostüm und dann soll ich auch noch in ein Lager.“ Christian redete sich in Rage. „Lass mich in Ruhe! Verstehst Du? Ich will nichts von Dir und ich komme sehr gut ohne dich zurecht.“

Kimmy ließ Christians Rede über sich ergehen, ohne mit einer Wimper zu zucken. Als er fertig war, setzte sie sich nieder und bat ihn, es ebenfalls zu tun.
Dann kramte sie in ihrem Rucksack und reichte ihm etwas, das aussah, wie im Versorger-Laden gekauft.

„Das esse ich nicht. Bei uns zu Hause gibt es nur Gemüse und Obst, oder die Wurst aus den Containern. Biomasse hat mir meine Mutter verboten.“

„Das ist keine Biomasse, das ist eine Bulette. Aus Schweinefleisch. Kannst du ruhig nehmen.“ Kimmy legte ihm noch ein kleines Brot auf die Knie und packte für sich das gleiche Essen heraus.

Christian probierte sehr vorsichtig, was ihm da geboten wurde. Aber als er einmal hinein gebissen hatte, bemerkte er erst, wie hungrig er war. Und es schien tatsächlich keine Biomasse zu sein. So schmeckten nur die Nahrungsmittel der Oberschicht. Nur, dass das hier viel frischer war.

„Danke!“ Christian sah Kimmy in die Augen. „Ich komme trotzdem nicht mit, in irgendein Lager.“

„Du musst.“ Kimmy beugte sich ein wenig zu ihm, und wollte ihn schon wieder anfassen. Als sie merkte, dass er sich von ihr weg bewegte, ließ sie die Hand sinken.
„Hör zu, ihr habt irgendein Ding im Arm, was euch bewegungsunfähig macht, wenn ihr lügt. Was für eine Kacke? Echt Mann! Das müssen wir raus holen. Das ist nicht richtig. Darum muss ich dich in dieses Lager bringen. Danach kannst du dann tun und lassen, was du willst.“

„Es ist nicht richtig, dass jemand dafür ins Sterbehaus muss, oder Kinder in die Flaggenfestung gebracht werden. Ansonsten habe ich nichts gegen den Chip.“

„Bei uns ist er verboten.“

„Warum?“

Kimmy lachte. Dann überlegte sie ein Weilchen. „Bei uns wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Die Leute würden reihenweise umfallen, wenn alle mit einem Mal diesen Chip hätten.“ Kimmy kicherte bei dieser Vorstellung, wurde aber sofort wieder ernst. „Diese Sterbehäuser gibt es also wirklich?“

Christian zuckte nur mit den Schultern. „Ja, aber ich habe noch keins gesehen. Nur eine Flaggenfestung. Die steht eine Stunde von der Grenzmauer entfernt.“

„Wärst du denn nicht froh, wenn du lügen dürftest?“

„Nö!“, lachte Christian, „Das stelle ich mir anstrengend vor.“

-2-

Christian war wütend. Wahrscheinlich das erste Mal in seinem Leben. Da hatte er nun alles zurück gelassen, was er liebte und kannte, um hier mit dieser Verrückten im Wald zu sitzen.

Aber er wusste genau, dass er sich an Regeln zu halten hatte, hier, wie drüben. Es konnte ja gar nicht anders funktionieren.

Aus dieser Überlegung heraus, sah er diese Kimmy unter einem neuem Gesichtspunkt. Was auch immer sie war, auf jeden Fall konnte sie ihm die Informationen liefern, die er brauchte, um hier klar zu kommen. Also beruhigte er sich und versuchte, diese Informationsquelle anzuzapfen.

„Wieso hast du denn dieses bescheuerte Kostüm an? Und was bedeutet, dass du eine Strafe hier im Grenzgebiet absitzt? Das möchte ich gern wissen.“ Christian sah Kimmy gerade in die Augen und sie musterte ihn abschätzend.

„Also. Ich beantworte alle deine Fragen. Aber nur, wenn du danach mit mir ins Lager kommst. Haben wir einen Deal?“ Kimmy streckte ihm ihre Hand hin und schaute ihm ernsthaft in die Augen.
„Was ist ein Deal?“
„Ein Vertrag, Versprechen, …was weiß ich, wie ihr das nennt?! Etwas, an dass sich alle halten müssen, verstehst du?“

„Ja. Einverstanden. Dann los!!“ Christian war gespannt. Kimmy brauchte einen Augenblick, bis ihr einfiel, dass sie am Zug war.

„Also,… das ist kein Kostüm. Ich trage diese schwarzen Sachen aus Protest. Ich hasse die Oberschichtler mit ihrem vielen Geld, ihren beschissenen Regeln und ihren bunten Klamotten.
Und dass sie nicht arbeiten müssen, wie wir, aus der Unterschicht. Wir sind es, die ihnen ihr Leben möglich machen. Indem sie uns ausnutzen.

Und zum Dank dafür zwingen sie uns, nach ihren Regeln zu leben. Wir erhalten Strafen, wenn man gegen die Regeln verstößt. So, wie ich. Und müssen blöde Seminare besuchen, in denen sie uns beibringen wollen, wie wir zu leben haben. Nur, damit es denen gut geht. Die können mich mal!“

Christian verstand nicht viel von dem, was Kimmy ihm da erzählte. Aber anscheinend gab es auch in WestLand Menschen, die etwas besser waren, als die anderen.
Warum auch immer.

„Wenn bei uns ein Kind was verbockt, beim Lügen erwischt wird, beim Containern oder Betteln, dann schicken sie das Kind in die Flaggenfestung. Dich hat deine Behörde zur Grenzmauer geschickt. Warum?

„Na weil es da normalerweise stinklangweilig ist. Kommt ja fast nie einer rüber, und ich soll die Zeit nutzen, über mein Handeln nachzudenken.“

„Und? Hast du?“

„Ja klar!“ Kimmy lachte. „Ich habe darüber nachgedacht, wie ich es das nächste Mal anstelle, um nicht erwischt zu werden, wenn ich im Lager Biomasse klaue. Vor allem, wo doch die meisten von euch nicht das geringste Interesse daran haben. Manche werfen ihre Beutel, die voll mit dem Zeug sind, einfach in die Büsche. Und ich werde dann bestraft, wenn ich es einsammele und weiter verkaufe. Das soll nun jemand begreifen.“ Kimmy schüttelte den Kopf und ließ resigniert die Schultern hängen.

„Wieso stiehltst du Biomasse?“

„Eeh, die bringt echt viel Geld auf dem Schwarzmarkt. Die Leute werden high davon. Ich verstehe es ja auch nicht Ich finde das Zeug eklig.“

„Bei uns ist Biomasse Grundnahrung. Kein Mensch wird davon high. Das wird man nur von Droge.“

„Ich weiß. Das erzählen die Grenzgänger immer. Für uns steht ihr also immer unter Drogen, obwohl ihr nur Dinge esst, die euch angeboten werden, und für die ihr noch nicht einmal bezahlen müsst. Bei uns drehen die Leute durch, wenn sie zuviel eurer Biomasse zu sich nehmen. Aber sie finden es einfach nur geil, und tun es immer wieder. Und, … sie bezahlen ein Haufen Geld dafür.“

„Bei uns gibt es auch Droge. Ich habe keine Ahnung, woraus die Pillen sind, aber sie scheinen ähnlich zu wirken, wie Biomasse bei euch. Sie kontrollieren die Menschen, die für Kinder verantwortlich sind, ob sie nicht zuviel davon nehmen. Wenn doch, werden die Kinder abgeholt und sehen ihre Eltern nicht wieder.“

„Wir haben keine Eltern. Aber nach allem, was ich von den Grenzgängern im Lager gehört habe, ist das auch nicht unbedingt erstrebenswert.“

-3-

„Wie geht das, dass ihr keine Eltern habt?“ Christian verstand das nicht.

„In Westland werden alle Kinder in Kinderlagern groß.“, antwortete Kimmy ungerührt. „Ich denke, man kann sie mit euren Flaggenfestungen vergleichen.

Hier werden die Baby’s von Nannys betreut. Sobald man laufen kann, kommt man in den Kindergarten. Dort werden alle auf die Schule vorbereitet. Je nachdem, wie klug einer ist, oder ob er besondere Talente hat, wird man mit fünf Jahren in verschiedene Häuser verteilt. Ein Jahr lang trimmen sie dich noch einmal gesondert auf deine Talente. Oder sie versuchen, dir die Unarten abzugewöhnen. Wie sie es bei mir versucht haben.“ Kimmy grinste bitter.

„Und dann?“

„Dann kommt man zehn Jahre in die Schule. Im letzten Jahr entscheidet dann die Schulleitung, was du als Erwachsener machen wirst. Wenn man in einem Haus groß geworden ist, in dem ich war, ist der Weg zur Unterschicht vorbestimmt. Aber mir hat das nie was ausgemacht. Als ich aus der Schule kam, hat man entschieden, dass ich zu gemeinnütziger Arbeit ausgebildet werden soll. Das machen sie immer mit den Leuten, die die große Klappe haben und nicht alles hinnehmen, was die einem sagen.“

„Und in den Häusern? Wer kümmert sich da um die Kinder?“ Christian konnte sich nicht vorstellen, wie Kinder ohne Eltern groß werden konnten.

„Erzieher. Man hat fünf pro Gruppe. Damit immer einer da ist. Ich hatte praktisch vierundzwanzig Geschwister und fünf Eltern.“

„Unvorstellbar!“ Für Christian klang das nicht gerade nach Freiheit, wie er sie in WestLand erhofft und erwartet hatte. „Aber wie kommen die Baby’s eigentlich zu stande? Ich meine, da müssen doch Mann und Frau…, na du weißt schon.“ Christian schaute verlegen auf den Boden.

Kimmy lachte. „Ach das. Na das läuft vollkommen unspektakulär ab. Du wirst von der Regierung angeschrieben, dass du zur Geburtsklinik kommen sollst. Das ist für jeden Pflicht. Dort spenden die Frauen die Eier und die Männer den Samen.
Die Babys werden dann im Reagenzglas gezeugt und, bis zur Entlassung in die Kinderlager, betreut.
Als Frau bekommt man dann noch ein Verhütungs-Implantat, und das war es auch schon.“

„Mmh, ich denke, das reicht mir erst einmal an Information. Nur eine Frage noch, was macht eure Behörde mit mir in dem Lager?“

„Na erst einmal befreien sie dich von dem Chip. Dann checken sie deinen Gesundheitszustand und wenn da alles in Ordnung ist, musst du zur Schule und wirst für die Eingliederung in unsere Gesellschaft vorbereitet.“

„Und wenn ich gar nicht in eure Gesellschaft möchte, was ist dann?“

„Dann lassen sie dich gehen. Du hast dann aber nichts zu essen oder zu trinken, auch keine Bleibe. Und wenn du dabei erwischt wirst, wenn du gegen die Regeln verstößt, bringen sie dich wieder ins Lager. Und dann musst du an den Seminaren teilnehmen, und außerdem sperren sie dich ein, damit du nicht weglaufen kannst.“

„Gut. Dann lass uns gehen.“

Kimmy war überrascht, dass Christian so schnell bereit war, mit ihr zu gehen. Von diesem Jungen hatte sie mehr Widerstand erwartet. Dass er ihr jetzt ohne Weiteres folgen wollte, machte sie mißtrauisch. Aber sie hätte sich keine Sorgen machen müssen.

Christian war nicht dumm. Und auch wenn ihm Kimmys Antworten verwirrten, hörte er eines deutlich heraus. In WestLand schien es genau so ungerecht zuzugehen, wie in Rodland. Hier wollte er auf keinen Fall bleiben. Was hatte der Opa-Alte von Anton gesagt? `Gib dem Affen Zucker`?

Genau das hatte er vor, um hier wieder heraus zu kommen.

-4-

Der Weg zum Grenzgänger-Lager war nicht weit. Christian und Kimmy erreichten es, bevor es dunkel wurde. Christian konnte keine großen Unterschiede zwischen hüben und drüben sehen. Die Wohnhäuser in den Grenzdörfern sahen ein wenig gepflegter und frischer aus. Hier gab es Vorgärten. Nicht so, wie in RodLand, wo jeder den Boden zur Bewirtschaftung nutzte, wenn er welchen besaß. Es gab anscheinend keine Versorger-Läden. Aber die Menschen sahen genau so mißmutig und schlecht gelaunt aus, wie die zu Hause.

Das Grenzgänger-Lager umgab eine große, und undurchdringliche Hecke. Kimmy brachte Christian bis zum Eingang. Und dort begegnete er dem ältesten Menschen, den er je gesehen hatte.

„Hallo Willy! Ich bring euch einen Neuen.“ Kimmy schob Christian durch das kleine Tor, ohne sich einmal nach dem Alten umzusehen. Christian hingegen konnte kaum den Blick von ihm wenden und passierte das Tor sehr widerwillig. Dieser Willy musterte Christian genau so neugierig, winkte ihn und Kimmy aber einfach nur durch.

Im Inneren der Hecke befand sich eine parkähnliche Landschaft. In der Mitte des Parkes stand ein prächtiges Gebäude. Es war ganz weiss gestrichen, selbst das Dach. Und es gab Säulen und Terassen. Die Fenster schienen über alle Stockwerke zu reichen und bestanden aus bunt bemalten Scheiben. Christian war sprachlos vor Staunen und folgte Kimmy auf dem Hauptweg, ohne seinen Blick nach rechts oder links abschweifen zu lassen.
In RodLand hatte er noch nie ein so prachtvolles Gebäude gesehen.

Kimmy lief unbeeindruckt an seiner Seite und machte dabei ein Gesicht, als wollte sie dieser Welt etwas Böses antun.

„Es ist schön hier!“, wagte Christian zu bemerken.

„Es sieht schön aus.“ Kimmy machte eine wegwerfende Handbewegung. „Hier versuchen sie, einen anderen Menschen aus dir zu machen. Und meistens schaffen sie das auch. Aber es ist nicht richtig, wenn du mich fragst. Ich mag diesen Ort noch weniger, als das Kinderlager.“ Kimmy hielt einen Augenblick inne und zwang Christian, ihr in die Augen zu sehen. „Du bist ein RodLänder. Und das solltest du auch bleiben dürfen. Achte da drin auf dich! Versprichst du mir das?“

„Ja klar, darauf kannst du dich verlassen.“ Christian sah Kimmy frei und offen in die Augen und sendete ihr seine Botschaft. Und Kimmy verstand.

Spürbar beruhigter betrat Kimmy mit Christian den Eingangsbereich des Gemeinschaftshauses. Sie wurden von einer Frau erwartet, deren strenger Blick nichts Gutes ahnen ließ.

„Kimmy, wir erwarten euch schon seit Stunden. Du begibst dich sofort in dein Haus. Und das wirst du für die nächsten zwei Tage auch nicht verlassen.“

„Welch eine Strafe.“ höhnte Kimmy. „Dann verpasse ich ja all die tollen Seminare. Könnt ihr das verantworten, None Klara?“ Kimmy wartete eine Antwort überhaupt nicht ab. Sie strich Christian im Vorübergehen über die Schulter und verließ grußlos die Eingangshalle.
Christian sah dem Mädchen nach und hatte das Gefühl, eine Freundin zu verlieren und irgend etwas drängte ihn, ihr nachzulaufen.

„Willkommen in WestLand Christian Stenzler.“ None Klara forderte unmißverständlich Christians Aufmerksamkeit. Ihre ausgestreckte Hand ergriff er zögernd.

In Rodland war es nicht üblich, sich die Hände zu reichen. Hier hatte er es schon mehrmals beobachtet und es durchaus richtig als Begrüßungs- oder Verabschiedungsritual eingestuft.

„Ich werde dich jetzt zu unseren Ärzten bringen, die diesen unsäglichen Chip aus deinem Arm holen. Danach zeige ich dir dein Zimmer im Männerhaus. Dein Abendessen bekommst du heute ausnahmsweise auf dein Zimmer gebracht, da die Essenszeit schon vorüber ist. Soweit alles klar?“

„Nein, mir ist überhaupt nichts klar.“ Christian machte keine Anstalten, der None zu folgen, die schon in Richtung Tür schritt. Diese hielt nun inne und kam langsam zu Christian zurück.

„Was musst du denn noch wissen?“, fragte sie erstaunt.

„Wissen muss ich, glaube ich, erst einmal nichts mehr. Ich will nur nicht, dass mir jemand am Arm rumschneidet. Und ich will nicht Mitglied von WestLand werden. Ich will weiter.“

„Wo in alles in der Welt willst du denn hin? Es gibt ja nur WestLand und RodLand auf dieser Insel. Es ist unbegreiflich, dass ihr das in Rodland immer noch nicht wisst.“

„Was ist denn eine Insel? Und was bedeutet, es gibt nur diese zwei Länder?“ Christian verstand kein Wort.

„Wir leben auf einem Stück Land, das ringsum von Wasser umgeben ist. Wir vermuten zwar, dass es irgendwo noch andere Landmassen gibt, aber alle Expeditionen sind bisher gescheitert. Oder besser gesagt, es kam nie jemand zurück. Also, … wo willst du hin, wenn du hier nicht bleiben willst?“ None Klara sah Christian spöttisch an und wartete geduldig auf eine Antwort.

Christian musste das so eben gehörte erst einmal verarbeiten. Man hörte in Rodland nicht viel von dem, was jenseits der Grenzen passierte. Man wusste von WestLand, weil es nahe war. Zumindest in der Nähe von LE. Eigentlich hatte sich Christian nie Gedanken gemacht, über die anderen Grenzen. Es gab sie, das wusste er sicher. Aber nur von WestLand wusste er, dass es existierte. Wenn er jetzt genau drüber nachdachte, hatte er tatsächlich von niemandem Geschichten gehört, die sich nicht um WestLand drehten. Aber trotzdem erschien es ihm unmöglich, dass die None Recht hatte. Und was war überhaupt, eine None?

„Was hast du eigentlich für ein komisches Kostüm an?“, fragte er Klara und überraschte sie damit vollkommen.

„Ich gehöre einer Gemeinschaft an, die an ein höheres Wesen glaubt. An einen User, der alle unsere Geschicke lenkt.

Mit unserer Kleidung demonstrierten wir ursprünglich unsere Mitgliedschaft.

Die Regierung von WestLand hat dann bestimmt, dass alle unsere Kutten diese grellgrüne Farbe haben. Damit wir weithin sichtbar sind. Das soll die anderen von uns abschrecken.

Unsere Regierung sieht uns nicht gern und glaubt auch nicht an den User. Deswegen schicken sie alle Mitglieder an Arbeitsstellen, wie diese. …die niemand machen möchte, und die nicht wirklich wichtig sind, verstehst du?

None nennt man die weiblichen, Pateron die männlichen Mitglieder der Gemeinde.“

„Und wie macht der das? Der User, meine ich?“, Christian war sehr interessiert an dieser Geschichte. Vieleicht kam man ja hier heraus, wenn man zu diesem komischen User ging.

„Wir bitten ihn darum. Und manchmal erfüllt er uns unsere Bitten.“

„Und kann ich auch zu diesem User gehen, und ihn bitten? Wohin muss ich da?“ Christian hing förmlich an Klara’s Lippen.

„Unser User ist gestaltlos. Du kannst nicht zu ihm gehen. Wir bitten ihn in Gedanken.“ Die None schien amüsiert über seine Frage zu sein. Aber Christian nahm ihre Antwort sehr ernst und dachte gründlich darüber nach.

„Ääh, das ist nichts. Darauf kann ich mich nicht verlassen.“ Christian’s Beurteilung über diese Geschichte stand fest. „Gibt es denn keine andere Möglichkeit, von hier weg zu kommen?

„Doch, die Kolonie.“, antwortete Klara verächtlich…

-5-

„Die Kolonie?“, Christian wurde sofort hellhörig. „Was ist die Kolonie?“

„Jetzt nicht, Christian. Du musst zur Ruhe kommen. Gehen wir zu den Ärzten.“

Christian dachte einen Augenblick daran, sich zu weigern, aber die Flucht forderte mittlerweile ihren Tribut. Christian fühlte sich furchtbar müde.
„Ich möchte meinen Chip behalten und mich wirklich irgendwo hinlegen. Können wir das nicht morgen klären, None Klara? Und du zeigst mir einfach ein Bett. Ich habe auch keinen Hunger. Ich möchte nur noch schlafen. Bitte!“

Klara betrachtete Christian nachdenklich. „Nun gut, ich bringe dich für heute Nacht in unserem Gastzimmer unter. Ich kann dich nicht ins Männerhaus lassen, bevor du bei den Ärzten warst. Die Prozedur dauert allerdings mindestens zwei Stunden. Das kann dir niemand mehr zumuten, das sehe ich. Also komm mit.“

Klara führte Christian in die Eingangshalle zurück und öffnete dort eine der vielen Türen. Dahinter befand sich ein großes Zimmer. Christian betrat es eher vorsichtig, denn die Einrichtung darin schüchterte ihn ein. Solche Möbel kannte er nur aus den Zeitungen der Oberschichtler, die er manchmal in den Containern fand. Klara zeigte ihm auch noch ein Bad, dass sich hinter einer Tür befand, die er ohne Klara nie bemerkt hätte, weil sie ganz genau so aussah, wie die Wandverzierung.

„Komm, ich bring dich ins Bett.“ Klara half Christian aus seinen Sachen und gab ihm frische Unterwäsche aus einem riesigen Wandschrank. Dann brachte sie ihn zu dem breiten Bett und deckte ihn fürsorglich zu. Christian ließ alles widerstandslos mit sich geschehen. Nachdem er sich wohlig in das Bett gekuschelt hatte, schlief er innerhalb von Sekunden ein.

Klara löschte das Oberlicht und schaltete eine kleine Schreibtischlampe ein. Dann bereitete sie sich auf der Couch ein Lager für die Nacht. Sie durfte diesen Jungen jetzt einfach nicht allein lassen. Er hatte etwas an sich, dass sie beunruhigte. Er vermittelte ihr eine Art Sauberkeit und Klarheit in seinem Wesen, die seinem Äußeren total widersprachen. Und er strahlte eine Kraft und Stärke aus, die bei einem zwölfjährigem Jungen in diesem Maße nicht zu erwarten waren.
Die None schloss die Augen und sprach zu ihrem User. Sie schloß Christian in ihre Bitte mit ein, denn wenn eines sicher schien, dann war es die Tatsache, dass Christian Ärger bedeudete.
Nach ein paar Minuten war auch None Klara tief und fest eingeschlafen.

Christian erwachte, als die Dämmerung begann. Das wenige Licht half ihm, sich in seiner Umgebung zurecht zu finden. Und das fiel ihm Anfangs überhaupt nicht leicht. Er legte sich eine Decke um die Schultern, die er am Fußende des Bettes fand. Er bemühte sich, so leise, wie möglich zu sein, denn er wollte die None nicht wecken.

Christian musste nachdenken.

-6-

Christian sah zu, wie die Sonne über dem Park aufging. Er genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit, und er traf Entscheidungen.
Alles war ganz anders, als er geplant hatte. Reni war wer weiß wo. Er befand sich in einem Land, dass irgendwie das genaue Gegenteil von RodLand zu sein schien. Und, als ob das nicht schon reichte, befand er sich auch noch auf einer Insel. Er wusste nicht, wie er sich eine Insel vorstellen sollte.
Von einem großen Wasser hatte er noch nie gehört, geschweige denn, eine Vorstellung davon.

Diese komische Kolonie interessierte ihn, allerdings hatte er auch erst einmal genug von Abenteuern.

Christian war so tief in seinen Gedanken versunken, dass er nicht bemerkte, dass Klara erwacht und hinter ihn getreten war. Erst, als sie vorsichtig eine Hand auf seine Schulter legte, erwachte er aus seinen Gedanken. Sofort ging Christian in Abwehrhaltung und Klara zog sich ebenfalls sofort mehrere Schritte zurück.

„Guten Morgen Christian!“, grüßte sie ihn und reichte ihm, trotz seiner offensichtlichen Abwehr, die Hand.

Christian zögerte, dann gab er sich einen Ruck und ergriff sie vorsichtig.

„Bis zum Frühstück haben wir noch etwas Zeit. Du kannst ein Bad nehmen, wenn du möchtest. Und ich rate dir dazu, denn du siehst nicht sehr vorteilhaft aus.“

Das interessierte ihn zwar kein bißchen, aber das Bad reizte Christian um so mehr. Zu Hause gab es nur Duschen. Badewannen und deren Funktion kannte er auch nur aus den Zeitschriften der Oberschichtler. Wie konnte er der Verlockung widerstehen, einmal selbst in einer zu sitzen.
Klara zeigte ihm, wie er das Wasser temperierte, legte ihm ein paar Handtücher zurecht, spritzte noch irgend eine Flüssigkeit in die Wanne, und ließ ihn dann allein. Das einlaufende Wasser begann, herrlich zu duften und es bildete sich Schaum. Das fand Christian lustig. Er griff hinein und es fühlte sich an, als könnte man plötzlich Luft zerplatzen lassen.
Christian schloss die Wasserhähne und schaute sich nach einer Toilette um. Als er sie entdeckte fühlte er sich sehr erleichtert. Sie sah aus, wie die Toiletten zu Hause, und, man konnte sie auch so benutzen.

Als er sich in die Wanne sinken ließ und ihn die wohlige Wärme des duftenden Wassers umschloss, wollte Christian mit einem Schlag nie wieder weg von diesem Ort. Bis Klara an die Tür klopfte, und fragte, ob sie herein kommen dürfe.

„Ich bin dir gern beim Waschen behilflich, wenn du das möchtest.“, bot sie ihm freundlich an.

Christian lachte. „Nee, danke! Das kann ich schon allein. Aber wenn du noch etwas anderes zum Anziehen für mich hast, als diese Unterwäsche, wäre ich sehr dankbar. Ich nehme auch gern meine Sachen wieder, obwohl die sicher schmutziger sind, als ich.“

„Deine Sachen habe ich gestern noch zur Reinigung gegeben. Sie sind mittlerweile so sauber, wie du selbst. Ich bringe sie dir. Und dann gibt es etwas zu essen. Einverstanden?“

Christian nickte nur zustimmend und begann dann damit, sich von oben bis unten abzuschruppen.
Gerade, als er sich in ein Handtuch einwickelte, betrat Klara wieder das Bad. Sie legte ihm seine Kleidung hin und betrachtete ihn lächelnd. „Wir sollten uns jetzt beeilen. Unsere Ärzte warten nicht gern.“, bemerkte sie beiläufig und schloss die Tür hinter sich.

Diese Worte brachten Christian wieder in die Wirklichkeit zurück. Er beeilte sich, in seine Sachen zu kommen und ging dann in das Zimmer zurück. Er fand ein Frühstück vor, wie er noch nie eins gesehen hatte.

Natürlich nahm er nur von den Sachen, die ihm bekannt waren. Trotzdem, es schmeckte alles köstlich.

Und dann rüstete sich Christian innerlich zum Kampf.

-7-

Die Räume der Ärzte befanden sich in einem Seitentrackt des Hauses. Christian hätte sich auf dem Weg dahin gern ein wenig mehr Zeit gelassen und die Gänge näher betrachtet, die sie durchschritten. Aber die None Klara schritt schnell voran.
Und dann stand Christian vor zwei grauhaarigen Männern, die ihn musterten, als erwarteten sie jeden Augenblick etwas Außergewöhnliches von ihm. Die None gab ihm einen leichten Schubs und deutete mit einer Handbewegung an, was Christian tun sollte. Er verstand und reichte den Männern die Hand.

„Guten Morgen, den Herren. Mein Name ist Christian Stenzler und Sie können meinen Chip heraus nehmen. Aber nur, wenn ich ihn danach wiederhaben kann.“

„Na, wenn das nicht eine ungewöhnliche Ansprache war, dann weiß ich auch nicht. Was meinst du, Johann?“

Johann meinte anscheinend erst einmal nichts. Er erwiderte nur Christians Gruß und fragte dann gespannt:
„Warum willst du den Chip behalten, mein Junge? Er nützt dir hier in WestLand überhaupt nichts.“

Christian zog es vor, dem Mann gerade in die Augen zu schauen, und seine Antwort zu schweigen. Er befürchtete, dass diese Ärzte seiner Forderung nicht nachgeben würden, wüssten sie seine wahren Beweggründe.

„Er schweigt, damit er nicht…“ None Klara mischte sich in das Gespräch ein, wurde aber von einer unwirschen Handbewegung Johann´s unterbrochen.
„Ich weiß, warum er schweigt, None. Nun gut Christian,“ wandte er sich nun wieder an den Jungen. „Meinetwegen kannst du den Chip haben. Auch, wenn ich zu gern wüsste, wofür du ihn noch brauchst.“
Christian grinste sein unwiderstehlichstes Freche-Jungen-Grinsen und bekam zu seinem Erstaunen ein Lächeln als Antwort, dass seinem Grinsen sehr ähnlich sein mochte, nur war es bei Johann in Falten gelegt.
„Nun gut!“ Johann gab Klara ein Zeichen und sie verließ darauf hin das Zimmer. Dann wandte er sich den verschiedenen Gerätschaften zu, die einigermaßen bedrohlich auf Christian wirkten.
„Ich werde dir den Chip geben, Christian. Warum auch nicht?“, sprach er zu den Geräten, vor denen er stand.
Christian fand das zwar seltsam, aber er hatte gehört, was er hören wollte.

„Gut!“, meinte jetzt der andere Arzt. „Dann können wir ja beginnen.“

Christian sollte nun alle seine Sachen ablegen, bis auf die Unterhose.
Dann half ihm Johann auf einen flachen Tisch und schob ein halbkreisförmiges Gerät an sein Kopfende. „Du liegst jetzt die nächste halbe Stunde so ruhig, wie es dir möglich ist. Wir müssen deinen Chip orten.“

Johann sah ihn bei diesen Worten nicht an und Christian wusste, warum. Er hätte ihm die Stelle, an der das Implantat sass mit Leichtigkeit zeigen können. Man konnte es sogar fühlen. Johann musste wissen, wo er es finden konnte, denn der Chip wurde allen Bewohnern RodLand´s an der selben Stelle eingesetzt, nämlich in den Weichteilen des linken Oberarmes.
Trotzdem ließ er zu, dass dieses komische Gerät in einem Abstand von ein paar Zentimetern über seinen Körper fuhr. Es tat nicht weh, und er hatte seine Ruhe, denn jetzt waren auch die beiden Ärzte aus dem Raum verschwunden.

Danach wurde ihm noch Blut abgenommen, die Zähne untersucht, er musste auf einer Linie balancieren und abwechselnd auf einem Bein stehen. Christian kam es mit der Zeit vor, als wäre er in eine Kleinkinder-Gruppe geraten.
Er ließ alles geduldig über sich ergehen, immer in der Hoffnung, dass man ihm den Chip entfernte und er ihn endlich in die Hände bekam.

Irgendwann betrat Klara wieder den Raum. „Ich komme, um dich zum Mittagessen abzuholen. Die Ärzte haben alle notwendigen Untersuchungen durchgeführt. Die Ergebnisse bekommen sie erst in einer Stunde.“
„Und was ist dem Chip?“
„Der kommt raus, wenn die Ergebnisse da sind.“ Klara öffnete die Tür. „Es ist eine Sache von Minuten, den Chip heraus zu holen.“.

Jetzt ging es endlich einmal hinaus. Die None führte Christian in einen kleinen Raum, in dem die beiden einen reichlich gedeckten Esstisch vorfanden. Christian, immer noch sehr vorsichtig mit dem neuen Essen, nahm sich nur von dem, was er auch wirklich kannte. Trotzdem war alles köstlich.
Christian dachte plötzlich an Reni und seine Freunde. Er wußte, was sie heute auf den Tisch gestellt bekamen, wenn sie überhaupt etwas zu essen hatten. Dieser Gedanke vergällte ihm die Freude am Essen und er schob den halb vollen Teller von sich.

„Satt?“, fragte None Klara. Christian schlug die Augen nieder und sagte keinen Mucks.“ In WestLand wird man mit Feld- und Gartenarbeit bestraft, wenn man seinen Teller nicht leer ißt oder Essen sonstwie verkommen läßt. Möchtest du deinen ersten Tag hier mit Gartenarbeit verbringen?“

„Ich weiß ja gar nicht, was Gartenarbeit ist.“, erwiderte Christian schadenfroh und sah der None herausfordernd in die Augen.

None Klara lachte leise. Sie mochte diesen ungewöhnlichen Jungen. Wie bei allen RodLändern, faszinierte sie vor allem seine Unfähigkeit zu lügen und die direkte Art, die sich daraus ergab. „Ich werde es dir heute noch zeigen, aber jetzt sollten wir wieder zu den Ärzten gehen.“

Damit war Christian sehr einverstanden und so standen sie bald darauf wieder vor Johann und seinem Kollegen.

-8-

Johann studierte Christian´s Untersuchungsergebnisse, als die beiden das Zimmer betraten. Er sah nur kurz auf und bat um einen Moment Geduld. Es dauerte nicht lange, dann wandte er sich von den Papieren ab und bat Christian und die None darum, in der gemütlichen Sesselecke Platz zu nehmen.

„Also Christian, wir haben deinen Chip einwandfrei orten können und ich werde ihn dir gleich entfernen. Und, ich werde ihn dir aushändigen. Du solltest vorsichtig damit umgehen, aber ich denke, das weißt du.
Ansonsten bist du kerngesund.“ Johann betrachtete den Jungen noch ernsthaft, dann stand er auf und wandte sich seinen Gerätschaften zu. „Zieh deinen Pullover aus und setz dich auf den Behandlungsstuhl.“, wies er Christian an.
Der schaute ein wenig ängstlich nach Klara, die ihm aufmunternd zunickte. „Es wird nicht weh tun.“, flüsterte sie ihm zu und Christian tat, wie ihm geheißen wurde.

Johann trat zu ihm und legte den ausgestreckten Arm in Kopfrichtung. Dann besprühte er den nun sichtbaren Teil des Oberarmes mit einer Substanz aus einer Spraydose. Christian bemerkte sofort, wie alles taub wurde, was von der Substanz getroffen wurde. Johann hielt einen kleinen Haken in der Hand. Mit diesem durchdrang er schnell und treffsicher die Haut über den Chip. Dann hörte Christian ein leises Klacken und Johann zog langsam den Chip aus Christians Oberarm heraus. Dann wurde er ein wenig hektisch, denn aus der kleinen Wunde schoss das Blut heraus, als hätte er einen Springbrunnen angezapft. Johann drückte sofort einen kleinen Behälter auf die Wunde und Christian verspürte einen leichten Stich. Dann entfernte sich alles von ihm und es wurde dunkel.

Als Christian wieder erwachte, lag er immer noch im Behandlungsstuhl. Klara hielt seine rechte Hand und an seinem linken Oberarm sah er ein Pflaster.
„Wie geht es dir, Christian?“ Johann tauchte in seinem Blickfeld auf und beugte sich über ihn.
„Gut, glaube ich.“ Christian fühlte sich ein wenig benommen, aber ansonsten tatsächlich gut. „Wo ist mein Chip?“, fragte er, und Johann streckte seine Hand aus.
„Hier hast du ihn. Ich habe ihn nur sauber gemacht, ansonsten ist er noch intakt.“
Christian nahm das Teil vorsichtig auf und betrachtete es neugierig. Es sah aus, wie ein winziger Amboss, an dessen Enden jeweils zwei Drähte befestigt waren.
„Dafür brauche ich ein Behältnis, sonst mache ich vielleicht noch etwas kaputt“, sagte er nachdenklich.
Johann schien es geahnt zu haben, denn er schob ihm einen kleinen Behälter zu, der stabil genug aussah, das er eine Jungen-Hosentasche schadlos überstehen konnte.
Christian legte den Chip hinein, behielt den Behälter aber in seiner Hand. „Und jetzt kann ich lügen, stimmts? Ohne, dass mir was passiert. Und ich weiss gar nicht, wie das geht.“ Christian lachte. „Und ich will es auch nicht wissen.“, setzte er ernst hinzu.

„Bleib dabei!“, antwortete Johann, ebenso ernst.

„Wie es unserem User gefällt.“, meldete sich Klara.

„Hör mit diesem Unsinn auf.“ Johann reagierte ungehalten auf Klara´s Einwurf, wandte sich aber sofort wieder dem Jungen zu. „Wir sind jetzt fertig miteinander, kleiner RodLänder. Mach dein Ding. Ich hoffe, wir sehen uns nicht wieder.“ Johann reichte ihm zum Abschied die Hand, nickte noch kurz der None zu und verließ den Raum durch eine zweite Tür.

Christian war ein wenig überrascht von dem schnellen Abschied, … genau wie es bei Klara der Fall war. „Und was passiert jetzt?“, fragte er sie, sobald sich die Tür hinter Johann schloss.

„Der Rat wartet auf dich.“

„Was ist ein Rat?“

„Menschen, die bestimmen, in welchem Haus du lebst, welche Bildung du erhältst, wie es überhaupt mit dir weiter geht, … so etwas eben.“

„Und wenn mir das nicht gefällt, was mir dieser komische Rat rät?“ Christian gefiel es überhaupt nicht, dass mit einem Male Leute über ihn bestimmen sollten, die ihn überhaupt nicht kannten.

„Hör dir doch erst einmal an, was sie dir zu sagen haben. Vielleicht passen ja ihre Vorschläge in deine Pläne!?“ Klara verließ das Behandlungszimmer und Christian folgte ihr, wenn auch sehr widerwillig.

Sie liefen durch die Eingangshalle und betraten nun einen anderen Seitenflügel.
Hier sah alles anders aus, als bei den Ärzten. Es gab keine Bilder, keine Teppiche, und das Licht, das zu den bilderlosen Fenstern herein kam, sah seltsam diffus aus.

-9-

„Der Rat ist nicht oft hier, nur wenn ein Grenzgänger kommt. Sie legen nicht viel Wert auf gemütliches Mobiliar.“, erklärte Klara die dürftige Einrichtung. „Ich werde dich nicht mit hinein begleiten. Du weisst schon, sie mögen Menschen meiner Gemeinschaft nicht.“ Die None sah Christian bei diesen Worten nicht an. „Ich warte hier auf dich. Einen Rat gebe ich dir, bevor du zum Rat gehst.“, sie deutete auf die große Flügeltür. „Streite nicht mit ihnen. Sie haben Mittel und Möglichkeiten, ihren Willen durchzusetzen. Auch, wenn es um Dinge geht, die eigentlich nicht erlaubt sind. Beuge dich ihren Willen, wie du dich den Willen eurer Behörde beugst. Dein Spielraum wird nicht sehr groß sein, aber es gibt ihn. Du musst nur klug sein.“

Christian wusste nicht, was er von den Ratschlägen der None halten sollte. Er verstand nur eines, um diese Leute kam er nicht herum. Klara begleitete ihn noch bis zur Tür. Sie öffnete den großen Flügel einen Spalt breit und schob ihn mit einem aufmunternden Lächeln hindurch.

Er befand sich nun in einem kleinen Raum, der von der Fensterfront beherrscht wurde. Christian eröffnete sich ein weiter Blick in den Park hinaus. Es schien ihm, als würde er schon mitten im Park stehen, denn auch das Zimmer war vollgestellt mit herrlichen Pflanzen.

„Wir sind hier.“, ertönte plötzlich eine wohlklingende Stimme, seitlich von Christian. Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam und erblickte eine Frau und zwei Männer, die auf hohen Stühlen saßen und ihn interessiert musterten. Christian fiel das Begrüßungsritual ein und er ging hin und gab allen dreien die Hand und wünschte ihnen einen guten Tag. Dann trat er ein paar Schritte zurück und betrachte die drei Räte, die sichtlich amüsiert seine Begrüßung erwidert hatten.

Warum nur, fragte er sich, waren alle Personen in WestLand, die etwas zu sagen hatten, so alt? Aber, sie sahen toll aus, fand Christian. Diese weißen Haare und die Falten im Gesicht flößten ihm Vertrauen ein. Auch die dunkelblauen Gewänder mit den schönen Verzierungen beeindruckten Christian. So kleidete sich in RodLand niemand.

„Du bist also Christian aus RodLand?“,riss die Frau ihn aus seinen Betrachtungen. „Was willst du bei uns?“

„Frei sein. Nicht mehr containern müssen. Hier gibt es keine Flaggenfestungen und keine Sterbehäuser. Und keine Biomasse, obwohl das ja nicht richtig ist, wie ich erfahren habe.“ Christian überlegte und setzte dann hinzu: „Ich möchte keine Angst mehr haben müssen.“

„Und was willst du hier tun?“, fragte der Mann zur Rechten der Frau.

„Mir das Land anschauen. Und einen Platz finden, wo ich hingehöre und wo es mir gut geht.“

„Bei uns geht man in Schulen. Dann wird man für seine zukünftige Tätigkeit ausgebildet, je nach dem, worin jemand richtig gut ist. Dann kommt man in das entsprechende Lager und leistet seinen Dienst an der Gesellschaft. Mit allen Vorzügen, die einem das Lager bietet. Willst du das?“

„Nein, das will ich nicht.“ Christian fand diesen Vorschlag absurd und er konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Ich fliehe doch nicht vor dem einen Lager, um ins nächste zu gehen.“

„Gut.“, meldete sich nun der Mann zur Linken der Frau. „Es gibt auch Menschen, die außerhalb eines Lagers leben. Sie schaffen Kunst, oder erfreuen uns in den Lagern mit ihrem Spiel, ihrem Gesang oder ihren besonderen Geschicklichkeiten. Möchtest du so etwas tun“

„Nö. Sowas kann ich ganz bestimmt nicht.“

„Ja, Christian. Was willst du denn dann hier tun?“, mischte sich die Frau in dieses Gespräch. „Bei uns gibt es Regeln. Man muss arbeiten, um Geld zu verdienen. Damit kann man sich dann Essen und Kleidung kaufen. Hier gibt es keine Versorger-Läden, wie in RodLand, wo man alles zugeteilt bekommt und sich abholen kann, wenn man dran ist.“ Sie schaute Christian erwartungsvoll, aber nicht böswillig an.

„Kann ich mir nicht einfach WestLand anschauen? Ohne irgendwelche Schulen absolvieren, oder in blöden Lagern leben zu müssen? Einfach so das Land ansehen und nachschauen, ob es nicht einen Platz darin für mich gibt?“

„Wir werden dich nicht daran hindern, wenn es dein Wille ist.“ Der Mann zur Rechten lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schien an einer Unterhaltung nicht mehr interessiert zu sein.

„Du musst dich an unsere Regeln halten, Junge. Solltest du dagegen verstoßen, werden unsere Bolisisten dich finden und hier her zurück bringen. Und dann musst du in die Schule und wirst ausgebildet. Alles unter Bewachung unserer Bolisei.“ Der linke Rat schien Gefallen an dieser Vorstellung zu haben, denn er rieb sich die Hände, als hätte er schon gewonnen.
„Was ist Bolisei?“, fragte Christian und unterdrückte dabei heroisch jeden herausfordernden Ton.

„Das ist eine kleine Gemeinschaft in WestLand. Es gibt nur ein einziges Lager hier. Mehr ist auch nicht notwendig.“ Der Rätin gelang es allein mit ihrer Stimme, die Spannung aus der Unterhaltung zu nehmen. „Die Bolisisten wirst du an ihrer roten Kleidung erkennen. Sie sorgen dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Es gibt nicht viele WestLänder, die wirklich ernsthaft dagegen verstoßen. Wenn doch, sorgen die Bolisisten dafür, dass sie ihre Strafe bekommen, und tun, was der Rat entschieden hat. Meistens handelt es sich um gemeinnützige Arbeit. Es kann aber auch sein, dass jemand in ein Bolisisten-Lager geschickt werden muss, damit er oder sie wieder auf den richtigen Weg kommt.
Hier im Grenzgänger-Lager gibt es einen gesonderten Bereich, von Bolisisten bewacht und geleitet. Grenzgänger verstoßen gern gegen unsere Regeln. Deshalb benötigen sie mehr Aufsicht, als es bei einem WestLänder notwendig ist.
Klara wird dir diesen Bereich nachher gern zeigen, Christian.“

Christian bekam immer mehr das Gefühl, als wäre er immer noch in RodLand. Nur dass es hier andere Begriffe und andere Bestrafungen gab. Was aber nichts daran änderte, dass es sie überhaupt gab.

„Ich möchte gern WestLand anschauen. Geht das nun, oder geht es nicht? Ich werde schon zurecht kommen.“ Christian bemühte sich, seinen Drang zu flüchten zu widerstehen.

„Ja. Wenn das dein Wille ist, dann ja!“ Die Räte nickten sich gegenseitig zu, als wären alle damit einverstanden.

Christian konnte es im ersten Moment nicht fassen. Sollte es tatsächlich so einfach sein?

„Du bekommst noch eine Grundausstattung von uns mit. Kleidung zum Wechseln, Proviant für zwei Tage, Klara wird dir das alles aushändigen. Heute Nacht kannst du gern noch hier bleiben. Ab Morgen steht dir WestLand offen.“ Die Rätin erhob sich und umschloß Christians Hand mit ihren beiden Händen.
„Ich hoffe, wir sehen uns niemals wieder, Christian. Aber ich befürchte, dass mir dieser Wunsch nicht erfüllt wird.“

Christian verabschiedete sich nicht von den anderen Räten. Er vergaß es einfach.

-10-

Christian schloss die Tür leise hinter sich und atmete erst einmal tief durch. Klara erhob sich von einem Hocker, der genau gegenüber der Eingangstür stand und eilte auf ihn zu.
„Was haben sie bestimmt?“ Klara´s Stimme klang leise und eindringlich, aber Christian konnte sich nicht vorstellen, dass einer der Räte ihm gefolgt war und hinter der Tür lauschte. Deshalb antwortete er Klara laut und deutlich:
„Ich kann mir WestLand ansehen und mir einen Platz suchen, wo es mir gefällt. Dort kann ich dann bleiben. Ich muss mich nur an die Regeln halten.“ Christian sah Klara erwartungsvoll an und war enttäuscht, als er ihr Entsetzen sah. „Was ist denn los? Das ist doch gut, oder nicht!?“

„Das ist überhaupt nicht gut.“ Klara ging wieder zu dem Hocker zurück und ließ sich darauf nieder. Sie machte den Eindruck, als würde sie sehr angestrengt nachdenken. „Und du hast nicht protestiert? Nicht versucht, sie von ihrer Entscheidung abzubringen?“

„Nein. Warum sollte ich? Ich wollte es ja so!“

„Aber Christian. Alles wäre besser gewesen, als diese Entscheidung. Egal wo, in jedem unserer Lager-Gemeinschaften wärest du besser aufgehoben, als auf der Straße. Man würde dir regelmäßig zu essen geben, dich ausbilden und irgendwann wärst du soweit, dass du dein Geld verdienen kannst. Und dann wäre alles gut gewesen.“

„Was soll ich in euren komischen Lagern?“ Christian konnte die Aufregung der None nicht verstehen. „Bei uns kommt man in Lager, wenn man gegen die Gesetze der Behörde verstößt. Bist du erwachsen, kommst du in ein Sterbelager. Bist du ein Kind, kommst du in eine Flaggenfestung. Hier kommt man immer in ein Lager, egal, wer man ist, und was man macht. Das fühlt sich fast noch schlimmer an, als es das Leben in RodLand sein könnte.“

None Klara erkannte, dass Christian das Ausmaß seines erfüllten Wunsches überhaupt nicht einschätzen konnte. Deshalb schickte sie ihn in den Park. Dort sollte er sich in Ruhe umsehen, sie würde sich nur noch die Anweisungen der Räte holen und ihn dann zum Abendessen abholen.
Dieser Vorschlag gefiel Christian sehr gut. Nach dem aufregenden Vormittag bei den Ärzten und dem Gespräch mit den Räten sehnte er sich direkt nach ein wenig Ruhe. So verabschiedeten sie sich kurz voneinander und gingen in entgegengesetzte Richtungen davon.

Christian lief nicht weit. Er fand einen kleinen Teich an dessen Rand eine Sesselgruppe stand. Umgeben war der Teich von blühenden Büschen, deren Namen er nicht kannte. Aber sie sahen hübsch aus und die Blüten verströmten einen angenehmen Duft. Außerdem saß er dort in der Nachmittagssonne, die um diese Zeit angenehm warm auf ihn herunter schien. Hier wollte er auf Klara warten und in Ruhe über alles Erlebte nachdenken. Christian machte es sich auf einem der Sessel bequem, streckte die Beine von sich und schloß die Augen. In seinen Gedanken ließ er die Erlebnisse der letzten Tage noch einmal aufleben und fast wäre er darüber eingeschlafen, als es plötzlich im Gebüsch hinter ihm raschelte.

Seine Instinkte waren noch von den Straßen RodLands geschärft, und so war er zwar sofort hellwach, ließ sich das aber mit keiner Bewegung anmerken. Erst, als die Bewegung hinter ihm gefährlich nahe war, sprang er blitzschnell aus dem Sessel und griff zielsicher in das Blattwerk.

„Au! Bist du verrückt RodLänder? Lass mich sofort los, sonst beiße ich!“ Christian entspannte sich und ließ augenblicklich los, was er gerade gepackt hatte. Er ging langsam in die Hocke und spähte ins Gebüsch.

„Was machst du denn hier, Kimmy? Und warum versteckst du dich und sprichst so leise?“

„Quatsch nicht, du Baby. Komm lieber hier her. Man darf mich hier nicht sehen, sonst bekomme ich noch zwei Wochen Dienst aufgebrummt.“

Christian sah sich um. Weit und breit war niemand zu sehen und so schlüpfte er zu Kimmy ins Gebüsch. „Was machst du hier?“, wiederholte er seine Frage. „Ist das ein Spiel?“

„Pah. Von wegen, Spiel. Hier gibt es keine Spiele. Aber egal. Erzähle! Ist der Chip raus? Und vor allem, was hat der Rat bestimmt?“
Kimmy sah ihn gespannt an und wartete ungeduldig auf seine Antwort. Christian konnte es sich nicht erklären, aber er hatte plötzlich das Gefühl, als wäre es sehr wichtig, dass Kimmy alles erfuhr. Außerdem fand er es gut, dass sie hier war.
Also erzählte er ihr haarklein alles, was er heute erlebt hatte. Als er mit seinem Bericht endete, klatschte Kimmy, außer sich vor Freude, in die Hände , umarmte ihn stürmisch und gratulierte ihm zum Entschluß des Rates.

„Die None war entsetzt, und du freust dich, als hätte ich dir ein Geschenk gemacht. Euch soll einer verstehen, ihr seid schon ein komisches Volk.“ Christian befreite sich aus Kimmys Umarmung und rückte ein wenig weg von ihr.

„Ach, lass doch die None. Die hat ja nur Angst. Aber ich, ich habe auf dich gewartet. Endlich mal einer, mit dem ich meinem Ziel ein Stück näher komme. Pass auf Christian, ich komme morgen mit dir.“

„Darfst du das denn?“

„Na klar. Ich werde mich sogar freiwillig melden. Dank meiner Ausbildung tue ich damit darüber hinaus noch ein gutes Werk.“, lachte Kimmy fröhlich.

„Und was ist dein Ziel? Vielleicht will ich ja überhaupt nicht da hin, wo du hin willst?“ Christian fand es nicht gut, dass er schon wieder in eine Richtung gedrängt wurde, in die er nicht gehen wollte.

Aus Kimmys Gesicht wichen mit einem Male jede Fröhlichkeit und jeder Übermut. Sie dachte ein Weilchen nach und nahm dann vorsichtig seine Hand in die ihre. Sie schaute ihm erst sehr lange in die Augen, dann senkte sie ihren Blick und begann zu sprechen:

„Ich weiß nicht viel von RodLand, dafür um so mehr von WestLand. Egal, wo du am Ende landest, es wird immer ein Lager sein. Ich habe das alles satt. Ich will das große Wasser sehen, und vielleicht das, was dahinter kommt. Deshalb will ich zur Grenze von WestLand, um zu sehen, ob ich von da aus noch ein Stück weiter komme.
Für dich ist es egal, ob du WestLand von Ost nach West, oder von Nord nach Süd durchwanderst. Du wirst überall das Gleiche sehen. Und ich begleite dich so lange, bis du deinen Platz gefunden hast. Das verspreche ich dir. Als deine Aufsichtsperson kann ich sogar offiziell auf dich aufpassen und verhindern, dass du gegen die Regeln verstößt. Oder dabei erwischt wirst, wenn du es doch tust.
Und wenn du nicht mehr weiter willst, gehe ich allein weiter. Ich hoffe, wir sind dann so weit von einem Lager entfernt, dass ich bis zur Grenze komme, ohne, dass ich die Bolisisten am Hals habe. Das kommt auch darauf an, ob du mich verrätst. Aber das glaube ich nicht.“

Nach diesen Worten überlegte Christian nicht mehr lange. „Einverstanden Kimmy. Es ist sogar beruhigend für mich, dass ich nicht so ganz allein auf die Wanderschaft gehen muss. Also, abgemacht.“
Kimmy ergriff wieder seine Hand und drückte sie ganz fest.

Christian erhob sich und bahnte sich den Weg aus dem Gebüsch, ohne sich noch einmal umzublicken. Was immer nun passierte, sollte wohl so sein. Er war es leid, über ein Spiel nachzudenken, dessen Spielregeln er noch nicht kannte. Ihm war es wichtig, dass er bekam, was er wollte.

Er verfolgte seine eigenen Ziele. Wenn Kimmy da hinein passte, oder sonst irgendwer, dann sollte es ihm recht sein.

-11-

Christian kam keine Sekunde zu spät aus dem Gebüsch heraus, denn in diesem Augenblick verließ die None Klara das Haus und schaute sich suchend nach ihm um. Als sie ihn entdeckte, winkte sie ihn zu sich heran.
„Du hast dir einen schönen Platz ausgesucht. Wollen wir dort zu Abend essen?“ Klara sah ein wenig mitgenommen aus, lächelte aber.

„Warum nicht?“ Christian war sich nicht sicher, ob Kimmy genügend Zeit gefunden hatte, das Gebüsch zu verlassen. Er sah jedoch keine Möglichkeit, Klara von ihrem Vorhaben abzubringen. Statt dessen half er ihr, das Essen zum Tisch zu bringen. Während des Mahles wechselten die beiden nur wenige wurde. Christian bekam dabei immer mehr das Gefühl, dass mit Klara etwas nicht stimmte. Er überlegte, ob er sie danach fragen sollte, entschied sich aber dagegen. Klara würde schon reden, wenn sie das wollte.

Nach dem Essen schob sie ihren Stuhl dicht an seine Seite. Scheinbar tief in Gedanken versunken sah sie zu, wie die Sonne hinter den Bäumen des Parkes verschwand. Christian störte sie nicht. Wie alle RodLänder konnte Schweigen gut aushalten.

„Du verläßt uns also morgen.“ Christian erschrak ein wenig, als Klara das Schweigen beendete. „Die Räte haben es mir bestätigt. Sie ließen sich nicht von ihrem Entschluss abbringen, so sehr ich auch darum bat.“

„Warum hast du sie darum gebeten?“ Christian verstand Klara nicht. „Du wusstest doch, dass ich mich nicht in ein Lager sperren lasse.“

„Weil du da draußen nicht zurecht kommen wirst. Ich soll dir einen Crash-Kurs in Sachen WestLand-Regeln geben. Aber, selbst wenn du alles behältst, wirst du mit dem Proviant und dem wenigen Geld, was du von hier mit bekommst, nicht lange reichen. Arbeiten kannst du nicht, weil du keine Ausbildung hast. Und, selbst wenn du eine hättest, jeder kann ja sehen, dass du zu keiner festen Gemeinschaft gehörst.“

„Wie kann man mir denn ansehen, dass ich zu keiner Gemeinschaft gehöre?“

„Jede Gemeinschaft hat ihr eigenes Logo auf der Kleidung. Oder trägt außergewöhnliche Kleidung. So wie die Menschen meiner Gemeinschaft diese leuchtend grünen Gewänder tragen, oder die Bolisisten die knallroten. Kein Mensch in WestLand gibt dir Arbeit, wenn du keiner Gemeinschaft angehörst. Und auf deiner Kleidung wird kein Logo sein.“ Klara´s Worte waren immer eindringlicher geworden, riefen bei Christian aber nur ein Schulterzucken hervor.

„Und wenn schon. Ich komme schon durch.“ Wieder einmal erschienen ihm die Regeln und Bräuche der WestLänder verworren und schwer nachvollziehbar.

Klara redete nun mit größten Eifer weiter auf ihn ein. Anfangs hörte er auch noch aufmerksam zu, nur mit der Zeit begann ihn dieses ganze Reglement zu langweilen. Er fragte sich, wie sich ein einzelner Mensch so viele Regeln merken konnte. In RodLand gingen die Kinder bis zu ihrem zwölften Lebensjahr zur Schule. Im letzten Jahr gab es als Hauptfach die Gesetzte RodLands. Das war leichter Unterricht, denn es gab nicht viel, was man sich merken musste. Um die Regeln von WestLand zu kennen, hätte man wahrscheinlich im ersten Jahr mit dem Lernen beginnen müssen.

„Hast du das alles verstanden, Christian?“, unterbrach Klara jetzt seine Gedanken.

„So lange ich zugehört habe, schon.“

Klara schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sah Christian einigermaßen aufgeregt an. „Und wie lange hast du zugehört.

„Bis zu der Sache mit euren Geschäften, und worauf ich beim Einkauf achten muss. Mann, ich habe ja noch nicht einmal verstanden, von welchen Dingen du mich gewarnt hast. Und he! Es interessiert mich auch nicht. Lass mich doch einfach los. Ich komme schon zurecht.“

Klara schwieg nach diesen Worten sehr lange und sah Christian nur an, als wären sie sich in diesem Augenblick das erste Mal begegnet. „Nun gut. Ich denke, es ist besser, wenn wir jetzt schlafen gehen. Wenn Du denkst, Du kommst einfach so durch, dann sieh zu, wo du bleibst. Ich habe jedenfalls mein Bestes versucht.“ Klara erhob sich und griff nach den Resten des Abendessens.

Christian merkte, dass die None irgendwie böse auf ihn war. Er konnte sich nur nicht erklären, warum.

Er folgte ihr ins Haus, wo sie sich kurz von einander verabschiedeten. Christian sank auch an diesem Abend in sein Bett und war innerhalb weniger Minuten eingeschlafen.
Am nächsten Morgen nahm er ein ausgiebiges Bad, da er ja nicht wissen konnte, wann er das nächste Mal Gelegenheit dazu bekam. Zu seiner Überraschung erwarteten ihn am Frühstückstisch die Rätin vom Vortag und … Kimmy.

Von beiden wurde er freundlich begrüßt und zum Essen eingeladen. Nur von der None fehlte jede Spur.

„Kimmy kennst du ja schon.“ Die Rätin wies beiden ihren Platz zu und griff nach einem Stück Brot. „Sie wird dich begleiten und ein wenig dabei helfen, dass du dich bei uns zurecht findest.“ Kimmy zwinkerte ihm verschwörerisch zu, bemühte sich aber, ein ernstes Gesicht zu machen.
Die Rätin schien es nicht bemerkt zu haben. Sie sprach einfach weiter:
„In der Eingangshalle findest du einen Rucksack mit Proviant und Wechselkleidung. Geld findest du in der Innentasche. Ich bin nur hier, um dich Kimmy anzuvertrauen und dich noch einmal eindringlich darum zu bitten, die Regeln WestLands zu befolgen. Für Kimmy wird diese Aufgabe eine Bewährungsprobe sein. Du solltest ihr dabei helfen, sie zu bestehen.“

Christian erwiderte nicht darauf. Er wartete auf die None. Wenigstens verabschieden wollte er sich von ihr. Aber Klara ließ sich nicht blicken.

Also verabschiedete er sich nach dem Essen von der Rätin und bedankte sich für die freundliche Aufnahme in WestLand. Kimmy, die dabei hinter der Rätin stand, schnitt bei seiner Danksagung die erstaunlichsten Grimassen. Christian zwang sich aber, sie zu ignorieren. Er hoffte, dass die Rätin nicht merkte, dass er nur mühsam ein Lachen unterdrückte.

Dann lief er mit Kimmy den Hauptweg entlang in Richtung Ausgang. Dort erwartete ihn die nächste Überraschung. None Klara stand neben Willy und schien auf ihn zu warten. Christian lief freudig auf sie zu, hielt aber inne, als er den Rucksack auf ihrem Rücken bemerkte.

„Guten Morgen!“, begrüßte er sie. „Willst du auch hier weg?“

„Meine Gemeinschaft hat mich auf die Reise geschickt. Sie sind der Meinung, dass ich bei dir versagt habe. Nun soll ich in unser Lager und im Kreuzhaus bei unserem User um Vergebung bitten. So lange ihr in Richtung Westen geht, möchte ich euch begleiten.“

Christian lud sie sofort dazu ein, wurde aber von Kimmy zurück gehalten.

„Ihre Sachen leuchten im Dunkeln, wie eine Taschenlampe. Das kann unter gewissen Umständen sehr hinderlich sein.“

„Pssst! Lass uns erst einmal hier raus kommen. Reden können wir später, in Ordnung?“ Christian nahm Kimmys Hand in seine Rechte, Klaras in die Linke. So verließen sie die Hauptstadt von WestLand.

-12-

Willy sah den dreien nach, bis sie nach der ersten Kurve seinem Blickfeld entschwanden. Seit Christian die Pforte zum Grenzgänger-Lager passiert hatte, hielt Willy Augen und Ohren weit offen. Und seit dem überlegte er, ob er den alten Kommunikationskanal in die Grenzregion wieder einmal aktivieren sollte. Nachdem dieser Junge nun mit gleich zwei Begleiterinnen seinen Weg ins WestLand begann, verflogen auch die letzten Zweifel. Der Junge könnte es schaffen, zur Grenzregion durch zu kommen. Scheinbar hatten ihn weder das Lager, noch die Räte oder sonst etwas sonderlich beeindruckt. Dass Kimmy die Gelegenheit nutzte, und sich Christian anschloß konnte Zufall sein. Kimmy war schon immer unberechenbar, und nur darauf bedacht, ihr eigenes Ding zu machen. Wenn möglich, außerhalb einer Gemeinschaft.
Dass aber die None am selben Tag zu ihrer Gemeinschaft geschickt wurde, erschien Willy ein wenig Zufall zuviel.

Deshalb wollte er doppelt vorsichtig sein. Er wartete bis in die Abendstunden, ob er nicht plötzlich zum Rat gerufen wurde, oder andere ungewöhnlichen Aufträge an ihn heran getragen wurden. Aber nichts geschah.
Als sich alle auf den Weg in ihre Unterkünfte und zum Abendessen machten, verschwand Willy in dem kleinen Wärterhäuschen. Er verschloß die Tür sorgfältig und sorgte dafür, dass kein zufälliger Besucher sehen konnte, was er im Inneren des Wärterhauses trieb.
Dafür musste er nur die Tür zum Schlafzimmer und die Tür zur Toilette öffnen. Damit waren die einzigen Fenster nach außen hin abgedeckt und er konnte in aller Ruhe die Panele lösen, die schon seit Jahren das kleine Dashbord verbargen, über das er Verbindung zum letztem Außenposten in der Grenzregion aufnehmen konnte.

Wie immer verging er fast vor Ungeduld und auch vor Angst, bis das stetige Rauschen im Lautsprecher endete, und der ‚Bereit-Knopf‘ mit seinem warmen, beruhigenden grünen Blinken signalisierte, dass die Verbindung stand.

Nun kam noch die Ungewissheit, ob Hermann, der letzte Hüter der Grenzstation, überhaupt noch lebte. Immerhin musste er mittlerweile um die neunzig Jahre alt sein.
Wie immer dauerte es aber nur wenige Minuten, bis Hermann sich meldete.

„Hallo Willy! Es ist fast fünf Jahre her, seit ich zum letzten Mal mit dir gesprochen habe. Und da ging es um das Insel-Beben. Ich hatte heute nicht das Gefühl, dass irgendwas gebebt hätte. Außer meine Hände vielleicht, als ich mir das letzte bißchen Biomasse eingeworfen habe.“

„Mmh, witzig, wie immer.“ Willy wusste, dass Hermann gern viel und schnell redete, wenn er kontaktiert wurde. Was nur verständlich war, denn die wenigen Wächter, die noch um seine Existenz wussten, vermieden jeden Kontakt, wenn er nicht unbedingt notwendig war. „Wie geht es dir? Deine Stimme klingt, als wärst du nicht einen Tag älter, als sechzig. Singst du immer noch jeden Tag deine bescheuerten Lieder?“

„Aber klar doch.“ Hermann kicherte sein Alt-Männer-Lachen ins Mikro. „Der Scotch zum Ölen der Stimmbänder ist mir schon vor dreißig Jahren ausgegangen.“

„Mal im Ernst, wie sieht es aus bei uns?“

„Die Kuppel steht noch und sieht unversehrt aus. Ich laufe jeden Tag den Grenzwall ab. Auch wenn ich mittlerweile den halben Tag dafür benötige.“ Hermann schwieg ziemlich lange und Willy wartete geduldig, bis er weiter sprach.
„Das Kraftwerk arbeitet einwandfrei. Auf die Gezeiten kann man sich eben verlassen.“

„Gut. Was macht dir Sorgen?“

„Ich bin jeden Tag am Segment. Ich kann die Draußen-Welt sehen. Es fahren Schiffe, aber um unseren Standort machen sie weiterhin einen Bogen, als wäre dieses Gebiet verboten. Und es ändert sich nichts.“

„Wie sieht es im Tunnel aus? Bist du dort weiter gekommen?“ Willy kannte Hermanns ewiges Ärgernis und ging deshalb nicht darauf ein. Seit sechzig Jahren kam kein Schiff mehr in ihre Nähe. Und selbst wenn, wie sollten sie sich bemerkbar machen?

„Ich gehe schon lange nicht mehr in den Tunnel. Wozu auch? Ich bin immer noch kein Kommunikationstechniker. Ich weiß, wie man das Wenige, was noch funktioniert benutzt. Ich kann das Kabel aber nicht reparieren. Zerteilen, zerstören könnte ich es. Das bekomme ich sicherlich noch hin. Und dann hätte ich wahrscheinlich die einzige Chance vertan, irgendwie trotzdem noch mit der Draußen-Welt in Verbindung zu treten.
Aber was erzähle ich dir? Wenn ich die Möglichkeit hätte, Kommunikationstechniker zu werden, hätte ich sie genutzt. Genug Zeit wäre auf jeden Fall vorhanden gewesen.“

Auch auf diesen Sarkasmus ließ sich Willy nicht ein. Gespräche mit dem letzten Hüter der Grenzregion liefen immer nach dem gleichen Schema ab. Erst gab es einen Lagebericht, dann Sarkasmus, und zum Schluss jede Menge Selbstmitleid. Willy wusste es, wie die anderen Wächter auch. Das alles brauchte Hermann, um nicht durchzudrehen.
Und wer konnte es ihm übel nehmen? Niemand hatte es bisher geschafft, von WestLand aus zu ihm durch das Kraftfeld zu dringen. WestLänder scheiterten an einer nicht wahrnehmbaren Barriere, die sich etwa zehn Meter vor dem eigentlichen Kraftfeld befinden musste. Wenn sie diese Distanz überschritten, fielen sie einfach um und starben innerhalb von Sekunden.

RodLänder schienen dagegen immun zu sein, denn jeder, der es je versucht hatte, konnte ohne eine spürbare Beeinträchtigung bis zum Kraftfeld gehen.

Hermanns Station stand an der Grenze zu RodLand. Aber da die Bewohner RodLand´s scheinbar immer noch nicht wussten, dass es eine Draußen-Welt gab, verirrte sich kaum jemand bis zum Kraftfeld.
Willy wußte auch, warum. Das Kraftfeld projezierte das Bild eines undurchdringbaren Gebüsches, mit Dornen an jedem Ast, ins Innere von Westland.
Und tatsächlich standen solche Büsche vor dem Kraftfeld. Willy schätzte, dass der Gürtel Vegetation nicht breiter, als ein paar Meter war.
Als junger Mann hatte er selbst versucht, dieses Dickicht zu durchdringen. Die Narben, die die Dornen hinterließen, sah man selbst heute noch.

Hermann hatte immer weiter geredet, aber nun war es an der Zeit, dass Willy ihn unterbrach.

„Hermann, hör mir zu!“, fuhr er mitten in Hermanns Bericht, dass es unmöglich wäre, diesen Sandboden zu kultivieren „Ein RodLänder ist unterwegs. Es ist nur ein Junge, zwölf oder dreizehn Jahre alt. Aber er ist klug. Das beweist schon der Umstand, dass er überhaupt hier raus durfte. Zwei Frauen sind bei ihm. Kimmy, …“,

„Was, habt ihr die Kleine immer noch nicht gezähmt?“ Hermann lachte leise.

„Wer es heute noch probiert, ist einfach nur ein Idiot. Aber egal. Wichtiger ist die None.“ Willy legte eine winzige Pause ein, um sicher zu gehen, dass Hermann ihm auch wirklich folgte. „Bei Kimmy vermute ich immer noch Zufall. Die nutzt jede legale Möglichkeit, einem Lager und der Schule zu entgehen.
Dass die None gerade heute in das Gemeinschaftshaus geschickt wird, ist mir ein wenig zuviel Zufall!“

-13-

„Mir, ehrlich gesagt, auch. Meinst du, dass einer von diesen Volltrotteln im Rat munter geworden ist?“

„Immerhin haben wir vor vier Wochen die neuen Räte gewählt. Es könnte ja einer dabei sein, der nach alten Unterlagen gesucht hat.“, gab Willy zu bedenken.

„Ach, es gibt einen neuen Rat. Sind die vier Jahre also wieder vergangen. Wieviele aus der Unterschicht haben es denn dieses Mal geschafft?“ Hermann kicherte wieder ins Mikrofon. Er schien auch keine Antwort von Willy zu erwarten. Die gab er sich schon selbst. „Also wieder keiner. Ein Hoch auf die Demokratie!“

Willy musste das nicht kommentieren, zumal er genau so erbost über die Wahlen war, die schon seit Jahren nur noch eine Farce waren. Einen Platz im Rat bekam nur jemand, der genug Geld hatte, und das waren nun mal die Leute aus der Oberschicht. Aber eine Neuerung hatte es dieses Jahr doch gegeben.

„Wir haben einen dreizehnten Rat. Die Kolonie hat durchgesetzt, dass auch sie einen Rat stellen.“

„Oh, die Kolonie hat sich endlich stark gemacht. Erstaunlich!“ Wieder war eine Weile Ruhe in der Leitung. „Nichts destotrotz nützt uns auch ein dreizehntes Ratsmitglied nicht wirklich. Es sei denn, er hat ein Patent unter der Robe, mit dem wir mit der Draußen-Welt in Verbindung treten können.“

„Wohl eher nicht. Die Kolonisten sind zwar findige Leute, aber gegen den Grenzwall werden auch sie kein Mittel haben.“

„Wieso glaubst du, dass der Junge aus RodLand überhaupt zu mir kommen will. Er weiß doch sicher nichts von mir und dem Grenzwall, geschweige denn, von der Draußen-Welt.“

Willy überlegte ein Weilchen, denn es war ein wenig schwierig, Hermann so etwas diffuses, wie sein Bauchgefühl erklären zu müssen.
„Ich kann es dir nicht wirklich erklären. Ich habe gelauscht, als er vor den Räten stand. Alles, was er über WestLand von ihnen erfuhr, schien ihm nicht zu gefallen. Ich hörte auch, wie Klara vergeblich versuchte, ihn umzustimmen und erst einmal im Grenzlager zu bleiben. Der Junge hat etwas an sich, etwas Klares und man kann seine Härte spüren. Wahrscheinlich ist er selbst sich dessen nicht bewusst. Außerdem scheint er sehr zielstrebig zu sein und zumindest klug genug, um allein, ohne Eltern über die Grenze nach Westland zu gelangen.“

„Na gut, wir werden es ja sehen. Ich bin auf jeden Fall vorbereitet. Es wäre gut, wenn ich bald eine Ablösung bekäme.“ Hermann schwieg nach diesem Satz sehr lange. „Ich bin müde, Willy. Und ich habe das Gefühl, dass mir nicht mehr allzu viel Zeit bleibt.“

„Bist du krank?“, fragte Willy erschrocken.

„Nein, reg dich nicht auf. Ich bin nur alt und müde. Das ist alles… Gut, Willy, machen wir Schluss. Du hast die Nachricht an die Wächter auf den Weg gebracht?“

„Ja natürlich. Ich habe meinen Knopf der None mitgegeben und sie gebeten, ihn dem nächsten Wächter zu geben, den sie trifft. Sie hat mich zwar angeschaut, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank, aber sie stellte keine Fragen.“

„Dann machs gut, Willy! Pass auf dich auf.“

„Du auch Hermann. Gute Nacht!“

Willy schaltete die Kommunikationsanlage sorgfältig aus und ließ sie wieder hinter den Paneelen verschwinden. Dann trat er vor die Tür des Wächterhauses und schickte seine Gedanken Christian hinterher. Er wünschte sich, dass er sich nicht in dem Jungen täuschte und er das Zeug zum Nachfolger des Grenzhüters hatte.

-14-

Christian hatte keine Ahnung, wie viele Menschen sich um ihn Gedanken machten. Auf den ersten Kilometern genoß er einfach den Umstand, dass er sich bewegen konnte, ohne Angst vor einem Behörde-Menschen haben zu müssen und ohne irgend jemandem Rechenschaft schuldig zu sein.

Kimmy und Karla ließen ihn in Ruhe. Ab und zu hörte er, wie sie sich hinter ihm leise unterhielten. Aber es interessierte ihn nicht, was die Beiden da zu besprechen hatten. Er ließ einfach WestLand auf sich wirken. Im Gegensatz zu RodLand schien WestLand aus einem einzigen riesigem Wald zu bestehen. Ab und zu kamen sie an kleinen Lichtungen vorbei, ansonsten gab es, außer Wald nicht viel zu sehen.
Es lief sich gut auf dem glatten Weg und Christian löste sich in dem ruhigen Trott, den er vorgab, von allen Gedanken, die ihn bedrückten, oder ihm Sorgen bereiteten.
Bis Klara´s Stimme ihn wieder in die Wirklichkeit zurück holte.

„Christian?“, rief sie ziemlich energisch und er drehte sich erschrocken um.

„Was´n los?“

„Willst du WestLand in einem Gang erkunden, oder hast du auch Pausen eingeplant?“

„Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich wusste ja nicht, dass ihr mitkommt.“ Christian sah sich um.
Ganz in der Nähe lag ein umgestürzter Baum. „He, dort drüben! Da können wir eine Pause machen.“

Er wartete nicht auf die Zustimmung seiner Begleiterinnen, sondern hielt sofort darauf zu. Als er seinen Rucksack abgenommen und sich gesetzt hatte, merkte Christian erst, wie erschöpft er war. Klara und Kimmy schien es nicht anders zu gehen. Sie setzten sich noch nicht einmal auf den Baumstamm, sondern ließen sich vor ihm auf dem Waldboden nieder und benutzten den Stamm als Lehne.

„Bald kommen wir zum ersten Gemeinschafts-Lager. Es ist ein offenes Lager. Die Menschen darin widmen sich am liebsten ihrer Musik. Es geht dort lustig zu.“ Kimmy sah Christian erwartungsvoll an.

„Gut, dann werden wir morgen mein erstes Gemeinschafts-Lager besuchen. Irgendwelche Regeln, die zu beachten sind?“

„Verschwende kein Essen, stiehl es nicht und bettle nicht darum. Sei höflich zu den Menschen.“ Klara und Kimmy sagten die Worte fast zeitgleich und im selben Tonfall auf. Dann lachten sie und klatschten sich gegenseitig in die Hände. „Was ist los, Christian?“, Kimmy bemerkte Christian´s ernstes Gesicht.

„Ich weiß nicht, worüber ihr euch so freut. Das ist alles.“ Christian sprang vom Baumstamm herunter und hielt nach Hilfsmitteln Ausschau, mit denen er für die Nacht ein Lager bereiten konnte.

„Wir finden eine Scheune, oder ein verlassenes Haus. Wir müssen nicht im Freien übernachten.“ Kimmy holte Christian mit diesen Worten zurück. „In der Nähe eines offenen Lagers ist es nicht schwer, eine Unterkunft zu finden. Und wenn wir Glück haben, finden wir sogar noch Essbares. Wenn die Menschen die Felder verlassen haben, wachsen die Pflanzen manchmal noch weiter. Man muss nur die Augen offen halten.“

„Der User verbietet uns, fremde Wohnstätten zu betreten.“ Klara sah ängstlich in die Gesichter der Beiden.

„Dann bleib hier im Wald. Vielleicht gibt dir ja dein User ein Dach über dem Kopf.“, antwortete Kimmy verächtlich.

„Hör auf, Kimmy. Ich mag es nicht, wenn sich Leute streiten.“ Christian rückte nahe an Klara heran und streichelte ihr über die Hände. „Erzähl mir die Geschichte von deinem User.“, forderte er Klara auf und sie sah dankbar zu ihm auf.

„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir glauben daran, dass es einen User gibt, der unser Leben überwacht, dafür sorgt, dass wir zu essen und trinken haben und der die Regeln für unser Zusammenleben aufgestellt hat. Er sorgt für Sonne und Regen, für Strom, dafür, dass die Pflanzen wachsen.
Er macht, dass es Tag und Nacht wird, und wacht sogar auch über RodLand. Dass es eine Grenze zu euch gibt, ist von ihm gewollt.
Wir glauben, dass er in einer Art Parallel-Welt lebt und nur ab und zu mal zu uns schaut, um zu sehen, ob wir alles haben, was wir brauchen. Wenn wir in unserem Haus sind, kann er uns hören, und manchmal gehen unsere Wünsche in Erfüllung. Das ist unser Glaube und unsere Hoffnung.“

„Das ist gequirlte Kacke, None. Hat irgend jemand von euch diesen User schon mal gesehen?“ Kimmy lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Erzähle bitte weiter, Klara.“ Christians Interesse beruhigte Klara und so sprach sie weiter.

„Vor vielen Jahren hatten wir noch sehr viele Mitglieder. Es gab immer wieder Geschichten von einer ‚Draußen-Welt‘. Dort soll der User leben und aufpassen, dass wir uns an seine Regeln halten.
Die Alten behaupten immer noch, dass er auch immer für unser Essen gesorgt hat. Und nicht nur das. Es soll wohl einmal eine Zeit gegeben haben, wo auch andere Dinge von ihm kamen, Kleidung, Möbel, sowas eben.
Sein Plan soll es gewesen sein, dass wir alle immer nur unseren Neigungen nach lebten. Dann muss irgend etwas passiert sein. Die Alten sagten, auf einmal kam kein Nachschub mehr. Sie vermuten, dass er verärgert wurde. Und sich deshalb von uns abwendete.“

„Wovon verärgert?“, Christian ermunterte Klara, weiter zu sprechen, die eigentlich ihre Geschichte beenden wollte.

„Das weiss niemand. Wir glauben heute, dass uns der User nur prüfen will, ob wir auch ohne ihn zurecht kommen. Und, dass er sich so lange nicht wieder für uns interessiert, bis wir uns alle wieder auf einem Level befinden. Das heißt, dass alle Menschen gleich sind, es keine Ober- und keine Unterschicht mehr gibt. Keine Ungerechtigkeiten, verstehst du?
Dann soll er wieder zu uns kommen und unser Land wieder versorgen. Und dann dürfen wir auch zu seiner Welt gehen und ihn besuchen.
Ich bitte jeden Tag darum, dass das geschieht. Wir alle tun das, immer in der Hoffnung, dass er unsere Wünsche wieder erfüllt.“

„LevelEnd.“ Christian murmelte es nur vor sich hin, aber Klara hatte ihn verstanden.

„Woher kennst du diesen Namen? So nennen wir die ‚Draußen-Welt‘.“ Klara war mit einem Mal sehr aufgeregt.

„Meine Oma-Alte hat mir gesagt, ich soll dieses Land suchen. Auch deshalb bin ich hier.
Aber, bei uns glaubt keiner an einen User. Jedenfalls kenne ich niemanden.“

Christian blickte sich nach Kimmy um, als erwarte er Antworten von ihr.

„He, Kleiner. Schau mich nicht so fragend an. Ich glaube nicht an so’nen Scheiß. Weder an einen User, noch an eine ‚Draußen-Welt.“

Christian wusste nicht, was er von all dem halten sollte. Er zog es vor, zu schweigen. Klara und Kimmy hielten das anscheinend für eine gute Idee. Sie schwiegen auch.

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Christian hielt es nicht mehr lange auf dem Rastplatz. Es musste schon lange nach Mittag sein, und er wollte zumindest noch in Sichtweite des Gemeinschafts-Lagers kommen. Außerdem wollte er eine sichere Unterkunft für sich und die Mädchen finden. Christian empfand es als beängstigend, nachts im Freien zu kampieren.

Klara und Kimmy folgten ihm nach der Rast nur noch widerwillig und verlangten immer wieder nach einer Pause. Zumindest darin schienen sie sich einig zu sein, denn nach dem Gespräch über den User herrschte weiterhin Schweigen zwischen den beiden. Christian machte sich ernsthaft Gedanken darüber, ob es nicht besser wäre, sich von ihnen zu trennen. Er verwarf diesen Gedanken nach einigen Überlegungen aber wieder, da er sich sagte, dass es sicher in den ersten Tagen hilfreich wäre, WestLänder bei sich zu haben. Er war sich absolut im Klaren darüber, dass Klara und Kimmy ihre eigenen Ziele verfolgten. So lange sie ihn aber nicht in eine Richtung drängten, in die er nicht gehen wollte, war ihm dieser Umstand egal.

Nach zwei Stunden Wanderschaft begann der Wald, lichter zu werden. Ab und zu kamen sie an großen freien Flächen vorüber. Kimmy lief immer kreuz und quer über diese Felder, wie sie diese Flächen nannte. Und tatsächlich brachte sie immer etwas von ihren Streifzügen mit. Einmal ein paar Möhren, dann wieder Äpfel oder Beeren.

Klara hielt sich dicht an Christian. Sie sprach aber nur mit ihm, so lange Kimmy außer Hörweite war.

„Sie mag mich nicht, und ich kann es ihr noch nicht einmal übel nehmen.

Unsere Gemeinschaft drängte den Rat vor vielen Jahren dazu, den User zu suchen. Das war, als auf den äußeren Feldern die Ernten immer schlechter wurden. Alle hatten Angst.
Es wurden viele Menschen los geschickt und sie gingen, so wie du, einfach immer gerade aus nach Westen. Man schickte auch einige Gruppen nach Norden und Süden. Sie dachten, dass WestLand irgendwann einmal enden musste. Und was danach kam, musste dann wohl die „Draußen-Welt“ sein.

Und dann geschah das Unglück.
Innerhalb weniger Minuten wurden aus eben noch vollkommen gesunden Menschen, immer schwächere und scheinbar schwer kranke Menschen. Und dann fielen sie einfach um und starben.

Es gab nur wenige, die von dieser Suche zurück kamen. Und bei allem handelte sich um Menschen, die aus den verschiedensten Gründen weit hinter der Gruppe zurück lagen. Nur diejenigen, die ihren Drang unterdrückten, den vor ihnen zusammen brechenden Menschen zu Hilfe zu eilen und noch dazu in die Richtung weg liefen, aus der sie kamen, überlebten.

Sie berichteten, dass es auch viele traf, die nur kurz hinter ihrer Gruppe liefen. Die rannten natürlich zu den Fallenden hin, um ihnen zu helfen. Aber alle brachen genau so nieder, wie die vor ihnen.“

Klara wischte sich die Tränen vom Gesicht und vermied es, Christian anzuschauen.

„Dafür konnte doch niemand was, oder?“

„Nein. Natürlich nicht. Aber man machte meine Gemeinschaft für das Unglück verantwortlich. Obwohl die meisten der Unglücklichen, Menschen aus meiner Gemeinschaft waren.“

Christian strich der None beruhigend über die Schultern und hielt dann nach Kimmy Ausschau. Er erspähte sie weit ab vom Weg. Sie buddelte in der Erde, und schien ihre Begleiter vollkommen vergessen zu haben.

„Wie ging es weiter?“

„Oh, da gibt es nicht mehr viel zu erzählen. Man ließ die armen Menschen dort liegen, wo sie umgefallen und gestorben waren.

Offiziell ließ der Rat verkünden, dass ihre sterblichen Überreste ein Mahnmal sein sollen. Ich nehme aber an, dass sich niemand mehr zu ihnen wagte, um sie anständig zu beerdigen. Alle, die an den User glaubten, wurden in ein geschlossenes Lager gesperrt. Man beriet, was mit ihnen geschehen sollte. Schließlich einigte man sich darauf, dass sie von allen guten Ausbildungen ausgeschlossen wurden und nur noch Arbeiten in der Unterschicht verrichten dürfen.
Seit dem müssen wir auch diese auffällige Kleidung tragen, damit jeder sich von uns fern halten kann und nicht Gefahr läuft, von uns angesteckt zu werden.

„Von was angesteckt?“

„Von ihrem Irrsinn!“, erklang die Antwort hinter ihnen. Kimmy schien ihnen schon eine Weile zu folgen, ohne, dass es Klara oder Christian bemerkt hatten. „Deshalb läßt man sie nur noch auf die Felder, oder schickt sie zum Saubermachen. Da können sie keinen Schaden anrichten. Nur diejenigen von ihnen, die den Test beim Rat bestehen, dürfen zur Altenpflege, zur Pflege der Verwirrten oder als Hilfe ins Grenzlager eingesetzt werden.“ Kimmy lachte. „Die kleine None hier scheint beim Rat gehörig in Ungnade gefallen sein, wenn sie in ihr Lager geschickt wird.“

„Hör auf, Kimmy. Klara kann doch nun wirklich nichts dafür, was damals geschehen ist. Wenn ich das richtig verstanden habe, war sie damals noch gar nicht geboren.“

„Ja eben,“ höhnte Kimmy. „Wie bekloppt muss denn jemand sein, heute noch freiwillig in diese Gemeinschaft zu gehen? Es wird ja schließlich niemand dazu gezwungen.“

„Dir Frage ist berechtigt.“ versuchte Christian zu schlichten. „Warum geht ihr denn heute immer noch in diese Gemeinschaft?“

„Weil man unsere Schriften damals vernichten ließ, alle Geschichten, die die Alten über den User gesammelt hatten. Sie dürfen bis heute nicht offiziell erzählt werden.“ Klara war schon wieder den Tränen nahe, aber sie sprach trotzig weiter. „Aber die Alten fanden immer wieder Menschen, die den Geschichten glaubten und sich mit diesem Glauben wohl fühlen.
Wenn so jemand sich entschließt, unserer Gemeinschaft beizutreten, dann werden ihm alle Geschichten und Geheimnisse über den User erzählt. Sie werden sogar gelehrt, in unseren eigenen Schulen.
So tragen wir unseren Glauben weiter, denn es ist uns immer noch verboten, die Geschichten aufzuschreiben.“

„Euren Blödsinn auch noch aufschreiben, und am Ende unter vernünftigen Menschen verteilen? Das wäre ja noch schöner.“ Kimmy machte eine wegwerfende Handbewegung und drehte den beiden den Rücken zu.

„Wie nennt sich deine Gemeinschaft eigentlich?“ Christian stellte sich so vor Klara, so dass diese Kimmy nicht mehr sehen konnte.

„Wir sind die Wünscher.“ antwortete Klara leise.

„Das ist ein schöner Name.“, erwiderte Christian. „Ich wäre sicher auch ein Wünscher, wenn ich hier groß geworden wäre.“

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Von nun an herrschte Ruhe zwischen den Dreien. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nach zu hängen. Christian hielt immer noch Ausschau nach einer Unterkunft für die Nacht, als sich plötzlich ein weites Areal vor ihm öffnete, in dessen Mitte Häuser zu sehen waren.

„Das freie Lager der Musiker-Gemeinschaft. Wir können auch noch heute dort hinein gehen. Man bekommt garantiert eine Unterkunft. Und Essen.“ Kimmy stand neben Christian und blickte sehnsüchtig auf die Gebäude, die auf diese Entfernung ziemlich unspektakulär aussahen. „Abends ist bei denen immer am meisten los. Und ich habe auch noch Biomasse. Die da vorn sind besonders wild auf das Zeug. Mit dem Geld, was ich im Lager machen kann, kommen wir mindestens eine Woche über die Runden.“

„Ist es denn noch so weit bis zur Grenzregion?“, fragte Christian, ohne seinen Blick von dem Lager abzuwenden.

„Na, bei deinem Tempo nicht. Aber ich dachte, du willst dich erst einmal in WestLand umsehen.“

„Das werde ich auch tun. Nur nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Christian ging ein Stück in den Wald zurück.

„Ich gehe nicht mit zu dieser Gemeinschaft!“, meldete sich Klara wieder zu Wort.

„Warum denn nicht?“

„Sie sind mir zu laut, zu unorganisiert, und… sie sehen komisch aus.“

„Na komischer, als du bestimmt auch nicht.“, tönte es von Kimmys Seite.

„Also gut, wir suchen jetzt eine Unterkunft für die Nacht. Wenn wir eine finden bleibst du einfach, und ich gehe mit Kimmy zu dieser Gemeinschaft. Ich komme zu dir zurück, wenn ich genug gesehen habe. Kimmy kann ja dort bleiben, wenn sie mag. Dann gehen wir eben morgen früh alleine weiter. Alle einverstanden?“

Klara und Kimmy nickten und so machten sie sich auf den Weg. Sie mussten tatsächlich nicht lange suchen. Je näher sie dem Lager kamen, desto öfters trafen sie auf verfallene Hütten und Häuser. Durch Zufall fand Christian eine Hütte, die vom Lager aus unmöglich zu sehen war, da sie inmitten eines Gebüsches verborgen war. Er sah sie nur deswgegen, weil er ein wenig abseits des Hauptweges lief. Er wollte diese Felder ein wenig genauer anschauen und fand durch Zufall diesen halb verwachsenen Weg, dem er eigentlich nur aus reiner Neugier folgte.

„He! Klara, Kimmy, kommt hierher. Ich habe etwas für heute Nacht gefunden.“, rief er in Richtung Hauptweg. Es dauerte nicht lange, bis er die beiden hörte.

Christian umrundete vorsichtig das kleine Haus und fand, dass es für ihre Zwecke total ausreichte. Es gab zwar keine Haustür mehr, aber als Christian sich im Haus umsah fand er einen Raum, der durchaus seinen Ansprüchen genügte.
Er hörte Klara und Kimmy draußen nach ihm rufen und ging wieder nach draußen. „Kommt hier her“, rief er. Und Kimmy und Klar kamen innerhalb von Sekunden aus verschiedenen Richtungen zu ihm. Er winkte ihnen einladend zu und ging wieder hinein. Als die beiden ihn endlich fanden, hatte er sich schon ein Lager, direkt neben der Tür eingerichtet. „Macht es euch bequem, Mädels. Es ist nicht gerade sauber, aber Türen und Fenster sind noch ganz in Ordnung.“

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Klara und Kimmy bereiteten sich ihre Lager so weit voneinander entfernt, wie es ihnen nur möglich war. Christian trieb Kimmy zur Eile an, er wollte noch vor dem Dunkel werden im Musiker-Lager ankommen.

„Das ist Quatsch, Christian. Erstens geht die Party bei denen erst richtig los, wenn es dunkel wird, und zweitens fallen wir dann nicht so sehr auf. Außerdem muss ich mich noch ein wenig zurecht machen.“ Kimmy kramte in ihrem Rucksack und ließ sich von Christians Ungeduld nicht beeindrucken.

„Wen interessiert es, wenn wir auffallen?“

„Mich! Ich will dort Biomasse verkaufen, schon vergessen? Wenn ich dieses Mal dabei erwischt werde, darf ich wahrscheinlich nie wieder einen Fuss aus meinem Gemeinschaftslager setzen. In dieser Sache versteht die Bolisei keinen Spass, und der Rat gleich garnicht.“

„Also gut, dann machen wir es so, wie es für dich passt.“ Christian schaute sich nach Klara um, die bis dahin still in ihrer Ecke saß. „Wirst du zurecht kommen? Wenn wir dich im Dunkeln allein lassen, Klara?“

„Mach dir um mich keine Gedanken, Christian. Ich bin froh, wenn ich einmal Zeit für mich allein habe.“ Klara´s Lächeln überzeugte Christian, zumal er sie verstehen konnte. Er wäre auch lieber allein.

Klara und Christian setzten sich nebeneinander auf den Fussboden und bereiteten sich ein Abendessen. Kimmy verzichtete auf die Einladung. Im Lager würde es genug Essen geben, daher wäre es Verschwendung, den Proviant zu schmälern, meinte sie.
Dann sahen sie fast andächtig zu, wie Kimmy ihr Äußeres veränderte. Der Hahnekamm wurde noch ein wenig steiler aufgestellt und mit Hilfe einer Spraydose fixiert und farblich aufgefrischt. Kimmy behängte sich mit Gürteln und Ketten und legte eigenartigen Schmuck an.
Christian fand, dass sie sehr furchteinflößend aussah.
Als sie damit ferig war, ihr Gesicht zu bemalen, tupfte sie ihren Hals auch noch mit einem Wasser ab, das sie einer kleinen Flasche entnahm. Im Raum verbreitete sich sofort ein Geruch, der Christian die Tränen in die Augen trieb.

„Mann oh Mann, und da findet sie, wir würden komisch aussehen.“, flüsterte Klara in Christians Ohr. „Dabei sieht sie nicht nur komisch aus, sie riecht auch noch fürchterlich.“

„Jeder Container bei uns zu Hause riecht besser, selbst die, die hinter den Versorger-Läden stehen.“, flüsterte Christian zurück und hielt sich demonstrativ die Nase zu.

„He, was gibt es da zu tuscheln?“

„Nichts, Kimmy. Ich habe Christian nur erklärt, dass viele aus eurer Gemeinschaft sich so kleiden, und auch ein solches Parfüm tragen.“ Klara sah Kimmy offen in die Augen. „Er kennt das nicht.“

„Ah so, ja klar. So sehen wir aus, wenn wir unter uns sind. Gefällt’s dir?“

Christian schwieg und sah Klara hilfesuchend an. „Wie gesagt, es wirkt sehr ungewöhnlich auf ihn.“, antwortete Klara, und das schien Kimmy zu genügen.

„Gut, dann können wir ja los.“ Kimmy griff nach ihrem Rucksack und winkte Christian auffordernd zu.

Der erhob sich, und folgte ihr, ohne ein Wort zu sagen. Erst, als sie durch die Felder schritten und sich der erste Duft von Kimmys Parfüm verflüchtigt hatte, ließ Christian zu, dass Kimmy an seiner Seite lief.

„Was ist mit den Feldern los?“ fragte er Kimmy und wies mit einer Kopfbewegung auf die brach liegende Erde.

„Das weiß kein Mensch.“, antwortete Kimmy schulterzuckend. „Heute ernten alle Gemeinschaften nur noch von den Feldern, die dicht an den Lagern liegen. Hier draußen wächst zwar auch immer noch etwas. Aber der Ertrag ist nicht der Rede wert. Der Rat wacht streng darüber, dass nur so viele Babys erzeugt werden, wie Menschen ernährt werden können.“

„Mmh, das ist echt komisch. Sieh nur Kimmy, die Felder, die gut aussehen, scheinen in einer Linie zu liegen.“

Kimmy blieb stehen und schaute, als sehe sie die Landschaft zum ersten Mal. „Vielleicht ist das ja auch so gewollt? Damit die Leute nicht so weit laufen müssen…?

„Das glaubst du ja selbst nicht.“ Christian warf noch einen kurzen Blick auf die Felder und wendete sich dann dem Eingang des Lagers zu. „Los, lass es uns hinter uns bringen.“

Kimmy ließ sich sehr gern ablenken und lief an Christian vorbei, direkt auf das Wächterhaus zu. Dabei sang sie zu der Musik, die aus dem Lager tönte.

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Auch in diesem Gemeinschafts-Lager gab es ein Wächterhaus. Der Wächter saß auf den Treppenstufen vor der Eingangstür und spielte Gitarre. Er hatte schulterlanges weißes Haar und einen Bart, der ihm bis zur Brust reichte. Als die beiden ankamen beendete er sein Spiel.

„Hallo Kimmy, ihr kommt spät.“

„Guten Abend großer Meister!“, antwortete Kimmy fröhlich, lief winkend an ihm vorbei und passierte das Tor.

„Hast du uns erwartet?“, fragte hingegen Christian und blieb stehen.

„Dein Ruf eilt dir voraus, Junge.“ antwortete der Mann und musterte Christian eindringlich. „Hast du mir etwas mitgebracht?“

„Ja, tatsächlich. Die None bat mich vorhin, dir das zu übergeben.“ Christian kramte in seiner Hosentasche und zog den Knopf hervor, den Klara ihm kurz vor ihrem Abschied gegeben hatte. „Woher wusstest du, dass ich dir etwas mitbringe?“

„Ich wusste es nicht. Ich habe es nur vermutet.“ Der Wächter steckte den Knopf in die Brusttasche seines Hemdes, ohne einen Blick darauf zu werfen. „An deiner Stelle würde ich jetzt weiter gehen, sonst siehst du Kimmy bis zum Morgen nicht mehr wieder.“ Der Wächter griff nach seiner Gitarre und schien jedes Interesse an Christian verloren zu haben.

Christian hätte ihm gern noch ein paar Fragen gestellt, wagte es aber nicht.
Also passierte auch er das Tor und lief einfach den Weg entlang. Dieser mündete auf einem großen Platz, in dessen Mitte eine große, etwa einen Meter hohe Plattform aufgebaut war. Rings um diese Plattform standen Tische und Bänke, an denen Menschen in knallbunten Umhängen saßen und entweder ihr Abendessen verspeisten, oder einfach nur der Musik lauschten, oder beides gemeinsam taten.
Die Musiker spielten eine Musik, die mit nichts vergleichbar war, was Christian bis jetzt kannte. Christian setzte sich auf eine der freien Bänke. Er benötigte einige Zeit, bis er aus dem Wirrwar an Instrumenten und Tönen eine erkennbare Melodie heraus filtern konnte. Den Rhytmus jedoch empfand er sofort als aufregend und mitreißend. Christian konnte die Menschen verstehen, die zu dieser Musik tanzten. Obwohl ihm die Bewegungen des Tanzes genau so fremd waren, wie die Musik.
Christian musste sogar ein wenig lachen. Er hatte Kimmy inmitten der Tanzenden entdeckt. Sie tanzte wilder, als alle anderen, stampfte mit den Füßen, rammte die Fäuste in die Luft und drehte sich wie wild um ihre eigene Achse. Dabei schien sie einen riesigen Spass zu haben, denn sie lachte über das ganze Gesicht.

„Kimmy mag unsere Musik.“ Christian hatte nicht bemerkt, dass sich eine Frau neben ihm nieder gelassen hatte. Er stand rasch auf, gab ihr die Hand und stellte sich vor. Die Frau hatte das Gewand einer Rätin an und sie bestätigte auch im nächsten Augenblick seine Wahrnehmung.

„Guten Abend Christian, mein Name ist Sofie. Ich bin die Rätin der Musiker-Gemeinschaft. Wie gefällt es dir bei uns?“

„Ich habe ja noch nichts gesehen, außer diesem Platz hier. Deswegen kann ich dir nicht sagen, wie es mir gefällt.“

„Ich verstehe. Und was hältst du von unserer Musik?“ Die Rätin lud Christian mit einer Handbewegung zum Sitzen ein, denn der stand immer noch vor ihr, ganz so, wie er es im Grenzlager gelernt hatte.

„Sie klingt eigenartig. Die Musik in RodLand klingt anders. Ich weiß noch nicht, ob sie mir gefällt.“

Die Rätin lächelte und sah dann, wie Christian, zu der Bühne. „Ich glaube, deine Begleiterin hat nicht viel Zeit für dich. Und wie ich erfahren habe, suchst du nach einen Platz in WestLand, an dem es dir gefällt und du in Ruhe leben kannst.“

Christian schwieg und schaute stur zur Bühne.

„Was hältst du davon, wenn ich dir unser Lager zeige?“ Sofie erhob sich und reichte ihm die Hand. Er ergriff sie zögernd, ging dann aber mit der Rätin mit. Hand in Hand umrundeten sie den Platz und bogen dann in einen Nebenweg ein. Dort löste er vorsichtig seine Hand aus der ihren.

„Das ist sehr freundlich von dir, dass du mir das Lager zeigen möchtest. Aber in Rodland nimmt man nur die kleinen Kinder an die Hand.“

Sofie lachte. „Verzeih mir, wir sind es nicht gewöhnt, mit so jungen Menschen umzugehen.“

Dann führte sie ihn im Lager herum. Alles darin war in einem Kreis angeordnet. Rund um den Platz mit der Bühne reihte sich ein Geschäft an das andere. Christian fand es kurios, dass es für alle möglichen Dinge ein eigenes Geschäft gab. Eins für Brot, eins für Wurst und Fleisch, eins nur für Schuhe,…

„In RodLand gibt es nur Versorger-Läden. In denen der Unterschicht gibt es darin alles, was wir brauchen. Die Oberschichtler haben auch Geschäfte. Aber nur drei. Eins für Lebensmittel, da gehe ich immer containern. Da gibt es nichts mit Biomasse drin. Dann eins mit Kleidung. Da gibt es keine Container. Und dann noch eins mit Exquisit. Was es dort gibt, weiß ich nicht. Durch die Fenster kann man nicht durch sehen und die Eingänge werden streng bewacht. Ich habe es noch nicht einmal bis dahin geschafft. Spätestens, wenn ich in Sichtweite kam, hat mich einer dieser Behörde-Fuzzis entdeckt und verjagt.
Wo geht bei euch die Oberschicht einkaufen?“

„Hier, in diesen Geschäften. Bei uns gibt es diese Unterschiede nicht. Zumindest nicht bei den Geschäften. Es gibt einfach nur Dinge, die mehr kosten. Und die können sich dann nur die Menschen aus der Oberschicht kaufen. Schau!“, Sofie zeigte auf die Häuser, gegenüber der Geschäfte. „Dort wohnen sie und haben genug Geld. Weil sie die Musik komponieren, auch den Liedtext dazu dichten können. Sie bauen die Instrumente und haben die Fähigkeit jedem beizubringen, wie er sie benutzt.
Schau dir die Häuser an. Die unteren Etagen sind Werkstätten oder Ateliers. Dort arbeiten sie.“

Christian hatte auch ohne den Hinweis der Rätin die Gleichförmigkeit der unteren Etagen bemerkt. „Dann sind das dort hinten, auf der Bühne, alles Leute eurer Oberschicht?“, schlussfolgerte er erstaunt.

„Nein. Das sind die Leute, die du Unterschicht nennen würdest. Sie spielen die Musik, weil sie das richtig gut können. Wenn sie nicht hier im Lager spielen, dann verleihen wir sie an andere Gemeinschaften. Zum Spass und zu deren Unterhaltung. Dafür bekommen sie dann Geld.Und wenn sie nicht unterwegs sind, arbeiten sie auf den Feldern und verkaufen die Erträge an die Geschäfte anderer Gemeinschaften. Das Geld können sie für sich behalten. Allerdings müssen sie vorher den Zehnten Teil davon an unsere Geschäfte abgeben. Dafür bekommen sie nichts. Das nennen wir ‚Dienst an der Gemeinschaft‘.“

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Darauf erwiderte Christian nichts. Sie schritten langsam an den Häusern vorbei, die alle aus nicht mehr, als zwei Etagen bestanden. Sie machten einen gepflegten Eindruck und die kleinen Vorgärten vor jedem Haus verstärkten den Eindruck, als könne man hier sehr gut leben.

Sofie führte Christian in eine der kleinen Nebenstraßen, die, regelmäßig und gerade, wie Radspeichen, vom Hauptplatz ausgehend, die Geschäfts- und Wohnhäuser in gleichmäßige Sektoren unterteilte. Christian vermutete, dass er bis zu den Feldern gelangen würde, wenn er eine dieser Nebenstraßen folgte. Vorerst kamen sie erst einmal auf eine erneute Hauptstraße, die gleichzeitig die Häuser der Oberschicht von den Häusern der Unterschicht trennte.

Die Unterschicht der Musiker-Gemeinschaft wohnte nicht in einzelnen Häusern. Hier standen Wohnblöcke, die fast so aussahen, wie die Wohnblöcke in RodLand. Nur bestanden sie ausnahmslos aus vier Etagen.

Sofie erklärte Christian, dass ein Block immer von einer Nebenstraße zur nächsten reichte. Von der Rückseite aus kamen die Menschen bequem zu ihren Feldern. Außerdem bildeten sie einen Außenwall, der sich bei Unruhen schon bestens bewährt hatte.

„Die Nebenstraßen enden an Toren, die verschlossen werden können. Der Wächter ist derjenige, der die dazu notwendigen Maschinen in Bewegung setzt. Es ist jedes Mal ein wenig beängstigend, wenn er die Tore verschließt um auszuprobieren, ob sie noch funktionieren.“

Sie waren während Sofie´s Erklärungen an eines dieser Tore gelangt und hatten nun einen freien Blick auf die dahinter liegenden Felder. Somit fand Christian seine Vermutung bestätigt. Ein massiver Torbogen spannte sich von einem Wohnblock zum anderen, nur vermisste Christian die Torflügel.

„Oh, es gibt keine. Die Tore werden von Gittern verschlossen, die jetzt in der Erde verschwunden sind.“, erwiderte Sofie auf Christians Frage danach. „Dort unter den schmalen Eisenplatten sind sie versteckt.“ Sie machte ihn auf die Platten aufmerksam, die Christian sonst sicherlich übersehen hätte. „Siehst du die eigenartigen Gebilde rechts und links vom Torbogen? Durch sie werden schwere Gitter nach oben befördert und innerhalb des Torbogens verhakt. Da kommt niemand durch.“

Christian hatte genug gesehen. „Ich danke für die Führung Rätin. Jetzt möchte ich zurück zum Hauptplatz und nach Kimmy suchen.“

„Ich nehme an, du hast deine eigenen Pläne für den Rest des Abends? Schade! Ich hätte dich gern in mein Haus eingeladen und noch ein wenig mit dir gesprochen. Dieser Vorschlag passt dann wohl nicht in deinen Plan.“, stellte die Rätin fest.

Christian senkte beschämt den Blick, denn er hatte ehrliches Bedauern in der Stimme der Rätin gehört. „Es ist schon dunkel und die None ist da draußen allein. Ich möchte sie nicht zu lange warten lassen.“

„Warum ist sie denn nicht mitgekommen. Überhaupt, ihr alle hättet hier Unterkunft und Essen bekommen können. Wir sind sehr gastfreundlich.“

„Ja, Kimmy sagte es. Aber Klara meinte, sie wäre hier nicht gern gesehen. Und ich wusste auch nicht, was mich hier erwartete. Es schien mir klüger zu sein, außerhalb des Lagers eine Unterkunft zu suchen.“ Christian sah Sofie jetzt offen an. Sie strich ihm ein paar Haare aus der Stirn und nickte ihm dann freundlich zu.

„Gut, dann lass uns zurück gehen.“, meinte sie und lief voraus in Richtung Hauptplatz. Bevor sie ihn erreichten, verabschiedete sich die Rätin mit freundlichen Worten und forderte ihn auf, die Gemeinschaft bald wieder zu besuchen. Christian dankte für die Einladung und gab der Rätin zum Abschied die Hand.

Dann lief er zum Hauptplatz und suchte nach Kimmy. Aber so sehr er auch nach ihr Ausschau hielt, er konnte sie nirgends entdecken. Irgendwann gab er es auf und machte sich auf den Weg zur None. Er überlegte sich, dass Kimmy ebenso gut schon voraus gegangen sein könnte und in ihrer Unterkunft auf ihn wartete.

Als er am Wächterhaus vorbei kam, sah er einen schwachen Lichtschein hinter dem Vorhang flackern und hörte Stimmen. Er wagte es nicht, näher zu treten und zu lauschen.

In RodLand hätte er damit gegen kein Gesetz verstoßen, höchstens gegen gute Sitten und Anstand. Wie so etwas in WestLand geahndet wurde, konnte er nicht einschätzen. Er verspürte aber nicht die geringste Lust wegen ein bißchen Neugier, wieder zurück ins Grenzgänger-Lager gebracht zu werden.

Das Wächterhaus lag erst wenige Schritte hinter ihm, als er hörte, wie sich die Tür öffnete und der Wächter ihn zum Stehen bleiben aufforderte.

Christian erschrak. Vielleicht hätte er ja Bescheid sagen müssen, wenn er in der Dunkelheit das Lager verlassen wollte. Er bereitete sich innerlich darauf vor, sofort zu fliehen, sollte der Wächter Anstalten machen, ihn festzunehmen.

„Komm noch einmal kurz zurück, Christian.“, forderte der Wächter ihn auf. Christian drehte sich zwar zum Wächter um, kam ihm aber mit keinem Schritt entgegen. „Du musst vor mir keine Angst haben, ich möchte dir nur etwas mit geben. Kann ich jetzt also näher kommen, ohne, dass du sofort abhaust?“

„Ja.“ Christian hielt sich zwar weiter in Bereitschaft, entspannte sich aber langsam.

Der Wächter näherte sich langsam. „Hier, in diesem Päckchen ist Proviant für die nächsten zwei Tage, wenn ihr sparsam seid.“ Er stellte das Päckchen vor sich auf die Erde. Dann griff er in seine Brusttasche und holte einen Knopf in Form eines Plektrons heraus. „Und das gibst du dem nächsten Wächter, den du triffst.“ Er legte den Knopf auf das Päckchen und setzte dann einen Schritt zurück.

„Danke, für den Proviant. Und den Knopf nehme ich gern mit.“ Christian hob die Sachen auf und wollte schon weiter gehen, als er sich noch einmal umdrehte. „Warum schickt ihr euch Knöpfe?“, fragte er neugierig.

Der Wächter lachte. „Wir sammeln sie und prahlen dann mit den schönsten Exemplaren, wenn wir einmal zusammen kommen. Das ist alles!“

„Mmh…“ Christian konnte sich zwar nicht vorstellen, was daran sinnvoll oder lustig sein sollte, behielt aber seine Meinung für sich. „Ich geh dann mal, einen schönen Abend wünsche ich noch.“

Der Wächter hob die Hand zum Gruß und ging in sein Haus zurück.

Christian machte sich nun endgültig auf den Weg zu Klara. Es fiel ihm mittlerweile leicht, sich im Dunkeln zu orientieren. Daher dauerte es nicht lange, bis er das kleine Haus wieder fand.

Klara schlief tief und fest. Sie hatte ihr Lager in die Nähe von Christians Lager gepackt und lag nun halb auf Christians Sachen. Von Kimmy war keine Spur zu sehen.

Christian legte sich vorsichtig neben Klara, bemüht, sie nicht zu wecken. Es dauerte lange, bis auch er einschlafen konnte.

Erst, als er sich über seine nächsten Ziele im Klaren war, fand er Ruhe genug, um einschlafen zu können.

-20-

Als Christian am nächsten Tag erwachte, fand er das Lager neben sich leer. Klara´s und Kimmy´s Sachen lagen zwar noch im Raum, es war aber von beiden nichts zu hören und zu sehen.
Als er vor das Haus trat sah er als erstes eine Decke auf der Wiese, in deren Mitte ein Essen für eine Person angerichtet war. Also schienen die Mädchen unterwegs zu sein, hatten aber an ihn gedacht. Das freute Christian. Dass er allein essen musste, störte ihn nicht im Geringsten. Im Gegenteil; so konnte er seinen Plan von heute Nacht noch einmal überdenken und abwägen, ob er auch alles bedacht hatte.

Kimmy und Klara erschienen am späten Vormittag wieder am Haus.

„Siehst du? Ich habe dir doch gesagt, dass er warten wird!“

Kimmy ließ Klara´s Hand los und setzte sich an Christians Seite nieder. „Wir waren baden, in einem kleinen Waldsee. Nicht weit von hier.“ Kimmy winkte Klara heran, die sich anscheinend nicht traute, näher zu kommen. „Sie schämt sich, weil sie ihr blödes Gewand nicht an hat.“

„Nun komm schon her, Klara. Hier sieht es niemand und wir werden es auch niemandem verraten.“ Christian winkte der None aufmunternd zu, wobei er es vermied, sie direkt anzuschauen. Er wollte sie nicht noch mehr verunsichern.

„Übrigens würde dir ein Bad, oder ein wenig Auffrischung auch gut tun.“ Kimmy beugte sich zu Christian und roch an seinen Sachen. „Du müffelst.“

Christian lachte. „Na schlimmer, als das Zeug, was du dir auf die Haut reibst, kann ich auch nicht riechen. Also halt die Klappe!“
Von einer Minute zur anderen wurde er sehr ernst. „Zieht euch lieber an, … alle beide. Und packt euer Zeug zusammen. Ich muss mit euch reden.“

Verblüfft folgten die Mädchen dieser Aufforderung, zumal sie in einem Ton gesprochen wurde, der keinen Widerspruch duldete. Innerhalb kürzester Zeit fanden sie sich wieder bei Christian ein, setzten sich vor ihn und sahen ihn erwartungsvoll an.

„Also,“ Christian holte tief Luft, als müsste er sich zu einem Kampf rüsten. „Wir sollten uns trennen. Ich habe mir das genau überlegt.“ Mit einer ungeduldigen Handbewegung schnitt er den beiden das Wort ab, noch ehe sie überhaupt etwas sagen konnten. „Ich verfolge von nun ab meine eigenen Ziele, so, wie ihr das von Anfang an getan habt.“

Er erhob sich und stellte sich vor Kimmy.
„Ich glaube nicht, dass du deswegen Ärger bekommst. Du behauptest einfach, ich wäre ausgerissen. Dann bist du aus der Sache raus und kannst nicht bestraft werden. Und dann kannst du dein Ding machen, ohne, dass du auf mich Rücksicht nehmen musst. “

Nach diesen Worten wandte er sich der None zu, die scheinbar entsetzt seinen Worten gefolgt war. „Klara. Ich weiß nicht, wieso du zu deiner Gemeinschaft zurück geschickt wurdest. Es ist mir auch egal. Ich kenne noch nicht viel von euren Gewohnheiten in WestLand, aber die komischen Streitereien zwischen Kimmy und dir nerven mich. Ich habe immer das Gefühl, für eine von euch beiden stimmen oder schlimmer noch, euch voreinander beschützen zu müssen.“

„Wir können doch …,“ Klara verstummte und sah sich hilfesuchend nach Kimmy um, die angesichts der Situation nur mit den Schultern zuckte. „Du wirst allein nicht sehr weit kommen. Wie du schon selbst sagst…, du kennst noch nicht viel von WestLand.“ Kimmy unternahm einen halbherzigen Versuch, sein Vorhaben zu verhindern.

„Das Risiko gehe ich ein.“, erwiderte Christian. Er schulterte seinen Rucksack und wollte Klara und Kimmy jeweils ein Proviantpäckchen in die Hand drücken.

„Ich habe genug Essen!“, weigerte sich Kimmy. „Ich hab genug für mich“, wehrte sich Klara zeitgleich.

„Ach!“ Christian grinste. „Und, was ist jetzt mit euren Regeln?“ Er erwartete keine Antwort.

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Christian schulterte seinen Rucksack, gab Klara und Kimmy zum Abschied die Hand und lief zu dem Weg zurück, der ihn weiter nach Westen führen würde.

Er genoß es unendlich, ohne Begleitung zu wandern. Eine Zeit lang sah er sich immer wieder um, weil er das Gefühl nicht los wurde, dass die Mädchen ihm folgten. Irgendwann verließ ihn dieses Gefühl und es dauerte nicht mehr lange, bis er alle Gedanken an die beiden aus seinem Kopf verbannt hatte.

Da er sein eigenes Tempo bestimmen konnte, fiel ihm das Laufen leicht und er hatte den Kopf frei, sich diesem Land zu widmen.
Er fand es erstaunlich, wie wenige Menschen in diesem Land wohnten. Allein die Leute aus dem Lager der Musiker-Gemeinschaft hätten sicher mühelos in eines der großen Wohnsilos von LE Platz gefunden. Nun war er schon einen halben Tag unterwegs, und hatte noch keinen anderen Menschen getroffen.
Was er noch viel erstaunlicher fand, war die Tatsache, dass es hier anscheinend überhaupt keine Auto´s oder Elkawe´s gab. Die Bewohner von WestLand transportierten alles, was sie selbst nicht tragen konnten, auf Handwagen. Selbst von Lager zu Lager.
Klara hatte ihm erzählt, dass früher auch Automobile und Elkawe´s auf den Straßen zwischen den Lagern unterwegs gewesen wären. Dann beschloß der Rat, sie außer Betrieb zu nehmen. Der Treibstoff dafür würde knapp werden und dürfte nur noch für die Maschinen verwendet werden, die der Versorgung, dem Schutz und dem Weiterbestand der Gesellschaft dienen.
Christian fand diese Geschichte bemerkenswert. In RodLand benötigten die Fahrzeuge den „Alten Treibstoff“ nicht mehr. Er kannte ihn nur noch aus den Erzählungen der Alten.
Alle Fahrzeuge in RodLand fuhren mit Strom, und er konnte nicht begreifen, wieso das hier in WestLand nicht möglich sein sollte.

Christian hatte sich vorgenommen, nur die Gemeinschafts-Lager zu besuchen, die auf seinem Weg zur Grenzregion lagen. Selbst dieses Vorhaben wurde auschließlich von seinem Sinn für Gerechtigkeit und seinem Hang zur Gründlichkeit bestimmt.
Eigentlich reichten ihm allein die Eindrücke, die er bis jetzt von WestLand bekommen hatte, um zu wissen, dass dies ganz bestimmt nicht seine Heimat werden würde.

Nur zwei Lager standen auf seiner Unbedingt-Anschauen-Liste. Er wollte sehen, wo die Menschen lebten, die wie Kimmy waren, und…, er wollte zur Kolonie.
Ersteres hatte er als Ziel ausgesucht, weil er Menschen mochte, die nicht alles widerspruchslos mit sich geschehen ließen. Er fand, dass man immer zuerst nach der Art der Strafen schauen musste, um zu begreifen, wie diejenigen tickten, die die Strafen verhängten.
‚Du musst dir vor Augen halten, was die Behörde von dir verlangt, und wer daraus einen Nutzen zieht. Dann kennst du deine Feinde.
Und wenn du siehst, welche Ziele sie verfolgen, weißt du, wie du dich gegen sie schützen kannst.‘, das hatten ihm die Oma-Alte und auch seine Mutter immer wieder gesagt.

Die Kolonie erweckte deswegen seine Neugierde, weil niemand wirklich drüber sprechen wollte.

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Christian blieb bewußt auf der breiten Straße, die Kimmy´s Aussagen zufolge stetig zur Grenzregion führen sollte. Wenn er immer auf dieser Straße weiter lief, würde er alles Sehenswerte zu Gesicht bekommen, was es von WestLand zu sehen gäbe.
Für den Anfang reichte ihm diese Aussage als Orientierung. Ab und zu folgte er auch dem einen oder anderen Nebenweg, der von der Hauptstraße abzweigte. Meistens, weil er durch die Bäume oder das Gebüsch etwas sah, das sein Interesse weckte.
So fand er um die Mittagszeit einen kleinen See. Ein schmaler Uferstreifen mit herrlichem weißem Sand überzeugte ihn davon, dass es Zeit wäre, zu rasten. Außerdem erinnerte er sich an Kimmys Worte, und als er jetzt an seinen Sachen roch, musste er zugeben, dass er wirklich müffelte.
Nun endlich fand er auch die Zeit, sich dem Inhalt seines Rucksackes anzusehen. Bis jetzt hatte er ihn nur mit sich herum geschleppt, ohne wirklich zu wissen, was man ihm mitgegeben hatte.
Als erstes aber warf er alle Sachen von sich ab und ging vorsichtig in das Wasser. Die Oma-Alte hatte ihm in einem kleinem Tümpel, im Auwald von LE das Schwimmen beigebracht. Eigentlich musste niemand in RodLand schwimmen können, denn es gab kaum Gelegenheit dazu. Aber er hatte Spass daran, und der Oma-Alten schien es eine Beruhigung zu sein, zu wissen, dass er das konnte.
Hier machte das Schwimmen viel mehr Spass. Das Wasser war glasklar und roch herrlich. Es fühlte sich sanft und herrlich kühl an. Christian traute sich nicht weit hinaus. Doch als er zum Ufer zurück kam, dachte er, dass er noch niemals in seinem Leben so einen schönen Tag gelebt hatte.
So wunderbar erfrischt und gereinigt sträubte sich alles in ihm, die bis dahin getragene Kleidung wieder anzuziehen. Kurzerhand drehte er den Rucksack mit der Öffnung nach unten und schüttelte alles aus ihm heraus.
Wie versprochen, fand er noch einmal eine komplette Ausstattung an Kleidung vor. Unterwäsche, ein Shirt und eine kurze Hose zog er sofort an. Den Rest, nebst einem zweitem Paar Schuhe, packte er sorgfältig auf einen Haufen, und wandte sich den anderen Dingen zu. Der kleine Beutel mit Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm und Seife landete auf den übrigen Kleidungsstücken. Ein Taschenmesser, eine Zange, Schnur, Taschenlampe mit Batterien und ein kleiner Spaten bildeten den zweiten Haufen. Dann war da noch der Proviant und eine Flasche für Wasser…, dritter Haufen. Eine zusammen gerollte Plane, die auf der einen Seite mit einem flauschigem Stoff, auf der anderen Seite aus wasserabweisendem Material bestand, legte er extra. Und dann waren ja noch die getragenen und schmutzigen Kleidungsstücke.
In RodLand nahm man die schmutzigen Sachen mit zu den Versorger-Läden. Im Eingangsbereich befanden sich Wäscheklappen. Dort legte man die Sachen, kaputte Schuhe und andere erneuerungsbedürftige Toilettenartikel hinein. Dann ließ man seinen Chip scannen und bekam an einer Ausgabe alles eins zu eins wieder. Nur, dass jetzt alles sauber und unversehrt war.
Hier, an dem kleinem See, gab es eine solche Einrichtung natürlich nicht. Aber von der Oma-Alten wusste Christian, dass man Kleidung in Wasser waschen konnte. Sie peppte sich die stupide Kleidung der Unterschicht immer wieder ein wenig auf, in dem sie sie mit Stickereien verzierte. ‚Das Teil bekomme ich nie wieder, wenn ich es zur Klappe bringe.‘ So begründete sie ihren Waschtag, einmal die Woche. Christian hatte sie deswegen immer aufgezogen, aber jetzt wusste er, was zu tun war.
Am Ende des Tages verfügte Christian über einen sortierten Rucksack. Das Werkzeug steckte griffbereit in den Außentaschen, bis auf den Spaten. Den legte er als erstes in den Rucksack. Darauf kamen Schuhe, die gewaschene und trockene Kleidung und der Proviant, … nachdem er etwas zu Abend gegessen hatte.

Als es dunkel wurde, legte sich Christian in den weichen Ufersand. Mit dem Rucksack als Kopfkissen und fest in die Plane eingehüllt schaute er zum Himmel. ‚Sterne sind komisch‘, dachte er noch. ‚Als ob sie hinter einem Vorhang scheinen. Irgendwann befreie ich sie von diesem blöden Vorhang…‘

Dann schlief Christian ein und träumte.

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Am nächsten Morgen wachte Christian durch das Glitzern der Morgensonne auf, die sich in den Wellen des Sees widerspiegelte. Er nahm ein Bad, wobei er sich dieses Mal schon eine größere Runde zutraute.

Die Sonne wärmte kräftig und so ließ er sich von ihr trocknen, während er ein Frühstück zu sich nahm. Viel Proviant hatte er ja nicht mehr, aber darüber machte sich Christian vorerst keine Sorgen. Er besaß bisher noch alles Geld, was er vom Rat im Grenzgänger-Lager bekommen hatte. Wieviel Proviant er dafür bekam, wusste er zwar nicht, aber es würde wohl eine Weile reichen.

Christian hielt sich nicht mehr lange an dem kleinen See auf. Kurz nach dem Frühstück packte er seine Sachen zusammen und lief wieder zum Hauptweg zurück.

WestLänder schienen am Morgen noch nicht unterwegs zu sein. Weit und breit sah Christian keinen Menschen, obwohl er genügend Spuren fand, die ihm sagten, dass die Straße oft benutzt wurde. Er musste auch nicht lange laufen, bis das nächste Lager in Sichtweite kam. Es schien genau so angeordnet zu sein, wie das Lager der Musiker. Nur, dass hier die Felder bis zum Rand des Lagers nicht bebaut und trotzdem von Zäunen umsäumt waren. Statt dessen gab es Rasenflächen, so weit das Auge reichte. Darauf standen Rinder und kleinere Tiere, die Christian nur von Bildern her kannte. In unmittelbarer Nähe zu den Wohnhäusern entdeckte er wiederum kleinere Zäune, in denen er ebenfalls Tierlaute hörte. Christian zögerte ein wenig, da ihn seine Erkundung sehr nahe an das Lager geführt hatte. Auch das Haus des Wächters konnte er schon erkennen und er war sich nicht sicher, ob er das Lager auch von innen sehen wollte.
Trotzdem ließ er sich von seiner Neugier leiten. Er musste unbedingt wissen, wie die Tiere aussahen, die sich hinter den kleineren Zäunen verbargen. Und, dort angekommen, fand er seine Vermutung bestätigt. Es waren tatsächlich Schweine, die sich da auf der Erde suhlten.

„Die stehen gut im Futter, was? Man kann kaum glauben, dass die Wurst so gut schmeckt, wenn man sie hier in der Erde wühlen sieht.“ Christian fuhr erschrocken herum, als die Stimme eines Mannes plötzlich hinter ihm ertönte.

„Ich, …ich wollte nur, … ich meine, ich wollte sie mir nur anschauen.“ Christian wich vom Zaun zurück und ließ den großen Mann, der scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war, nicht aus den Augen.

„Das kann ich mir denken.“ Der Mann musterte Christian so eindringlich, dass es schon unangenehm wurde. „Du bist Christian, nehme ich mal an. Der Wächter der Musiker meinte, du könntest eventuell hier vorbei kommen. Er hat bei deiner Beschreibung allerdings vergessen zu erwähnen, dass du stotterst.“

„Ich stottere nicht. Ich war nur überrascht.“ Christian fand tatsächlich seine Selbstsicherheit wieder und betrachtete den Mann vor sich genau so eindringlich. „Bist du hier der Wächter?“

„Ja, Andreas mein Name.“ Der Wächter trat jetzt zu Christian und reichte ihm die Hand.

„Ich habe etwas für dich. Ich soll dir diesen Knopf hier übergeben.“ Christian ließ den Knopf in die ausgestreckte Hand des Wächters fallen, der ihn ebenso beiläufig in seine Hosentasche steckte, wie es der Wächter der Musiker vor ihm getan hatte.

„Willst du unser Lager sehen?“, fragte ihn Andreas.

„Wie nennt sich eure Gemeinschaft? Und was macht ihr in eurem Lager?“, wollte Christian wissen, anstatt die Frage zu beantworten.

„Sie sind Metzger. Sie machen Wurst und Fleisch für sich und die anderen Gemeinschaften. Eine ziemlich blutige Angelegenheit, wenn du mich fragst.“

„Und das Lager, … ist innen der Hauptplatz, darum herum die Geschäfte, dann die Häuser der Oberschicht, dann die Häuser der Unterschicht?“

Andreas lachte. „Im Prinzip schon. Allerdings findest du auf dem Hauptplatz keine Plattform, sondern einen Kräutergarten. Die Unterschicht wohnt im inneren Ring, die Oberschicht im äußeren. Das ist wegen der Gerüche, verstehst Du. Für die Geschäfte gibt es einen extra Platz, der sich hinter meinem Haus befindet.“

„Den Kräutergarten möchte ich sehen, und die Geschäfte. Geht das?“ Christian sah Andreas erwartungsvoll an und sollte nicht enttäuscht werden.

„Natürlich geht das. Ich zeige dir alles, was du möchtest.“

Christian kannte nur zwei Kräuter, die in RodLand wuchsen. Seine Mutter sammelte sie. Das eine Kraut nannte sie ‚Liebes Stöckl‘ und das andere ‚Peters Lilie‘. Was sie nicht zum Essen gab, bündelte sie zu kleinen Sträußen und trocknete sie. Später, wenn die Kräuter nicht mehr zu finden waren, konnte man die getrockneten immer noch ins Essen geben. Und es schmeckte genau so, wie mit den frischen.
Seine Mutter hätte sich den Kräutergarten sicher auch angeschaut, da war sich Christian sicher.

Was er aber nun auf den Hauptplatz der Gemeinschaft sah, überwältigte Christian. Da gab es tausende Pflanzen, manche klein und unscheinbar. Andere wieder blühend und einen irren Duft verbreitend. Alles war in kleinen Beeten angeordnet, so dass man von jeder Seite heran kam. Andreas zeigte ihm, dass man die Blätter und Blüten nur leicht zwischen den Fingern zerreiben musste, und schon duftete die ganze Hand nach dem Kraut. Es liefen einige Menschen in dem Garten herum, und pflückten sich Kräuter.
„Sie würzen damit ihre Wurst und natürlich auch das übrige Essen.“, erklärte Andreas. „Jeder kann sich nehmen, was er braucht. Gepflegt wird der Garten von den Wünschern. Die haben echt was drauf mit den Kräutern. Sie brauen auch Getränke aus bestimmten Pflanzen, oder machen Salbe.“

Andreas führte Christian zurück zu seinem Haus und somit auch zu den Geschäften, die sich wie in einem riesigen Hof auf der rückwärtigen Seite des Wächterhauses befanden. Christian nahm sich auch hier die Zeit, sie ein wenig näher zu betrachten.
Die Geschäfte der Metzger bestanden aus einem kleinen Raum, in denen Würste hingen, wie sie Christian noch nicht gesehen hatte. Egal, welches Geschäft sie betraten, Andreas bekam immer ein Stück Wurst gereicht, das er jedesmal sofort an Christian weiter gab.
In der Mitte des Hofes stand ein riesiger Räucherofen, der von allen Metzgern genutzt wurde. Dort roch es unglaublich gut. Christian sah den Frauen und Männern zu, wie sie die frischen Würste in den Rauch hängten, oder wieder heraus holten. Dort hingen auch riesige Fleischstücke, die unglaublich lecker aussahen. Und von jedem bekam Christian eine Kostprobe. Er bekam sie sogar von den Menschen selbst, nicht aus der Hand von Andreas. Alle, denen sie bis jetzt begegnet waren, hatten ihn zwar offen angestarrt, aber kein Wort zu ihm gesagt. Als er Andreas danach fragte, warum das so sei, zeigt dieser diskret hinter seinen Rücken. Christian hatte den Wink verstanden und schaute sich bei passender Gelegenheit unauffällig um. Zwei Bolisisten folgten ihnen.

„Die Leute wollen keinen Ärger, und Grenzgänger bedeuten in aller Regel Ärger. Darum.“

Nach dem Rundgang fühlte sich Christian wie aufgebläht, so satt war er.
Er saß mit Andreas vor dessen Haus und sah dem Treiben der Gemeinschaft zu. Andreas lud Christian zum Bleiben ein, wenigstens für eine Nacht. Aber Christian lehnte das Angebot dankend ab. Er wollte weiter. Vor allem wollte er noch ein Weilchen diese köstliche Freiheit genießen.

Andreas gab ihm den Ratschlag, sich an die Wächter zu halten, egal, zu welcher Gemeinschaft er käme. Dort würde er immer Hilfe, etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf finden. Er packte noch ein großes Wurstpaket für Christian zusammen und dann verabschiedete er sich von ihm. Auch hier bekam er von Andreas einen Knopf, mit der Bitte, ihn an den nächsten Wächter weiter zu geben.

Christian lief an den Wiesen und den Tieren vorbei in Richtung Hauptweg. Die Metzger hatten ihm gefallen. Dorthin wollte er noch einmal zurück kehren, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Schon deshalb, weil sie so fantastisches Essen hatten.

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Christian wanderte den Hauptweg entlang mit dem Gefühl, durch ein einziges riesiges Waldstück zu laufen. Ab und zu gab es Lichtungen, auf denen die Lager der verschiedenen Gemeinschaften von WestLand standen. Er vermied es, die Lager direkt zu besuchen. Es genügte ihm, wenn er in der Nähe eines Lagers ein Versteck fand, das nahe genug am Eingangstor lag. Er beobachtete dann die Menschen bei ihrer Arbeit auf den Feldern, oder dem, was sie daraus gemacht hatten. Manchmal konnte er sogar Gespräche belauschen, aber er vermied den direkten Kontakt.
Die Menschen betrachteten ihn mißtrauisch, und er konnte das verstehen. Überall, wo er sich innerhalb eines Lagers sehen ließ, ließ die Bolisei nicht lange auf sich warten.
Er hielt sich an den Ratschlag von Andreas und ging noch darüber hinaus. Immer, wenn er meinte, genug von einem Lager gesehen zu haben, wartete er eine passende Gelegenheit ab und ließ sich dann beim jeweiligen Wächter sehen. Das brachte den Vorteil, dass er die Informationen bekam, die er durch bloßes Zuschauen über die Gemeinschaft nicht bekommen konnte und außerdem bekam er tatsächlich immer ein Proviantpäckchen mit.

Am dritten Tag seiner Wanderschaft kam er zu einem Nebenweg, der schon am Hauptweg von einem Tor überdacht wurde. Allerdings war es keines aus Stein, und es hatte auch ganz bestimmt nicht die Aufgabe, irgendetwas oder irgendjemanden davon abzuhalten, den Weg zu betreten. Der Bogen bestand aus einem Drahtgeflecht, an dem sich wunderbar blühende Blumen empor rankten. Als Christian den Bogen näher untersuchte, fand er zwischen den Ranken kleine Klangkörper, die zarte Töne erzeugten, wenn man die Ranken berührte, an denen sie befestigt waren.
Diesen Nebenweg forderte Christian geradezu heraus ihn zu erkunden.

Er musste auch nicht lange laufen, bis er das Wächterhaus der Gemeinschaft erblickte. Und das war tatsächlich ein grandioser Anblick.
Dieses Wächterhaus unterschied sich in Allem, was er bis jetzt gesehen hatte. Schon allein der Weg zum Eingang wurde von blühenden Sträuchern und Beeten mit Blumen gesäumt. Das Haus selbst schien die vergrößerte Ausgabe vom Gemeinschaftshaus im Grenzlager zu sein. Von einem Wächterhaus konnte man hier wohl nicht mehr reden. Die waren bisher eher klein und schmiegten sich bescheiden an die dazu gehörenden Torbögen. Dies hier war so groß, wie ein ganzer Wohnblock im Lager der Musiker. Die Mauern strahlten in einem hellen Ton und zum Eingang führten geschwungene Treppen, die wiederum von Blumenranken verziert wurden.

Christian wäre am liebsten wieder umgekehrt. Er wagte es einfach nicht, auch nur die Anlage vor den Stufen zu betreten. Je länger er sich umschaute, desto unsicherer wurde er. Christian begann daran zu zweifeln, ob er hier wirklich vor einem Lager stand.

Seitlich der großen Eingangstür öffnete sich eine Pforte, die Christian bisher noch nicht bemerkt hatte. Eine junge Frau trat heraus und lief eilig die Stufen herab, geradewegs auf Christian zu. Als er sie bemerkte, unterdrückte er den Drang, davon zu laufen.

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„Du musst Christian sein!“, begrüßte ihn die junge Frau und kam ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.
Christian fühlte sich hilflos. Erstens hatte er noch nie in seinem Leben eine so schöne Frau gesehen und zweitens war er in WestLand noch nicht ein einziges Mal mit so überschwenglicher Freude begrüßt wurden. Zögernd, und ein wenig ungelenkt ergriff er die rechte Hand der Frau, die ihn darauf lachend in die Arme nahm.
„Es tut mir leid, dass du warten musstest. Ich warte schon den ganzen Morgen auf dich. Aber vorhin kam ein dringender Notruf aus der Geburtsstation. Da musste ich dringend hin und die Störung beheben. Zum Glück ist keinem der Babys etwas passiert.“

„Babys? Ich habe in WestLand noch kein Kind gesehen, geschweige denn Babys.“ Christian sah sich noch einmal mißtrauisch um. „Ist das hier überhaupt ein Gemeinschafts-Lager? Und, …wer bist du eigentlich?“

Die junge Frau lachte wieder dieses fröhliche Lachen. „Man sagte mir schon, dass du mehr Fragen hast, als du bereit bist, Antworten zu geben. Mein Name ist Heidi. Ich bin hier die Wächterin. Übrigens die mit Abstand jüngste Wächterin, die es in WestLand gibt. Und ja, das hier ist ein Gemeinschaftslager, allerdings kein gewöhnliches. Komm mit mir mit, ich habe für uns eine Mahlzeit vorbereitet. Ich verspreche dir, ich werde dir jede deiner Fragen beantworten.“

Christian ließ sich nur zu gern von Heidi einladen. Er folgte ihr zu der kleinen Seitentür und betrat dann voller Staunen die Wohnung der Wächterin.

„Gibt es so etwas, wie eine Oberschicht unter den Wächtern?“, fragte Christian mehr sich selbst. Vorsichtig ließ er seine Hand über die glatten Möbeloberflächen gleiten. Alles in dem Raum passte zu der jungen Wächterin. Die Klarheit und Schönheit ihrer Bewohnerin fand sich in den zierlichen Möbeln und gemütlichen Sitzgelegenheiten, den Blumen auf dem Tisch und den Bildern an der Wand, vor allem aber in der Ordnung und Sauberkeit, die in allen Räumen herrschten, wieder.

„Nein, gibt es nicht. Es ist nur so, dass ich hier die erste Anlaufstelle für unsere Besucher bin. Und dann soll alles so sein, dass jeder sich wohl fühlt.“ Heidi führte Christian auf eine kleine Terasse. Auch hier gab es eine Sitzgruppe und auf dem Tisch standen Teller mit belegten Broten und Schüsseln mit Obst. „Du hast keine Ahnung, wo du hier gelandet bist, stimmts?“ Heidi ließ sich auf einem der Sessel nieder und griff nach einem Brot.

„Das stimmt.“, Christian ließ sich auf einem Hocker nieder. „Also, was macht ihr hier?“

„Wir machen Babys.“

Christian machte ein solch verdutztes Gesicht, dass Heidi hellauf lachte. „Also, du befindest sich gerade in einer der zwei noch bestehenden Geburtsklinken von WestLand. Früher gab es ein paar Dutzend, doch seitdem die Felder keine Erträge mehr abwerfen, hat der Rat ein Lager nach dem anderen schließen lassen.“

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Christian konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was diese Gemeinschaft hier machte. Er wusste zwar, wie Babys in RodLand zustande kamen, aber offensichtlich passierten hier, in diesem Haus, ganz andere Dinge.

„So etwas, wie Geburtskliniken gibt es in RodLand nicht. Die Babys entstehen, wenn Mann und Frau, … na du weißt schon, miteinander, und so …“ Christian fühlte, wie sein Gesicht rot anlief und wagte es nicht, seinen Blick zu heben.

Dieses Mal hörte er kein Lachen von Heidi und das empfand er als sehr beruhigend. „Ich weiß das.“, antwortete Heidi leise. „Bei euch wird die Zahl der Bevölkerung über die Sterbehäuser reguliert. Bei uns waren und sind es die Geburtskliniken. Ich weiß nicht, welche der beiden Varianten die bessere ist, obwohl ich mir viele Gedanken darüber mache.“

„Ich habe zu Hause noch nie jemanden über Geburtskliniken in WestLand reden hören, noch nicht einmal von den Alten. Wie macht ihr die Babys denn nun?“ Christian hatte seine Verlegenheit überwunden und wagte es auch wieder, Heidi in die Augen zu schauen.

Heidi lächelte nicht einmal, als sie sich ein wenig nach vorn beugte und Christian ernsthaft musterte.
„Oh, das läuft in WestLand weniger spektakulär ab, als es in RodLand üblich sein wird. Hast du schon einmal etwas von Computern gehört?“

„Ja, natürlich. Die Behörde benutzt die Dinger um uns zu überwachen. Und in allen Versorgerfabriken werden sie eingesetzt. In den Sterbehäusern auch, das weiß ich von meiner Oma-Alten. Ich habe aber noch nie so ein Teil gesehen. Habt ihr auch welche hier?“

Heidi nickte. „Wir sind sogar die einzige Gemeinschaft, die noch Computer benutzen darf. Also hör zu, Christian!
Mit Hilfe dieser Computer werden die biologischen Daten aller Menschen, die zu WestLand gehören, gespeichert. Wir nennen die Computer ‚Cops‘. Die Wächter sind unter anderem auch dafür da, an diese Cops zu melden, wenn ein Mensch stirbt, oder verschwindet. Dann berechnen die Cops, wann die jeweilige Gemeinschaft Nachwuchs benötigt. Du musst bedenken, dass es immerhin sechzehn Jahre dauert, bis ein Mensch bei uns in eine Gemeinschaft entlassen wird. Dann sichten die Cops das vorhandene biologische Material aller Menschen hier, und auf Grund der Bedürfnisse der jeweiligen Gemeinschaft werden die Träger der Gene ausgewählt, die sich am Besten eignen, um die entstandenen Lücken wieder zu füllen.
Diese Menschen werden vom Rat hier her zu uns befohlen, geben ihre Spenden ab und wir kümmern uns um den Rest.“

Christian folgte Heidi’s Ausführungen erst mit Interesse, welches sich aber zunehmend in Abscheu wandelte. „Was bedeutet, ihr kümmert euch um den Rest?“

„Nun, die gespendeten Eizellen und Samen werden in den Geburtsmaschinen zusammengeführt. Aus einer Spende entstehen immer mehrere Babys, oder Föten, wie es richtig heißt. Die Geburtsmaschine überprüft ihr Wachstum in regelmäßigen Abständen und selektiert sie im Laufe ihres Werdens nach Gesundheit, Kraft und Veranlagung. So landet am Ende das Baby in der Gebärschale, dass die besten Voraussetzungen bewiesen hat.“ Heidi schien sehr stolz darauf zu sein, wie in WestLand Baby’s entstanden, aber Christians Abscheu hatte sich mittlerweile in Entsetzen gewandelt.

„Ihr bastelt euch also Menschen, so, wie ihr sie braucht?“

Heidi wurde von Christians Reaktion vollkommen überrascht. Trotzdem schien sie ernsthaft über seine Worte nachzudenken. Es war nicht die Spur eines Lächelns in ihrem Gesicht, als sie ihm schließlich antwortete.

„Irgendwie klingt es komisch, so wie du es ausdrückst. Aber im Prinzip hast du wohl Recht. Und wie ich schon sagte, die Selektion übernehmen die Cops.“

„Und das macht es für dich besser?“ Christian konnte seine Wut kaum noch zügeln und das bemerkte Heidi. Deshalb überlegte sie sich jedes Wort, mit dem sie Christian jetzt antwortete.

„Christian,… Christian.“ Heidi versuchte, nach seiner Hand zu greifen, aber er rückte ein Stück von ihr weg und Heidi ließ die ausgestreckte Hand wieder in ihren Schoß sinken. „Es sind Computer, die über das Werden eines Menschen entscheiden. Die Cops kennen keine Gefühle, sie entscheiden nach Zielen.
Ziel erreicht ist gut, nicht erreicht ist schlecht. Schlecht bedeutet eliminieren.“

Christian antwortete lange nicht und starrte den Boden unter seinen Füßen an. Dann sah er Heidi prüfend an und erhob sich. „Ich nehme einmal an, dass ich diese Geburtsmaschinen nicht sehen darf. Daher möchte ich jetzt gehen.“

„Aber natürlich kann ich dir alles zeigen.“, Heidi sprang auf, und war einfach nur froh darüber, dieser unangenehmen Situation entfliehen zu können. „Alle Räume sind mit großen Fenstern ausgestattet. Von denen aus ist dir jede Sicht gestattet. Die Räume selbst darfst du nicht betreten. Das stimmt.“

„Anschauen reicht mir.“ Christian schulterte seinen Rucksack.

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Heidi führte Christian über die Terasse zurück zum Eingangsbereich des Wächterhauses. Von dort aus gelangten sie in den großzügig angelegten Eingangsbereich.

„Hier empfange ich unsere Besucher und führe sie auf ihre Zimmer. Komm, schau sie dir an. Ich habe auch für dich eines der Zimmer vorbereiten lassen.“ Heidi schien viel daran zu liegen, dass Christian sich wohl fühlte, was ihn aber wenig beeindruckte.

„Ich habe nicht vor, die Nacht hier zu verbringen.“, verkündete er wenig freundlich. Heidi öffnete darauf hin wortlos eine Tür und ließ ihn in das Besucherzimmer eintreten.

Die Zimmer fand er, trotz allem, wirklich schön. Er konnte sehen, dass alles darauf angelegt war, den Besuchern den Aufenthalt in diesen Räumen so angenehm, wie möglich zu gestalten.

„Die Besucher bleiben so ungefähr ein bis vier Wochen bei uns. Die Männer meistens nur eine Woche, dann haben sie alle Untersuchungen abgeschlossen und eine erfolgversprechende Spende produziert. Bei den Frauen ist der Tag des Eisprunges ausschlaggebend für die Dauer des Aufenthaltes.“ Heidi hielt ihre Ausführungen bewußt auf einer sachlichen und emotionslosen Ebene. Sie hatte das Gefühl, dass dies die beste Art war, um Christian mit dem Leben ihrer Gemeinschaft vertraut zu machen.Und sie sollte sich nicht getäuscht haben.
Christians Wut verzog sich allmählich und seine Neugier gewann wieder die Oberhand.
Sie durchquerten erneut den Eingangsbereich und Heidi führte ihn zum gegenüber liegenden Teil des Hauses.

„Hier befinden sich die Untersuchungsräume. Das sind aber nur wenige Zimmer, und auch nur die, hier, im vorderen Bereich. Weiter hinten sind dann die Labore.
Die Wohnungen der Ärzte gruppieren sich um den jeweiligen Forschungsbereich. Eigentlich sind es auch keine Wohnungen, eher Schlafräume mit Waschgelegenheiten. Die Ärzte einer Forschungsgruppe bilden Wohngemeinschaften. Das hat sich bei ihrer Arbeit bewährt, und so fühlen sie sich auch am wohlsten.“

Christian empfand den breiten Gang mit den vielen Türen als wenig angenehm. Alles sah absolut sauber und ordentlich aus und bis jetzt gab es nicht einen einzigen Menschen, dem sie bisher begegnet waren.

„Wo sind denn alle?“, fragte Christian aus diesen Gedanken heraus.

„Heute ist Sonnenwende. Das bedeutet, heute ist der längste Tag im Jahr. An diesem Tag feiern alle Bewohner miteinander ein Fest auf der Gemeinschaftswiese. Du bist dazu eingeladen.“ Heidi sah ihn erwartungsvoll an.

„Mmmhhh…, ich möchte diese Geburtsdinger sehen.“, wehrte sich Christian indirekt gegen die Einladung. „Und vielleicht noch etwas vom Inneren des Lagers.“

„In den inneren Kreis kann ich dich nicht lassen, aber ich kann ihn dir von hier aus zeigen. Aber lass uns erst einmal zu den Gebärschalen gehen.“

Damit war Christian sehr einverstanden. Sie gingen zu einer eher unscheinbaren Tür, hinter der sich ein Treppenhaus befand. Von da aus gelangten sie in die obere Etage und, wenn sich Christians Orientierungssinn nicht täuschte, führte ihn Heidi in einem Raum, der genau über der Eingangshalle im unteren Bereich lag.

Nur sah dieser Raum hier oben ganz anders aus. Eine Glaswand, die von der Decke bis zum Fussboden und von einer Seitenwand zur anderen reichte, ließ nur noch für einen schmalen Gang Platz. Über diesen Gang kam man an jeder Gebärschale vorbei, die sich in dem Raum hinter der Glaswand befand.

Das Bild, was sich ihm hier bot, enttäuschte Christian fast ein wenig.

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Die Schalen selbst schienen aus Kunststoff zu bestehen und sahen wenig spektakulär aus. Außerdem hingen sie an breiten Bändern, die in einer kompliziert aussehenden Maschinerie an der Decke verankert waren. Aus der Rückseite der Schalen hingen flexible Kabel und Schläuche. Diese wiederum verschwanden in einem weißen Sockel, der unter jeder der Gebärschalen aus dem Fussboden heraus ragte.
Christian fand, diese Sockel sahen aus, wie Toilettenbecken. Nur, dass hier die Sitze und Deckel fehlten. Er wollte sich gerade nach dem Sinn dieser Apparaturen erkundigen, als sich plötzlich die Maschinerie an der Decke in Bewegung setzte. Dadurch bewegten sich die Gebärschalen und Christian erschrak darüber so sehr, dass er sich an die Wand des Ganges drückte.

Heidi war sofort neben ihm. „Du musst keine Angst haben. Die Ärzte haben heraus gefunden, dass sich die Babys besser entwickeln, wenn die Schalen regelmäßig bewegt werden. Auch Geräusche und Musik sind förderlich für ein gesundes Wachstum. Es überleben mehr Föten, seitdem sie bewegt werden.“

Heidi vermied es, Christian anzusehen. Der hatte seinen Schreck überwunden und war wieder an die Glaswand heran getreten.

„Die Schläuche und Kabel sind die Verbindung zu den Cops. Durch sie werden die Föten überwacht, ernährt und der Zeitpunkt ermittelt, wann sie auf diese Welt kommen. In diesem Stadium wird nur die Funktionalität der Geräte von Menschen überwacht, alles andere regeln die Cops.“

„Und was bedeuten die Blumentöpfe an den Sockeln?“

„Oh!“, jetzt wagte sich zumindest ein Lächeln wieder in Heidis Gesicht. „Die meisten Techniker und auch ein großer Teil des Aufsichtspersonals gehören zur Gemeinschaft der Wünscher. Sie behaupten, dass es den User positiv beeinflusst, wenn man Blumen an die Sockel stellt. Irgendwann gehörte es dazu, einen Blumentopf für ein kommendes Kind aufzustellen. Es sieht auch einfach nur hübsch aus, inmitten der ganzen Maschinen, Kabel und Schläuche. Findest du nicht?“

„Ja, aber irgendwie auch traurig.“ Christian sah zu, wie die Schalen in eine horizontale Lage bewegt wurden und, wenn er sich anstrengte, hörte er, ganz leise, Musik.

„Also gut.“ Christian drehte den Gebärschalen demonstrativ den Rücken zu. „Was passiert mit den Baby´s, wenn sie…, ja, soweit sind? Geboren werden, oder reif sind, … oder, … keine Ahnung, wie ihr das nennt?“

„Sie kommen auf die Babystation. Bis sie mindestens ein Jahr alt sind. Bitte, Christian! Hier geschieht nichts Böses.“ Sie holte tief Luft und nahm dann all ihren Mut zusammen. „Eure Sterbehäuser finde ich sehr viel abscheulicher, als das, was hier passiert, ehrlich!“

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Darauf wusste Christian nichts zu erwidern. Er gab Heidi sogar Recht, und vor allem sagte er sich, dass sie genau so wenig für diese Gebärdinger verantwortlich war, wie er für die Sterbehäuser.

Sie verließen diesen Raum durch eine bunt dekorierte Tür und kamen in Räume, die hell und freundlich gehalten waren. Eine ältere Frau erhob sich von einem Stuhl und bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, sich ruhig zu verhalten. Christian erfasste auch sofort, warum. An einer Wand standen Kinderbettchen und in vier von ihnen lagen Babys, die fest und friedlich schliefen.

Heidi trat an eines der Bettchen und zupfte eine leichte Decke über dem Baby zurecht.
„Das ist mein Liebling in dieser Runde.“, flüsterte sie Christian zu. „Der Winzling ist mit seinem sechs Monaten schon so frech, dass man ihn einfach lieb haben muss.“

Sie verließen das Schlafzimmer und Heidi führte ihn durch die angrenzenden Räume. Es gab ein Krabbelzimmer, mit Unmengen Spielzeug darin, einen Gemeinschaftsraum und einen großen Balkon.

„Siehst du? Hier werden die Babys groß, bis sie für den Kindergarten reif sind. Es fehlt ihnen an Nichts, das kannst du mir glauben. Sie werden rund um die Uhr betreut und bewacht und es ist immer ein Arzt in der Nähe, falls irgendwas mit ihnen nicht stimmt.“ Heidi bemühte sich immer noch, Christian von der guten Seite ihres Hauses zu überzeugen.

Heidi führte ihn zum Balkon hinaus. „Hier kann ich dir unser Lager am Besten zeigen. Siehst du? Es gibt vier Sektoren. Ganz links ist das Kindergarten-Gelände. Man hat mit Brombeeren und Himbeeren eine natürliche Barriere darum gebaut. Das war notwendig, weil die Kleinen sehr neugierig sind und gern einmal eigene Wege gehen. Früher war man der Meinung, dass Aufsicht genügte. Aber nachdem einige der Kleinen durch die Zäune entwischten und wir sie entweder nie wieder, oder nur tot in den Wäldern fanden, wurde vom Rat diese Hecke beauftragt.“
Heidi wartete offensichtlich auf eine Reaktion von Christian, bekam aber keine. „Das Gebäude am Ende des Sektors ist das Kinderhaus und beherbergt auch die Erzieher. Das ist übrigens in allen Sektoren so angeordnet. Nur, dass sich die Begrifflichkeiten ändern. Rechts neben dem Kindergarten kommt der Schulsektor. Danach der Ausbildungssektor. Diese beiden Sektoren sind nur durch einen Zaun getrennt, weil die Azubi´s aus dem Ausbildungssektor oftmals die Bindung zum Schulsektor suchen.“

Christian erkannte ganz deutlich die fächerförmige Aufteilung dieses Lagers. Er war sich nicht sicher, ob ihm gefiel, was er sah. Alles schien perfekt zu sein. Ein wenig zu perfekt, für seine Begriffe. Er sah aber auch nichts, was abstoßend wirkte, oder gar bedrohlich. Und er wusste Eines ganz sicher, dass die Kinder in diesem Lager sorgloser aufwuchsen, als es ihm, Reni und seinen Freunden vergönnt war.

„Es ist schön da draußen, trotz allem!“ Christian sagte es laut, ohne es eigentlich zu wollen und Heidi freute sich darüber. „Was ist mit dem Sektor ganz rechts? Da sind auch wieder Hecken.“

„Oh ja, das ist ein ganz neues Projekt. Ein Experiment, …sozusagen. Aber das kann ich dir zeigen. Das kann man auch nur einigermaßen verstehen, wenn man es sieht. Komm mit! Ich zeige dir unsere alten Kinder.“

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Heidi und Christian verließen das Wächterhaus durch eine Seitentür. Christian hatte Heidi unmißverständlich klar gemacht, dass er am Fest nicht teilnehmen wollte. Die Alten Kinder wollte er aber unbedingt noch besuchen. Vor allem, weil Heidi so ein Geheimnis darum machte. Also vermieden sie die breite Hof-Terasse, auf der das Fest in vollem Gange war.

Sie erreichten schnell den Sektor der Alten Kinder. Wie bei der Hecke des Kindergarten-Sektors wurde auch hier der Eingang von einem Jugendlichen bewacht.
„Hallo Heidi, hi Christian! Ihr wollt meine Schützlinge besuchen? Das finde ich aber nett, und sie werden sich freuen. Heute sind sie alle ein wenig aufgeregt, weil sie zum Abendessen zum Fest gehen wollen. Jetzt waschen und putzen sie sich, als wenn sonstwas los wäre.“ Der Junge lachte fröhlich und öffnete die kleine Pforte. Christian bemerkte noch, wie er Heidi bewundernde Blicke hinterher schickte, dann stand er in einem großen Park.

„Ich denke, sie sind alle hinten im Haus. Wenn sie irgend etwas aufregt, ziehen sie sich immer dahin zurück. Komm!“

Heidi lief voran und steuerte auf ein großes Gebäude zu, das genau so hell und freundlich aussah, wie ihr Wächterhaus. Im Eingangsbereich kam ihnen eine sehr sehr alte Frau entgegen, die Heidi sofort nach dem Weg zum Fest fragte.

„Ihr geht nachher gemeinsam hin, Tildchen. Wir holen euch ab, da musst du den Weg nicht kennen. Das weißt du doch.“ Die Frau ging darauf hin beruhigt zu einem Sessel zurück und setzte sich zurecht, als sollte es sofort los gehen.

„Wo sind denn jetzt die Kinder?“, fragte Christian einigermaßen irritiert.

„Tildchen ist eines davon, Christian. Sie ist krank im Geist, wie alle hier. Und das ist sehr, sehr traurig. Ich suche Jonas und seine Clique. Die sind noch relativ fit, und dort werde ich dir erklären, was wir hier machen.“

Heidi durchschritt den Eingangsbereich und steuerte auf eine große Tür zu, auf deren Türblatt ein großes Besteck, eine Serviette, ein Teller und eine Tasse gemalt waren. Dahinter hörte Christian Stimmen.
„Sie sind da drin, ich wusste es doch. Jonas und seine Leute sind die einzigen, die in den Essensraum gehen, wenn es kein Essen gibt.“ Heidi lachte leise und stieß die Tür auf.
Dahinter bot sich Christian eine Situation, in der Christian nicht wusste, ob er lachen sollte, oder ob es der Anstand gebot, den Raum wieder zu verlassen. Ungefähr acht, für Christians Begriffe, steinalte Menschen saßen in Unterwäsche an verschiedenen Tischen und redeten wie wild durcheinander. Die Frauen hatten sich kleine Röhrchen in die grauen Haare gewickelt und schminkten sich gegenseitig. Die Männer waren gerade beim Rasieren und alle zusammen schienen nicht gerade erfreut zu sein, Christian und Heidi zu sehen.

„Heidi! Wie kannst du es wagen, uns bei den Stammesritualen zu stören?“, brummte ein Mann hinter seiner Schaummaske hervor und richtete sich auf. Alle anderen verstummten wie auf Kommando, und auch Christian trieb es unwillkürlich zurück in Richtung Tür.
Heidi scherte sich nicht um den brummigen Ton. Sie lief zu den Alten hin und drückte sich an seine Brust. Der umfing die zierliche Gestalt mit seinen Armen und strich ihr zärtlich über das Haar. „Was ist los du Irrwisch. Ist dir deine Position zu Kopf gestiegen, dass du es wagst, hier zu stören?“ Er drückte Heidi auf einen Stuhl und wollte sich den Schaum aus dem Gesicht wischen. Doch Heidi verhinderte das, indem sie schon wieder aufsprang, sich das Rasiermesser griff und nun ihrerseits den Mann auf einen Stuhl zwang. Mit geschickten Bewegungen rasierte sie Jonas, der sich das gern gefallen ließ.

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„Ich habe Besuch mit gebracht, Jonas. Da kann man sich nicht immer an die Zeiten halten. Außerdem mag Christian unser Lager nicht, und es hat mich große Überredungskunst gekostet, ihn hier her zu bringen.° Heidi zwinkerte Christian verschwörerisch zu und verhinderte damit, dass er die Geschichte richtig stellte.
„Christian ist in RodLand geboren und aufgewachsen. Er hat ganz allein die Grenzmauer überwunden und ist jetzt auf der Suche nach der Draußen-Welt, vermute ich jedenfalls. Hier in WestLand gefällt es ihm jedenfalls nicht, das sagen die Wächter. Aber bei uns gefällt es ihm am Allerwenigsten, obwohl ich mir große Mühe mit ihm gebe. Ich wollte ihn nicht gehen lassen, ohne, dass er von euch weiß und euch gesehen hat. Aber Jonas, geht es dir heute auch gut genug, für einen so wichtigen Besuch?“

Der Mann wischte sich den restlichen Schaum aus dem Gesicht und grinste Heidi spitzbübisch an. „Du willst wissen, ob ich zur Zeit alle Tassen im Schrank habe? Ja, mein Mädchen, Tassen, Teller und Besteck, … alles an Ort und Stelle. Heute ist ein guter Tag.“

„Das freut mich für dich, Jonas.“ Heidi strahlte ihn an und winkte dann Christian zu, der sich nur zögernd dem ungleichen Paar näherte.

„Komm her, Junge. Nur keine Angst.“ Jonas zeigte auf den Stuhl neben ihm und gab an alle anderen ein Zeichen zum Weitermachen, da diese seit dem Eintreten von Heidi und Christian wie erstarrt an ihren Plätzen verharrten. Nun aber bewegten sie sich wieder und taten, was immer sie vorher auch schon getan hatten.
„Du magst uns also nicht?“ Jonas sah Christian forschend, aber nicht unfreundlich an.

„Ich mag WestLand nicht. Es ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Irgendwie ist es alles verkehrt herum, aber auch nicht besser, wie zu Hause. Aber warum bist du hier? Und warum nennen sie euch die Alten Kinder?“
Christian hatte Mühe, Jonas anzunehmen. Er und alle anderen waren älter, als alle Menschen, mit denen er zu Hause zu tun hatte. Er spürte eine Art Respekt, wie er sie noch nie gespürt hatte. Und damit wußte Christian nicht umzugehen.

„Hattest du eine Oma-Alte, oder einen Opa-Alten?“, fragte Jonas, ohne auf Christians Ausführungen einzugehen.

„Ja. Ich habe meine Oma-Alte sehr geliebt. Aber dann wurde sie von der Behörde abgeholt und in ein Sterbehaus gebracht.“

„Gut. Zumindest kennst du alte Menschen. Alle, die hier wohnen, haben eine Krankheit. Wir nennen sie Vergißmich. Wir vergessen mit der Zeit alles. Wie wir heißen, woher wir kommen, wohin wir gehen müssen. Freunde und Bekannte werden zu Fremden, genauso wie unser Körper und unser innerer Mensch zu einem Fremden wird. Irgendwann vergisst unser Körper, wie er funktioniert. Und dann tut er das einfach nicht mehr, und wir sterben, ohne uns dessen bewusst zu sein.“

„Ja, aber wir können es aufhalten.“ Heidi schaltete sich mit ein und achtete überhaupt nicht auf Jonas, der beruhigend nach ihren Händen griff. „Je mehr sie vergessen, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen sie von uns. Mit Kindern können sie prima umgehen. Die Kleinen sind richtig gut für sie. Aber auch die Azubi´s gehen gern zu unseren Alten. Und alle passen aufeinander auf und helfen sich gegenseitig. In den anderen Lagern werden sie eingesperrt, weil niemand Zeit für sie hat. Aber hier, hier hat jeder seinen eigenen Pfleger, wenn gar nichts mehr geht. Selbst dann geht immer noch etwas. Auch wenn sie sich selbst verloren haben.“ Heidi hatte sich bei ihren Erläuterungen so erregt, dass ihr jetzt die hellen Tränen über die Wangen liefen.

„Es ist alles gut, Heidi. Uns geht es hier tatsächlich gut.“, wandte er sich nun an Christian. „Aufhalten können wir die Krankheit, aber nicht heilen. Unsere einzige Hoffnung ist die Draußen-Welt, falls es sie wirklich gibt. Nur deshalb hat dich Heidi zu uns gebracht. Willst du an uns denken, wenn du sie findest? Und uns Hilfe bringen, sollte es Hilfe geben?“

Christian dachte lange über das Gehörte nach. Er wusste aber genau, dass er hier nicht ohne eine Antwort heraus kam, so gern er sie auch umgangen hätte.

Schließlich stand er auf und reichte Jonas die Hand. „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt die Draußen-Welt finden möchte. Aber wenn es sie gibt, und wenn ich darin ein Mittel gegen eure Krankheit finde, dann bringe ich es hier her. Versprochen!“

„Das reicht mir, Junge!“ Jonas ließ Christians Hand los und schaute ihm noch einmal prüfend in die Augen. Dann nickte er, als hätte ihm irgend jemand auf eine Frage geantwortet. Er tätschelte Heidi´s Gesicht, auf deren Wangen die Tränen noch nicht getrocknet waren, und ging dann zu den anderen.

„Ich glaube, wir sollten jetzt gehen.“ Heidi zupfte an Christians Jacke und drehte sich in Richtung Tür. Christian wäre gern noch ein Weilchen geblieben, und wollte gleichzeitig so schnell es möglich war, weg von hier.

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Auf dem Weg zurück zum Wächterhaus sprachen Heidi und Christian kaum ein Wort miteinander. Jeder hing seinen Gedanken nach. Und es waren schwere Gedanken, die die beiden mit sich herum trugen. Trotzdem wiederholte Heidi ihr Angebot an Christian, dass er für diese Nacht eines der Besucherzimmer benutzen könne. Aber auch dieses Mal lehnte Christian ab.

„Ich muss weiter, Heidi. Und vor allem muss ich allein sein. Ich habe hier eine Aufgabe übernommen, die mich nicht besonders glücklich macht. Vor allem, weil ich ja noch nicht einmal weiß, ob es die Draußen-Welt überhaupt gibt.“

„Für mich und Menschen wie Jonas ist die Draußen-Welt real. Keiner von uns, auch unsere Mechaniker und Techniker verfügen über die Kenntnisse, die Apparate herzustellen, die wir hier benutzen. Sie können sie bedienen, reparieren vielleicht noch, aber nicht neu bauen.“ Heidi fasste Christian an beide Schultern und zwang ihn, sie anzusehen. „Verstehst du das? Irgend jemanden muss es gegeben haben, der das alles hier, vielleicht sogar ganz WestLand und auch RodLand einmal gebaut hat. Ich glaube nicht an einen User. Und falls es ihn gibt, scheint er vergessen zu haben, dass es uns gibt.“

„Ich weiß nicht, ob ihr da richtig liegt, Heidi.“ Christian fühlte sich hin und her gerissen, zwischen dem was er wußte, und dem, was er sah. „In RodLand gibt es Menschen, die können Maschinen und Apparate bauen. Sie denken sich die Dinger aus, bauen sie und dann funktionieren sie. Du bist so stolz auf eure Cops. Für uns gehören Computer zum Alltag. Sie regeln alles, überwachen uns und sorgen dafür, dass alles funktioniert, verstehst du? Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Aber die Geschichte von der Draußen-Welt klingt für mich genau so unwahrscheinlich, wie die Geschichte über einen User.“

Heidi hörte Christian sehr genau zu, konnte aber ihre Enttäuschung nicht vollständig unterdrücken. Sie wurde einfach das Gefühl nicht los, dass Christian WestLand nicht wirklich ernst nahm. Deshalb entschloss sie sich, ihm das Geheimnis der Wächter zu verraten. Dazu führte sie ihn wieder in ihre eigenen Räume.

„Pass auf, ich zeige dir etwas. Aber du musst versprechen, dass du nie auch nur ein Wort zu einem WestLänder darüber verraten wirst.“

„Ich will aber nichts wissen, was ich nicht wissen darf.“ Christian wehrte sich gegen den Strudel, in den ihn die Begegnung mit Heidi anscheinend zog.

„Wen interessiert das?“ Heidi bereute die harten Worte sofort und konnte nur mit größter Mühe verhindern, dass Christian das Wächterhaus verließ, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Sie stellte sich einfach vor ihre Tür, breitete die Arme aus und wich keinen Schritt zur Seite. „Christian, es tut mir Leid. Ich wollte das so nicht sagen. Glaube es mir. Es ist nur so wichtig. Du bist so wichtig. Allen, die Angst um unsere Zukunft haben, bist du wichtig.“ Heidi standen wieder Tränen in den Augen und bei diesem Anblick brachte es Christian nicht fertig, sie einfach so stehen zu lassen.

„Heidi, ich habe keine Ahnung, wieso ich für euch so wichtig bin. Ich bin nur ein Junge. Ein Grenzgänger, verstehst du? Und ich bin nicht der Einzigste. Habt ihr keine Erwachsenen, die diesen Job übernehmen können?“ Christian ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder und sah Heidi erwartungsvoll an.

Sie nahm diese Geste als Zeichen der Gesprächsbereitschaft und entspannte sich etwas.

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Christian sah sich nach einer Sitzgelegenheit um und ließ sich erschöpft in den nächsten Sessel sinken.

„Weißt du, immer wenn ich mit Frauen aus eurem Land zusammen komme, gibt es Ärger. Es war einfacher, mit meiner Schwester zu fliehen, als mit einer von euch WestLand kennenzulernen.“ Christian streckte die Beine von sich, schloß die Augen und überlegte, ob er nach allem, was er hier gesehen hatte, bei seinem Plan bleiben sollte.

Heidi störte ihn nicht. Insgeheim bewunderte sie diesen Jungen, der ganz allein und anscheinend sehr geradlinig seinen Weg in dieser, ihm vollkommen fremden Welt ging. Sie selbst befand sich ja auch in einer Ausnahmesituation. Als einzige Frau in der Wächtergemeinschaft wurde sie sehr oft nicht ernst genommen, oft sogar übergangen. Während sie noch überlegte, ob sie ihm wirklich das Geheimnis der Wächter anvertrauen durfte, erhob sich Christian und rüstete sich zum Weitergehen.

„Ich möchte euer Geheimnis nicht wissen,“ sprach er zu Heidi, die darüber ein wenig erschrak. Fast erschien es ihr, als hätte sie laut gedacht. „Ich bin ein RodLänder, und wir sind bekanntlich keine guten Lügner. Also wäre dein Geheimnis nicht sonderlich gut aufgehoben bei mir.“ Christian wollte Heidi die Hand zum Abschied reichen, aber sie nahm ihn ganz einfach in die Arme.

„Nimm noch mit, was ich für dich bereit gelegt habe. Frische Kleidung und Proviant für die nächsten zwei Tage.“

„Da sage ich nicht Nein. Und, hast du nicht noch etwas für mich?

„Nein. Was denn?“

„Na einen eurer komischen Knöpfe, die ich schon seit Beginn meiner Wanderschaft von einem Wächter zum anderen trage.“, erwiderte Christian ein wenig irritiert. „Oder sammelst du keine. Dann nehme ich den hier zum nächsten Wächter mit.“

Heidi betrachtete den Knopf in Christian`s ausgestreckter Hand vollkommen verständnislos. „Oh über diese alten Kackärsche.“ murmelte sie dann, so dass Christian sie kaum verstehen konnte. „Die haben doch immer wieder Geheimnisse vor mir.“ Sie schüttelte nur den Kopf und schloß dann Christians´s Finger wieder über den Knopf. „Nimm ihn mit zum nächsten Wächter“

Heidi half Christian noch beim Zusammenpacken und begleitete ihn dann noch bis fast zum Hauptweg.

„Mach es gut Christian.“, verabschiedete sie sich dort von ihm. „Wenn du weiter die Richtung hältst, bis du in drei Tagen an der Zone, die für uns Westländer tötlich ist. Auf diesem Weg gibt es nur noch zwei Lager. Egal, wo du anhältst, nimm den Proviant mit. Das ist wichtig. Und dann such nach einem vermaledeiten Schlupfloch. Es muss eins geben.“

„Mach ich. Vesprochen“

Christian wartete noch, bis Heidi hinter einer Biegung verschwunden war. Dann lief er ein Stück in den Wald und baute sich sein Nachtlager in der nächsten geschützten Kuhle, die er finden konnte. Er konnte lange nicht einschlafen, obwohl er sehr müde war.

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Der neue Tag verlief für Christian relativ ruhig. Er traf wenige Menschen, die ihn verwundert, manchmal sogar streng musterten. Aber er wurde von niemandem angesprochen. Von Bolisisten war weit und breit nichts mehr zu sehen. Je weiter er kam, desto unberührter erschienen ihm Straße und Landschaft. Trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, dass ihm jemand folgte. Er drehte sich immer wieder ganz plötzlich und unerwartet um, konnte aber im dichten Wald und dem Dickicht, das die Straße säumte, niemanden sehen.

Nach dem Mittag kam er an ein ziemlich kleines Lager. Er fand es eigenartig, dass der äußere Rand der Felder von einer Mauer und Gittern umgrenzt wurden. Die Mauer, auf der die ungefähr drei Meter hohen Gitter verankert waren, sollte wohl nur als Fundament dafür dienen, denn sie ragte kaum einen Meter über den Boden.
Christian konnte sehen, dass sich Rinder und Schweine innerhalb des Zaunes frei bewegten. Hier schien es fast so, als wären die Beete eingezäunt. Wahrscheinlich, um die Pflanzen zu schützen. Es gab eine riesige Obstplantage. Darin standen Bäume, die Früchte an den Ästen trugen, die Christian kaum den Namen nach kannte.

Seine Neugier ließ ihm wieder einmal keine Wahl. Er musste zumindest den Wächter der Gemeinschaft besuchen. Also folgte er dem Nebenweg und es erstaunte ihn kein bisschen, dass er das Wächterhaus am Rande der Felder, eingebettet in die Gitter-Mauer fand.
Er wollte sich eben bemerkbar machen, als sich die Tür öffnete und ihm ein Mann entgegen trat, der die Kleidung eines Bolisisten trug.

Christian erschrak ein wenig, denn bisher hatte er es prima geschafft, diesen Menschen aus den Weg zu gehen. „Es tut mir Leid, ich wollte den hiesigen Wächter besuchen, aber das muss wiederum auch nicht unbedingt sein.“ Er kam ins Stottern und versuchte deshalb spontan sein Heil in der Flucht.

„Halt!“, schnauzte die Stimme des Bolisisten hinter ihm und Christian schätzte in Bruchteilen von Sekunden seine Chance ab, dem Bolisisten zu entkommen. Der Mann konnte nicht älter als Max sein, und wenn er keine Droge nahm, bestand auf jeden Fall die Möglichkeit, dass er immer noch sehr schnell war. Also gab Christian für diesen Augenblick auf und wandte sich wieder dem Bolisisten zu.

„Ich will keinen Ärger machen,“ versuchte er nun dem Mann so ruhig, wie es ihm möglich war, entgegenzutreten.

„Du bekommst aber Ärger, wenn du einfach so davon läufst.“

„Warum denn? Ich habe doch überhaupt nichts gemacht.“ Christian trat dem Mann noch einen weiteren Schritt entgegen.

Der Bolisist legte ganz überraschend die zur Schau gestellte Maske der Strenge ab, und lächelte Christian freundlich an.

„Du hast den Wächter dieser Gemeinschaft gefunden. Lass dich von der Kleidung nicht täuschen. Sie soll bloß den damit verbundenen Respekt hervorrufen. Die Leute hier glauben, dass sie in der einzigen Gemeinschaft leben, die statt einen Wächter, einen Bolisisten als Torwächter haben.“

Er streckte Christian die Hand entgegen und wartete geduldig, bis dieser sie zögernd ergriff. „Gut, das hätten wir also geklärt. Ich will dich auch nicht aufhalten. Man sagte mir, dass du es eilig hast. Also habe ich schon alles vorbereitet. Komm kurz mit hinein, damit wir alles einpacken können.“

„Ich möchte gern hier draußen warten, wenn es dir nichts ausmacht.“, widersetzte sich Christian der Einladung.

„Wie du willst, Junge.“ Der Wächter unternahm, zu Christians Erleichterung, keinen weiteren Versuch, ihn zum Mitkommen zu überreden. „Es ist gut, dass du vorsichtig bist. Bleib dabei!“ Er drehte sich um und ging ins Haus.

Als der Wächter wiederkam, hatte Christian aus dem restlichen Proviant, den er noch in seinem Rucksack gefunden hatte, ein Abendessen für sich und den Wächter bereitet. Der freute sich darüber. „Ich mag Essen aus den anderen Lagern.“, meinte er und langte herzhaft zu.

„Warum die Gitter?“, fragte Christian irgendwann, als sie schon dabei waren, die Reste unter sich aufzuteilen.

„Die sind notwendig. Hier leben Menschen, die sich in keine Gemeinschaft einbinden lassen. Oder auch daraus verstoßen wurden. Manche der Alten Kinder sind hier. Aber nur die, die aggressiv sind und eine Gefahr bedeuten. Die Gitter verhindern ein Weglaufen. In den meisten Fällen reichen sie auch aus. Wenn einer wirklich hinaus will und noch gut klettern kann, schafft er das auch. Aber das wollen die wenigsten. Kimmy zum Beispiel ist eine der wenigen, die immer wieder ausbricht, wenn sie zu lange hier bleiben muss. Darum lassen wir sie ab und zu einmal raus und betrauen sie mit einer Aufgabe. Dann wissen wir wenigstens, dass sie in irgend einer Gemeinschaft in Sicherheit ist.“

„Bei uns kommen diese Leute ins Sterbehaus.“ Christian dachte nur laut, und war sichtlich erschrocken, als die Worte tatsächlich laut wurden.

„Mmh, ich habe davon gehört. Mach dich auf, Christian. Vielleicht findest du eine bessere Welt.“

Das ließ sich Christian nicht noch einmal sagen. Er dankte für alles und verschwand, so schnell er es vermochte, in der Dunkelheit.

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Christian dachte in dieser Nacht darüber nach, ob er wirklich die Kolonie besuchen sollte. Alles in ihm drängte danach, diese Grenzregion und vielleicht diese Draußen-Welt zu finden. Und wenn es sie doch nicht gab, dann die Welt nach WestLand. Irgend eine Welt jedenfalls, in der es keine Sterbehäuser und keine Gemeinschaftslager gab. Ein Land, in dem sich ein zwölfjähriger Junge wohl fühlen konnte.
Christian zweifelte ernsthaft am Erfolg seiner Flucht und wenn er richtig darüber nachdachte, erschien ihm RodLand gar nicht mehr so schrecklich. Vor allem vermisste er seine Mutter und Reni. Natürlich auch Max und seine Freunde. Am meisten jedoch vermisste er das Gefühl, irgendwo dazu zu gehören.
Er merkte es überhaupt nicht, wie ihm bei diesen Gedanken die Tränen über das Gesicht liefen. Trotzdem verhalfen ihm diese Gedanken dazu, eine Entscheidung zu treffen.
Er wusste, daß in der Kolonie die meisten Menschen aus RodLand stammten. Vielleicht fand er ja dort, was er mittlerweile so sehr vermisste. Und vielleicht musste er ja dann auch nicht mehr weiter suchen.

Über diesen Gedanken schlief er ein und merkte überhaupt nicht, wie sich sein gefühlter Verfolger in sein Lager schlich.

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An diesem Morgen wachte Christian nicht durch das Kitzeln der Morgensonne auf, auch nicht durch einen Stein, der sich schmerzhaft in seinen Rücken bohrte. Dieses Mal wachte er auf, weil irgend jemand mit einem feuchten Tuch seine Hand abwischte. Im Aufwachen dachte er noch, dass dies zu seinem Traum gehörte, aber dann wurde ihm bewusst, dass sich die Berührung zu intensiv für einen Traum anfühlte. Als er die Augen öffnete sah er als erstes zwei braune Augen, die ihn aufmerksam musterten. Christian richtete sich erschrocken auf und war dann überrascht, dass sich da ein Hund neben ihm nieder gelassen hatte.
Er kannte Hunde aus LE. Manche waren üble Streuner und machten ihm und seinen Freunden den einen oder anderen Container streitig. In Rodland verjagte man sie, wo immer sie auftauchten. Und auch die WestLänder schienen nicht viel von ihnen zu halten. Er hatte zwar in dem einen oder anderen Lager gesehen, das es auch da Hunde gab, aber sie hielten sich nie in unmittelbarer Gesellschaft von Menschen auf.
Und so wenig die Menschen die Hunde mochten, mochten Hunde die Menschen. Um so erstaunlicher war es, dass sich dieses Tier so nahe an Christian heran wagte.
Christian rückte vorsichtig ein wenig weg von dem Tier, aber der Hund blieb ruhig sitzen. Er stellte nur die Schlappohren auf und wedelte mit dem Schwanz. Irgendwie kam es Christian so vor, als würde sich der Hund freuen.

„Jetzt wird´s verrückt.“, sprach Christian zu sich selber und stand auf. Er versuchte halbherzig den Hund zu verjagen. Der zog sich auch zurück, setzte sich aber in gebührendem Abstand wieder auf seine Hinterläufe und ließ Christian nicht aus den Augen. „Na gut. Dann beobachte mich eben, wenn es dir Spass macht. Mir doch egal.“ Der Hund wedelte zur Antwort mit dem Schwanz, kam ein paar Schritte auch Christian zu, hielt aber weiterhin Abstand.
Christian kümmerte sich nun nicht mehr um ihn. Er packte seine Sachen zusammen und ließ sich dann sein Frühstück schmecken. Erst als er die Reste zusammen packen wollte, kam ein leises Winseln aus der Richtung des Hundes. Der wedelte wie wild mit seinem Schwanz und schien nur darauf zu warten, dass Christian ihn zum Aufräumen einlud.

„Pah! Du willst mein Essen? Du spinnst wohl? Bisher bist du doch auch ohne meinen Proviant ausgekommen! Hau ab, und such dir was.“ Der Hund schien jedes Wort verstanden zu haben, denn er winselte noch einmal leise, drehte sich dann herum und verschwand im Unterholz.
„Na bitte, geht doch!“, rief Christian hinter ihm her. Er packte die Reste sorgfältig ein und begab sich dann zum Hauptweg zurück.

Auch wenn er den Hund nicht sah und auch nicht hörte, wusste Christian, dass er weiter auf seinem Weg begleitet wurde. Irgendwie fand er diese Gewissheit tröstlich, was Christian eigenartig berührte. Schließlich war es ja nur ein Hund.

Christian musste nicht lange laufen, bis er die ersten Zeichen der Kolonie erspähte. Baumstämme lagen, in großen Haufen sauber gestapelt, entlang des Weges. Das wunderte Christian, denn weder in Rodland, noch hier in Westland, griff man so rabiat in die Natur ein. Außerdem sah er gelegentlich Waldlichtungen, auf denen Pflanzen wuchsen, die ganz bestimmt nicht in einen Wald gehörten. Auf einer davon wuchsen sogar Obstbäume. Das sah lustig aus und Christian legte dort seine Mittagspause ein.

Den Weg zum Lager hätte er fast übersehen und er verdankte es allein seiner Intuition, dass er ihn überhaupt folgte. Als er das Wächterhaus sah, wusste er mit einem Mal, wieso der Wald so eigenartig aussah. Die Lichtungen waren wahrscheinlich die letzten Flächen der Felder, die noch einen Ertrag versprachen. Sicher befand er sich schon seit einer längeren Zeit auf dem Gebiet der Kolonie.

Als er um die nächste Biegung kam, stand da mitten auf dem Weg ein gemauerter Torbogen, der anscheinend keinen anderen Sinn hatte, als ein Torbogen zu sein. Neben der linken Säule des Tores befand sich eine dürftige Bretterbude, die zum Weg hin offen war. Die Sonne schien direkt in den Verschlag. So konnte Christian sehen, dass sich im Inneren nur eine breite Konsole und eine Sitzgelegenheit befanden.

Der Mann, der auf dem Sitz schlief, passte dafür überhaupt nicht in diese dürftige Umgebung. Er trug einen Anzug, wie ihn nur Männer aus der Oberschicht in Rodland trugen. Und er schnarchte.

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Christian wollte nicht einfach so das Tor passieren, aber auch nicht den schlafenden Mann stören. Also setzte er sich auf die Wiese vor dem Wächterhaus und wartete. Es dauerte auch gar nicht lange, bis der Anzug-Mann sich rührte und das Häuschen verließ. Er streckte sich und blinzelte in die Sonne. Dann sah er sich um und entdeckte Christian.

„He, Grenzgänger!“, begrüßte er ihn und ging langsam auf ihn zu.

„He, …? Wächter? Kolonist?“ Christian konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, nun, da der Mann aufgerichtet vor ihm stand. Die Ärmel und Hosenbeine seines Anzuges waren viel zu kurz, der Schlips hing schief und das Hemd sah ein wenig schmutzig aus.

Der Mann deutete das Grinsen genau richtig. Er hob die Nase ein wenig und blickte herablassend auf Christian, dessen Aussehen selbst für einen RodLänder zu wünschen übrig ließ. „Ich bin das erste gewählte Ratsmitglied aus der Kolonie von WestLand.“ Der Mann ließ seine Worte wirken und hoffte anscheinend auf eine entsprechende Reaktion. Christian beeindruckte das wenig. Er tat dem Mann aber den Gefallen und deutete eine Verbeugung an. Schließlich wollte er hier eine neue Heimat finden, und er dachte sich, dass es ein guter Anfang wäre, sich mit einem Ratsmitglied gut zu stellen.

„Es tut mir furchtbar Leid, dass ich dich nicht sofort erkannt habe.“, antwortete er so demütig, wie es ihm möglich war. „Es ist nur, … in den anderen Gemeinschaften waren schon allein die Wächterhäuser Paläste in meinen Augen. Ich habe mich immer gefragt, wie dann die Mitglieder des Rates wohnen. In einer so kleinen Hütte habe ich deshalb einen Rat nie vermutet.“ Christian, der bis jetzt den Blick nach unten gerichtet hatte, sah nun vorsichtig auf. Er fand, dass er sich genug entschuldigt hatte und war überrascht, dass er nun das selbe Grinsen auf dem Gesicht des Mannes sah, das er vorher für ihn aufgesetzt hatte.

„Gut! Dann weißt du ja jetzt Bescheid, oder?“

„Ich weiß überhaupt nichts.“, antwortete Christian. „Hier scheint alles anders zu sein.“

„Im Gegensatz zu WestLand oder RodLand? …, da hast du Recht. Hier ist alles ein wenig anders. Und darum gehen wir jetzt zum Alltag über. Einverstanden?“

„Ja, klar. Und was heißt das?

„Das heißt, dass ich mich erst einmal von diesen unmöglichen Klamotten befreie. Sonderlichen Eindruck haben die je so wie so auf dich nicht gemacht. Oder täusche ich mich?“

„Zweimal, … nö!“, lachte Christian schon wieder und entspannte sich.

Der Mann nickte zustimmend, verschwand in der Wächter-Bude und kam dann in Jeans und Sweatshirt zurück. „So, dann komm mal mit. Meine Frau wartet schon auf uns. Seit gestern, übrigens. Und mein Sohn wäre am liebsten mit hier her gekommen, um dich zu begrüßen. Ich denke, sie haben jetzt lange genug gewartet.“

Das waren die Töne, die Christian vermisst hatte. Hier wurde nicht lange gefackelt, hier wurde getan.

„Was ist mit deinem Begleiter, dort im Gebüsch? Willst du ihn nicht mit nehmen?“, fragte der Mann und Christian wusste zuerst nicht, was er meinte. Als er sich umsah, entdeckte er den Hund, der wieder darauf zu warten schien, eingeladen zu werden.

„Das ist ein Streuner. Keine Ahnung, warum er mir folgt. Ich habe ihn jedenfalls nicht darum gebeten.“

„So!?“, meinte der Mann nur und ging dann in Richtung Lager. Christian folgte ihm, ohne sich noch einmal umzusehen.

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Es stellte sich heraus, dass der Wächter Andreas hieß und alles andere, als überheblich oder eingebildet war. Andreas zeigte Christian auf dem Weg zu seinem Heim, was es Sehenswertes im Lager der Kolonie gab. Viel war es ja nicht. Die Kolonisten hielten nicht viel von festen Wegen oder angelegten Plätzen. Christian hatte den Eindruck, das hier jeder nach seinen Neigungen und Fähigkeiten lebte. Die Häuser machten einen ziemlich verwahrlosten Eindruck und Andreas bestätigte diesen Eindruck.

„Ich habe keine Ahnung, wer hier gewohnt hat, als es noch keine Kolonie in WestLand gab. Es müssen alles Individualisten gewesen sein, und wenig interessiert an der Werterhaltung ihrer Häuser.
Die Baumaterialien werden uns nur spärlich zugeteilt, wahrscheinlich, weil wir unseren Beitrag an der Gesellschaft nicht so abgeben, wie es die WestLänder im Allgemeinen tun. Wir essen unser Zeug lieber selbst und lagern es ein, als dass wir abgeben.
Die Häuser halten wir von innen instand, du wirst dich wundern. Das, was wir an Baumaterial bekommen, wird unter allen aufgeteilt und in der Regel bleibt gerade soviel für jeden, dass es zwar für notwendige Reparaturen reicht, aber nicht zur Verschönerung der Fassaden. Also lass dich vom Äußeren nicht täuschen.“

Und Christian staunte tatsächlich, als er das Haus von Andreas betrat. So baufällig es von außen aussah, so robust und gut gepflegt empfand er das Innere. Decken und Wände aller Zimmer wurden von robusten Balken gehalten und waren mit glatt gehobelten Brettern verkleidet, oder bestanden aus großen Steinen, wie man sie eher selten in WestLand fand.

„Wir haben Lehm gefunden. Das ist unser Mörtel, und besser, als das Zeugs, was uns zugeteilt wird. Sieh dich in aller Ruhe um, ich hole meine Frau und meinen Sohn, und dann gibt es Essen.“ Andreas winkte Christian kurz zu und verließ das Haus durch die Hintertür.

Christian ließ sich auf einer Fensterbank nieder und fragte sich mit einem Male, was er erwartete. Die Menschen hier hatten ihre Familien und feste Strukturen, in die er auf keinen Fall passte.

Wenn er auch nicht wusste, wie man in der Kolonie zu einem Haus oder einer Unterkunft kam, so war er sich sicher, dass er als Zwölfjähriger auf keinen Fall allein leben durfte.
Christian wurde wütend über sich selbst und seine Unerfahrenheit und auf alles, was ihm jetzt gerade passierte. Er hatte so viele Hoffnungen in WestLand gesetzt, war trotz seiner Enttäuschungen immer weiter gegangen und hatte gedacht, dass er spätestens hier, unter seinesgleichen, eine Heimat finden würde.
Und nun fühlte er sich wie ein Eindringling. Als Andreas mit seiner Familie zurück kam, wurde er empfangen, wie ein lange vermisster, lieber Gast. Der neunjährige Junge himmelte ihn geradezu an und fragte ihm Löcher in den Bauch. Er musste alles Mögliche von RodLand erzählen, und wenn seine Mutter ihm nicht irgendwann Einhalt geboten hätte, wäre er wahrscheinlich zu nichts anderem gekommen, als die Fragen des Kindes zu beantworten.

Zum Abendessen gab es Hackbraten, Kartoffeln und Bohnen. Ein Festtagsessen für einen RodLänder und Christian ließ es sich richtig gut schmecken. Aber er fand keine Ruhe. Es trieb ihn wieder hinaus. Er wollte weiter, zur Grenzregion.

Auch hier schlug er wieder das Angebot aus, über Nacht zu bleiben. Andreas´ Frau sah enttäuscht und auch ein wenig besorgt aus, als er für das Essen dankte und sich bald darauf verabschiedete.

Andreas führte ihn noch bis zum Dunkelwerden im Lager herum. Die Menschen, denen sie begegneten waren sehr freundlich. Auch hier lebte man ganz nach seinen Neigungen und alle halfen sich anscheinend gegenseitig. Eigentlich eine Art zu Leben, die Christian gefiel. Wenn da nur nicht das Gefühl wäre, dass die Menschen traurig waren, oder mindestens genauso enttäuscht, wie er selbst. Christian war sich sicher, dass sie nur noch hier blieben, weil es keinen Ort gab, zu dem sie sonst noch gehen könnten.
Was sollte er also hier? So werden, wie diese Menschen? Aufgeben, obwohl diese vage Möglichkeit bestand, dass es diese Draußen-Welt tatsächlich gab?

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