Kapitel 1 – Die Flucht

Christian saß mit seiner siebenjährigen Schwester im dunklen Kinderzimmer auf seinem Bett.
Beide wagten nicht, sich zu bewegen. Ängstlich lauschten sie nach nebenan. Ihr Vater schrie in der Küche die Mutter an und schien wieder einmal gewillt zu sein, sämtliches Geschirr für seinen Wutausbruch zu opfern.

„Ich habe so Angst.“, flüsterte Reni. „Wenn er mich jetzt hört, bin ich dran. Und ich muss doch mal so dringend.“

Christian drückte seine Schwester fest an sich. „Es ist gleich vorbei.“,redete er Reni und sich selbst gut zu. Einen Augenblick überlegte er noch, aber als nun das erste Geschirr in der Küche an der Wand zerbrach, entschloß er sich, seinen Plan umzusetzen. Er war zwar erst zwölf Jahre alt, aber instinktiv fühlte er, dass sie beide an dieser Situation zerbrechen würden.

„Hör zu, Reni, wir hauen ab, sobald die Beiden schlafen.“

Reni überlegte ein Weilchen und fragte dann besorgt: „Und Mami?“

Christian liebte seine Schwester für diese Frage noch ein wenig mehr, als so wie so schon. Mit keinem Wort kommentierte sie seine Entscheidung. Er wusste, dass sie alles mit ihm tragen würde, wenn es nur nach ihrem Gefühl richtig war.

„Mami wird es verstehen. Wahrscheinlich ist sie sogar froh, wenn wir weg sind. Dann muss sie sich um uns keine Sorgen mehr machen.“, entgegnete Christian bitter, wobei er tapfer die aufsteigenden Tränen unterdrückte.

„Und wo wollen wir hin?“…

Der Plan zur Flucht reifte in Christian schon fast ein Jahr.
Er wusste, dass die Eltern nichts unversucht lassen würden, sie zu finden. Schließlich waren er und seine Schwester die einzige Einnahmequelle, die sie noch hatten. Seit zwei Jahren schon schickten sie die beiden zum Betteln und Containern auf die Straße.
Christian machte das nichts mehr aus. Er war für sein Alter groß gewachsen und durch die ständigen Herausforderungen auf der Straße auch sehr kräftig.
Reni dagegen war eher zart. Christian setzte sie meist an einer vollbelebten Straßenecke im Zentrum der Stadt ab. Dort war die Gefahr geringer, dass sie von anderen Kindern beleidigt und angepöpelt wurde. Sie konnte das nicht sehr gut ertragen und ärgerte sich über Ungerechtigkeiten viel mehr, als er selbst.

Christian wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die Behörde auf sie aufmerksam wurde. Eine Anzeige gab es schon. Ausgerechnet von dem Nachbarn, der immer einen steifen Penis bekam, wenn er Reni im Hof oder im Treppenaufgang sah. Christian hatte das mehrfach beobachtet. Auch, wenn er sicher war, dass Reni nichts passieren konnte, fühlte sich Christian nicht wohl bei dem Gedanken, dass Reni einmal allein auf diesen Menschen traf.

Im Großen und Ganzen kümmerte sich die Behörde nicht um Kinder. So lange der Chip in deren Unterarm jeden Tag von den Eltern bestätigt wurde, interessierte es niemanden, was mit einem Kind geschah. Die Bestätigung erfolgte jeden Morgen am Scanner. Die Eltern brauchten nur ihre Hand in das Lesegerät zu halten, und schon waren die Kinder für den aktuellen Tag registriert.

Dieser Scanner las aber auch den Droge-Gehalt im Körper der Eltern. Sobald der Grenzwert überschritten wurde, schickte die Behörde Menschen, die die Kinder holten. Was danach mit den Kindern geschah, wusste Christian nicht wirklich. Auf der Straße kursierten die wildesten Gerüchte darüber. Manche behaupteten, diese Kinder würden in ein Lager gebracht werden, das von einer unüberwindbaren Mauer umschlossen wäre. Andere sprachen von einem riesigen Haus. Aber was es auch war, wer dort hinein gebracht wurde, käme nie mehr wieder.
Christian hatte keine Lust darauf heraus zu finden, welche der Geschichten wahr war.
Er wusste nur, dass seine Eltern mittlerweile zu viel Droge nahmen. Er rechnete jeden Morgen damit, dass der Scanner nicht mehr grün wurde, sondern das Meldesignal an die Behörde verschickte und gleichzeitig die Wohnung verriegelte.

In der Wohnung war es inzwischen ruhig geworden. Christian lauschte nach draußen und streichelte dabei seine Schwester, die mittlerweile eingeschlafen war.

Er überdachte noch einmal seinen Plan, denn er wußte, er bekam nur eine einzige Chance.

Im nahe gelegenen Auwald hatte Christian mit seinem Freund Danny eine Höhle entdeckt. Dorthin brachte er seit einiger Zeit alles, was er fand, und für eine Flucht nützlich sein konnte. Das war sein erster Anlaufpunkt.

Er durfte nur Nachts mit Reni laufen. Nachts funktionierten die Scanner der Behörde nicht. Daher war es für Kinder verboten, ab Dunkelwerden die Wohnungen zu verlassen. Christian hatte sich bisher immer an dieses Verbot gehalten und konnte daher nicht wissen, was ihn Nachts draußen erwartete. Er musste es trotzdem riskieren. Am Tag war eine Flucht von vorn herein aussichtslos.

Wohin er gehen musste erfuhr Christian von der Oma-Alten. Am Morgen, bevor sie ins Sterbehaus gebracht wurde, saß sie mit Christian im Hof und nahm ein wenig Droge. Christian war sehr traurig. Er liebte die Oma-Alte.

„Christian,“ sagte sie, „Unser RodLand ist nicht das einzige Land auf dieser Welt. Wenn du es hier nicht mehr aushältst, beschaff dir einen Kompass und geh immer nach Westen. Dort wirst du auf eine Grenze stoßen. Ich kann dir nicht sagen, wie du hindurch kommst, aber es ist möglich. Ihr dürft aber nur Nachts gehen und müsst euch von den Menschen fern halten. Wenn ihr Hunger habt, geht Containern. Nur müsst ihr Nachts sehr leise sein. Du weißt schon, …die Behörde-Menschen. Einige von ihnen sind immer unterwegs.“
„Mir sind andere Länder egal,“ antwortete er damals mürrisch. „Dort kann es auch nicht besser sein, als hier. Ich möchte wissen, wieso du in dieses Sterbehaus musst.“

Die Oma-Alte hatte ihn überrascht angesehen und ihm dann zärtlich durch das Haar gestrichen. „Du stellst die richtigen Fragen, mein Junge. Du solltest unbedingt zu den anderen Ländern aufbrechen.“

Danach schwieg sie eine Weile.

„Wir Alten werden im Sterbehaus entsorgt. So bleibt Platz und Essen genug für euch Junge. Ich schätze, dieses Land hat nicht sehr viele Freunde. Also muss die Behörde das selbst regulieren.“

Christian verstand diese Antwort überhaupt nicht, wagte es aber auch nicht, noch einmal zu fragen. Plötzlich erfasste die Oma-Alte seine Hände und sah ihm eindringlich in die Augen.
„Pass auf, Christian. Du und Reni müsst hier weg. Ich weiss, was mit euren Eltern los ist. Du musst das Land LevelEnd suchen. Dort seid ihr in Sicherheit und in Freiheit.“

Und genau das hatte Christian vor.

Es war an der Zeit, Reni zu wecken und los zu gehen.

Reni wurde sofort hellwach und bewegte sich schnell und leise nach seinen Anweisungen. Es fiel ihnen nicht schwer, die Wohnung zu verlassen. Sie mussten noch nicht einmal sonderlich leise sein. Christian riskierte noch einen letzten Blick auf die Mutter, die am Küchentisch zusammen gesunken war und schlief. Vom Vater war weder etwas zu sehen, noch zu hören.

Als sie ungesehen das Haus verließen und tatsächlich auf der stockdunklen Straße standen, wurde es Christian doch ein wenig Angst. Aber es gab kein Zurück. Er fasste Reni ein wenig fester bei der Hand und lief in Richtung Auwald.

Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, hob Lisa den Kopf und die erste Träne stahl sich aus ihren Augen. Am liebsten wäre sie ihren Kindern gefolgt. Sie ahnte seit langem schon, dass Christian eine Flucht plante. Und sie wünschte nichts sehnlicher, als dass die beiden es schaffen würden. Jetzt lag es nur an ihr, den Kindern einen Tag Vorsprung zu verschaffen, indem sie ihren Mann dazu brachte, den Handscanner zu benutzen, auch wenn er Christian und Reni nicht vor Augen hatte. Mindestens einen Tag lang musste ihr das gelingen. Die Grenze war nahe, und wenn Christian sich klug anstellte, konnten er und Reni schon bald in einem besseren Land sein.
Lisa weinte noch sehr lange. Zu gern hätte sie ihre Kinder noch einmal in die Arme genommen. Am liebsten wäre sie mit den ihnen zusammen auf die Flucht gegangen, aber so weit reichte ihr Mut nicht mehr. Früher, ja …, da war auch sie auf der Flucht gewesen.

Lisa versank in Erinnerungen…

…Ihre Mutter diente der Behörde als Ärztin. Das brachte viele Vorteile mit sich, aber auch einen riesigen Nachteil. Man stand nahezu ständig unter Aufsicht der Behörde. Lisa hatte ein bequemes Leben, immer genug zu essen und eine gute Schule. Sie konnte sich noch an die Zeiten erinnern, in denen sie auf die Kinder herab sah, die sich bei den Containern der Versorgungshäuser herum drückten, oder an den Ecken bettelten.

Irgendwann veränderte sich ihre Mutter. Sie sprach nie wirklich darüber, was sie beschäftigte. Lisa erfuhr nur, dass die Mutter mit dem Aufbau der Sterbehäuser beauftragt wurde. Damals begriff Lisa nicht, wieso ihre Mutter immer trauriger und immer wütender wurde. Eigentlich ging es ihnen in dieser Zeit über alle Maßen gut. Sie wohnten in einem riesigen Loft, direkt am großen Fluss. Die Behörde war ein wenig lästig, daran erinnerte sich Lisa noch. Ständig waren diese Menschen bei der Mutter und fragten sie alles Mögliche. Lisa hatte zu dieser Zeit das Gefühl, dass sich ihre Mutter immer unbehaglicher dabei fühlte.

Es war eine Nacht, wie diese, als sie von ihrer Mutter aus dem Bett geholt wurde und sie sich plötzlich auf der Flucht befanden. Lisa war damals kaum zehn Jahre alt und die Erinnerungen daran verschwammen langsam. Sie wusste nur noch, dass sie irgendwann von der Behörde gefangen genommen wurden. Und danach begann der Albtraum.

Vor dem Amt hatte jeder Mensch in RodLand Angst. Wenn man dort einmal landete, wurde alles anders. Das wusste jedes Kind. Lisa konnte sich nur noch erinnern, dass ihre Mutter oft stundenlang aus dem Zimmer geholt wurde, in dem sie beide eingesperrt waren. Wenn sie zurück kam, weinte sie immer fürchterlich.

Irgendwann schien sie aber darauf zu warten, dass man sie holte. Irgendwann weinte sie nicht mehr, wenn sie zurück kam. Und plötzlich waren sie frei.

Es ging nicht mehr zurück zum Loft. Lisa erinnerte sich sehr gut an die riesige Mietskaserne und ihr winziges Zimmer, und wie es immer im Haus stank. Und an die Kinder, die so ganz anders waren, als sie selbst. Und an die Kämpfe, und an die Resignation, in die sie langsam verfiel.

Irgendwann wurde sie Teil der grauen Masse, stand am Band der Versorgungseinheiten und lernte dort Max, ihren Mann kennen.

Max, der Bauarbeiter! Der, der für die Behörde arbeitete. Was für ein Mann, …!?

Am Anfang waren sie glücklich. Max holte sie und die Mutter aus der Mietskaserne heraus und brachte sie in das kleine Mehrfamilienhaus, in dem sie heute noch wohnten. Er sprach nie über seine Arbeit. Einmal, da war er schon auf Droge, stritten sich Max und Lisa´s Mutter fürchterlich. Es ging um die Sterbehäuser. Lisa wurde an diesem Abend klar, dass Max an dessen Bau, und ihre Mutter an deren Planung beteiligt waren.

Und genau zu dieser Zeit verlor Max seinen Job und gab sich vollends der Droge hin. Lisa´s Mutter bekam die Einberufung ins Sterbehaus. Welchen Grund brauchte man noch, um zu der Droge zu greifen? Einzig und allein Christian´s und Reni´s Dasein hatten sie immer davon abgehalten, ihr vollends zu verfallen.

Und nun, …? Nun waren die beiden auf der Flucht. Egal, wie diese Flucht endete, Lisa war sich sicher, dass sie ihre Kinder nie mehr wieder sehen würde.

Max saß im Schlafzimmer auf seinem Bett und lauschte in die Dunkelheit. Er war lange nicht so stark im Bann der Droge, wie seine Familie glaubte. Es tat ihm Leid, dass er sich mit Lisa streiten musste. Noch mehr grämte es ihn, dass die Kinder Angst vor ihm hatten. Er sah diese Angst in Reni´s Augen, und das tat ihm nicht nur leid, es tat ihm in tiefster Seele weh. Aber so oft und so lange er auch darüber nachdachte, diese Art mit den Seinen umzugehen, erschien ihm als der vernünftigste Weg, aus den Fängen der Behörde zu entkommen.

Max hatte beim Bau und nach der Inbetriebnahme des ersten Sterbehauses zufällig eine fürchterliche Entdeckung gemacht. Ein Mensch der Behörde war dazu gekommen, als er in der Tür zum verbotenen Sektor stand. Irgend jemand hatte wohl vergessen, sie zu schließen. Und Max war einfach nur neugierig. Diese Neugier sollte ihm zum Verhängnis werden.

Die Meldung an die Behörde erging schneller, als er an Zeit brauchte, zum Pausenraum zurück zu kehren. Dort erwarteten ihn schon zwei Männer in Anzügen und führten ihn ab, ohne ein Wort an ihn zu richten. Im Amt wurde er in einen fensterlosen Raum gebracht, der außer zwei Stühlen und einem Tisch nichts weiter an Mobiliar aufwies. Ein Mann erwartete ihn.

„Hallo Max!“, wurde er von diesem Mann begrüßt, als wären sie alte Bekannte. Max antwortet nicht, was den Mann nicht sonderlich zu stören schien. Der sprach einfach im Plauderton weiter, als wäre dies das normalste Gespräch auf der Welt. „Du hast also auf das Herz unserer Gesellschaft geschaut, …auf eine unserer Produktionsstraßen. Ja, mein lieber Max, die hast Du gebaut, Deine Schwiegermutter war entscheidend an deren Entwicklung beteiligt, Deine Frau arbeitet am Versorgungsband, und Deine Familie und Du ernähren sich von dessen Ergebnissen.“

Max unterdrückte heldenhaft den aufsteigenden Brechreiz und wagte es nicht seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Er wusste genau, dieser Mann sprach nicht darüber, was er im Sterbehaus gesehen hatte, sondern er entschied gerade über sein Leben oder über seinen Tod. Also wartete er einfach ab. Er hatte das Gefühl, dass er sowieso keinen Ton heraus gebracht hätte.

Der Mann sprach ruhig weiter: “ So ist das nun einmal Max. Wir sind ein kleines Land mit vielen Menschen darin, die alle essen wollen. Wenn die Alten entsorgt werden, ist jede Menge Biomasse da, die man noch verwerten kann. Deine Schwiegermutter hat ein Verfahren entwickelt, das es erlaubt, diese Biomasse so aufzuwerten, dass sie für den menschlischen Verzehr geeignet ist. Ein Ballaststoff oder Nahrungsergänzungsmittel sozusagen, das einfach nur satt macht.“ Der Mann machte eine Pause und schien nachzudenken. Max wünschte sich, er würde nicht weiter sprechen. Leider ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung, denn der Mann sprach schon weiter.

„Das Verfahren ist genial, geradezu bahnbrechend.“, schwelgte er in Erinnerungen. „Und wenn sich deine Schwiegermutter ein wenig einsichtiger gezeigt hätte, könnte sie noch heute an deinen Hofpartys teilnehmen.“ Der Mann machte eine bedeutungsvolle Pause und zuckte dann, scheinbar unbehaglich mit den Schultern.

„Uns ist ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen, Max. Wir unterschätzten die Intelligenz deiner Schwiegermutter. Als sie dahinter kam, wofür ihre Forschungen tatsächlich verwendet werden sollten, wollte sie damit zu diesen Schmierenblättern, die sich hartnäckig immer wieder in euren Schichten verbreiten. Das durften wir natürlich nicht zulassen. Wir konnten sie nur von ihrem Vorhaben abhalten, indem wir deinen und den Tod deiner Familie in Aussicht stellten, sollte sie nicht schweigen. Das half! Sie brachte sogar ihre Forschung zu einem verwertbarem Ende. Leider kannten wir mittlerweile ihre Sturheit und konnten daher kein Risiko eingehen. Deshalb ging deine Schwiegermutter als eine der Ersten in die Produktion. Das war doch eine Ehre, oder was denkst du? Max?“

Max konnte nicht anders. Er erbrach sich zwischen seinen Beinen auf den blanken Fussboden.

Seinem Gegenüber schien das nichts auszumachen, denn er sprach in diesem Plauderton weiter, als wäre nichts passiert.

„Es ist schon eine Ironie des Schicksals Max, dass gerade deine Firma mit dem Bau des ersten Sterbehauses beauftragt wurde. Du hättest nie erfahren dürfen, was sich im verbotenen Sektor verbirgt. Wir kennen aber deine Loyalität, und du solltest dafür sorgen, dass wir nie daran zweifeln müssen. Du bist zwar bekannt, schon durch deine Schwiegermutter. Es sicher schwierig, dich und deine Familie verschwinden zu lassen, ohne, dass jemand Fragen stellt. Aber auch das bekommen wir hin. Verstehst du mich?“

Max nickte nur und unterschrieb das Papier, dass seine Verschwiegenheit verlangte. Er wusste, es war ja doch nur Makulatur. Deshalb war es auch egal.

Als er wieder auf der Straße stand, fühlte er sich so hilflos und ohnmächtig, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb. Das war der Tag, an dem er zum ersten Mal zu Droge griff.

Er wusste, wenn er irgendwann einmal genug Verstand an dieses Teufelszeug verloren hatte, würden sie ihn weg fangen und ins Sterbehaus bringen. Aber wenigstens wäre seine Familie sicher.

Wie gern hätte Max sich gewehrt, aber sein Versprechen band ihn unwiderruflich. So waren die Gesetze, und niemand konnte sich darüber hinweg setzen.

Max ließ sich zur Seite sinken und legte eine Hand auf die Seite des Bettes, auf der Lisa liegen sollte. Sie kam schon lange nicht mehr zu ihm, und er konnte es ihr nicht verübeln.

Christian und Reni kamen wider Erwarten gut voran. Anfangs verwirrten die dunklen, menschenleeren Straßen Christian´s Orientierungssinn. Es dauerte aber nicht lange, bis er den Weg in den Auwald fand. Sie mussten sich auch vor niemandem verstecken. Es hielt sich einfach niemand auf den Straßen auf.

Im Auwald selbst wurde es mit der Orientierung sehr viel schwieriger. Christian hinterließ zwar im Lauf der Zeit an jeder Abzweigung ein Zeichen, hatte aber dabei vollkommen vergessen, dass er ja im Dunklen flüchten wollte. So war er gezwungen, seine Taschenlampe einzuschalten. Er hoffte inbrünstig, dass sie nicht entdeckt wurden und kein Behörde-Mensch im Auwald unterwegs war. Aber scheinbar mied die Behörde den Wald, denn sie gelangten zu der Höhle, ohne, dass sie irgend Jemanden gesehen, oder auch nur gehört hätten. Dort angekommen, bereitete Christian ein einigermaßen gemütliches Lager. Reni schlief ihm fast unter den Händen ein, nachdem sie einmal zur Ruhe gekommen war und auch er selbst war müde. So kuschelten sie sich aneinander und waren binnen Sekunden eingeschlafen.

Christian wurde durch das Knacken eines Zweiges munter. Rasch sah er nach Reni, die noch tief und fest schlief. Draußen lief zweifellos jemand herum und Christian wusste nicht, was er tun sollte. Die Höhle hatte keinen zweiten Ausgang und wenn die Behörde sie gefunden hatte, waren sie beide verloren. Aber dieses Risiko bestand von Anfang an. Also blieb Christian ruhig sitzen, und wartete, ohne sich zu rühren. Nach einigen Minuten verdunkelte ein Mensch den Eingang der Höhle. Christian sah an den selbstsicheren Bewegungen, dass dieser Mensch sich hier auskannte. Aber im Gegenlicht war es unmöglich, ihn zu erkennen.

„Du guckst, wie die Maus, wenn´s donnert.“ Der Jemand schaltete eine Taschenlampe an und leuchtete sich selbst ins Gesicht.

„Danny! Mensch, was machst du denn hier?“. Christian fiel ein Stein vom Herzen und er entspannte sich.
„Ich muss ja wohl nachschauen, wo mein bester Freund abgeblieben ist, wenn er auf einmal nicht bei den Containern erscheint. Obwohl wir verabredet waren.“ Danny machte ein strenges Gesicht, aber Christian sah, dass er sich über ihr Wiedersehen freute.
„Ich konnte dir nichts sagen,“ meinte Christian verlegen. „Ich wusste ja selbst nicht, wann wir weg müssen.“
„Ich weiß das doch.“ Danny umfasste Christians Schulter. „Mach dir erst einmal keine Sorgen. Ich war heute Mittag auf euerm Hof und habe deine Mutter gesehen. Sie hat den Daumen nach oben gehalten und mir zugezwinkert. Ich denke, vorerst vermisst euch niemand.“

„Mami schützt uns.“ Mit diesen Worten kam Reni unter den Decken hervor und sah Danny mit leuchtenden Augen an.
„Max scheint das auch zu tun“, erwiderte Danny. „Er war heute nirgends zu sehen, sagt mein Vater. Nicht auf der Straße, und auch sonst nirgendwo.“ Danny sah Christian eindringlich in die Augen. „Sie können euch nicht viel Vorsprung verschaffen. Das weißt Du. Ihr müsst sofort aufbrechen. Ich habe draußen genügend Essen für die nächsten zwei Tage. Macht euch los, sobald es dunkel wird.“ Danny schwieg und schien über irgend etwas nachzudenken.
Nach einer Weile hob er den Kopf und sah Christian ein wenig unsicher an. „Mein Opa-Alter hat mir erzählt, dass die Grenze aus einer Mauer besteht. Er hat immer behauptet, man bräuchte nur dagegen anzurennen, dann käme man schon hinüber. Ich hab´s immer nur für ein Märchen gehalten.“

Christian dachte kurz über Dannys Worte nach. „Wir werden sehen.“, antwortete er. „Warum kommst du nicht mit, und wir finden es gemeinsam heraus?“, fragte er seinen Freund überraschend.

„He Christian, das ist meine Chance in unserem Stadtteil der Containerboss zu werden. Die Chance werde ich mir doch nicht entgehen lassen!“, antwortete Danny ein wenig zu überschwenglich. Christian ließ sich davon auch nicht täuschen. Er wusste, dass Danny seine Familie zu sehr liebte, um sie zu verlassen.

Es wurde ein schneller Abschied. Sie wünschten sich gegenseitig Glück. Was sollten sie sich sonst auch wünschen? Reni weinte ein wenig, als Danny hinter den Büschen verschwand. Aber da es Christian selbst zum Weinen war, konnte er ihr nicht viel Trost spenden.

Und dann warteten sie auf die Nacht.

Christian verbrachte die Zeit bis zum Anbruch der Dunkelheit damit, ihr Gepäck zu richten. Reni konnte auf Dauer nicht viel tragen und was sie am wenigsten hatten, waren Nahrungsmittel und Wasser. Also packte er diese Sachen in Reni´s Rucksack.
„Ich kann noch viel mehr tragen,“ behauptete sie selbstsicher, als er ihr den Rucksack probehalber aufsetzte. Christian wusste es besser. Er hatte so oft seine Beute aus den Containern stundenlang mit sich herum getragen. Er kannte die Schmerzen in den Schultern und wie es sich anfühlte, wenn der Rucksack von Minute zu Minute schwerer zu werden schien. Daher strich er Reni beruhigend über die Haare und meinte scherzhaft: „Das ist genug zum Tragen für so ein kleines Mädchen.“ Reni boxte ihm darauf hin leicht in den Magen.
„Ich bin kein kleines Mädchen mehr.“

Sein eigener Rucksack enthielt Werkzeug, ein kleines Zelt, zwei Schlafsäcke, Wechselschuhe und ein paar Kleidungsstücke für sie beide. Er war entsprechend schwerer und Christian war sich im Klaren, dass ihn dieses Monstrum stark behindern würde. Aber Reni konnte so wie so noch nicht so schnell laufen. Daher sollte sich ein gewisses Gleichmaß herstellen lassen.

Die Beiden brachen nach Anbruch der Dunkelheit auf. Christian fiel es nicht leicht, seine Stadt zu verlassen, seine Eltern und seine Freunde. Und er blickte immer wieder zurück, solange, bis die spärlichen Lichter der Stadt endgültig in der Dunkelheit verblassten.
Reni schwieg die ersten Stunden. Sie klammerte sich nur ganz fest an seine Hand. Aber er sah keine Träne und hörte kein Wort der Klage.
Christian war darüber sehr froh. Ursprünglich sollte Reni ihn nie begleiten. Er dachte, sie wäre noch zu klein für seinen Plan und er fürchtete, dass sie ihn nur behindern würde. Aber dann siegte bei ihm die Angst vor dem Alleinsein. So plante er die Flucht schließlich doch für sie beide.

Christian hatte sich gleich nach dem Gespräch mit der Oma-Altem einen Kompass besorgt und lief von Anfang an stur in Richtung Westen. Dabei hielt er sich immer in Sichtweite zur nächsten Ortschaft auf, ohne eine Hauptstraße dabei zu benutzen. Er nutzte jede natürliche Deckung, die sich ihnen bot und traute sich noch nicht einmal, leer stehende Gebäude als Versteck zu nutzen, wenn sie tagsüber zur Ruhe kommen wollten.
Das ging auch alles sehr gut, aber nach drei Tagen hatten sie Danny´s Essenpaket restlos aufgebraucht.

„Heute Abend muss ich in das Dorf da vorn,“ eröffnete Christian die Rede, die er sich schon Morgens vor dem Einschlafen ausgedacht hatte. „Wir brauchen was zum Essen.“, setzte er als Verstärkung seines Entschlusses hinzu.
Reni sah ihn nachdenklich an.
„Und ich?“
„Na du bleibst hier. Du bist nicht schnell genug, wenn ich wegrennen muss.“
„Nö. Ich gehe ins Dorf, solang es noch hell ist. Du wartest hier.“ Christian war zu überrascht, um ärgerlich zu werden. „Was willst du Baby denn dort ausrichten? Du bist wohl verrückt!?“, erwiderte er lachend.
„Ich bin nicht verrückt, aber ich bin noch ein Baby. Damit komme ich überall durch. Überleg doch mal. Warum wurde ich zum Betteln geschickt und du zum Containern?“ Reni meinte es tatsächlich ernst. Christian erkannte es deutlich an der Entschlossenheit, mit der sie ihn ansah. „Ich sage einfach, ich wäre hier in der Gegend zu Besuch, hätte mich verlaufen und lass mir den Weg nach Hause erklären. Die werden mir bestimmt etwas zu Essen geben, wenn ich sage, dass ich Hunger habe.“

Christian fielen im Augenblick ´zig Gegenargumente ein. Gleichzeitig sah er aber auch die Vorteile von Reni´s Plan. Unentschlossen starrte er in den Himmel. Es war schon sehr schwer, Entscheidungen zu treffen. Aber er kannte seine kleine Schwester. Wenn sie sich einmal etwas vorgenommen hatte, war sie sehr schwer davon abzubringen. Er konnte nicht riskieren, dass Reni los lief, ohne sich mit ihm abzusprechen. Und das würde sie ohne Zweifel tun, sobald er sich umdrehte, und sie für ein paar Minuten aus den Augen verlor.

Reni wartete in aller Ruhe seine Entscheidung ab. Noch bevor er aussprach, wie sie ausgefallen war, sagte sie:
„Du kannst ja immer noch containern gehen, wenn das nicht klappt.“

Christian nickte nur. Dann sollte es eben so sein.

Reni war sehr erleichtert, als Christian ihrem Plan zustimmte. Und noch mehr freute es sie, dass es ihr gelungen war, vor ihrem Bruder die wahren Beweggründe für diesen Plan zu verbergen.
Reni wusste ganz genau, dass sie nur deshalb mit Christian unterwegs war, weil er es nicht ertragen konnte, sie ohne seinen Schutz allein zurück zu lassen. Ein wenig hatte sie auch das Gefühl, dass Christian nicht gern allein gegangen wäre. Das vermutete sie aber nur. Reni liebte ihren großen Bruder über alles. Trotzdem wollte sie nicht weg von ihrer Mami, noch nicht einmal weg von Max, auch, wenn er oft so ekelhaft zu ihr war. Das alles durfte Christian auf keinen Fall erfahren. Reni befürchtete, dass er dann sofort umkehren würde. Und das durfte nicht sein. Also wartete sie nur darauf, allein los gehen zu können, um ihren eigenen Plan zu verwirklichen.

Christian schärfte ihr sämtliche Vorsichtsmaßnahmen und Verhaltensregeln ein, die ihm nur einfielen. Reni fiel es zunehmend schwerer, ihn ernst zu nehmen. Zu sehr erinnerte er sie an Mami, von der sie jeden Morgen eine solche Predigt bekam. Irgendwann reichte es ihr.
„Christian, ich muss gehen, bevor es dunkel wird. Hör auf! Ich weiß schon, was ich tun muss.“ Sie sah genau, dass er sich nicht wohl fühlte und kuschelte sich ganz nah an ihn. Wie erwartet, schloss er sie fest in die Arme. Genau so hatte sich Reni ihren Abschied vorgestellt. Sie genoss diesen Augenblick aus vollem Herzen, zumal sie nicht wissen konnte, ob sie Christian jemals wieder sehen würde. Aber dann befreite sie sich energisch aus seinen Armen. „Wir brauchen noch einen Plan B, für alle Fälle.“

„Welchen Plan B?“ Christian schob Reni auf Armeslänge von sich fort und sah ihr eindringlich in die Augen.
Reni ließ sich davon nicht beeindrucken. „Na woher wollen wir denn wissen, dass ich nicht doch geschnappt werde? Mmh? Und wenn, dann musst du weiter gehen. Egal, was mit mir passiert. Versprichst du mir das?“
„Einen Kehrricht werde ich tun.“, entgegnete Christian erregt. „Ich gehe keinen Schritt weiter, ohne dich! Ich lass doch meine kleine Schwester nicht allein. Am Besten ist es, du gehst gar nicht erst los.“
„Klar gehe ich, und das kannst du mir nicht verbieten. Du bist nicht Mami und auch nicht Max.“

Reni drehte sich um und verließ das Versteck, ohne zu zögern und ohne auch nur einen Blick zurück zu werfen. Sie rannte los, sobald sie freies Feld erreichte.
Wenn Christian sie jetzt nicht einholte, hatte sie es geschafft. Das nächste Dorf war nicht weit entfernt und wenn eines sicher war, dann die Tatsache, dass sich überall mindestens ein Behörde-Mensch befand.
Und genau den musste und wollte sie finden.

Reni erreichte das Dorf nach wenigen Minuten. Die wenigen Menschen, die unterwegs waren, beachteten sie überhaupt nicht. Das war auf der einen Seite ganz gut, da Reni sich wirklich erst einmal etwas zum Essen besorgen musste. Ihr Magen knurrte mittlerweile jämmerlich. Aber da sie nicht wusste, ob sie etwas zu essen bekam, wenn sie sich gleich dem Behörde-Menschen stellte, war es schon klüger, sich vorher etwas zu besorgen.

Auf der anderen Seite passte das Desinteresse der Leute nicht so recht in Reni´s Plan. Sie konnte nicht ewig in dem Dorf umher wandern, ohne, dass jemand auf sie aufmerksam wurde und sie meldete.

Auf dem Dorfplatz fand sie den Versorger-Laden. Nicht so groß und protzig, wie sie das aus ihrem Stadtteil kannte, aber unübersehbar. Falls die Eltern das Handscanning durchgeführt hatten, brauchte sie nur dort hinein zu gehen, und sich ihre Tagesration abzuholen. Das konnte sie überall tun, egal wo sie sich in RodLand befand.
Aber Mami und Max hatten ihr streng verboten, sich Essen aus dem Versorger-Laden zu holen. Deshalb schickten sie ja Christian zum Containern und sie selbst zum Betteln. Dadurch kamen sie zu dem richtigen Essen, sagte Max jedenfalls immer.

Reni hatte im Dorf bis jetzt keinen einzigen Container gesehen und auch kein Geschäft, hinter denen die Container immer standen. Auch in den kleinen Seitenstraßen war nichts zu finden, und Reni wurde immer mutloser.

Auf einer Bank saß ein Junge, an dem sie auf ihrer Suche schon mindestens fünfmal vorbei gekommen war. Es schien so, als beobachte er sie. Aber er sah nicht besonders gefährlich aus und machte auch sonst nichts, was ihr Angst eingejagt hätte. Also fasste Reni Mut und setzte sich zu ihm auf die Bank. „Ich bin Reni.“ eröffnete sie das Gespräch.
„Na und?“
„Ich bin fremd hier.“
„Ich weiß.“
„Kannst du auch mehr sagen, als zwei Worte?“
„Ja klar!“

Reni sah dem Jungen in die Augen um zu ergründen, ob er sie vielleicht beschimpfen wollte. Aber der Junge schien tatsächlich nicht an ihr interessiert zu sein. Also stand sie wieder auf, um weiter nach etwas Essbarem zu suchen.

„He!“, rief der Junge ihr nach, als sie schon ein paar Schritte von der Bank entfernt war. „Ich bin Anton.“
Reni drehte sich um und sah nun doch so etwas, wie Interesse in seinen Augen. Daher ging sie zurück und setzte sich wieder zu ihm.
„Woher bekomme ich Essen?“ Reni verspürte wenig Lust, sich weiter mit diesem Anton abzugeben, aber sie wusste den ersten Kontakt zu einem Dorf-Bewohner zu schätzen.
„Im Versorger-Laden!“, war seine prompte Antwort. „Wo sonst?“
„Aus diesem Laden esse ich nichts. Mami und Max haben es verboten.“ Anton schien durch diese Antwort überrascht zu sein und gründlich darüber nachzudenken. Dann antwortete er leise:
„Hier isst auch niemand etwas daraus. Außer vielleicht ein paar Wenige. Normalerweise gehen wir nur hin und holen das Zeug, damit es nicht auffällt. Und dann vergraben wir es auf den Feldern.“
„Und was esst ihr dann?“
„Na das, was wir selbst anbauen. Und unsere Schweine und Rinder natürlich.“

Reni staunte. Schweine und Rinder kannte sie bisher nur von Bildern, und dem Namen nach. Das man sie essen konnte, wusste sie bis jetzt noch nicht.

„Wir essen nur Gemüse und Wurst.“, antwortete sie. „Wenn ich genug Geld vom Betteln nach Hause bringe, kann Mami in die Geschäfte gehen und uns so etwas kaufen. Aber mein Bruder Christian findet beim Containern viel mehr, als wir bezahlen könnten. Mami behauptet zwar immer, das wäre auch nicht gut für uns, aber immer noch besser, als das Zeug aus den Versorger-Läden.“ Reni unterbrach sich selbst, weil Anton sie so offentsichtlich erstaunt musterte. „Was ist?“

„Was denkst du, woher das Gemüse und die Wurst kommen?“, fragte er nur.
„Aus den Elkawe´s, die immer vor den Geschäften halten. Woher sonst?“ Reni verstand Anton´s Frage nicht. Sie sah aber genau, wie sich sein gerade noch interessierter und leicht ungläubiger Gesichtsausdruck in Grinsen wandelte. Genau dieses Grinsen, das Reni so sehr fürchtete. Instinktiv erhob sie sich und wich vor Anton zurück. Der schien das nicht zu merken, denn er kümmerte sich überhaupt nicht um Reni´s offentsichtliche Abwehr, sondern fasste sie bei der Hand und zog sie mit sich fort.
Reni wehrte sich nur halbherzig.
„Wo gehen wir hin?“, fragte sie und versuchte noch einmal vergeblich, Anton zum Stehenbleiben zu bewegen.
„Zu meinen Leuten.“, antwortet Anton, ohne seine Schritte auch nur eine Sekunde zu verlangsamen. „Das gibt einen Heidenspass, und du bekommst was zu essen. Versprochen!“

Reni ließ sich ein gutes Stück vom Weg mitziehen, dann machte sie sich energisch von Anton los und blieb stehen.
„Das ist nix, mit deinen Leuten.“, sagte sie bestimmt. „Ihr könntet Ärger bekommen und mir nützt es auch nichts. Kannst du mir nicht etwas zum essen heraus bringen? Und dann gehe ich einfach weiter.“
Anton war ein wenig überrascht. Aber natürlich kannte er die Gesetze und wusste daher, dass Reni Recht hatte. „Klar kann ich dir was bringen. Aber was machst du dann?“
„Ich gehe zu einem Behörde-Menschen und lasse mich zur Stadt zurück bringen. Hier werden doch wohl Behörde-Menschen herum laufen, oder?“
„Ja, mehr, als uns lieb sind.“ Anton wusste nicht mehr, was er von diesem kleinen Mädchen halten sollte. Trotz ihrer schmuddeligen Kleidung sah sie unglaublich süss und zerbrechlich aus. Die kastanienbraunen Locken umrahmten ungekämmt ihr offenes Gesicht, aus dem ihn zwei tiefbraune Augen ernsthaft und forschend ansahen.
„Na dann passt das ja. Haben wir es noch sehr weit, bis zu dir?“
„Nein, und du kannst dich vorher gut in der alten Scheune verstecken.“ Jetzt nahm Reni seine Hand und folgte ihm freiwillig.

Als Anton Reni in der Scheune versteckt hatte, rannte er, so schnell er konnte zu dem Hof, der seine ganze Familie beherbergte und ernährte.

Seine Mutter stand am Herd und bereitete das Abendessen vor.

„Ich brauch was zum Essen, Mutti.“, verlangte er und setzte sich erschöpft vom schnellen Laufen an den großen Esstisch.
„Du wartest, bis alle zu Hause sind.“, erwiderte seine Mutter ungerührt, und ohne sich von ihrem Braten abzuwenden.
„Das Essen ist doch nicht für mich, Mutti.“ Anton stellte sich nun neben sie an den Herd und zupfte auffordernd an ihrer Schürze. Seine Mutter sah ihm ein paar Sekunden lang streng in die Augen. Dann schob sie die Pfanne mit dem Braten von der Herdplatte und setzte sich mit ihm an den Tisch.
„Ein Grenzgänger?“, fragte sie ruhig.
„Nein, eben nicht. Ich habe in unserer Scheune ein kleines Mädchen versteckt. Sie lief im Dorf herum und suchte nach etwas Essbarem. Als ich ihr vorschlug, in den Versorger-Laden zu gehen, meinte sie, dass ihre Eltern ihr das verbieten. Und weißt du, sie denkt, dass Wurst und Gemüse in den Elkawe´s wachsen und dann in die Geschäfte der Oberschicht gebracht werden. Und sie ist furchtbar niedlich.“ Anton war froh, dass ihn die Mutter bei seiner Geschichte nicht unterbrach. Das war bei ihr immer ein Zeichen dafür, dass sie ihn ernst nahm, was nicht allzu oft passierte.

„Ist sie allein unterwegs, was meinst du?“ Anton dachte gründlich über diese Frage nach.
„Ich glaube es nicht, obwohl ich niemanden gesehen habe. Sie kommt auf jeden Fall aus der Stadt, weil sie so komisch redet. Aber sie hat überhaupt nichts bei sich. Noch nicht einmal einen Rucksack, oder sowas. Dabei ist die Stadt mindestens drei Tagesmärsche entfernt. Und stell dir vor, sie will nach dem Essen zu einem Behörde-Fuzzi und sich in die Stadt zurück bringen lassen.“

Diese Information war tatsächlich sehr ungewöhnlich. Anton`s Mutter war mit jeglichen Arten von Grenzgängern vertraut. Wenn man so nahe der Grenze wohnte, blieb es nicht aus, dass man ihnen begegnete. Aber ein so kleines Mädchen? Und noch dazu allein? Das war schon sehr merkwürdig. Antons Mutter war eine vorsichtige Frau. Sie wusste, dass im Grenzgebiet alle Menschen unter besonderer Beobachtung standen. Ein Verstoß gegen die Gesetze konnte alle Erwachsenen ihrer Familie ins Sterbehaus und die Kinder in die Flaggenfestung bringen. Das Risiko konnte und wollte sie bei einer so wackeligen Geschichte nicht eingehen.
„Ich mache dir etwas für die Kleine fertig. Wenn sie gegessen hat, bringst du sie zum Amt. Aber nur bis in die Nähe. Du wirst auf keinen Fall mit hinein gehen, verstanden!?“ Anton nickte erleichtert.
„Danach kommst du sofort nach Hause. Und zu niemandem ein Wort. Hast du das verstanden, Anton?“
„Ja, Mutti.“

Nach diesem Gespräch fühlte sich Anton doch ein wenig unbehaglich. Normalerweise kümmerten sich die Eltern und die Alten um Grenzgänger, sobald diese auftauchten. Seine Mutter schien sich nicht sicher zu sein, ob da vielleicht nicht doch das Amt hinter der ganzen Geschichte steckte, und selbst Anton begann zu zweifeln.

Als Anton zur Scheune zurück kehrte, fand er Reni tief schlafend vor. Er hätte sie weiter schlafen lassen, wenn er durch das Verhalten seiner Mutter nicht verunsichert gewesen wäre. Also rüttelte er sie sanft wach. Reni öffnete die Augen und Anton hatte einen Augenblick lang das Gefühl, als wollte sie ihm in die Arme fallen. Aber dann klärte sich ihr Blick, und sie ließ die Arme wieder sinken und freute sich einfach nur, ihn wieder zu sehen.
„Meine Mutter schickt dir zwei Esspakete. Eins für sofort, und eins für später, …, oder so.“ Anton bekam es nicht fertig, ihr in die Augen zu sehen. Aber auch hier wurde er von Reni überrascht.
„Ich weiß schon, was ihr denkt. Ich bin ja nicht doof.“, grinste sie ihn offen an. „Aber deine Mutti scheint eine kluge Frau zu sein. Wie meine!“
Dann machte sich Reni über das Essen her und Anton sah zu, wie sie fast andächtig verschlang, was ihr serviert wurde. Danach zog sie sich noch um, denn Antons Mutter hatte ihm auch noch ein paar Sachen von seiner kleinen Schwester mit gegeben. Anscheindend mochte sie die Vorstellung von einem schmuddligen kleinen Mädchen nicht. Reni schien auch sehr dankbar dafür zu sein. Sie strahlte über´s ganze Gesicht, als sie satt und frisch eingekleidet vor ihm stand.
„Ich muss noch kurz zum Waldrand. Dann kannst du mich zum Amt bringen. Geht das?“
Anton unterdrückte heroisch die Frage, was sie denn am Waldrand suchte. Er ahnte, dass er keine Antwort erhalten würde und schwieg daher zu diesem Themaa.
„Klar! Aber das ist ein Umweg.“
Reni lächelte ihr süssestes Lächeln und meinte nur: „Das ist mir recht.“

Am Waldrand angekommen musterte Anton aufmerksam jeden Strauch, jeden Baum und jede Bewegung, genauso, wie es Reni auch tat. Allerdings konnte er niemanden sehen und auch Reni schien nicht zu finden, was sie suchte. Nur ein einziges Mal verhielt sie den Schritt und lauschte angestrengt. Anton konnte nicht ergründen, warum, fragte aber auch dieses Mal nicht.
Ein paar Meter weiter wechselte Reni plötzlich die Richtung und lief wieder zum Dorf zurück. Als sie an dem großen Findling vorbei kamen, der kurz nach dem Waldrand am Weg lag, hielt sie inne und kletterte auf den Stein. Oben angekommen setzte sie sich und sah zu, wie die Sonne unterging.
Anton wollte ihr zuerst folgen, ließ es dann aber. Reni sah im Licht der untergehenden Sonne aus, als dürfe sie niemand berühren.

Natürlich bemerkte Anton, dass das zweite Proviantpäckchen fehlte, als Reni wieder von diesem Stein herunter kam. Und wieder stellte er keine Fragen. Auch wenn er niemanden sah, spürte er, dass sie beobachtet wurden. Außerdem sprachen die Tränenspuren in Reni`s Gesicht eine deutliche Sprache. Was musste er mehr wissen.

Er fasste Reni an die Hand und zog sie dann einfach an sich und umfasste ihre Schultern. So brachte Anton die Kleine in eine Seitenstraße, an deren Ende das Amt lag.

„Ich muss jetzt wieder nach Hause. Meine Mutter will das so.“ Anton fühlte sich unendlich feige und unfähr bei diesen Worten und er wagte es nicht, Reni in die Augen zu schauen.“
„Das ist schon in Ordnung Anton. Es ist gut so, glaub es mir.“ Reni legte ihre Hände um seinen Hals und zwang ihn so, sie anzuschauen. „Du bist wie Christian. Das ist mein Bruder, und ich habe ihn sehr sehr lieb.“ Reni stellte sich auf die Zehenspitzen, zog Anton gleichzeitig zu sich herunter und küsste ihn sanft auf die Nase. So verabschiedete sie sich jeden Morgen von Christian, und es fühlte sich an, als wäre das richtig.

Und wieder drehte sich Reni um, ohne zurück zu blicken, und lief davon. Wenn sie das Licht des Gebäudes erreichte, hatte sie alles gewonnen und gleichzeitig alles verloren. Dessen war sie sich sicher. Sie lief, so schnell sie konnte. Reni befürchtete, dass, wenn sie nur eine Sekunde langsamer würde, sie nicht mehr den Mut aufbrächte, die Tür zum Amt zu öffnen.
Aber schon war sie da. Mit aller Kraft hing sie sich an die Klinke und schob die Tür auf. Sie schlüpfte hinein und lehnte sich von innen mit ausgebreiteten Armen dagegen, als müsse sie etwas Böses aussperren.

Anton sah mit gerunzelter Stirn zu, wie Reni über den Dorfplatz stürmte und das Amt betrat. Er fühlte sich entsetzlich dabei. Alles in ihm drängte ihn, sie zurück zu halten. Und doch blieb er reglos im Schutz der Dunkelheit stehen und merkte überhaupt nicht, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen.

Nicht ganz einhundert Meter weiter stand Christian in einer anderen Seitenstraße und sah ebenfalls zu, wie seine kleine Schwester zum Amt lief. Er hielt das Proviantpaket fest an sich gepresst und auch er merkte nicht, dass er weinte.

Als nach cirka einer Viertelstunde weder das Amtsgebäude zusammen brach, noch die Welt einstürzte und auch sonst nichts passierte, wandten sich beide Jungen vom Dorfplatz ab. Anton ging nach Hause, Christian weiter in Richtung Westen. Beide hatten das Gefühl, etwas Wertvolles verloren zu haben und sie fühlten sich beide hilflos, weil sie daran nichts ändern konnten.

Reni sah sich ein wenig ängstlich um und wusste nicht wirklich, wie es nun weiter gehen sollte. Sie hatte noch nie ein Amtsgebäude betreten und kam immer mehr ins Staunen, als sie die Einrichtung betrachtete. Sehr viel Zeit blieb ihr dazu nicht, denn es öffnete sich eine der vielen Türen und ein Mann trat auf den Flur. Reni schätzte, dass er mindestens zehn Jahre jünger, als Max sein musste. Er wirkte eher erstaunt, als böse, als er Reni wahr nahm.
Reni rechnete eigentlich damit, dass sie sofort fest genommen und in ein finsteres Loch gesteckt werden würde. Der Behörde-Mensch näherte sich ihr dagegen fast schon zögerlich.

„Was willst du hier, Kleine?“, fragte er mit freundlicher Stimme.
„Ich will, dass Sie mich nach Hause bringen.“, entgegnete sie, wie, aus der Pistole geschossen.
„Ja, weisst du denn nicht mehr, wo du wohnst?“
„Doch, schon. Aber es ist so weit bis in die Stadt.“
„Du wohnst in der Stadt?“, fragte er ungläubig. „In LE?“
„Ja.“ Reni senkte die Augen und fürchtete sich vor den nun kommenden Fragen.

Sie durfte auf keinen Fall Lügen. Eine Lüge würde der Erkennungs-Chip in ihrem Arm sofort registrieren. Mami und Max hatten ihr erklärt, dass sie in diesem Fall automatisch irgendein Zeug ins Blut bekam. Wenn das passierte, fiel man in Ohnmacht und es erging gleichzeitig eine Meldung an die Behörde. Die schickte dann Behörde-Menschen, die einen einfach mitnahmen.

Dann bekam man ein Gegenmittel gespritzt und konnte dann nur noch mit der vollen Wahrheit auf alle Fragen antworten.
Je nach Schweregrad der Lüge wurde danach von einem Gericht über die Strafe entschieden. Wenn man Glück hatte, lief es auf gemeinnützige Arbeit hinaus. Wenn man Pech hatte, landete man im Sterbehaus, wenn man erwachsen war.
Kinder wurden nicht dort hin gebracht. Mami nannte den Ort, an den Kinder gebracht wurden, immer „Erziehungsanstalt mit garantierter Gehirnwäsche“. Reni verstand den Namen dieses Ortes nicht, aber er klang nicht wirklich gut.

Jedes Kind in RodLand lernte nach dem Sprechen das Schweigen. Schweigen wurde nicht als Lüge bestraft. Der Chip erkannte genau, ob man eine Lüge aussprach, oder nur dachte. Diesen Vorteil wollte sie von nun ab ausnutzen.

„Wie, um alles in der Welt, bist du denn hier her gekommen?“, fragte der Behörde-Mensch. Reni dachte nicht daran, ihre Augen zu senken, wenn sie schwieg. Sie sendete ihm ihr Schweigen und sah ihm dabei gerade in die Augen.

Ihre Botschaft kam sofort an. Wie, als hätte sie ihm etwas gesagt, nickte er. „Gut Kleine, dann wollen wir mal deinen Chip auslesen und sehen, zu wem du gehörst. Komm mit.“ Er hielt Reni seine Hand hin, die sie zögernd ergriff. „Du kannst mich Kevin nennen. Verrätst du mir auch deinen Namen, oder muss ich auf Antwort aus dem Lesegerät warten?“

„Ich heiße Reni, und ich will zu meiner Mami.“
„Reni, also? Lass uns nachsehen, was ich für dich tun kann.“ Er führte Reni in ein Zimmer, in dem sie das größte Chip-Lesegerät erblickte, dass sie je in ihrem Leben gesehen hatte. Sie kannte ja nur die kleinen Geräte, die die Behörde-Menschen auf der Straße bei sich trugen, um die Erwachsenen und Kinder zu kontrollieren.
Sie legte ihren Arm in die Mulde und dieser Kevin setzte sich vor einen Bildschirm, der größer war, als ihr Esstisch zu Hause.
Die Prozedur dauerte nur wenige Minuten. Dann schaltete Kevin das Lesegerät aus und setzte sich zu Reni. Er schien über irgend etwas nachzudenken, und musterte Reni dabei von Kopf bis Fuss, so dass es ihr schon richtig mulmig wurde.

„Dein Nachname ist also Stenzel.“, stellte er eigentlich nur für sich selbst fest. „Du entstammst einer berühmten Familie, Reni. Wusstest du das?“

Reni verstand nicht, was an ihrer Familie berühmt sein sollte und zog es deshalb vor, die Antwort zu schweigen. Kevin schien nichts anderes erwartet zu haben.

„Deine Mutter und Max haben dich heute morgen als anwesend gemeldet. Trotzdem taucht ihr kleines Mädchen zwölf Stunden später und fast einhundert Kilometer entfernt hier, in diesem Grenzdorf auf, und möchte nach Hause gebracht werden. Nun, ich finde das zumindest merkwürdig. Du scheinst viel von deinen Eltern und deinen Alten gelernt zu haben.“
Auch darauf erwartete dieser Kevin offensichtlich keine Antwort. Reni erkannte recht gut, dass der Mann nur laut nachdachte.

„Nun gut.“ Kevin schien einen Entschluss gefasst zu haben. „Ich werde dich nach Hause bringen. Ich kannte deine Oma-Alte, weisst du. Ich denke, dass bin ich ihrer Enkelin schuldig.“

Reni verstand nicht wirklich, was Kevin da erzählte. Eins aber drang unmißverständlich zu ihr durch. Offensichtlich wollte dieser Mann sie nach Hause bringen, und nicht in irgendeine Kinderanstalt, vor der sie unsägliche Angst hatte.

Christian und Anton steuerten unabhängig voneinander den Findling an, auf dem Reni zuletzt gesessen hatte. Beide hatten das Gefühl, sich irgendwie noch einmal von ihr verabschieden zu müssen.
Sie trafen zeitgleich bei dem Felsen ein.

Anton sah Christian zuerst.
„He!“ Mehr fiel ihm im Augenblick der Überraschung nicht ein. Christian zuckte zusammen und wollte sofort in den Wald flüchten.

„Bleib hier,“ rief Anton hinter ihm her. „Ich will dir nichts tun.“

„Könntest du garnicht.“, kam es aus dem Gebüsch zurück, in dem Christian sich versteckte.

„Du bist der Bruder der Kleinen aus der Stadt.“ Anton erwartete keine Antwort und sprach deshalb einfach weiter. „Ich sah das Proviantpäckchen unter deinem Arm. Vorhin, als du im Mondlicht gut zu sehen warst. Meine Mutter hat mir zwei davon für Reni mitgegeben. Als sie vom Stein herunter kam, waren ihre Hände leer, obwohl sie das Paket mit nach oben nahm. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass wir beobachtet wurden. Das warst du, stimmts?“
Anton musste eine Weile warten, bis Christian sich zeigte. Nach ein paar Minuten raschelte es sehr viel weiter weg von dem Strauch, hinter dem Anton den Jungen vermutete.

Christian kam vorsichtig zum Stein, ohne die Schatten der Dunkelheit wirklich zu verlassen. „Warum hast du meine Schwester zum Amt gebracht?“, fragte er als erstes wütend.
„Sie wollte es so. Ich hätte sie auch lieber wo anders hin gebracht. Aber sie kann sehr energisch sein.“ Anton zuckte mit den Schultern und ein Grinsen flackerte über sein Gesicht. „Außerdem war meine Mutter mißtrauisch. So kurz vor der Grenze sind die Kontrollen streng und die Strafen hart. Niemand geht ein Risiko wegen eines kleinen Mädchens ein. Ich hätte sie trotzdem, auch ohne den Schutz der Alten, zur Grenze begleitet. Aber sie wollte wirklich nicht. Sie wollte immer nur nach Hause.“

Christian dachte lange über Anton´s Worte nach. „Das verstehe ich nicht.“, meinte er dann.
„Sie ist die ganzen drei Tage mit mir mitgekommen, ohne mich ein einiges Mal zum Umkehren zu bewegen.“

„Vielleicht denkt sie, dass sie eine Last für dich wäre. Aber ich glaube, sie hat einfach nur Sehnsucht nach ihrer Mami. Egal, wie. Du musst noch heute Nacht hier verschwinden. Jetzt schiebt Kevin noch Wache im Amt. Der drückt schon mal ein Auge zu, wenn es darauf ankommt. Heute Nacht übernimmt die Alte Muriel das Amt. Der entgeht nichts, und sie meldet alles.“

„Was macht dieser Kevin mit Reni?“

„Das weiß ich nicht. Kevin ist in solchen Sachen nicht so, wie die anderen Behörde-Menschen. Wenn er tut, was er tun müsste, bringt er sie in die nächste Flaggenfestung. Wenn sie Glück hat, bringt er sie zu ihrer Mami.“

„Flaggenfestung? Was ist das denn?“

Jetzt lachte Anton, als hätte Christian einen Witz gemacht. „Na komm, du weisst schon. Wo sie Kinder, wie mich oder dich hinbringen. Kinder die gegen die Regeln verstoßen und dabei erwischt werden.“
„Und was machen sie mit denen?“
„Sie erziehen sie zu Behörde-Menschen, oder sie lassen sie verschwinden. Sag bloß, du weisst nichts von den Flaggenfestungen?“ Anton konnte es nicht glauben.

„Doch, schon, irgendwie…,“ Christian dachte einen Augenblick nach. „Es gibt Gerüchte. Aber ich habe nicht viel drauf gegeben. In LE interessiert es niemanden, wenn ein Kind weg bleibt. Die Eltern sind meistens froh, dass sie weg sind, oder bemerken es nicht einmal. Droge, verstehst du?“

„Wir kommen an einer Flaggenfestung vorbei, wenn ich dich zur Grenze bringe. Dann kannst du sie selbst sehen.“
„Du bringst mich zur Grenze?“, fragte Christian überrascht.
„Klar doch, ich hab mich in deine Schwester verliebt und hoffe, sie wird mich heiraten, wenn sie erfährt, was ich für dich getan habe.“ Anton nahm Christians Schlag auf die Schulter gelassen hin. „Nur meiner Mutter müssen wir aus dem Weg gehen. Ich glaube, die bringt uns persönlich in die Flaggenfestung, wenn sie uns erwischt.“

„Dann los,“ erwiderte Christian. „Bevor deine Mutter, Muriel oder sonst wer kommt. Bist du dir mit Reni sicher?“

„Ja Mann. Hundert Pro! Die will nicht mit!“

Christian fand, dass die Gesetze von Rodland auch manchmal Vorteile hatten. Man konnte einfach jedem Kind vertrauen, so lange es nicht schwieg.

Kevin brachte Reni in dem kleinen Shuttle, den die Behörde für die Fahrten nach Le benutzte. Er schärfte Reni ein, sich von den Fenstern fern zu halten und sich möglichst nicht zu bewegen. Er wusste, wenn Muriel die Kleine zu Gesicht bekam, wurde Reni sofort in die nahe gelegene Flaggenfestung gebracht und ihre Eltern landeteten unweigerlich im Sterbehaus. Seine Sorge erwies sich schnell als unbegründet. Reni musterte das Innere des Shuttles zuerst neugierig. Dann probierte sie eine der bequemen Sitzschalen aus und kuschelte sich fast augenblicklich in die weichen Polster. Innerhalb von Minuten schlief sie tief und fest, so dass Kevin das Amt an Muriel übergeben konnte, ohne, dass diese misstrauisch wurde.

Die Fahrt nach LE verlief sehr ruhig. Kevin war froh, dass die Kleine schlief. Er musste über einiges nachdenken, denn es war das erste Mal, dass ihn ein Verstoss gegen die Gesetze in ein Sterbehaus bringen konnte. Kevin lehnte sich schon seit frühester Kindheit gegen die Gesetze von RodLand auf.
Er wurde mit neun Jahren seinen Eltern entrissen und in eine Flaggenfestung gebracht. Die Erzieher und Lehrer dort versuchten alles, um ihn zu einem linientreuen Behörde-Menschen zu erziehen. Kevin lernte sehr schnell, dass er sich nur selbst schadete, wenn er nicht nach deren Regeln spielte. So setzte er seinen Ehrgeiz daran, ein Vorzeige-Schüler zu werden. Es war ihm klar geworden, dass er nur so den verhassten Mauern schnellst möglichst entfliehen und gleichzeitig zu einer Position kam, von der aus er einen gewissen Einfluss ausüben konnte.
Sein Vater hatte diese Strategie immer ‚Gib-den-Affen-Zucker‘ genannt. „Kevin“, hatte er eines Morgens zu ihm gesagt, „du glaubst nicht, wie viele Möglichkeiten sich eröffnen, wenn du den Menschen genau das gibst, was sie von dir verlangen. Du musst nicht damit einverstanden sein, du musst noch nicht einmal verstehen… Du tust einfach nur, was du ihrer Meinung nach tun sollst. Was du dir dabei denkst, ist ganz allein deine Sache. Und wie du handelst, wenn sie bekommen haben, was sie wollen, auch.“ Einen Tag später brachte man seine Eltern ins Sterbehaus und ihn selbst in die Festung.
Er hatte die Worte seines Vaters nie vergessen und fast immer danach gehandelt. Sie ließen ihn zu einem der jüngsten Amts-Vorsitzenden in RodLand werden.

Als Kevin in LE ankam, war es fast Mitternacht geworden. Die Gefahr, jetzt mit Reni angehalten zu werden, schien äußerst gering zu sein. Trotzdem ging Kevin kein Risiko ein. Er parkte den Shuttle auf einem öffentlichen Parkplatz. Dann hüllte er Reni in seinen Mantel und nahm sie behutsam auf die Schulter. Reni wurde kaum wach, was Kevin nur recht sein konnte. Er wandte sich von der Hauptstraße ab und suchte sich den Weg zum Wohnhaus ihrer Eltern über die Innenhöfe. Als er vor Reni’s Zuhause stand, fand er selbst die Hintertür geschlossen vor. Es wäre leicht für ihn gewesen, die Tür zu öffnen. Die Eingangstüren aller Wohnhäuser in RodLand wurden von der Behörde überwacht und jeder Behörde-Mensch konnte sie mit seinem Scanner öffnen. Das bedeudete aber auch, dass der Zutritt registriert wurde, und das musste Kevin unter allen Umständen vermeiden.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zur Vordertür zu gehen, und Reni’s Eltern heraus zu klingeln. Überraschend schnell wurde es im Hausflur hell und eine offensichtlich unter Droge stehende Frau musterte ihn mit dem typisch verwirrtem Blick durch die Scheibe der Haustür.
Kevin lüftete den Mantel und zeigte ihr Reni. Und Lisa öffnete ihm.

„Löschen Sie das Treppenlicht, sagen sie kein Wort und bringen Sie uns so schnell, wie möglich, in Ihre Wohnung. Los!“ Kevin zwang Lisa sofort zum Handeln und Lisa gehorchte auf’s Wort.
In der Wohnung angekommen, drückte er Lisa ihre Tochter in die Arme und lauschte noch ein paar Minuten in das dunkle Treppenhaus hinaus. Es war kein Ton zu hören. Also verschloss er die Wohnungstür und folgte Lisa ins Kinderzimmer. Sie hatte Reni mittlerweile aus dem Mantel geholt und brachte sie gerade ins Bett.
Sie ließ eine kleine Nachttischlampe an, als sie damit fertig war, und das Zimmer verließ.

Sie saßen sich am Küchentisch gegenüber.
„Wo haben sie Reni gefunden?“ Lisa schien vollkommen auf Droge zu sein, und Kevin wurde klar, dass er Reni von einer Gefahr zur anderen gebracht hatte.

„Das ist egal. Sie legen sich jetzt hin. Sie müssen erst einmal runter kommen. Wie schlimm sind sie drauf? Reichen zwei Stunden?“

Lisa nickte. „Mir schon, aber Max sicher nicht.“

Kevin verstand. „Also, Lisa. Sie legen sich hin, ich kümmere mich um Max. Wir müssen vor Anbruch der Dämmerung aus der Stadt sein.“ Kevin scheuchte Lisa hoch.

„Was ist mit Christian?“, fragte Lisa, als sie die Tür erreichte.

„Wer ist Christian?“

„Mein Sohn, Reni`s großer Bruder…?“

„Kenn ich nicht.“ Kevin ahnte Schlimmes. „Gehen Sie schlafen. Ich muss nachdenken und wecke sie in zwei Stunden.“
Er hörte, wie Lisa ins Kinderzimmer ging.

Kevin sammelte seine Gedanken. Er musste Reni und ihre Eltern zum Bunker bringen. Dessen war er sich bewusst. Sie waren sicher nicht die Idealbesetzung zur Inbetriebnahme, aber irgenwo beginnt ja wohl jeder Plan, mit dem ersten Schritt.
Es gab also noch einen Christian.
Kevin vermutete, dass Christian mit Reni abhaute, bevor sie die Behörde in die Fänge bekam. Das erklärte auch das plötzliche Auftauchen der Kleinen in seinem Grenz-Amt.
Zumindest Lisa schien ihm noch klar genug zu sein, um geahnt zu haben, dass irgend etwas in dieser Art passieren würde. Ihre Reaktion auf sein mitternächtliches Erscheinen basierte auf wenig Überraschung und jeder Menge Erleichterung, trotz Droge. Kevin vermutete, dass Reni’s Bruder die drohende Gefahr für die Eltern und sich selbst erkannte, und Lisa das ahnte.

Es gab nur drei Varianten, bei denen Eltern von ihren Kindern getrennt wurden, sie selbst ins Sterbehaus und die Kinder in eine Flaggenfestung mussten.
Nummer eins war unbestritten zuviel Droge.
So lange die Bewohner RodLands aber weder mit Kindern, noch mit Alten zusammen lebten oder für diese verantwortlich waren, mussten sie nicht am morgendlichem Scanning teilnehmen.
Es war nur wichtig, dass man da war. An den Versorgungsanlagen, bei gemeinnütziger Arbeit, … wo auch immer. Die Anwesenheit wurde automatisch über den implantierten Chip ausgelesen. Ob jemand dabei auf Droge war, oder auch nicht, interessierte die Behörde nicht. Ging man nicht zur Arbeit,…Sterbehaus. Wurde man krank, … Sterbehaus. Verstieß man gegen die Regeln, … Sterbehaus.

Früher gab es noch Gefängnisse für Menschen, die gegen die Regeln verstießen. Es gab auch noch Krankenhäuser. Und es gab keine Altersbegrenzung ab dem 50. Lebensjahr.

Die Behörde reagierte auf die Forschungsergebnisse über die Verwertbarkeit menschlicher Biomasse schnell und erbarmungslos. Lisa´s Mutter, die leitende Wissenschaftlerin wurde Opfer ihrer eigenen Studie. Als die Ergebnisse ihrer Studie in der Welt bekannt wurden und die Behörde das erste Sterbehaus baute, begann die Welt, RodLand mit Sanktionen zu strafen. Als die ersten Gesetzesänderungen vorgenommen wurden, gab es einen Aufschrei in der Offenen Welt. Die Behörde verordnete folgendes:

Schritt 1: Jeder Bewohner kam zu seinem 50sten Lebensjahr in ein Sterbehaus und wurde zu Biomasse verarbeitet.
Schritt 2: Jeder unheilbar Kranke jeden Alters kam in ein Sterbehaus, wenn zwei unabhängige Ärzte, die Diagnose bestätigten, egal, welchen Alters.
Schritt 3: Jeder Dieb, Mörder, Vergewaltiger; Menschen, die Kindern Gewalt antaten, gegen die Behörde rebellierten; Droge-Abhängige -ab einem gewissen Schweregrad- kamen in ein Sterbehaus.
Die Kinder dieser Menschen kamen in eine Flaggenfestung. Eventuell vorhandene Alte, die von diesen Menschen abhängig waren, kamen ebenfalls in ein Sterbehaus.

Die Behörde entging mit diesen Gesetzen zwei Dingen, ohne großen Aufwand betreiben zu müssen. Sie bekam erstens genug Biomasse, um die Menschen im Land trotz der Sanktionen ernähren zu können und sparte sich zweitens die Aufwendungen für Gefängnisse und Krankenhäuser. Nebenbei bekam sie auch noch jede Menge Nachwuchs frei Haus geliefert.

Kevin wusste mittlerweile von Forschungen, bei denen Biomasse zur Energiegewinnung im Fokus standen. Er hatte keine Ahnung, wie weit diese schon Gestalt annahmen und wollte es auch nicht wissen. Seinen Informationen nach, begann die Behörde Droge selbst zu produzieren und es kursierten auch Gerüchte, dass sie Droge legalisieren und gleichzeitig den erlaubten Abhängigkeitsgrad auf ein Minimum herunter setzen wollte. Danach musste wohl jeder am morgendlichen Scanning teilnehmen.

Wenn das wahr würde, bekäme die Behörde mit einem Schlag genug Biomasse zur Energiegewinnung, und gleichzeitig würden die Sterbehäuser wie Pilze aus der Erde schießen.

Kevin hatte den Bunker bei einem seiner Streifzüge in die Wälder, die sein Grenz-Amt umsäumten, entdeckt. Als junger Mann und nach der Flaggenfestung verspürte er einen kaum zu unterdrückenden Drang nach Bewegung und Freiheit. Die Erkundung des Bunkers hätte ihm fast das Leben gekostet. Der Bunker schien noch aus der Zeit der alten Kriege zu stammen. Das Labyrinth der Gänge, die vielen Zimmer und Hallen verlockten Kevin, immer weiter hinein zu gehen. Als er wieder zurück wollte, wusste er nicht mehr, wo der Eingang war. Zwei Tage irrte er in dem unterirdischen Gebäude herum, bis er ihn wieder fand.

Kevin beschloss damals, diesen Bunker als Zufluchtsort für Grenzgänger herzurichten. Ein wenig dachte er dabei auch an sich selbst. Vielleicht brauchte er selbst irgendwann ein Versteck? Wie auch immer, mittlerweile lebten fünf Menschen dort. Es waren Leute, die er vor dem Sterbehaus gerettet hatte und ein Mädchen, das aus der Flaggenfestung geflohen und den Bunker durch Zufall entdeckt hatte. Sie halfen ihm, den Bunker für kommende Hilfesuchende einzurichten.

Lisa, Max und Reni sollten die nächsten sein, die dort Einzug hielten. Er musste nur noch Max fit bekommen und mit der Familie vor der Morgendämmerung die Stadt verlassen.

Kevin kannte nur ein Mittel, welches schnell und wirksam gegen die Auswirkungen von Droge half. Er trug immer ein paar Ampullen davon mit sich herum. Man konnte nie wissen, wohin und zu wem die Behörde einen als nächstes schickte. Das Mittel hatte einen unaussprechlichen chemischen Namen. Deshalb nannte es alle nur ‚Fasit‘. Fasit verminderte nicht die Wirkung von Droge. Es verstärkte lediglich die Wahrnehmung eines unter Droge stehenden Menschen. Und zwar so sehr, dass dieser besser denken und antworten konnte, als er das auch ohne unter Droge zu stehen, vermocht hätte.

Er fand Max im Schlafzimmer. Kevin versuchte, die Verwahrlosung und die Ausdünstungen von Max zu ignorieren. Er bereitete sich auf einen Kampf vor. Menschen, die auch nur für einen Moment von Fasit neutralisiert wurden, konnten unberechenbar sein.

Als Kevin das Fasit injizierte, merkte es Max noch nicht einmal. Das gab Kevin einige wenige Minuten. So gut es ging, fesselte er Max‘ Hände mit herum liegenden Kleidungsstücken ans Bett.

Max wachte wenig später auf, und er fing fast sofort an zu Toben. Kevin warf sich über ihn und hielt seinen Mund zu.
„Glaub mir Mann“, zischte Kevin den unter sich wütenten Max zu. „Ich habe noch eine Hand frei. Mit der halte ich dir auch noch die Nase zu, bis du dich nicht mehr bewegst. Deine Frau und Reni nehme ich mit mir, mit, oder ohne dich. Deine Entscheidung.“
Max wurde ruhiger und Kevin wagte es, die Hand von seinem Mund zu nehmen.
„Wer bist du?“, keuchte Max.
„Einer, der deine Tochter vor der Flaggenfestung retten möchte. Einer, der dich und deine Frau vor dem Sterbehaus bewahren kann. Aber nur, wenn du tust, was ich dir sage.“
„Wer bist du, Mann?“, fragte Max, nun schon ruhiger. Und nun, vollends wach: „Reni ist wieder da? Wo ist Christian?“

„Ich bin Kevin. Amt-Vorsitzender eines Grenzdorfes, etwa 100 Kilometer östlich von LE. Reni stand gestern Abend allein in meinem Amt und verlangte, zu ihrer Mami gebracht zu werden. Ich dachte, das wäre eine gute Idee. Als ich euch hier sah, wusste ich allerdings, dass ich mir den Weg hätte sparen können.“

Max dachte über Kevin’s Worte nach und zerrte an seinen Fesseln. „Was hält dich davon ab, uns der Behörde zu melden?“

„Deine Schwiegermutter. Sie hat mir mein Leben gerettet. Du, weil du den Bau der Sterbehäuser sabotierst, wann immer es dir möglich war. Deine Frau, weil sie nie die Tagesrationen nimmt und ihre Kinder lieber betteln und containern schickt.“ Kevin begann, Max von den Fesseln zu befreien. „Geh ins Kinderzimmer, weck deine Familie und packt ein paar Sachen zusammen. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Bevor die Sonne aufgeht muss ich im Grenzdorf sein. Die Leute sind es gewwohnt, dass ich die Nächte in LE verbringe. Und euch bringe ich in den Bunker.“

„Woher weiß ich, dass du uns nicht der Behörde auslieferst?“ Max war zu verblüfft, um kluge Fragen stellen zu können.

Kevin lachte. „Wir sind immer noch in RodLand, Max. Lügen bekommt uns hier gar nicht gut. Schon vergessen?“

Max erwiderte nichts darauf. Er verließ wortlos das Schlafzimmer und Kevin hörte, wie Max seine Frau und Reni weckte. Er zog sich in die Küche zurück, in der Hoffnung, dass die Wirkung von Fasit auch das Einpacken der richtigen Klamotten beeinflusste.
Kevin täuschte sich nicht. Als die drei in der Küche erschienen, waren sie in wetterfeste Kleidung gehüllt und es stand neben jedem nur ein einziger Rucksack.

„Was ist mit unseren Chips? Ihr könnt uns doch überall orten.“

Kevin hatte diese Frage von Max erwartet. „Du hast vollkommen Recht. Im Bunker werdet ihr von den Dingern befreit. Toni hat einen Weg gefunden, wie ihr zumindest aus der Meldedatei verschwindet. Ich habe ihm noch gestern abend eure ID geschickt. Wenn euch niemand vermisst, sollte das reichen. Falls doch, wird man euch suchen. Allerdings wusste ich von Christian nichts. Eure ID’s sind Adressen zugeordnet, nicht Familien. Nach Geschwistern habe ich nicht gesucht.“

„Man kann den Chip nicht einfach entfernen.“ Lisa klang leicht hysterisch. „Man stirbt, wenn man das versucht.“

„Richtig, Lisa.“ Kevin blieb ganz ruhig. „Wir holen ihn auch nicht aus euren Armen. Wir neutralisieren einfach seine Signale. Toni ist genial.“

„Wer auch immer dieser Toni sein mag, ich hoffe, er weiß, was er tut.“ Max wusste, dass man immer eine Wahl hatte. Er konnte weiter machen, wie bisher, und in den nächsten Tagen im Sterbehaus landen. Oder er vertraute sich und seine Familie diesem Kevin an, und entschied später, wie es weiter gehen sollte. Der Weg ins nächste Sterbehaus blieb ihm in jeden Fall offen.

Von diesem Augenblick an verlief alles nach Kevins Anweisungen. Die Wohnung verließen sie, ohne einen Blick zurück zu werfen. Reni hielt sich dicht an Kevin, zu dem sie unbedingtes Vertrauen hatte. Lisa’s und Max‘ Ortskenntnis ließen sie deutlich schneller den Shuttle erreichen, als Kevin es für möglich gehalten hätte. So fuhren sie dem Grenzgebiet entgegen, sehr viel zeitiger, als Kevin dachte.

Den Bunker erreichten sie im Morgengrauen. Max, Lisa und Reni bemerkten den Eingang erst, als Kevin die Tür öffnete, indem er scheinbar ein Gebüsch aus der Erde zog. Ein junger Mann schien auf sie gewartet zu haben, denn er begrüßte Kevin überschwenglich in der hell erleuchteten Höhle.

„Los, los, los…, ihr seid spät dran Kevin. Mach, dass du ins Dorf kommst. Wir kümmern uns schon.“ Toni wandte sich an die Familie. „Ich bin Toni. Ich kümmere mich gleich um eure Chips, aber Kevin muss jetzt los. Also kommt mit, …“

Kevin kannte Toni. Er würde die richtigen Worte finden. Er und seine Familie lebten seit einem halben Jahr im Bunker.

Er winkte kurz zum Abschied, setzte den Shuttle in Bewegung und war froh, als er nach dieser Nacht endlich in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung im Dorf ankam.

 

Christian fühlte sich unbehaglich. Er war ein Stadtjunge, gewohnt auf Straßenbahnen, Autos, Shuttles und Fahrräder zu reagieren. Er kannte jede Straße der Stadt, jeden Containerplatz und jeden Ort, den man meiden sollte, wollte man sich nicht in Schwierigkeiten bringen.
Hier draußen war alles anders. Anton lief durch den Wald, als gäbe es einen unsichtbaren Wegweiser. Christian hatte schon längst die Orientierung verloren und hasste mittlerweile das Gefühl, diesem fremden Jungen ausgeliefert zu sein. Allerdings glaubte er auch daran, dass Anton wusste, was er tat, und wohin er lief.
Nach einer Stunde kamen sie zu einer kleinen Hütte, die inmitten einer winzigen Lichtung stand. Anton sah sich aufmerksam um, bevor er die Lichtung betrat. Anscheinend war alles in Ordnung, denn nachdem er die Umgebung sorgfältig sondiert hatte, lief er geradewegs auf die Hütte zu. Christian lief ihm einfach nach. Was sollte er auch sonst tun? Ob es ihm passte, oder nicht. Er kannte sich in diesem Wald nicht aus. Wäre er allein gewesen, wäre der Kompass sein Führer gewesen. Anton schien die bessere Alternative zu sein.
Die Hütte bestand nur aus einem einzigen Raum. An den Wänden standen nur Regale, die vollgestopft mit Kleidung und Konserven ein einziges Wirrwarr bildeten. Anton stellte ein Licht auf, das Christian nicht kannte. Dann hängte er ein dunkles Tuch vor das kleine Fenster.

„Wo sind wir hier?“, fragte Christian nachdem er sich gründlich umgeschaut hatte.

Anton hatte sich eine Büchse aus einem der Regale geholt, einen kleinen Kocher in Gang gesetzt und ließ sich nun neben Christian nieder. „In einer der Vorratshütten. Die hier betreibt meine Familie. Hier bringen wir Zeugs hin, wie Essen und Kleidung. Falls wir mal einen Grenzgänger begleiten. Einen, wie dich.“ Anton rührte vorsichtig den Inhalt der Konserve um und ein wohliger Duft stieg in Christians Nase.

„Was kochst du da?“, hielt es Christian nicht mehr aus und rutschte ein wenig näher an den Kocher heran.

Anton lachte. „Ich koche gar nichts, ich mache einfach nur warm. Den Goulasch hat meine Mutti gekocht, mit saurem Kraut darin. Das schmeckt echt lecker. Zu Hause gibt es Kartoffelklöße dazu. Hier haben wir nur Brot. Aber schmeckt trotzdem, wirst schon sehen.“
„Das Zeug darin habt ihr alles selbst gemacht?“
„Ja klar. Ich hab sogar das Schwein gefüttert, dessen Schinkenstücke in der Soße schwimmen. In unserem Keller stehen die Fässer mit dem Sauren Kraut. Und auch welche mit Gurken. Ich sage dir, dass schmeckt auch so, ohne alles, lecker. Meine Mutter behauptet immer, sie hätte nichts anderes zu tun, als uns von den Fässern fern zu halten.“

„Wir essen nur Gemüse und Obst, was ich aus den Containern sammeln kann. Mit Wurst und Fleisch muss man da immer vorsichtig sein. Mutti kocht alles immer noch einmal ab. Das einzigste, was wir aus den Versorger-Läden holen, ist Brot und Nudeln. Mutti sagt, da ist keine Biomasse drin.“

„Was ist Biomasse?“, fragte Anton.

„Irgend so ein Zeug. Angeblich macht es einen satt. Max und Mutti behaupten immer, es wäre der Untergang der Nation. Ich kenne aber viele, die es essen. Und denen geht es gut.“

Der Goulasch war inzwischen heiß. Anton öffnete noch eine Büchse mit Brot und die Jungen löffelten abwechselnd die Suppe aus.
Danach suchte Anton noch ein paar Büchsen Wurst und Brot aus den Regalen heraus, legte ein paar Äpfel hinzu, und drängte Christian dann zum Aufbruch.

Christian wäre sehr viel lieber in der kleinen Hütte geblieben, beugte sich aber Anton’s Willen.

 

Anton folgte einem, für Christian unsichtbaren Weg. Christian konnte sich nicht erklären, wie sich der Junge vor ihm orientierte. Nach einer Stunde verlangte er sogar, dass Christian die Taschenlampe löschte. Sie kämen nun in die Nähe der Flaggenfestung, erklärte er Christian. Und in deren Nähe wären immer Wach-Menschen unterwegs.

Trotzdem lief Anton zielstrebig weiter, auch wenn sie jetzt von vollkommener Dunkelheit umgeben waren. Der klare Sternenhimmel spendete für Christians Gefühl gerade so viel Licht, dass er nicht pausenlos gegen die Bäume stieß.

Nach einer weiteren halben Stunde, schien es im Wald heller zu werden. Anton, den Christian darauf hinwies, bestätigte diese Wahrnehmung. Das wären die Scheinwerfer der Flaggenfestung, erklärte Anton. „Wir kommen bald an den Rand des Parkes, der die Flaggenfestung umgibt. Der Park wird streng bewacht, aber in den Wald gehen die Wach-Menschen sehr ungern und nur dann, wenn sie irgend etwas Verdächtiges bemerken, oder einen ihrer Insassen suchen.“

Christian versicherte Anton, dass er sich so leise, wie es ihm möglich war, bewegen würde. Seine Neugierde stieg in dem Maße, wie sich das Licht der Scheinwerfer verstärkte. Und plötzlich standen sie am Rand einer weiten Wiese, in deren Mitte sich auf einer Anhöhe ein riesiges Gebäude befand. Es sah aus, wie die Burgen in Reni’s Märchenbüchern.
Die Flaggenfestung schien keine Hausecken zu haben, denn an Stelle dieser, behaupteten hohe Türme ihren Platz. Außerdem schien es sich garnicht um ein richtiges Gebäude zu handeln, denn Christian sah kein Dach, nur Zinnen.
Die Mauern bestanden aus riesigen Steinen und sahen aus, als wären sie für die Ewigkeit gebaut. Außer an den Türmen sah Christian auch keine Fenster.

Und er vermisste Flaggen. Wieso hieß die Flaggenfestung Flaggenfestung, wenn keine Flaggen zu sehen waren. Diese Frage stellte er Anton als erstes, als er sich wieder im Schutz der Dunkelheit befand.

„Ganz genau kann ich dir die Frage nicht beantworten. Sie hissen die Flaggen, ohne eine erkennbare Regel dafür zu haben. Sicher ist nur, dass man die Flaggen sehen kann, wenn ein hoher Behörde-Mensch durch unser Dorf kommt und wenn der Shuttle mit den Entlassenen in Richtung LE fährt. Man muss Glück haben, wenn man sie sehen will.
Aber dann sieht die Festung ganz prächtig aus.

Ansonsten werden immer nur einzelne Türme ab und zu geschmückt. Das sind dann die Tage, an denen man auch einmal die Insassen im Park sieht. Mir ist es egal. Die Festung ist mir unheimlich. Und nicht nur im Dunkeln. Bei Tageslicht sieht sie fast noch bedrohlicher aus, als im Licht der Scheinwerfer.“ Anton betrachtete die Festung noch einmal durch die herab hängenden Zweige der Bäume. „Ich möchte nicht heraus finden müssen, wann die Flaggen gehisst werden und wann nicht.“, setzte er nachdenklich hinzu.

Christian warf ebenfalls noch einen letzten Blick und er teilte Anton’s Meinung vollkommen.

Sie ließen die Festung hinter sich und tauchten wieder in der Dunkelheit des Waldes unter. Anton meinte, dass es nun nicht mehr weit bis zur Grenze wäre. Er leuchtete mittlerweile auch jeden Baumstamm ab, bevor sie ihn passierten. Christian wollte schon fragen, was Anton eigentlich suchte, als dieser abrupt stehen blieb. Anton zog Christian an seine Seite und zeigte mit dem Lichtstrahl auf einen Baum in etwa fünf Meter Entfernung. Als Christian genauer hin sah, bemerkte er einige kaum wahrnehmbare glitzernde Stellen in der Rinde des Baumes.

Anton ließ sich auf den Waldboden nieder und bedeutete Christian, dies auch zu tun. Dann wühlte er ein wenig im Waldboden herum und hielt plötzlich einen Griff in der Hand. Als er daran zog, öffnete sich eine Bodenluke und Anton leuchtete mit seiner Taschenlampe in einen kleinen Unterstand.

Christian staunte. „Soll ich da hinunter?“

„Nein, du Dummkopf. Das ist mein Versteck, falls du erwischt wirst.“ Anton stieg in den Unterstand, kramte ein wenig in einer Ecke herum und hievte sich dann wieder nach oben, nachdem er er einen Beutel in Christians Arme geworfen hatte. Dann setzte er sich wieder neben Christian und zeigte ihm, was er herauf geholt hatte.
„Also pass auf. Etwa zehn Meter hinter den Baum mit den Glitzersteinen beginnt die Sicherheitszone. Die Grenzmauer wird streng bewacht. Nicht von Behörde- oder Wach-Menschen, vor denen brauchst du keine Angst zu haben. Es gibt drei verschiedene Sicherheits-und Alarmanlagen. Da sind einmal die Lichtfallen. Die kannst du hiermit sehen.“ Anton hielt Christian eine große Spraydose hin. „Davon hast du im Beutel nur sechs Stück. Mehr bekommen wir nicht von Toni. Er klagt immer, dass das Spray so schwer herzustellen ist. Und ständig beschwert er sich darüber, dass wir zu wenig Zutaten besorgen.“

„Wer ist Toni?“

Anton ging mit keiner Silbe auf Christians Frage ein. „Bis zur ersten Lichtfalle komme ich mit. Ich zeige dir, wie du das Spray einsetzen musst.“

„Gut. Weiter!“ Christian wusste Anton’s Verhalten genau zu deuten. Jetzt kam es nur noch darauf an, dass er sich alles merkte, was Anton ihm sagte. Alles andere war unwichtig.

„Es gibt noch Stolperdrähte, die in verschiedenen Höhen angebracht sind. Du musst extrem gut aufpassen. Die sind schwieriger zu sehen, als die Lichtfallen. Diese Taschenlampe zeigt dir alles, was irgend einen metallischen Ursprung oder Inhalt hat, in einem hellblauem Licht. Das hilft dir auch dabei, die Bodenschalter zu finden.“

„Bodenschalter?“

„Ja! Wie sie genau aussehen, kann ich dir auch nicht beschreiben. Ich weiß nur, dass sie den Alarm einschalten, wenn man auf sie drauf tritt.“

„Was passiert eigentlich, wenn ich den Alarm auslöse?“ Christian war es mittlerweile ziemlich flau im Magen.

„Oh, na wenn das passiert, geht hier richtig was los. Sie haben überall in den Bäumen Scheinwerfer und Rundumleuchten angebracht. Die zeigen ihnen deinen Standort. Innerhalb von fünf Minuten sind sie mit ihren Drohnen da und fangen dich ein.
Du wirst dann wahrscheinlich die Regeln einer Flaggenfestung kennenlernen. Erwachsene verschwinden für immer in den Sterbehäusern.“

Anton ließ Christian ein wenig Zeit, um über seine Worte nachzudenken. Dann sagte er vorsichtig: „Eeh, wir können immer noch umkehren.“

„Nein. Kommt nicht in Frage. Was weißt Du noch?“

„Mmh…, ich war noch nicht oft dabei, wenn ein Grenzgänger rüber ist. Aber es ist zu schaffen. Wenn du vorsichtig bist und nicht in Panik verfällst.

Du brauchst ungefähr zwanzig Minuten bis rüber. Wenn Du den Alarm auslöst und die Grenzmauer schon vor dir siehst, lauf los, so schnell du kannst. Auf den letzten Metern scheinen keine Alarmanlagen installiert zu sein.
Komisch ist nur, dass die Menschen kurz vorher immer stehen bleiben. Als würden sie entweder etwas Wunderschönes, oder etwas Gruseliges sehen. Aber dann stürmen sie los, und dann sind sie einfach verschwunden. Als wären sie unsichtbar geworden.
Die Eltern und auch die Alten, die sie bis hier hin begleiten sagen ihnen, dass sie das so tun sollen. Anders käme man nicht durch die Mauer.“

Anton überlegte kurz, dann fiel ihm noch etwas ein. „Ach so, falls du den Alarm auslöst, dann verstecke den Beutel mit dem Spray und der Taschenlampenbatterien irgendwo und lauf von dem Versteck weg, bis sie dich fangen. Der eine oder andere nach dir ist vielleicht froh, wenn er noch zusätzlichen Vorrat findet.“

Christian ließ sich Antons Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Er hatte Angst, aber, er wollte auch nicht zurück. Also gab er sich einen Ruck.

„Lass uns los gehen, Anton.“

Christian setzte seinen Rucksack auf, bewaffnete sich mit der ersten Spaydose und der Taschenlampe und hängte sich den Beutel um den Hals.
Anton ging vor und behielt den Baum mit den Glitzersteinen scharf im Auge.

„Woher kommen die so schnell? Mit ihren Drohnen, meine ich.“ Christian wollte diese Frage nicht stellen, konnte aber unmöglich auf die Antwort verzichten. Anton verstand sofort und lachte.

„Vergiß es! Keiner von uns meldet einen Grenzgänger. Die Alten meinen, dass es in der Sicherheitsanlage unterirdische Hallen gibt, in denen die Drohnen stehen. Sie behaupten, die Erde würde sich auftun, wie durch Zauberhand. Und dann steigen sie senkrecht auf und fangen den Grenzgänger ein. Und ich glaube, dass da was dran ist. Ich habe nämlich noch nie eine Drohne gesehen, die in Richtung Grenzmauer flog. Wenn, dann kommen sie von dort. Mein Opa-Alter sagt sogar, dass es einen Tunnel gibt, durch die die Drohnen-Besatzungen von Le ins Grenzgebiet kommen. Auch die Drohnen würden auf diese Weise wieder zurück gebracht werden.“

Anton lief nun vorsichtig weiter. Nach zwei Metern schickte er einen Strahl aus der Spraydose, der genau den Raum ausmachte, den er brauchte, um durch zu gehen. Das Spray hielt sich wie Nebel einen Augenblick in der Luft. Außerdem leuchtete er diesen Tunnel sorgfältig mit der Taschenlampe aus.
Es dauerte nicht lange, bis sie auf die erste Lichtfalle stießen.
Christian brauchte keine weiteren Erklärungen mehr. Anton ging trotzdem noch weiter, bis sie auch den ersten Stolperdraht sahen. Dann blieb er stehen.

„Ich denke, ich hab dir jetzt alles gesagt und gezeigt. Jetzt kann ich dir nur noch Glück wünschen.“

„Danke, Mann!“ Christian boxte Anton freundschaftlich auf die Schulter und Anton boxte grinsend zurück. Dann ging Christian in Richtung Mauer. Ohne sich noch einmal umzudrehen. Genau so, wie Reni es tat, wenn sie nicht aufgehalten werden wollte.

 

Christian legte sich sehr schnell eine Routine zu, die ihm erlaubte, zumindest die Lichtfallen zu überwinden. Er suchte sich einfach zwei markante Punkte aus und sprayte dann einen Tunnel. Die Lichtfallen, die kurz über dem Boden angebracht waren, musste er noch einmal ansprayen, um sicher darüber hinweg steigen zu können. Es machte ihm ein wenig Sorge, dass der Inhalt der ersten Spraydose schon nach wenigen hundert Metern verbraucht war.

Den ersten Bodenschalter hätte er beinahe berührt, da er so sehr mit der Suche nach den Lichtfallen und den Stolperdrähten beschäftigt war, dass er überhaupt nicht mehr auf den Boden achtete. Um so mehr achtete er ab diesem Zeitpunkt auf die Bodenschalter. Sie schienen am tückischsten zu sein, da sie so schlecht zu erkennen waren. Er kam sehr langsam voran. Und immer wieder holte er seinen Kompass hervor, um nur ja nicht die Richtung zu verlieren.

Plötzlich änderte sich die Vegetation. Die Bäume blieben zurück und Christian hatte Mühe, Fixpunkte für seine Spraytunnel zu finden. Mittlerweile suchte er sogar nach den wenigen Büschen, die seinen Weg nach Westen noch säumten. Er benutzte mittlerweile die letzte Spraydose und sah immer noch nichts von der Mauer.

Als er den nächsten Busch hinter sich ließ, stand er plötzlich auf freiem Feld. Christian überraschte dieser Anblick so sehr, dass er sich sofort wieder in das Gebüsch zurück zog, hinter dem er eben hervor getreten war. Er hatte keine Ahnung, wie es jetzt weiter gehen sollte. Woher konnte er hier wissen, wie weit er seinen Tunnel gesprayt hatte?

Er legte sich unter das Gebüsch und beobachtete die Gegend. Es war ja nicht so, dass es irgend etwas gab, was es zu beobachten gäbe. Und die Grenzmauer konnte er immer noch nicht sehen. Aber irgend ein Plan musste her.

Christian dachte so angestrengt nach, dass er darüber einschlief.

Als er wieder munter wurde, war es schon fast Mittag, wie er am Stand der Sonne erkennen konnte. Im hellem Sonnenlicht erschienen die Aussichten weiter zu kommen, noch geringer, als in der Nacht. Missmutig betrachtete Christian das Feld, das sich schätzungsweise zwei Kilometer in Richtung Westen erstreckte. Wie sollte er da nur rüber kommen? Und auch jetzt sah er noch keine Mauer. Oder vielleicht doch?
Wenn Christian ganz genau hinüber schaute und seinen Blick nur auf einen Punkt richtete schien es, als würde die Luft flimmern. Der Wald am anderen Ende des Feldes sah seltsam unscharf aus. Sollte das vielleicht die Mauer sein?

Mal angenommen, sie war es. Dann wären es eineinhalb, höchstens zwei Kilometer bis dahin. Christian rannte in den Straßen von LE die zwei Kilometer von seinem Lieblingscontainer bis nach Hause in weniger, als fünf Minuten. Gut, der Acker vor ihm war uneben. Aber er war trocken. Und überhaupt, wo sollten hier noch Lichtfallen und Stolperdrähte her kommen. Es gab ja nichts, woran man sie fest machen könnte. Blieben also nur noch die Bodenschalter. Aber selbst, wenn er auf einen trat, er würde es bis zur Mauer schaffen, wenn sie dort war, wo er sie vermutete.

Christian fasste einen Entschluss. Er entledigte sich aller Sachen, die er nicht mehr mit sich tragen wollte. Selbst den Proviant und das Wasser legte er zu den Sachen, die er nicht mitnehmen wollte. Seine Überlegung war ganz einfach. Würde er geschnappt, dann gäbe es sicher in den Flaggenfestungen Essen und Trinken.
Käme er durch, hoffte er auf hilfsbereite Menschen.

Christian gab sich einen Ruck und trat auf das Feld heraus. Erst ging er langsam und suchte jeden Zentimeter des Bodens vor sich ab. Nachdem sich auch das „gefühlte“ hundertste Blatt als Baumblattt entpuppte, gab er es auf, nach Bodenschaltern zu suchen.
Er lief weiter, ohne weiter danach Ausschau zu halten. Und irgendwann konnte er die Aufregung, Angst, Erwartung und auch Panik nicht mehr unter Kontrolle halten.
Er rannte einfach mit voller Kraft los.

Die Sirenen und die Rundumleuchten nahm Christian schon nicht mehr wahr.

Er rannte auf den Feldrand zu und prallte dort gegen eine zwar feste, aber nicht unnachgiebige Wand. Die Kraft des Aufpralls ließ ihn in dieser nicht sichtbaren Mauer verschwinden, als hätte er sich auf eine Hüpfburg fallen lassen, aus der im Moment seines Aufschlagens die Luft entwich. Der dadurch entstandene Sog beschleunigte ihn noch einmal. Dann hörte er noch ein Geräusch, als würde er durch eine Papierwand getrieben und dann umfing ihn Dunkelheit.

Als Christian aufwachte, beugte sich jemand über ihn und schlug ihm ins Gesicht.

„Wo bin ich?“, stammelte er.

„Ich nehme an, dort, wo du hin wolltest. Willkommen in WestLand. Das gerade mir das passieren muss, ist wieder einmal typisch. So’n Scheiß aber auch.“