Der Übergang – Kapitel 4

Der Übergang

Sie standen auf der Straße, die seltsam schmal wirkte, angesichts der fehlenden Begrenzungen und der Höhe, in der sie sich befand. Unwillkürlich hatten sich die vier zusammen gedrängt, als wollten sie sich jetzt schon vor einer drohenden Gefahr schützen.
Christian durchbrach die Starre, die sie umfangen hielt, löste sich von den anderen, ging auf einen Böller zu und legte seine Hand darauf. Der öffnete sich sofort und genau so schnell waren Klara, Kimmy und Roland an seiner Seite.

„Seht ihr? Die Anlage funktioniert noch, zumindest, was die Böller betrifft. Lasst uns unsere Sachen ein Stück nach oben bringen und dann würde ich zu gern den Schalter zur Entrieglung des NOT-AUS drücken und sehen, was dann passiert.“ Christian ließ Keinem die Zeit, großartig darüber nachzudenken. Er drehte sich einfach um, griff nach allem, was er tragen konnte und suchte nach einer geeigneten Stelle. Aber Paul hatte diese Stelle schon gefunden. Er stand nämlich cirka zwei Meter den Abhang hinauf auf einem großen Etwas, das aus Sicht der Straße an eine Plattform erinnerte.
Christian steuerte genau darauf zu und Roland, der kurz hinter ihm lief meinte, dass Paul sich hier wohl auskennen musste, da ihnen die Plattform sonst nicht so schnell aufgefallen wäre. Christian war das egal. Er versuchte den Hang hinauf zu kommen, der an dieser Stelle besonders steil war, ohne, dass er allzuviel Gestein los trat und die anderen damit in Gefahr brachte.
Aber die gefundenen Stelle schien sich ausgezeichnet für ihre Zwecke zu eignen. Zumindest bot sie eine Rückzugs-Möglichkeit für alle, wenn sie auch keine Möglichkeit bot, das Gepäck zu sichern. Sie stellten alles am Hang ab und suchten dann große Steine , um es zu beschweren. Eine andere Idee hatten sie nicht und auch nicht die Geduld, einen besseren Standort zu finden.
Sehr schnell standen sie dann wieder vor dem Böller und begutachteten noch einmal in Ruhe dessen Schalter. Aber es half alles nichts. Wenn sie nichts unternahmen, dann passierte auch nichts, dessen waren sie sich bewusst.

„Dann also los.“, machte Christian sich selbst Mut und drückte auf den Entriegelungs-Schalter des Not-Aus. Erst geschah überhaupt nichts, und dann begannen die Böller in einem grellen roten Licht pulsierend zu leuchten. Plötzlich wurden die Mauern und das große Tor sichtbar und als nächstes ertönte ein lauter Ton, der im Rhythmus des Böller Lichtes an- und abschwoll. Mit einem Mal wurde es stockfinster und die Luft veränderte sich in Bruchteilen von Sekunden. Christian nahm Gerüche wahr, die er nicht einordnen konnte, die Dunkelheit machte ihm Angst und es wurde furchtbar kalt. Starr vor Staunen sah er zu, wie sich das Tor öffnete und ein Rauschen war zu hören, das immer lauter wurde.
Und dann kam das Wasser mit einer unglaublichen Geschwindigkeit.

„Zurück!“, hörte er Roland hinter sich schreien, aber es war ihm nicht möglich, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Als das Wasser kam, verfolgte er es mit seinen Augen, unfähig, etwas anderes zu tun. Daher nahm er rechtzeitig wahr, dass es nicht, wie an einem See, auf die Halde traf, sondern von einer unsichtbaren Mauer aufgehalten wurde, die sich nun plötzlich hinter ihnen befand. Er hörte, wie Roland und die Mädchen die Flucht ergriffen und schrie mit aller Macht:
„Kraftfeld, Klara“ , und Klara stoppte sofort aus vollem Lauf und mit ausgebreiteten Armen. Kimmy und Roland rannten mit voller Geschwindigkeit gegen sie und verloren durch den Aufprall das Gleichgewicht. Alle drei landeten auf dem Hosenboden, denn Klara hatte blitzschnell reagiert und sich gleichzeitig nach hinten fallen lassen.

„Bleibt liegen, und rührt euch nicht!“, versuchte Christian das immer lauter werdende Wasser zu übertönen. „Ich bin gleich bei euch.“ Christian erhob sich langsam und schwerfällig. Beinahe hätte er seine Freunde mit einem Schlag verloren. Und der Gedanke daran wollte erst einmal verkraftet werden.

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Als Christian bei seinen Kameraden ankam, rappelten die sich schon wieder auf ihre Füße und rieben sich die schmerzenden Glieder.

„Hier ist es furchtbar kalt.“, sprach Kimmy aus, was jetzt allen wieder bewusst wurde.

„Und furchtbar dunkel, zumindest in der Richtung, in die wir eigentlich wollen.“, stellte Roland fest, der nun, wie Christian vor ihm, das herein strömende Wasser fasziniert beobachtete.

Die Mädchen hingegen starrten wie gebannt auf das Kraftfeld, dass sich nur einen halben Meter vor ihnen aufgebaut hatte. Man konnte hindurch sehen. Das Ende der Straße und die Halde lagen scheinbar greifbar vor ihnen und in hellem Sonnenlicht. Paul stand immer noch auf der Plattform, auf der sie eben noch ihr Gepäck abgeladen hatten, und bellte anscheinend wie verrückt. Klara glaubte sogar, ihn durch das Rauschen des herein strömenden Wassers zu hören.

„Das ist unglaublich“, rief Kimmy und drehte sich zu den anderen um, die kurz hinter ihr standen. Im diffusen Licht des Kraftfeldes bemerkten sie nun auch Roland, der am Rand der Straße kniete und beobachtete, wie das Wasser immer weiter stieg. Die Boote schwammen tatsächlich und nun bekamen auch die Seile einen Sinn, mit denen sie an den Böllern fest gehalten wurden. Es dauerte nicht mehr lange, bis sich die gesamte Bucht mit Wasser gefüllt hatte. Sie sahen, dass das Wasser ab ungefähr einen halben Meter unter der Straße nicht weiter anstieg. Jetzt plätscherten kleine Wellen gegen das Kraftfeld und die Pfähle, auf der die Straße ruhte. Die Boote wiegten sich leise in einem kaum noch spürbaren Wind und vermittelten ein Gefühl von Ruhe.

„Lasst uns an das äußere Ende der Straße gehen. Ich möchte zur Mauer und vielleicht sehen wir ja auch noch etwas, da draußen.“, schlug Christian vor und alle waren einverstanden. Die Farbe der Böller hatte sich in der Zwischenzeit zuerst in ein langsam blinkendes Gelb und nun in ein beruhigend warmes, konstantes Grün gewandelt. Somit beleuchteten die Böller die Straße ausreichend, so dass sie sich ohne Gefahr darauf bewegen konnten. Auf der anderen Straße war zeitgleich das selbe passiert, so daß nun ein grün leuchtendes Band auf dem Wasser zu schwimmen schien.
Zwischen den beiden Straßen schwebte anscheinend ein riesiges Rechteck, dessen Kanten von unzähligen kleinen gelben Lichtern beleuchtet wurde. Christian vermutete richtig, dass es sich dabei um den oberen Torflügel handelte, der rechts und links der Straßen von den Mauern gehalten wurde. Je näher sie dem Ende der Straße kamen, desto mehr bestätigte sich Christian’s Vermutung, denn in der völligen Dunkelheit da draußen, genügte das Licht des Tores, um die Halterungen des Toraufzuges erkennen zu können. Sie alle wurden von einem Gefühl beherrscht, dass niemand von ihnen hätte beschreiben können. Sie standen der unfassbaren Tatsache gegenüber, dass es die Draußen-Welt wirklich gab.

Aber ehe sie noch ein Wort darüber wechseln konnten, leuchtete oben am Hang, dort, wo die Mauer begann, ein grelles Licht auf, das anscheinend von einem Menschen getragen wurde, der aus vollem Halse schrie und dabei groteske Sprünge zu vollführen schien, wobei er sich auch um die eigene Achse drehte. Zu verstehen waren seine Worte auf diese Entfernung noch nicht, aber je näher er kam erreichten Wortfetzen die Vier auf der Straße, die dem Geschehen überrascht und wortlos folgten.

„Sie……geschafft!……..Hurraaaa! ……..sind durch! …….fasse es nicht.“ Je näher das Licht mit dem Menschen kam, desto deutlicher konnten sie seine Worte hören.
„Ihr seid durch! Ihr habt es geschafft! Hurraaaaaaa!“

Der Mann rannte, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren, auf das Ende der Mauer zu. Je näher er kam, desto weniger konnten sie ihn von unten sehen. Nur noch an dem Licht konnte man die grotesken Bewegungen erahnen, die der Mann weiterhin vollführte. Klara hielt zischend den Atem an, als sich der Mann dem Ende der Mauer näherte. Im letzten Moment konnten sie erkennen, dass ein Geländer den Mann stoppte. Trotzdem prallte er mit voller Wucht dagegen, was seiner Freude offensichtlich keinen Abbruch tat. Er beugte sich so weit nach unten und fuchtelte mit seinen Armen herum, dass nun auch Christian befürchtete, dass der Mann fallen könnte, der jetzt immerhin gute fünfzehn oder zwanzig Meter über ihnen zu schweben schien.

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Christian beruhigte sich schnell wieder, als der Mann nun von selbst nach einem Halt suchte, da er wohl zu sehr das Gleichgewicht verlor. Trotzdem leuchtete er mit seinem Licht immer noch so weit nach unten, wie er das gefahrlos tun konnte.

„Geht es euch gut?“, rief er nach unten. „Wir warten seit Tagen schon auf ein Lebenszeichen von euch. Seid ihr alle gesund? Ist auch niemandem etwas passiert? Oh Mann, ich kann es immer noch nicht fassen!“

Jetzt verschwand das Licht wieder und flackerte an verschiedenen Stellen der Mauer auf. Scheinbar vollführte der Mann seinen Freudentanz noch einmal und Christian meinte, man müsse wohl warten, bis sich der Mann beruhigt hätte.
Das taten sie dann auch. Klara und Kimmy hatten die Arme umeinander geschlungen, um sich so ein wenig vor der Kälte zu schützen. Christian schaute ganz fasziniert in den Himmel, an dem sich die Sterne klar und hell leuchtend zeigten. So, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Roland lag bäuchlings auf der Straße und spielte mit einer Hand im Wasser. Er kostete es sogar, verzog aber danach angewidert das Gesicht. Sie gaben sich alle den vollkommen neuen Eindrücken und Empfindungen hin und hatten den Mann auf der Mauer fast schon wieder vergessen, bis er sich wieder in Erinnerung brachte.

„Hee, hallo!“, tönte es plötzlich von der Mauer. „Ihr müsst rüber kommen zu mir. Ich werfe euch ein Seil hinunter. Das macht ihr an einem der Boote fest, setzt euch hinein und ich ziehe euch bis zur Halde.“ Ohne eine Sekunde zu zögern, warf er das Seil und Klara und Kimmy konnten sich nur mit einer Rückwärtsrolle davor retten, getroffen zu werden.
Das brachte Christian auf die Beine und er trat an den Rand der Straße.

„Bist du verrückt geworden?“, rief er erbost nach oben. „Du kannst doch nicht einfach ohne Vorwarnung Zeug hier herunter werfen.“

„Du musst Christian sein.“, antwortete der Mann als hätte er Christians Worte überhaupt nicht gehört. „Los! Kommt zu mir.“

„Jetzt ist es aber genug.“ erhob Christian nun mit aller Macht seine Stimme. „Wir machen nichts, solange es dunkel ist. Wir sind doch nicht so weit gelaufen, um dann von einem verrückten Alten umgebracht zu werden.“

Alle schauten erschrocken zu Christian. Seine Ansage kam in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete und den noch niemand von Christian gehört hatte. Der bemerkte überhaupt nicht, welche Wirkung seine Worte hatten.

„Ich steige doch nicht mit meinen Freunden, die nicht schwimmen können, in diese komischen Gebilde, um mich von einem Mann abhängig zu machen, der anscheinend den Verstand verloren hat. Außerdem muss ich die Anlage noch einmal Ausschalten, weil da hinten unsere gesamten Sachen liegen und Paul auf mich wartet.“

„Nein! Nein, Christian. Das kannst du nicht tun.“, kam jetzt entsetzter Widerspruch von dem Mann auf der Mauer. „Ich habe keine Ahnung, wie oft die Anlage noch mitspielt. Das Risiko ist untragbar. Christian, Nein! Das geht nicht.“

„Es muss. Und wir warten, bis es hell ist.“, bestimmte Christian. „Wann wird es überhaupt hell?“, fragte er nun in einem, etwas gemäßigterem Ton.

„In knapp zwei Stunden. Aber Nein, Christian! Tut mir das nicht an. Was, wenn die Anlage nicht mehr funktioniert? Dann bin ich wieder allein hier draußen. Das überstehe ich nicht!“

„Der Mann ist echt verzweifelt, Christian. Du solltest ihm ein wenig Hoffnung lassen.“ Klara war unbemerkt zu Christian gegangen und stand nun dicht hinter ihm. Er schaute sie an und überlegte einige Sekunden.

„Einverstanden. Wir werden darüber beraten.“, rief er hinauf und konnte selbst auf die Entfernung hin erkennen, dass sich der Mann sichtlich entspannte.

„Das ist gut, das ist sehr gut! Das macht mal!“ Der Mann schien nun wieder zu sich selbst gefunden zu haben und machte auf Christian einen guten Eindruck.

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Christian setzte sich wieder zu seinen Kameraden, die ihn immer noch fassungslos anstarrten.

„Der ist doch nicht ganz klar, der Alte.“, schimpfte er vor sich hin und wurde erst jetzt darauf aufmerksam, dass ihn alle anstarrten. „Was ist?“, fragte er in die Runde.

„Das ist Hermann, da oben.“, begann Kimmy und wagte es als einzige, Christian anzusehen. „Der Mann lebt seit erzählten fünfzig Jahren ganz alleine hier draußen. Es ist ihm irgendwie gelungen, die Depot’s weiter zu versorgen und er hält alles zusammen. Die einzigste Möglichkeit, überhaupt mit einem Menschen reden zu können, ist die alterschwache Sprechanlage, die ihn mit den Wächtern verbindet.“

„Na und? Es ist mir egal Wer oder Was er ist. Ich werde uns nicht in Gefahr bringen, nur, weil der Alte nicht mehr allein sein will.“

„Das ist auch nicht notwendig, Christian.“, schaltete sich Klara nun vermittelnd ein. „Wir sollten nur wirklich darüber nachdenken, welche Lösung für uns alle tragbar ist. ICH möchte Hermann seine Freude nicht nehmen, und auch nicht seine Hoffnung. Und irgendwie sind wir am Ende auf ihn angewiesen, ob dir das nun passt, oder nicht.“

„Mir würde es reichen, wenn er uns zu allererst zu ein paar Decken verhelfen könnte. Es ist kalt hier, und das wird sich nicht ändern, bevor die Sonne aufgeht.“ Roland sah sie auffordernd an und erreichte damit, dass sich jeder von ihnen der augenblicklichen Situation wieder bewusst wurden.
Sie sahen sich erstaunt an und Kimmy begann zu grinsen. Dieses Grinsen pflanzte sich fort und dann kicherten alle.
„Was für ein Irrsinn!“, grinste Kimmy immer noch, als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten. „Da schaffen wir es bis hier her, und nun streiten wir uns mit einem alten Mann, der, verständlicher Weise, vollkommen aus dem Häußchen ist.“

„Kein Mensch streitet sich hier.“ Christian hatte seinen Freunden sehr genau zugehört. „Ich bin ja selbst überwältigt und habe nicht die geringste Ahnung, was der nächste Schritt in die richtige Richtung ist. Mann, mir geht es doch nicht darum, Hermann zu enttäuschen und ich weiß selbst, dass er uns eine unschätzbare Hilfe sein wird. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es ist, so lange allein hier draußen zu leben. Ich, ich…, ach, keine Ahnung, warum ich so respektlos war.“

„Ein Hoch auf die rodländische Wahrheitsliebe!“, setzte Roland trocken hinzu und brach damit das letzte Eis. Wieder feixten sich alle an und wieder war ein Kraftfeld gebrochen, wenn es auch kein sichtbares war.

„Also, … Es liegt mir nichts an unseren Gepäck. Und Paul macht sein Ding sicherlich auch ohne mich.“ Christian forderte wieder die Aufmerksamkeit seimer Freunde, ohne es zu bemerken. Unbeirrt von deren ratlosen und verständnislosen Blicken fuhr er fort. „Ich habe gelernt, dass man beim containern immer einen Fluchtweg haben sollte. Ich muss unseren Fluchtweg zumindest einmal ausprobiert haben. Sonst fühle ich mich nicht wohl. Mein Plan ist folgender: Wenn die Sonne hier draußen aufgegangen ist, und wir genug sehen, folgen wir Hermanns Plan und gehen zu ihm. Er hat so lange auf uns gewartet, seine Freude ist unbändig, was bedeutet, dass er vorbereitet ist. Es wird uns bei ihm an Nichts fehlen. Irgendwann, wenn Gelegenheit ist, mache ich mich davon, und probiere die Anlage aus. Falls es schief geht, …“ Christian hielt mit einer Handbewegung alle Einwände zurück. „…, dann seid ihr bei Hermann und ich, ich finde einen Weg zurück zu euch.“

„Hee!“, tönte es plötzlich von der Mauer, und Christian war froh, dass er von dem Alten unterbrochen wurde. „Hier sind ein paar Decken und eine Kiste mit Proviant. Ich lass das jetzt am Seil runter und damit solltet ihr die nächsten Stunden einigermaßen bequem verbringen können.“

-4-

Alle waren überrascht und Christian bedankte sich mit warmen Worten bei Hermann. Der ließ einen ziemlich umfangreichen Ballen zu ihnen hinunter, der für jeden zwei warme Decken und für alle ein ausreichendes Frühstück enthielt.

„Wie habt ihr euch entschieden?“, fragte Hermann noch und Christian antwortete, dass sie zu ihm kämen, sobald die Sonne aufging. Hermann vollführte darauf hin wieder einen Freudensprung und rief noch, dass er alles vorbereiten würde. Dann war er verschwunden.

„Der macht heute kein Auge mehr zu.“, stellte Christian fest und verteilte die Decken. „Ich schon, ich bin müde.“

Das waren die anderen ebenso und Hunger hatte auch niemand so richtig. Also legten sie sich nebeneinander auf die Straße, starrten diese seltsam klaren Sterne an und ließen sich vom plätschern der Wellen in den Schlaf wiegen. Es dauerte keine zehn Minuten, bis sie alle fest schliefen.

Bis auf Hermann. Der hatte seine Freude einigermaßen unter Kontrolle bekommen und saß nun am Rand der Mauer. Er schaute auf die Straße und auf die vier Menschen, die im warmen Licht der Böller ganz friedlich eingeschlafen waren.
Lange gab er sich diesem, für ihn so beglückendem, Bild aber nicht hin.
Es gab noch einiges vorzubereiten, auch wenn er die Überfahrt zur Halde nicht wirklich als Problem betrachtete. Als der Himmel über der Ausfahrt zu dämmern begann, ging er zu dem provisorischem Quartier zurück, dass er für sie alle eingerichtet hatte, sobald er von Christian und den Plänen der Wächter erfuhr.

Vier Stunden später, die Sonne stand schon ziemlich hoch, regte sich Christian unter seiner Decke, weil ihm viel zu warm war. Außerdem brannte sein Gesicht, als wäre er geschlagen wurden. Er richtete sich auf und sah zuerst zur Sonne, die ihm allmächtig und übergroß erschien.

„Nicht in die Sonne sehen Christian.“, kam es sofort von der Mauer. „Ihr seid die richtige Sonne noch nicht gewöhnt. Im Kasten sind Sonnenbrillen und auch Hautcreme. Reibt damit eure Haut ein, wenn ihr sie nicht bedecken könnt und setzt die Brillen auf. Die Sonne in der Kuppel ist ein künstliches Licht, das euch nicht schaden konnte. Diese Sonne hier draußen kann das schon.“

Alle waren mittlerweile munter. Klara hatte die beschriebenen Utensilien schon entdeckt und an alle verteilt. Sie rieben sich Gesicht und Hände ein. Mehr war nicht notwendig, denn immer noch empfanden sie die Temperatur als äußerst kühl. Niemand wollte seine Jacke ausziehen, obwohl es ihnen schon auffiel, dass Hermann, der von der Mauer aus jeden ihrer Schritte beobachtete, in Shorts und ärmellosen Hemd gekleidet war.

Nachdem sie mit dem wirklich reichhaltigen und köstlichen Frühstück fertig waren, traten Christian und Roland wieder an das Ende der Straße. Es fiel ihnen schwer, sich von dem Bild vor ihnen zu lösen. Es war die Weite des Wassers, von dem sie umgeben waren, die immer wieder dafür sorgte, dass sie abgelenkt wurden.

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Hermann schaute genau so fasziniert auf das Wasser heraus, konnte sich aber besser und schneller davon lösen.

„Christian?“, rief er deshalb nach kurzer Zeit hinunter. „In den Booten findet ihr Rettungsringe. Sie sind weiß und rot gekennzeichnet. Da ihr nicht schwimmen könnt, ist das die sicherste Methode, an Land zu kommen.“

„Was macht man denn mit einem Rettungsring?“, fragte Roland und sah dabei Christian an.

„Keine Ahnung. Sehen wir uns so ein Ding einfach mal an. Vielleicht kommen wir ja von allein drauf. Kommt!“, winkte er den anderen zu und begab sich zum nächst gelegenen Boot. Sie sahen den Rettungsring fast gleichzeitig, da sie wussten, nach welchen Kennzeichen sie Ausschau halten sollten. Christian erkannte nicht sofort, wofür die Ringe gedacht waren. Außerdem erwies es sich als schwierig, an sie heran zu kommen.
Als Christian auf das erste Boot steigen wollte, bewegte es sich unkontrollierbar unter ihm. Roland konnte einen Sturz in das Wasser nur verhindern, indem er sich vollends auf das Boot fallen ließ. Klara und Kimmy schrieen erschrocken auf und Roland griff instinktiv nach dem Seil, damit er das Boot halten konnte. Christian hingegen hatte sich schnell wieder aufgerappelt und versuchte, auf dem schwankenden Untergrund die Balance zu halten. Erst, als er sich überzeugt hatte, dass das Boot ihn aushielt und nicht unterging, war es ihm möglich, sich einigermaßen standhaft fortzubewegen.
So erreichte er das Geländer und den Rettungsring. Hier fand er den Halt, der ihm seine Sicherheit wieder gab. Als er nun den überraschend leichten Rettungsring in den Händen hielt, kam ihm auch eine Idee, was sie damit tun sollten.

„Der Ring kann schwimmen? Stimmts?“, rief er zu Hermann herauf, der dies lachend bestätigte und ihnen erfreut zuwinkte.

„Was meinst du damit, Christian?“ Klara klang ein wenig ängstlich bei dieser Frage.

„Lasst uns erst einen Ring für jeden von uns besorgen, dann zeige ich es euch.“ Christian ging nicht weiter auf Klara´s Frage ein. Er griff sich noch den zweiten Rettungsring, und warf beide hinauf zur Straße.
Dann ließ er sich von Roland aus dem Boot auf die Straße helfen und stand gleich darauf auf dem zweiten Boot, ohne, dass er dieses Mal auch nur hinfiel. Dort tat er das Gleiche, musste sich aber selbst wieder auf die Straße hieven, denn Roland und die Mädchen begutachteten die Ringe und achteten in diesem Moment überhaupt nicht auf Christian.

Der hatte sich jetzt einen Ring umgelegt und lief damit zur Mauer, wo Hermann schon ein weiteres Seil hinunter zur Straße geworfen hatte.
Nun wurde Kimmy auch wieder auf Christian aufmerksam und konnte sich ein Lachen über Christian´s unförmiges Aussehen natürlich nicht verkneifen. Der hatte das Seil am Rettungsring fest gebunden und stimmte nun in das Lachen Kimmy´s mit ein. Dabei war er dem Rand der Straße gefährlich nahe gekommen und breitete nun auch noch seine Arme aus, als wolle er Kimmy besonders herzlich willkommen heißen. Ehe sie noch begriff, was Christian vor hatte, ließ er sich mit ausgebreiteten Armen hinten über fallen und war eine Sekunde später von der Straße verschwunden. Sie hörte noch Christians Aufschlag und dann wurde sie von den aufspritzenden Wasser vollkommen durchnässt, da sie sich mittlerweile auch am Rand der Straße befand.

„Du musst vollkommen verrückt geworden sein!“, schimpfte sie zu Christian hinunter, der lachend noch ein paar Spritzer mehr zu ihr hoch schickte.

„Los! Folgt mir! So kann uns Hermann an das Ufer bringen.“ Er schwamm wieder auf die Straße zu und hielt sich an einem der Pfähle fest. „Es passiert euch nichts, so lange ihr den Rettungsring fest haltet. Also kommt!“

Roland ließ sich nicht lange bitten und sprang Christian nach. Der paddelte sofort zu ihm hin und holte ihn zu sich heran.

„Mann ist das Wasser kalt.“, stellte er prustend fest, nachdem er einigermaßen hektisch nach Christian´s Rettungsring geangelt hatte.

„Halt dich an deinem Ring fest, sonst kann ich dich nicht ziehen.“ Roland gehorchte sofort und nun konnte Christian ihn problemlos zum Pfahl zurück bringen.

Kimmy und Klara ließen sich ein wenig zögerlicher in das Wasser. Sie setzten sich erst auf den Rand der Straße und ließen sich vorsichtig hinein gleiten. Das machte es Christian sehr viel leichter, sie einzuholen. Als sie alle im Wasser waren verband Christian die Rettungsringe mit dem Seil, an dessen anderem Ende Hermann wartete. Dieser begann auf Christian´s Zeichen hin die Gefährten in Richtung Ufer zu ziehen. Das war ein schwieriges Stück Arbeit für einen alten Mann, schon bedingt durch die Höhe der Mauer.
Christian unterstützte ihn von unten so gut er konnte, indem er aus Leibeskräften paddelte. Nach kurzer Zeit ahmten alle seine Bewegungen nach und plötzlich ging alles viel schneller.
Innerhalb einer Viertelstunde kamen sie am Hang an. Hermann hatte eine Strickleiter den Hang hinunter gelassen, weil dieser nicht ganz so steil wie die Mauer war. Christian begann den Aufstieg als erster. Wohlweislich hielt Klara, die ihm als nächste folgte, einigen Abstand, denn auf die Dusche aus Christian´s nassen Klamotten konnte sie gut verzichten. Die anderen machten es ihr nach und so hangelten sie sich einigermaßen sicher den Abhang hinauf.

Vollkommen ausgelaugt, aber um so erleichterter wurde jeder Einzelne von ihnen von einem freudestrahlenden Hermann in Empfang genommen und mussten nun auch noch dessen Begrüßungssturm über sich ergehen lassen.
Aber das tat ihrer eigenen Freude und Erleichterung keinen Abbruch. Und ein reich gedeckter Tisch, trockene Sachen und bequeme Sitzgelegenheiten ließen die überstandenen Strapazen schnell vergessen.

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Als sich die erste Aufregung legte und alle zur Ruhe kamen, begann Hermann zu reden. Von seiner Einsamkeit hier draußen, von der Freude, nun nicht mehr allein zu sein, von seinen Aufgaben in der Zone, wie er sie nannte. Bei Christian und seinen Freunden blieb davon so gut wie nichts in Erinnerung. Sie starrten auf das Bild, welches sich ihnen bot und gaben sich einem Gefühl hin, das keiner von ihnen jemals so empfunden hatte. Anscheinend saßen sie auf einen Steilhang der einen fantastischen Ausblick bot, und zwar auf Wasser. Wasser, so weit das Auge reichte. Die Weite empfanden sie als umwerfend. Nach allem, was sie bis jetzt erlebten, war dies wohl der grandioseste Augenblick für alle.

Irgendwann, als Hermann eine kurze Pause in seinem Monolog machte, fragte Christian:

„Was ist das da draußen?“

Hermann sah sich erstaunt um und musterte die Umgebung, als käme etwas Ungewöhnliches auf sie zu. Aber er sah nichts. Dann fiel ihm ein, dass seine vier neuen Freunde das Meer noch niemals gesehen hatten.

„Oh, ja, das ist die Ostsee. Ein Meer, so nennt man das in der Draußen-Welt. Aber was ihr seht, ist auch nur eine Projektion. Ihr seht zwar eine Original getreue Abbildung, aber die See sieht meistens ganz anders aus. Das ist nur die äußere Kuppel. Die Klimaanlage funktioniert hier seit Jahren nicht mehr. Deshalb ist es hier auch sehr viel kühler, als innerhalb des Kraftfeldes, unter dem ihr bis jetzt gelebt habt. Aber es gibt zwei Stellen, an denen die Kuppel defekt ist. Dort kann man in die richtige Draußen-Welt schauen. Und dort sieht das Meer oftmals sehr viel anders aus.“

„Wir sind immer noch nicht richtig draußen?“, warf Christian hier ein und richtete sich auf.

„Nein. Aber es fehlt nicht mehr viel. Die Kuppel ist statisch. Ich meine, das ist ein Bauwerk, kein Kraftfeld, oder etwas in dieser Art. Es läuft ein Film in Endlosschleife über die Wände. Deswegen seht ihr nur das Meer. Aber durch die Katastrophe ist sie auch brüchig geworden. Es gibt Segmente, in denen die Projektion nicht mehr läuft. Eines der großen Segmente befindet sich hier, ganz in der Nähe. Ein weiteres gibt es auf der rodländischen Seite der Insel und zeigt sehr viel interessantere Bilder. Das Festland, nehme ich an. Und die Schriften bestätigen meine Vermutung.“

Nun wurde Klara wieder munter. „Es gibt Schriften hier? Auch vom User? Kann ich sie sehen?“

Hermann schüttelte bedauernd den Kopf. „Von deinem, oder eurem User wirst du hier nicht viel finden. Es gibt Hinweise, aber sie sind so spärlich, das man sie auch gut vernachlässigen kann.“

„Egal. Die musst du mir zeigen.“, erwiderte Klara mit aller Entschlossenheit.

„Ich will erst einmal die richtige Draußen-Welt sehen. Das muss der absolute Hammer sein.“, meldete sich Kimmy nun zu Wort. „Erzähle Hermann. Was werdem wir sehen?

„Hier auf dieser Seite der Insel? Nicht viel! Nur das Meer, und Schiffe. Sie müssen riesig sein, weil sie so weit draußen sind und man sie immer noch sehen kann. Ansonsten, das Meer … im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Dabei ist es im Winter noch am interessantesten. Wenn es richtig schneit und kalt ist, dann bleibt der Schnee tatsächlich auf der Kuppel liegen und am Rande türmt sich das Eis manchmal meterhoch. Ich denke immer, dass jemand von draußen spätestens dann die Kuppel sehen muss. Aber anscheinend interessiert es niemanden, oder es gibt einen anderen Grund dafür, warum niemand nachsehen kommt.“

Christian war immer noch dabei, das Gesehene und jetzt auch Gehörte zu verarbeiten. Aber in einem Punkt war er sich sicher. Er musste, nein, er wollte dort hinaus. Egal, wie.

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Christian musste nicht lange warten, bis er ein Geräusch über sich hörte. Jemand hangelte sich die Strickleiter herab und bedachte dabei den Hang und den Tag mit den schönsten Verwünschungen.
Als Kimmy bei ihm ankam, stellte sie sich vor ihm auf, stützte die Hände in die Hüften und betrachtete ihn, als sähe sie Christian zum allerersten Mal.

„Du bist der widerwärtigste, sturste, absolut chaotischste Mensch, der auf dieser blöden Insel herum läuft. Hat dir das schon mal jemand gesagt?“

„Na ja. So noch nicht. Aber ich bin schon schlimmer betitelt wurden.“ Christian grinste breit, und beraubte Kimmy mit seiner Ruhe und Gelassenheit jeder Möglichkeit weiterer Angriffsflächen.
„Ich bin froh, dass du mit mir kommst, Kimmy. Auch, wenn es wahrscheinlich nur ein Spleen von mir ist. Im besten Fall sind wir in ein paar Stunden wieder hier und haben unsere Kräfte für umsonst verbraucht.“

„Red keinen Blödsinn!“, erwiderte Kimmy ungerührt. „Sag mir lieber, was du jetzt vor hast.“

„Wir schwimmen zum Steg zurück. Ich habe mir das genau angesehen. Selbst, wenn wir einen Weg am Hang entlang finden, bleibt es eine gefährliche Kletterei und kostet jede Menge Zeit. Wir nehmen die Rettungsringe mit, damit wir auf dem Rückweg unsere Sachen über das Wasser bekommen. Den Booten traue ich noch nicht wirklich, auch, wenn sie stabil erscheinen. Außerdem habe ich keine Ahnung, wie man sie auf dem Wasser fortbewegt.
Wenn wir auf der Straße sind, laufen wir zum letzten Böller vor dem Hang. Ich bin sicher, dass die Schalter unter dem Not-Aus dazu benutzt wurden, die Kraftfelder ganz normal ein und aus zu schalten, ohne dass das Wasser verschwindet und sich das Tor schließt.
Wenn ich Recht habe, können wir zu der Plattform, holen unsere Sachen und Paul, und sind in ein oder zwei Stunden zurück.“

„Das ist der Plan?“

„Das ist der Plan!“

„Hört sich immer noch verrückt und total überflüssig an, aber gut. Wenn du dich hinterher wohler fühlst, haben wir am Ende alle etwas davon. Wer weiß, was Hermann sonst noch an Klamotten für uns auf Lager hat. Die hier sind abscheulich genug.“

„Zieh sie aus, sie sind im Wasser nur hinderlich. Wir packen sie zu einem Ballen zusammen und legen sie auf einen der Ringe. So werden sie nur wenig nass und wir können uns besser bewegen.“

Kimmy folgte Christian´s Beispiel und zog sich vollständig aus Auch, wenn man sich in Westland der körperlichen Liebe hingab, war der Körper in diesem Sinne nichts, was unangenehme oder gar schamhafte Gefühle mit sich brachte. Man achtete in der Regel einfach nur die Person, nicht, wie sie aussah. Auch Christian dachte keinen Augenblick über Kimmy´s oder seine eigenen Nacktheit nach.
In Rodland fanden sich Mann und Frau zusammen, entweder, weil sich sich mochten, oder weil es günstiger war, oder weil man Kinder haben wollte. Da Christian nichts davon mit Kimmy vor hatte, interessierte es ihn herzlich wenig, wie sie aussah.

Jeder von ihnen griff sich zwei Ringe, die Roland fürsorglich an der Strickleiter befestigt hatte, als sie am Steilhang ankamen. Christian schickte in Gedanken ein herzliches ‚Danke schön!‘ zu ihm. Er befestigte ihre Bekleidung an einem seiner Ringe und ließ sich ins Wasser. Kimmy tat es ihm nach, obwohl ihr das Gefühl nicht behagte, nur so zwischen zwei Ringen zu hängen. Christian demonstriert ihr, wie sie mit den Beinen Schwimmbewegungen ausführen musste. Kimmy lernte schnell und begeistert, obwohl sie sich pausenlos über das kalte Wasser und dessen ekligen Geschmack beschwerte.

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Sie kamen gut voran, und innerhalb kürzester Zeit erreichten sie den Pfahl mit der Steigleiter. Christian kletterte hinauf und bugsierte erst die Ringe und dann sich selbst durch die Luke nach oben.
Kimmy folgte ihm und griff sofort nach den Sachen, die zwar stellenweise ganz durchgenässt, aber sonst noch gut zu gebrauchen waren. Christian half ihr beim Anziehen, denn ihre Finger waren vor Kälte so taub, dass sie es nicht fertig brachte, die Hose nach oben zu ziehen.
Bis er danach selbst angezogen war, hatte die Sonne Kimmy schon wieder so weit erwärmt, dass sie sich wieder bewegen konnte.

Als sie sich jetzt dem Innen-Land zuwandten, standen sie zuerst einmal reglos vor einem neuen Phänomen. Der Hang zur Innen-Welt war verschwunden und sie sahen nur noch eine schwarze Fläche. Sie brauchten eine Weile bis ihnen einfiel, dass es ja jenseits des Kraftfeldes jetzt Nacht sein musste. Beide fanden das ein wenig verwirrend, liefen nun aber sehr viel beruhigter zum ersten Böller. Je näher sie dem Kraftfeld kamen, desto sicherer wurden sie. Als sie am ersten Böller ankamen, kam ihnen das dunkle Feld vor ihnen fast normal vor. Sie fanden nur die Ausmaße der Kuppel beachtlich. Um zu sehen, wo das Kraftfeld endete und die Kuppel begann, mußten sie ihre Köpfe so weit es ging nach hinten legen.

„Wer denkt sich nur so ein Bauwerk aus, und überlässt es dann vollkommen sich selbst?“, fragte Kimmy den Himmel über sich, bei dem sie sich sicher sein konnte, dass es immer noch nicht der wahre Himmel war. „Ich meine,“ wandte sie sich nun an Christian, „Was ist das denn für ein Scheiß-Spiel? Die bauen so eine immense Anlage, mit Kraftfeldern, Bodenschaltern, keine Ahnung womit noch. Und dann vergessen sie die Anlage ganz einfach? Und alle Menschen, die darin eingesperrt sind. Ich meine, wieso kommt nicht mal einer nachsehen, wie ihr Versuch läuft? Na, ich würde zumindest ab und zu mal vorbei schauen. Wie sich alles entwickelt, und so. Du nicht?“

„Doch, ja. Sicherlich. Ich denke, es ist etwas passiert. Und da gibt es nur drei logische Gründe für dieses offensichtliche Desinteresse. Entweder sie dürfen sich nicht mehr um uns kümmern, oder sie haben Angst vor uns, oder wir interessieren sie nicht mehr.“

Kimmy lachte. „Keine dieser Möglichkeiten erscheint besonders verlockend, dennoch die Draußen-Welt zu suchen. Findest du nicht?“

Christian´s Reaktion kam unerwartet heftig. „Es ist mir vollkommen egal, warum, oder warum nicht sich niemand mehr um die Insel kümmert. Dann wird es eben unsere Aufgabe sein, uns in Erinnerung zu bringen. Also! Auf geht´s.“

Ehe Kimmy Widerspruch erheben konnte, drückte Christian den Schalter und plötzlich standen die beiden wieder in WestLand. Das Wasser blieb, wie Roland vermutet hatte. Es wurde nur schlagartig dunkel um sie herum. Dafür umschmeichelte sie nun wieder eine warme Luft und die verschwommenen Sterne schauten, wie gewohnt auf sie herab.

„Schalt wieder aus, Christian! Los! Nun mach schon!“ Kimmy war ganz außer sich von den gigantischen Veränderungen, die sich ihr dar boten.

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Ehe Christian auch nur einen Gedanken an eine Antwort verschwenden konnte, kam laut bellend Paul aus Richtung Plattform heran gesprungen. Er bekam sich gar nicht mehr ein vor Freude, sprang an Christian hoch, drehte sich um sich selbst und sprang immer wieder in die Höhe, so dass Christian Mühe hatte, ihn einzufangen und zu beruhigen.

„Hast lange warten müssen, was? Kleiner Freund? Siehst nicht gut aus.“, stellte Christian fest. „Aber ab nun bin ich wieder da, und du begleitest mich.“ Christian strubbelte noch einmal durch das schmutzige Fell und Paul legte sich beruhigt auf die Straße und schloss die Augen.

„Los, nun mach schon, Christian.“, drängelte Kimmy nun wieder, die von Paul´s Begrüßung vollkommen ausgeschlossen war und nicht wusste, ob sie sich darüber ärgern, oder diesen Hund einfach nur ignorieren sollte. Sie entschloß sich für letzteres und machte nun Druck.

Christian jedoch blieb bei seinem Plan. „Wir holen die Sachen von der Plattform und erst dann werden wir die Kraftfelder wieder umschalten. Hoffen wir, dass die Anlage weiter funktioniert.“ Seine Ansage duldete keinen Widerspruch und Kimmy unterdrückte heroisch den Drang, selbst auf den Schalter zu drücken. Zumal Christian sich tatsächlich dem Hang zuwendete und anscheinend überhaupt nicht auf die Idee kam, dass sie etwas derartiges tun könnte. Das machte ihrem Stolz schwer zu schaffen. Schließlich jedoch folgte sie Christian, nahm sich aber vor, ein ernstes Wort mit ihm zu reden.

Paul führte die beiden zu der Plattform, auf der sie vor Tagen ihre Sachen verstauten. Der Hund hatte sich alles Eßbare aus den Rucksäcken geholt, dessen er habhaft werden konnte. Warum er bei ihren Sachen geblieben war, erschien Christian wie ein Rätsel. Er machte sich aber keine großen Gedanken über dessen Lösung.

Gemeinsam mit Kimmy sortierte er von ihren Habseligkeiten alles aus, was seiner Meinung nach von nun an unwichtig wurde. Damit reduzierte er die Anzahl der Rucksäcke und Tragetaschen auf vier Stück. Die waren zwar immer noch schwer genug, ließen sich aber bewältigen. Selbst Paul bekam eine Tasche umgeschnallt, was er sich gutmütig gefallen ließ.

Dann ging es zurück zum Böller. Kimmy ließ sich nun nicht mehr zurück halten und betätigte den entsprechenden Schalter, ohne Christian zu fragen. Sofort änderten sich die Lichtverhältnisse wieder und sie befanden sich in der Zone.

„Das scheint zu klappen.“, stellte Christian mit Befriedigung fest und wehrte Kimmy´s Idee entschieden ab, alles noch einmal zu probieren.

Im warmen Sonnenschein und von herber frischer Luft umweht, traten sie den Rückweg an. Weder Christian, noch Kimmy verspürten das Bedürfnis, miteinander zu reden. Und doch fragten sie sich insgeheim wie die Welt sich anfühlte, die außerhalb dieser Kraftfelder existierte.

Am Hang wurden sie schon von Roland erwartet. Er war die Strickleiter hinunter geklettert und empfing Kimmy, Christian und die vollgepackten Rettungsringe samt Paul, mit hilfreicher Unterstützung.

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Paul suchte sich einen anderen Weg den Hang hinauf. Scheinbar verspürte er keine Lust, von einem der Menschen über die Strickleiter nach oben gebracht zu werden. Christian und die anderen waren froh darüber. Es war kein Vergnügen, sich mit schwerem Gepäck über die Leiter nach oben zu hangeln.

Hermann begrüßte das neue Mitglied der Gemeinschaft genauso euphorisch, wie er Christian und seine Freunde begrüßt hatte. Paul ließ sich die Freude um ihn gutmütig gefallen. Er tollte sogar ein wenig mit Hermann herum, und Christian wurde das Gefühl nicht los, dass der Hund das nur tat, um dem alten Mann eine Freude zu bereiten. Er sah dem Spiel nicht lange zu, dann rief er alle zusammen.

„Kimmy und ich sind ein wenig erschöpft. Außerdem ist es schon weit nach Mittag und ich habe Hunger.“ Christian legte eine kurze Pause ein und überlegte, ob er mit seinem nächsten Satz wieder einmal jemandem auf die Füße treten würde. Dann verwarf er diese Gedanken sofort wieder. Auch wenn er sich nicht immer so sicher war, wie er sich gab, wollte er doch, dass man ihn als Führer der Gemeinschaft anerkannte und respektierte. Nicht um des eigenen Vorteils Willen, sondern weil er befürchtete, dass sie sich sonst verzetteln würden, und irgendwann keinen Schritt weiter kamen.

„Ich denke, es ist wichtig, dass wir nun Hermanns Geschichte hören. Dieser Nachmittag ist perfekt dafür. Kimmy und ich sind froh, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Und Hermanns Stützpunkt erreichen wir bei Tageslicht bestimmt nicht mehr. Wir sollten alles über diese Zone wissen und für dich Hermann, wäre es die absolut beste Gelegenheit, einmal alles zu erzählen. Ich meine, wie alles gekommen ist, und was er noch weiß. Also, was haltet ihr davon? Lasst uns Geschichten hören.“

Überraschender Weise waren alle damit einverstanden. Nur Hermann war es nicht. Er bestand darauf zu kochen und dann zu essen und ein wenig zu schlafen. Niemand von ihnen hatte gegen diesen Vorschlag etwas einzuwenden. Hermann machte dieser Beschluss glücklich und machte sich sofort an die Arbeit. Die Gemeinschaft ordnete in der Zwischenzeit ihr Gepäck und nach dem Essen begann Hermann zu erzählen:

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HERMANN´S GESCHICHTE

„Ja, womit soll ich beginnen? Ich war ja noch ein Junge, etwa in eurem Alter, als sich die Kraftfelder schlossen. Den wirklichen Auslöser dafür, habe ich bis heute noch nicht erkunden können. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich keinerlei Aufzeichnungen darüber finden lassen. Wer hätte dies wohl auch überschauen und dann auch noch dokumentieren sollen?

Der größte Anteil der Menschen, die damals hier draußen arbeiteten, waren mit der Verteilung von Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen auf die einzelnen Depots beschäftigt und keine Absolventen einer höheren Bildungseinrichtung. Nur die Leiter der Depots, die heutigen Wächter, hatten eine vielschichtige Ausbildung, die genau auf ihr Aufgabengebiet auf der Insel abgeglichen war.

Eines möchte ich noch voraus schicken. Die Erbauer dieser Insel lagern nicht sehr viel geschriebene Geschichte hier. Ich nehme an, man würde alles Wissenswerte in den Rechnern finden, wenn man einen Zugang dazu hätte. Aber den habe ich nicht, jedenfalls nicht zu den Dateien, die solche Dinge beinhalten. Also ist alles, was ich euch berichten werde, ein Sammelsurium aus den wenigen Fakten, die ich zusammen getragen habe, aus dem was ich beobachtete und mir meinen Reim darauf machte, und aus dem, was ich darüber hinaus vermute, oder glaube zu wissen.
Im Laufe der Jahre ist das alles in meinem alten Gehirnskasten ein wenig durcheinander gerüttelt wurden. So, dass ich heute manchmal nicht mehr sagen kann, was Fakt und was erdacht ist.“ Hermann bedachte die jungen Menschen um sich herum mit einem fast schüchternen und um Entschuldigung bittenden Lächeln.
Doch Christian winkte nur ab.

„Es ist vollkommen egal, ob du uns Fakten oder Erdachtes erzählst. Alles kann helfen.“, nickte er Hermann beruhigend zu und ermunterte ihn zum Weitererzählen.

„Also gut! Warum die Erbauer diese Insel geschaffen haben, läßt sich nicht ergründen. Fakt ist, dass sie von einer kleinen Insel aus operierten, die vor einem riesigen Festland liegt. Die Insel heißt Usedom und das Festland heißt Europa. Eigentlich ist Europa auch kein Festland, sondern auch nur wieder eine, allerdings gigantische, Insel inmitten von Wasser. Es gibt fünf solcher gigantischer Inseln, mit jeweils vielen kleinerer drumherum. In einem der Archive steht eine Kugel. Die bewegt sich und es gibt eine Tonaufnahme dazu, daher weiß ich es.

Ursprünglich war Usedom mit dem Festland durch eine Brücke verbunden. Unsere Insel wurde von Usedom aus durch ein Tunnelsystem versorgt, oder eben mit Booten, wie ihr sie im Hafen gesehen habt.

Als man die ersten Bewohner der jeweiligen Länder hier her brachte, war alles für ihr Leben hier vorbereitet. Die Vegetation, die Häuser, Depots und Arbeitsstätten, alles war fertig und funktionierte. Sie brauchten also nur Besitz davon zu ergreifen, und ihr Leben leben. Es gab ein paar grundsätzliche Regeln, an die sich alle zu halten hatten. In Rodland überwachte das die Behörde, in Westland wurde ein Rat der Ältesten damit betraut. Ansonsten schienen die Menschen keine weitere Aufgaben zu haben, als zu leben und zu arbeiten.
Hier in der Zone sah das Leben ein wenig anders aus. Es gab strenge Hierarchien und jeder, der sich zum Dienst auf diese Insel meldete, wußte, dass alle genau so hinter Kraftfeldern eingesperrt waren, wie die Menschen im Inneren. Der einzige Unterschied war, dass die Menschen hier unbedingt auf die Befehle der Erbauer hören mussten, wobei bei denen im Inneren fast jede Art von Zwang vermieden wurde.
Es wurde alles beschafft, was die Damen und Herren der Depots orderten. Die unsinnigsten Dinge waren dabei, das weiß ich. Es gibt in meinem Hauptquartier noch ein paar Rechner, die immer noch funktionieren. Unter anderem der des Hauptdepots. Da ich ja zum Wächter ausgebildet wurde, hatte ich zu diesem Programm meinen eigenen Zugang. Irgendwann habe ich mir die alten Dateien einmal angesehen.“

Hermann legte eine Pause ein und sah in die Runde. Alle um ihn herum machten auf ihn den Eindruck, als würden sie gerade aus einem Traum erwachen, als er schwieg. Aber nur Paul war tatsächlich eingeschlafen, alle anderen hatten bis dahin fast atemlos Hermann´s Geschichte verfolgt.

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„Na ja, was soll ich sagen?“, fuhr Hermann fort als er sicher war, dass alle weiter zuhörten. „Ich wurde hier geboren und kannte es nicht anders, als dass es ein Innen und ein Außen gab. Meine Mutter sagte immer, wenn wir wieder zurück kämen, hätten wir uns für alle Zeiten eine goldene Nase verdient und müssten uns um nichts mehr Sorgen machen. Das würde alle Mühe und Plagen wett machen.
Ich verstand nie, was sie damit meinte. Als kleiner Junge stellte ich es mir absurd vor, für immer mit einer goldenen Nase herum laufen zu müssen. Aber…, ich schweife ab.
Also, diese gigantische Anlage funktionierte also einwandfrei. Alles war perfekt abgestimmt und durchorganisiert. Hunderte Menschen kontrollierten die Klimaanlage, die Projektoren, die Vegetations-Anlagen. Ja, bis es dann passierte.
Ich kann mich genau erinnern, dass mit einem Mal alles bebte. Niemand konnte sich mehr auf seinen Beinen halten. Hier stürzten Gebäude ein und Menschen starben unter den Trümmern. Sämtliche Alarmanlagen reagierten, die Kraftfelder wurden aktiviert und so kam es, dass die Menschen im Inneren nur einen Stromausfall erlebten, hier draußen aber alles kaputt ging.
Nach dem ersten Schock wurden die Anlagen gecheckt und Notreparaturen durchgeführt. Die Innere Welt war wenig betroffen. Ich denke, die Erbauer hatten für diese Zone einen extra Schutz eingebaut. Hier draußen war eines ganz besonders schlimm. Der Versorgungstunnel war teiweise verschüttet und unser aller Versorgung somit fast abgeschnitten. So lange in den Depots noch alle Vorräte vorhanden waren, konzentrierten sich alle Arbeiter und Techniker auf die Reparatur der inneren Anlagen. Aber dann wurden unsere eigenen Vorräte knapp.
Von Usedom kam die Anweisung, den Tunnel wieder begehbar, und die wichtigsten Versorgungstrassen wieder funktionstüchtig zu machen. Das war eine schwierge Aufgabe. Viele wichtige Menschen, ausgebildete Leute, waren bei dem ersten Beben ums Leben gekommen oder völlig traumatisiert. Und immer noch gab es die strikte Anweisung, die Menschen im Inneren nicht zu beunruhigen.
Mein Vater und eine kleine Anzahl Menschen sorgten dafür, dass die lebensnotwendigen Anlagen wieder funktionierten oder wenigstens im Notfall-Modus arbeiteten.
Erst dann riefen sie alle Menschen zusammen, die zu einer Rettungsaktion überhaupt noch in der Lage waren. Sie hatten sich wohl zwei Tage erlaubt. Dafür, dass die Notsysteme von Minimal-Belegschaften überwacht wurden.
Der rodländische Wächter hatte schon einen verwegenen Trupp in den Tunnel geschickt, der mit wenig ermutigenden Berichten zurück kam. Der Tunnel wäre verloren, berichteten sie. Kein Durchkommen.
Trotzdem hatte mein Vater einen Plan. Er schickte die Westländer vor, die den Schutt beseitigen und aus dem Tunnel hinaus bringen sollten. Jedem dieser Trupps folgte ein rodländischer. Diese Menschen sollten jede technische Anlage wieder in Betrieb nehmen, die die Westländer frei legten. Scheinbar fand der Plan rege Zustimmung, denn, als das zweite Beben begann, waren fast alle in diesem Tunnel. Und dann brach alles gleichzeig los…

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Hermann schauderte zusammen, so sehr hatte ihn die Erinnerung gepackt und dabei stand ihm der helle Schweiß auf der Stirn. Es fiel ihm sichtbar schwer, weiter zu sprechen.

„…Die Arbeiten im Dunnel waren im vollem Gange und anscheinend kamen sie gut voran. Ich werde euch den Tunnel zeigen, dann seht ihr es selbst. Dann kam, wie gesagt, das zweite Beben. Und dies zu einem Zeitpunkt, als die westländische Truppe auf die Rodländer gewartet hatte, um sich über den nächsten Abschnitt abzusprechen. Sie waren also alle beisammen und die Rodländer hatten die Sicherheitsschotts gerade geschlossen. Wahrscheinlich sollten noch ein paar Leute die Schotts auf Dichtheit überprüfen, nachdem sie sich mit den Westländern abgesprochen hatten. Tja, Pech für die armen Menschen, Glück für die Menschen im Inneren. Der Boden des Tunnels brach auf und alle die sich an dieser Stelle befanden, stürzten in eine tiefe Erdspalte, die sich anscheinend darunter gebildet hatte. Und dann kam das Wasser. Jeder, der bis dahin noch lebte, ertrank in den Fluten. Auch mein Vater. Aber die Schotten hielten.“

Hermann liefen die hellen Tränen über das Gesicht und er musste erst einmal eine Pause machen, weil ihm seine Stimme ihren Dienst versagte. Kimmy und Klara waren mittlerweile an den alten Mann heran gerückt und hatten ihren Arm um seine Schultern gelegt. Christian und Roland sahen sich betroffen an, sagten aber nichts. Was hätte man nach so einer Geschichte auch sagen sollen?

„Der Rest, ist schnell erzählt.“ Hermann wischte sich energisch die Tränen aus dem Gesicht und versuchte, seiner Stimme wieder Festigkeit zu verleihen. „Nach den großen Beben kamen noch ein paar kleine, aber diese überstanden die Anlagen problemlos. Auch die große Welle, die uns nach zwei Tagen überflutete, richtete keinen großen Schaden an. Bis auf die zwei Segmente, die uns seit dem einen kleinen Ausblick in die Draußen-Welt liefern, hielt die Kuppel stand.

Hier sah es weniger gut aus. Die Verbindung nach Usedom war vollkommen abgebrochen, an Versorgung des Inneren überhaupt nicht mehr zu denken. Dazu kam, dass alle, die hier in der Zone überlebt hatten, unter Schock standen, traurig waren, verzweifelt und hoffnungslos. Keiner wusste so richtig, wie es weiter gehen sollte.
Meine Mutter war eine starke Frau, außerdem Ärztin. Sie rappelte sich als Erste wieder auf und versuchte, die 38 Überlebende aufzubauen und zu organisieren. Leider hatte sie so gar kein technisches Verständnis, und es waren auch wenige bei den Überlebenden, die zumindest einigermaßen Reparaturen vornehmen konnten.

Alles, was danach kam, resultierte aus Probieren, Mißerfolg oder Erfolg, versteht ihr?

Ich habe sie alle begraben, als letzte meine Mutter. Die Gräber sind rund um die Zone verteilt. Ihr werdet sie doch mit mir besuchen, ja? Sie sind meine Freunde, selbst heute noch, über ihren Tod hinaus.“

„Das machen wir, Hermann. Die Hand drauf…“ Christian stand auf und reichte Hermann seine Hand wie ein Versprechen.

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„Wie hieß denn deine Mutter?“, fragte Klara vorsichtig.

Hermann lächelte versonnen. „Heidemarie hieß sie mit Vornamen.“ Dann lachte er. „Sie mochte ihren Vornamen nicht. Mein Vater nannte sie immer dann so, wenn er böse, oder wütend auf sie war. Sie ließ sich auch immer nur von den Menschen so nennen, die sie selbst nicht mochte. Für alle anderen war sie nur Heidi.“

„Wie ist der Stand heute?“, fragte Christian unvermittelt und riss Hermann damit aus seinen Erinnerungen heraus.

„Na ja, untätig blieben wir nicht. Und die wenigen, die einigermaßen dazu in der Lage waren, versuchten, diese künstliche Welt aufrecht zu halten. Zumindest so lange, bis Hilfe von Draußen kam. Das war der Plan. Aber irgendwann begriffen wir, dass keine Hilfe kommen würde. Erstaunlicherweise und zum Glück funktionierten einige Bänder zur Versorgung der Depots teilweise noch recht gut. Und anscheinend gab es damals noch Menschen, die für Nachschub sorgten. Ihr müsst wissen, die intakten Versorgungsbänder wurden ursprünglich nur nur für deh Transport von Kleinmaterialien benutzt. Schrauben, elektronische Bauteile, allefalls noch Werkzeuge. Die Transportbehälter sind entsprechend klein und durch den Tunnel selbst passt kein Mensch. Anfangs kamen auch noch Nachrichten von der Insel, Anweisungen, Fragen, ja sogar Befehle. Meine Mutter ignorierte sie alle. Sie hatte einen Vorrat Zettel angefertigt, auf denen nur ein Satz stand: ‚HOLT UNS HIER RAUS!‘ Die schickte sie als Antwort auf jede Weisung zurück.
Irgendwann kamen wir ins Hauptdepot und die Anlagen standen still. Mutter rief alle zusammen. Wir dachten, es wäre irgendetwas auf unserer Seite defekt. Aber nein, wir konnten die Anlage anschalten, aber die Behälter kamen leer zurück. Meine Mutter muss tausende von ihren Zetteln nach drüben geschickt haben.
Wir bekamen nie wieder eine Antwort. Dann, nach ein paar Monaten schalteten wir die Anlage aus, um Strom zu sparen.
Mutter begann damit, die Kommunikationsanlage ins Innere zu den Wächtern instand setzen zu lassen. Auf der rodländischen Seite funktionierte das ganz gut. Die Menschen in Rodland waren von Haus aus Techniker. Ich vermute, dass auch dies von den Erbaueren so geplant war.
In Westland gestaltete sich dies alles sehr viel schwieriger. Es gab nur die Menschen, die sowieso für diese Aufgabe vorgesehen waren. Nur wußten die einzig und allein, wie man die Anlage bediente. Reparaturen waren im Lehrplan nicht vorgesehen. Einzig Willy, mit dem ich hier zur Schule gegangen bin, brachte genug Verständnis und Wissen mit, um von Innen heraus zu helfen. Er hatte damals als jüngster Wächter das Wächterhaus im Grenzgebiet übernommen. Eigentlich ein typischer Anfänger-Posten, weil dort nie etwas geschah. Willy gelang es nach und nach, alle Kommunikationsanlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Allerdings traf er eine Vorkehrung, von der hier draußen niemand etwas wusste. Er verpflichtete alle Wächter dazu, über die offenen Kommunikationskanäle zu schweigen. Er wollte damit verhindern, dass die Menschen im Inneren nach der Draußen-Welt strebten und Panik bekamen, wenn sie erkannten, dass dieser Weg verschlossen war. Sie sollten zu der Überzeugung gelangen, dass sie hier bleiben, und mit dem, was zur Verfügung stand, auskommen mussten.

Ja Klara, die Wächter kannten und kennen die Sicherheitszonen. Sie wußten von Anfang an, dass es diese Dinge wie diese Bodenschalter mit den Giftgas und die Kraftfelder gab. Es war von Anfang an klar, dass die Wünscher und ihre Anhänger nur die Opfer dieser Anlage wurden. Anscheinend war von den Erbauern vorgesehen, dass hier niemand mehr heraus kommen sollte.

Nach allem, was wir über die Jahre heraus fanden, sollten selbst wir hier, in der Zone, das Festland nie wieder sehen. Warum, ist bis heute unklar. Ich habe oft und heftig mit meiner Mutter darüber diskutiert. Mit den Menschen im Inneren war etwas nicht in Ordnung. Mutter hatte deren Ankunft aus medizinischer Sicht überwacht. Sie seien seltsam ruhig und desinteressiert gewesen. So, als hätten sie mit ihrem Leben schon abgeschlossen. Die Rodländer kamen schon mit diesen Lügen-Erkennungs-Dingern hier an. Die Westländer wären aber noch eigenartiger gewesen. Fast abwesend, so beschrieb sie es immer.

Und sie war sich bis an ihrem letzten Tag sicher, dass diese Menschen ausgesucht wurden und auf keinen Fall freiwillig auf dieser Plattform waren.“

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Mittlerweile dämmerte es und kühler war es auch geworden. Hermann unterbrach deshalb seinen Bericht und richtete eine Feuerstelle ein. Als das Feuer brannte, bereitete er ein einfaches Abendmahl, das aber nur er allein wirklich genießen konnte. Christian und seine Freunde hatten jede Menge Stoff zum Nachdenken. Sie unterhielten sich wenig, und wenn, dann im Flüsterton.

Als sie ihr Abendessen beendeten, war es fast dunkel. Christian war die ganze Zeit über am schweigsamsten gewesen. Jetzt lehnte er sich zurück und betrachtete die klaren Sterne, von denen einer nach den anderem am Nachthimmel sichtbar wurde.
Mit diesem Verlauf seines Weges hatte er nicht gerechnet und er überlegte, wie es nun weiter gehen sollte. Vor allem aber war er sich nicht mehr sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, diese eigenartige Plattform zu verlassen. Die Draußen-Welt schien unvorstellbar groß und weit zu sein, und außerdem noch total uninteressiert an seiner Welt. Es war sogar anzunehmen, dass die Menschen da draußen ihnen nicht gerade wohl gesonnen waren.

„Hermann, wie ist der jetzige Stand?“ Christian musste ein umfassendes Bild erhalten, um eine vernünftige Entscheidung treffen zu können. „Ich meine, wie steht es mit den Menschen hinter den Kraftfeldern? Sind sie sicher? Und wie sieht es mit der Versorgung aus?“

„Reicht es nicht für heute?“, meldete Roland sich vorsichtig zu Wort. „Ich bin müde, und die Mädchen ebenso.“

„Dann legt euch hin und schlaft.“, erwiderte Christian ungerührt. „Ich erzähle euch morgen das Wichtigste in Zusammenfassung. Es sei denn, du bist auch zu müde, um weiter zu berichten, Hermann.“, wandte er sich an den Alten, der sofort abwehrend die Hände hob.

„Ich kann noch Tage lang so weiter reden, glaube mir. Aber du solltest dir auch ein wenig Schlaf gönnen.“

„Das werde ich auch. Also los“

„Na gut! Ja, mit der Versorgung der beiden Länder steht es nicht schlecht. Das liegt vor allem an zwei Dingen. Erstens lagerten im Hauptdepot Vorräte für Jahre. Meine Mutter sorgte ziemlich schnell dafür, dass vernünftig gehaushaltet wurde. Einzig und allein die frischen Nahrungsmittel waren ein Problem. Zumindest für die rodländische Seite. Aber es gibt unterirdische Anlagen, die ursprünglich für die Vegetation in beiden Länder zuständig waren. Alles ist vollkommen automatisiert, aber die Rodländer erwiesen sich als vollkommen ungeeignet um Pflanzen anzubauen, zu pflegen und dann auch noch zu ernten. Also bauten wir die Anlagen um, verlagerten die Produktion in ein unterirdisches Depot und belieferten Rodland von da aus mit den notwendigsten frischen Lebensmitteln. Das tue ich auch heute noch. Aber das Verlangen der Rodländer sank von Jahr zu Jahr, so dass dies eine leichte Aufgabe für mich geworden ist.

Bei den Westländern war dieser Umbau nicht notwendig. Sie versorgten sich nach der Katastrophe weitestgehend allein. Sie brachten aber auch von Grund auf das notwendige Wissen und den Willen zu dieser Art von Arbeit mit.
Nur die Anlagen machen mir ernsthaft Sorgen. Sie waren nicht für den Umbau konstruiert, und wir haben sicher auch den einen oder anderen Fehler gemacht. Na ja, bei den Rodländern wirkt sich das bisher nicht besonders aus, aber die Westländer bekommen mehr und mehr Schwierigkeiten. Die Erde wird offensichtlich nicht mehr vollständig versorgt. Deshalb werden die Flächen immer kleiner, auf denen man noch zu vernünftigen Erträgen kommen kann.

Und hier kommen wir zu der zweiten Sache, die sich im Laufe der Jahre bewährt hat. In beiden Ländern begann man sehr frühzeitig die Anzahl der Bevölkerung zu kontrollieren und zu regulieren. In Rodland gibt es die Sterbehäuser, in Westland die Geburts-Kolonien. Das hat immens dazu beigetragen, dass noch keiner wirklich hungern muss.
Das kann sich aber auch schlagartig ändern. Nämlich dann, wenn hier mal ernsthaft etwas kaputt geht.

Die Stromversorgung ist gesichert, dafür sorgt ein unterirdisches Gezeitenkraftwerk, über das auch die Klimaanlage betrieben wird. Außerdem besteht die äußere Kuppel aus Solarzellen, die allein schon in der Lage wären, uns alle auf Jahre mit Strom zu versorgen.

Trinkwasser ist auch kein Problem, so lange die Anlage zur Trinkwasseraufbereitung funktioniert. Sollte sie ausfallen, haben die Rodländer sehr schnell ein Problem, da sie, sicher auch aus Unwissenheit heraus, die Trinkwasserdepots verschmutzt haben. Die Westländer waren da sorgsamer und haben die Seen und Bäche so belassen, wie die Erbauer das geplant hatten.

Zu guter Letzt ist da noch diese merkwürdige Krankheit, die die Alten von Westland zunehmen befällt. Sie macht den Menschen Angst und der Rat befürchtet Revolten, angeführt von den Außenseitern der Gesellschaft.

Das ist der aktuelle Stand, Christian. Grund genug zur Sorge, finden wir Wächter. Keiner weiß, wie lange die Anlagen noch funktionieren. Wenn ich sterbe, kümmert sich niemand mehr um das alles. Und was wird dann aus den Menschen da drinnen?“

Christian erwiderte lange Zeit nichts auf diese Frage. Dann seufzte er und sah Hermann mit einem nicht zu ergründenden Gesichtsausdruck an.

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„Was ist los Christian?“ Hermann wirkte sichtlich verunsichert, aber Christian bedeutete ihm, still zu bleiben. Er sah sich erst nach seinen Freunden um, bevor er antwortete. Aber alle schliefen tief und fest.

„Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich jetzt tun soll.“, sagte Christian jetzt leise. „Ich habe mich auf den Weg gemacht, weil Rodland mit allem, was dort passiert, mich erdrückte. Ich wollte weg von meinen Leuten, weil sie zuviel Droge nahmen. Meine Schwester sollte nicht in einer dieser blöden Festungen groß werden, und ich gleich gar nicht. In Westland muss es anders sein, dachte ich. Und das ist es auch. Nur nicht so, wie ich es erhoffte. Also beschloss ich, weiter zu gehen. Doch je weiter ich ging, desto größer wurden die Fragen und die damit verbundenen Konsequenzen. Dann kamen Klara, Kimmy und Roland dazu, nicht zu vergessen, ihr Wächter.“ Christians seufzte wieder und zog den Kopf zwischen die Schultern.
„Jetzt sitze ich hier und anscheinend wird von mir erwartet, dass ich …, ja was denn eigentlich? …deine Arbeit erlerne und dann übernehme?, einen neuen Tunnel zu dieser Insel grabe? …die Erbauer dazu bringe, dass sie sich wieder um uns kümmern? Ich weiß echt nicht, was ich jetzt machen soll, Hermann.“

Der überlegte lange, bevor er Christian antwortete. Dann meinte er sehr ruhig und bestimmt, dass es das Beste wäre, wenn auch Christian erst einmal ein paar Stunden schlafen würde. „Offensichtlich möchtest du dir die Entscheidung abnehmen lassen und wartest darauf, dass ich dir sage, was du tun sollst.
Abgesehen davon, dass dies wahrscheinlich das Dümmste wäre, was ich tun könnte, wirst du immer nur mit einer Entscheidung richtig gut leben können, die du selbst getroffen hast.
Schlaf eine Nacht drüber. Morgen sieht die Welt ganz anders aus. Das hat mir jedenfalls meine Mutter in solchen Situationen geraten. Und fast immer Recht gehabt.“

„Mmh, also gut. Schlafen wir also. Gute Nacht!“ Christian schien enttäuscht von dieser Antwort zu sein, aber das war Hermann egal, auch, weil er den Jungen sehr gut verstehen konnte.

Christian wurde spät am Morgen wach und fühlte sich seltsam ausgeruht und entspannt. Auch die anderen machten einen sehr viel frischeren Eindruck auf ihn, als an den Tagen zuvor. Hermann behauptete steif und fest, das läge an der Luft. Es wäre halt nicht die durch Filter und Anlagen gereinigte Luft, die sie bisher geatmet hatten, sondern echte Draußen-Welt-Luft.
Das Frühstück verlief sehr entspannt und Christian schlug vor, zu diesen Segment zu gehen, was einen Blick in diese andere Welt gewährte.

„Gut.“, erklärte sich Hermann einverstanden. „Dann machen wir eines der Boote klar, setzten damit zur anderen Seite der Bucht über und mal sehen, wie schnell wir das Segment erreichen. Das wird richtig spannend für mich. Sonst musste ich ja immer um die ganze Plattform herum.“ Hermann freute sich über diesen Vorschlag, als hätte man ihm ein Geschenk gemacht.

„Du weißt schon, dass wir nicht schwimmen können?“, versuchte Klara diesen Plan zu vereiteln, der überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken war, sich einem dieser Boote anvertrauen zu müssen. Da kamen ihr die Rettungsringe schon sehr viel sicherer vor.

„Ach komm schon Klara. Die Dinger haben sie ursprünglich benutzt, um zur Draußen-Welt zu kommen. Die sind ganz bestimmt sicher.“, behauptete Kimmy und Hermann unterstützte sie.

„Ich bin mit meiner Mutter oft raus gefahren. Die Kuppel ist nicht weit. Wir wollten ergründen, wie wir diese letzte Bastion öffnen können, um Hilfe zu holen.“ Hermann schaute wieder auf das Wasser hinaus während er sprach, und Christian hatte das Gefühl, als wollte der alte Mann noch etwas hinzu setzen, es aber lieber verschwieg. Aber was es auch war, jetzt wollten sie zu dem Segment. Und Christian glaubte Hermann, der gerade erzählte, dass er immer einen tollen Steuerer abgegeben hatte.

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Roland saß ein wenig abseits und hatte sich zu den neuesten Plänen noch nicht geäußert. Es dauerte auch eine Weile, bis es überhaupt jemandem auffiel, dass er so ruhig war. Hermann bemerkte es als Erster. Er setzte sich zu Roland und sah ihm forschend ins Gesicht.

„Ich nehme an, dass du Bedenken hast. Du bist zwar ein sehr ruhiger Mensch, aber dass du überhaupt keine Meinung hast, wäre mir aufgefallen.“

Roland blickte zum Wasser hinaus und zuckte mit den Schultern. „Und wenn ich Bedenken hätte, wen würde es interessieren? Aber ich habe keine, jedenfalls keine, die irgend etwas mit dem neuesten Plan zu tun hätten.“

„Klingt irgendwie verbittert, aber ich bin den Umgang mit Menschen nicht mehr gewöhnt und kann mich täuschen. Willst du mit mir darüber reden, was dich beschäftigt?“ Hermann´s echtes Interesse schien den Jungen zu berühren. Er lächelte Hermann an und nahm dann die Hand des Alten in die seine.

„Ich werde reden. Wenn ich mir über alles im Klaren bin. Aber jetzt will ich die Draußen-Welt sehen.“ Roland zog den Alten hoch und sie gesellten sich zu den anderen, die schon ihre Sachen bereit gestellt hatten.

Christian entwickelte gerade einen Plan, wie man eines der Boote auf ihre Seite der Halde bekam. Doch Hermann unterbrach ihn, sobald er merkte, worum es ging.

„Ich hole eines der Boote. Ihr wartet hier.“, unterbrach er Christian sehr bestimmt. „In den anderen Häfen ist das alles schon geschehen, ich meine, dass die Boote dort liegen, wo sie gebraucht werden. Nur hier kam ich durch das Kraftfeld nicht heran. Eure Sachen könnt ihr hier oben lassen. Ich habe überall kleine Lager eingerichtet. Deren Ausstattung wird uns reichen, bis wir das Segment und danach das Hauptdepot erreichen, …und mein zu Hause.“

Ehe ihn jemand daran hindern konnte, hangelte sich Hermann die Strickleiter herab und glitt, unten angekommen, ohne zu zögern in die Fluten. Er bewegte sich behende und seine Schwimmbewegungen waren kräftig und wirkten sicher. Innerhalb kürzester Zeit erreichte der die Straße und hievte sich an den Steigeisen hoch. Dann bestieg er das nächst gelegene Boot und machte sich an dessen Oberfläche zu schaffen.
Dann verschwand er im Inneren des Bootes. Kurz darauf ertönte ein lautes und irgendwie aufgeregtes Surren und Knattern, das aber schnell zu einem beruhigendem leisen und stetigem Summen abschwoll. Dann erschien auch Hermann wieder, winkte ihnen zu und löste dann das Seil von der Straße.
Das Boot nahm schnell Fahrt auf und Christian begann die Strickleiter hinunter zu steigen.

„Kommt mir nach. Hermann scheint das Boot tatsächlich zu beherrschen. Das ist fantastisch!“, rief er den anderen zu.

Und so war es auch. Hermann brachte das Boot sehr schnell an die Halde. Mit sichtbar geübten Handgriffen half er der Gemeinschaft auf das Boot. Selbst Paul wehrte sich nicht, als er von Hermann über das Geländer bugsiert wurde. Nachdem sich die Angst vor den ungewohnten Bewegungen des Bootes gelegt hatte und selbst Klara sich entspannte, genossen alle die Überfahrt zum gegenüber liegenden Teil der Halde.

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Auf der anderen Seite der Halde angekommen, wiederholte sich die Prozedur, nur in umgekehrter Reihenfolge. Hermann sicherte das Boot, indem er ein starkes Tau um einen der wenigen Bäume schlang, die am Rand der Halde wuchsen. Sie mussten ein Stück durch das Wasser waten, aber als sie hinter der Halde ankamen, empfing sie eine vollkommen neue Landschaft. Sie liefen plötzlich durch hellen, weichen Sand, der sich zu kleinen und langgestreckten Hügeln anhäufte. Der obere Teil der Dünen wurde, wie abgeschnitten von allen möglichen Pflanzen und Bäumen begrenzt, die äußerst seltsam aussahen. Christian vermochte nicht dahinter zu kommen, was ihn an dem Bild so störte. Vor allem schienen seine Freunde die selben, oder ähnliche Gefühle zu hegen, da sie ebenso mißtrauisch diese Hügel im Auge behielten, wie er selbst. Bis Hermann die ständigen Blicke mitbekam.

„Oh, was ihr dort oben seht ist das äußere Kraftfeld von Westland. Die Vegetation im Inneren drängt sich gegen die unsichtbare Mauer. Es wird Nacht in Westland. Deswegen erscheint alles so dunkel. Früher, vor dem Beben, waren die Tageszeiten noch konform. Da fiel es überhaupt nicht so sehr auf. Aber das Feld ansich bestand von Anfang an. Auch das scheint zum Plan der Erbauer zu gehören.“

Hermann war es entgangen, dass seine vier Begleiter staunend stehen geblieben waren. Als niemand mehr an seiner Seite lief, drehte er sich zu den jungen Menschen um, die ihn seit Tagen beschäftigten. Und ganz plötzlich wurde ihm bewusst, wie außergewöhnlich dieses Bild auf sie wirken musste. Für ihn selbst war das natürlich alles selbstverständlich geworden. Das wurde ihm jetzt erst wieder bewusst.

Er lief die paar Meter zu der Gruppe zurück und räusperte sich leise. „Mmh, mmh…, was ich noch sagen wollte. Wir sind hier im Erholungsgebiet der ehemaligen Arbeiter. Die Kuppel begrenzt die Plattform in etwa einhundert Meter. Und nur hier. Man kann in das Wasser gehen und schwimmen. Hier am Strand erholte man sich, machte Picknicks und so, oder spielte mit den Kindern. Dies ist übrigens die einzige Stelle, wo so etwas möglich ist. Noch ein paar hundert Meter, dann kommen wir zu einem riesigen Parkplatz. Danach kommt eine Straße, direkt am Wasser. Dort ist die Kuppel ganz nah. Ungefähr zehn Meter, von der Straße aus gesehen. Es ist gefährlich, dort noch in das wenige Wasser zu steigen. Eine Berührung der Kuppel, und du bist tot.
Das offene Segment ist nicht mehr weit.
Kommt ihr?“

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Die vier rissen sich von dem Anblick los und folgten Hermann. Nur Paul erklomm die Sandhügel und lief am Rand des Kraftfeldes entlang. Er schien ein Gefühl dafür zu haben, wo das Kraftfeld begann, denn er versuchte nicht einmal ansatzweise, zu dieser üppigen Vegetation zu laufen.

Keiner von ihnen wußte, wohin er lieber blickte, zu den sanften Hügeln mit dem Grün darüber, oder zu dem weiten Wasser, das durch die Projektion der Kuppel vervollständigt wurde. Hermann lief ihnen viel zu schnell voran, bis es Kimmy wieder einmal satt hatte.

„Hee, alter Mann! Kannst du nicht einmal ein paar Minuten still stehen?“, rief sie ihm sehr laut hinterher, wobei die Wut in ihrer Stimme deutlich zu hören war. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und vermittelte den Eindruck, als wäre sie nicht bereit, auch nur einen Schritt weiter zu laufen. Hermann drehte sich erstaunt um und konnte im ersten Moment nicht verstehen, warum die Vier nebeneinander im Sand standen und nicht weiter liefen. Er ging sofort zu ihnen zurück, wobei sich in ihm ein Gefühl breit machte, dass er gegen eine Wand laufen würde.

„Was ist los?“, fragte er verwundert, blieb aber vorsichtshalber zwei Meter vor ihnen stehen.

„Es ist schön hier.“ schimpfte Kimmy, als wäre das seine Schuld. „Und du legst ein Tempo vor, als müssten wir einer Gefahr entfliehen. Wann, glaubst du, haben wir in unserem Leben jemals so etwas gesehen?“

„Ihr wolltet doch unbedingt zum Segment. Da nahm ich den Strand nicht so wichtig. Außerdem ist das Laufen im Sand sehr beschwerlich. Ich dachte, dass wir so schnell wie möglich zur Straße kommen müssten. Darauf läuft es sich sehr angenehm und es ist auch nicht mehr sehr weit. Was war daran falsch?“

„Nichts, Hermann.“, mischte sich Roland ein und ging einen Schritt auf ihn zu. „Lass uns einfach eine Pause machen und diesen, wie sagtest du?…Strand, genießen. Ich glaube, mehr wollen wir im Moment nicht.“

Hermann begriff. Er führte sie zu einem seiner Domizile, die er sich überall eingerichtet hatte. Dort gab es Sonnenliegen. Außerdem waren da noch Bälle, die man aufblasen musste und noch vieles mehr, dessen Funktion Hermann erklären musste. Alle waren mit Feuereifer dabei. Es wurde jeder neue Gegenstand bestaunt und darüber gerätselt, wofür er gut war. Das brachte so viel Spass, das immer wieder herzhaftes Lachen ertönte. Sie genossen diesen Vormittag mit allen Sinnen.

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Die Mittagshitze trieb sie erst noch einmal ins Wasser, und dann vom Strand weg an schattigere Orte. Nachdem sie in Hermann’s Domizil unter den Vorräten ordentlich aufgeräumt hatten, wollte selbst Kimmy weiter. Hermann brauchte aber noch ein wenig Zeit. Akribisch schrieb er alles auf, was sie bei ihrem Aufenthalt hier gegessen und getrunken hatten.

„Bei der nächsten Tour muss ich den Wagen nehmen. So viele Vorräte kann ich nicht tragen, um hier wieder aufzufüllen.“, antwortete er auf die fragenden Blicke. Dann griff er nach einen bereitstehenden Rucksack, murmelte etwas von ‚Proviant für unterwegs‘ und lief dann auf das Wasser zu. Als Hermann merkte, dass die anderem ihm nur zögerlich folgten, drehte er sich um und winkte ihnen lachend zu.

„He, kommt! Ihr seht aus, als glaubtet ihr, ich wäre verrückt geworden. Bin ich nicht. Auf dem nassen Sand läuft es sich nur leichter. Kommt! Probiert es aus.“

Jetzt folgten sie ihm mit ziemlich erleichterten Minen.
Sie liefen hintereinander, denn die sehr schwach an den Strand schwappenden Wellen hatten nur die Kraft für einen schmalen Streifen nassen Sandes. Nach ungefähr einer Stunde versperrte ihnen ein sehr hoher Hügel, den Weg. Allerdings führte eine ziemlich robust aussehende Treppe hinauf. Oben angekommen öffnete sich ihnen der Blick auf einen großen Platz, der vollgestellt war mit …,

„…Auto’s!“, rief Christian voller Begeisterung und rannte darauf zu. „Und was für tolle Teile! Kommt schnell! Das müsst ihr sehen!“, setzte er über die Schulter hinzu, was ihm aber nicht am Laufen hinderte. Paul umsprang ihn freudig und Christian lief mit ihm um die Wette. Bei den Autos angekommen, wurde er vollkommen ruhig und ging um jedes einzelne herum. Dabei streichelte er deren Oberflächen, als wären sie aus einem besonderen Stoff gemacht.

Roland und die anderem waren Christian sehr viel langsamer gefolgt und beobachteten nun erstaunt dessen Gebaren. „Was hat er nur?“ Diese Frage stand Kimmy und Klara ebenfalls ins Gesicht geschrieben. Nur Hermann lächelte versonnen.

„In Rodland fahren die Dinger noch. Wir haben sie schon seit langer Zeit still gelegt. Wahrscheinlich erinnern sie ihn an zu Hause.“

„Mann, die sind echt Klasse.“, rief Christian ihnen entgegen, als er endlich wieder zu ihnen kam. „Warum seid ihr nicht rüber gekommen, um euch die Autos anzusehen?“

„Weil niemand, außer dir und Hermann, etwas mit den Dingern anfangen kann.“, antwortete Roland freundlich grinsend.

„Mmh, daran habe ich garnicht gedacht. Na ja, für mich war es eine Freude, sie zu sehen. Vor allem, weil sie so neu aussehen. Dagegen sind die Karren, die in Rodland herum fahren, die reinsten Schrotthaufen. Gut. Also, meinetwegen können wir jetzt weiter gehen.“

Damit waren alle einverstanden und Hermann führte sie am Parkplatz vorbei auf eine schmale Straße. Es war, als würden sie über eine lange Brücke mit einem zweifachen Geländer laufen. Das erste Geländer begrenzte direkt die Straße selbst. Es war aus Stein gebaut und ungefähr einen Meter hoch. Als Christian sich darüber beugte sah er, dass es sich eigentlich nicht um eine Brücke, sondern eher um eine sehr, sehr breite Mauer handelte. Sie war ungefähr vier Meter hoch und verlief parallel zu dem Kraftfeld zur Innenwelt auf der inneren Seite, und zur Kuppel, auf der äußeren Seite. Christian empfand es ein wenig beängstigend, auf dieser Straße entlang zu laufen. Das lag an den Lichtverhältnissen, die ihn irritierten. Auf der einen Seite war da die dunkle Seite des Kraftfeldes mit der gebändigten Vegetation, die aber von der Helligkeit der Zone sichtbar gemacht wurde. Und auf der anderen Seite die Helligkeit der Kuppel, die sich durch die Dunkelheit des Kraftfeldes in ein eigenartiges Zwielicht verwandelt wurde. Und noch ein Gedanke schoss Christian durch den Kopf. Warum konnte man das Kraftfeld zur Innenwelt überhaupt sehen? Das fiel ihm jetzt erst auf und er gab seine Überlegungen sofort an die anderen weiter, denen das auch noch nicht aufgefallen war.

„Daran sind wir schuld.“, beendete Hermann das Rätselraten. „Auf der Suche, wie wir unseren Energiebedarf senken können, haben die wenigen, die etwas davon verstanden, oft improvisiert. Ich denke, manchmal wussten sie gar nicht genau, was sie abschalteten. Unter anderem war es auch die Projektion zur Innenwelt. Hier, auf der westländischen Seite, ist sie fast komplett ausgeschaltet. Nur um die wenigen Häfen herum funktioniert sie noch. Rodland ist weniger durchschaubar.“, lachte er, als hätte er einen Witz gemacht.

Als keiner mitlachte, lenkte er die Aufmerksamkeit der vier schnell auf ein sehr helles Stück Straße, das wenige Meter vor ihnen lag. „Dort vorn ist das offene Segment.“

Sofort liefen sie los und standen nach wenigen Minuten vor einem riesig großen Fenster, dass ihnen endlich, endlich den Blick zur Draußen-Welt gewährte.

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Alle standen starr vor Staunen, selbst Hermann. Er genoß diesen Anblick zwar schon seit Jahren, hatte sich aber immer noch nicht damit abgefunden, dass die Draussen-Welt nach anderen Regeln lebte, als sie hier, auf ihrer kleinen Plattform.
Für Christian und seine Freunde öffnete sich der Blick auf einen, anscheinend riesigen See, ohne natürliche Begrenzung. Sie sahen das Wasser dieses See’s, Hermann nannte ihn Ostsee‘, das gegen die Kuppel flutete. Die Wellen, die man hier sah, waren mit nichts zu vergleichen, was irgend jemand von ihnen bisher gesehen hatte.
Ganz weit hinten sahen sie Gebilde auf dem Wasser. Der Form nach mussten es besondere Boote sein. Wenn Christian an die Entfernung dachte, müssten sie riesengroß sein. Sie glitten langsam an der Linie entlang, auf der ein strahlend blauer Himmel auf eine Wassermasse traf, für dessen Farbe Christian die Worte fehlten. Näher zur Plattform konnte er auch noch Boote ausmachen. Sie schienen über das Wasser zu schweben, verschwanden aber immer wieder hinter den Wellen, die da draußen mächtig sein mussten.
In Christian regte sich ein undefinierbares Gefühl, das ihn zuerst ängstigte und gleich darauf wütend machte. Ganz plötzlich wurde er von dieser Wut beherrscht, die er so noch nicht kannte und deshalb auch nicht zügeln konnte. Dunkelrot im Gesicht wandte er sich schroff vom Segment ab und fixierte Hermann mit einem Blick, der ihn unwillkürlich zwei Schritte zurück weichen ließ. Und plötzlich, für alle unerwartet, riss Christian’s Geduldsfaden.

„Das ist alles?“, begann er mit einer Stimme, die nicht mehr ihm selbst zu gehören schien und deren Lautstärke von Wort zu Wort zu nahm. „Das ist alles, alter Mann? Was ist das da draußen? Wasser? Boote? Etwa die Draußen-Welt??? Ha, dass ich nicht lache!!! Das ist doch alles nur eine weitere Projektion von diesen blöden Erbauern. Das Segment sagt mir nichts. Hörst du? Gar nichts!“
Christians Stimme überschlug sich mittlerweile bei jedem Wort. Er griff nach einem Stein, der lose auf der Mauer lag, und schleuderte ihn voller Wut gegen das Segment. Das antwortete mit kurzen elektrischen Entladungen, änderte sein Aussehen aber nicht.
Trotz allem konnte Christian kaum den Blick von dem Bild wenden, das sich ihm bot.

Um so mobiler wurde Hermann. Auch ihn sah man den Zorn an, der mittlerweile in ihm hoch kochte. Roland wurde auf die geladene Spannung aufmerksam, weil Paul winselnd an ihm hoch sprang.

Er sah nach Hermann, der mit hoch rotem Gesicht und geballten Fäusten auf Christian zu lief und wollte vermittelnd eingreifen, wurde aber von den Mädchen fest gehalten, die erst jetzt bemerkten, was um sie herum geschah. Und dann war es zu spät. Hermann riss Christian zu sich herum, so dass sie sich gegenüber standen, als wären sie Feinde.

„Du arroganter, egoistischer kleiner Mistkerl. Was glaubst du eigentlich, wo wir hier sind? Du Blödmann bist aus Rodland weg gelaufen, weil du es nicht mehr ausgehalten hast. Westland hat dir auch nicht gefallen und es ist dir tatsächlich gelungen hier her zu kommen. Seit …zig Jahren schafft es wirklich ein InLänder, die letzte Sicherheitszone zu durchbrechen. Aber nicht ohne Hilfe, verstehst du das? Nicht ohne unsere Hilfe! Nicht ohne die Wächter und unseren Vorkehrungen für diesen Tag.

Ich habe alles getan, um dir diese ganze gequirlte Kacke zu erklären, und du regst dich hier auf? Mit welchem Recht denn? Du wolltest die Draußen-Welt sehen? Dort hast du sie! Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass diese Seite nicht sehr ergiebig ist.“

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„Ach, tu dir doch selbst was an, alter Mann. Aber lass mich in Ruhe, mit diesem ganzen Draussen-Welt-Getue.“ Christian bemühte sich offensichtlich, nicht noch ausfallender zu werden, was ihm aber nicht sehr gut gelang.
„Ich muss nachdenken.“, setzte er nach einer kurzen Pause hinzu. In alter Manier drehte er sich um, schnappte sich seinen Rucksack und lief in Richtung Rodland.

„Lasst ihn laufen,…“, hielt Hermann die anderen zurück, die sich sofort daran machen wollten, ihm zu folgen. „Es nützt niemandem, wenn er nicht klar denken kann.“ Roland und die Mädchen hielten inne und ließen dann ihre Sachen wieder zu Boden gleiten. Nach kurzer Überlegung wurde es jedem klar, dass Hermann Recht hatte.

„Er ist nicht wie wir.“, sagte Klara, aber auch nur, um das Schweigen zu brechen.

„Es bedurfte schon eines besonderen Menschen, der es aus eurer Isolation heraus bis hier her schaffen konnte.“, bestätigte Hermann ihre Worte. „Lassen wir ihn erst einmal allein. Er kann ja nicht weg, und Verlaufen kann er sich auch nicht. Es gibt ja nur diesen einen Weg rund um die Plattform. Wenn wir lange genug warten, käme er irgendwann wieder hier an.“, schmunzelte er.
„Aber das tun wir nicht. Lassen wir ihm einfach ein oder zwei Tage Vorsprung und folgen ihm dann langsam nach. Ich denke, er wird irgendwo auf uns warten und entweder schon wissen, wie es weiter geht, oder zumindest schon einen Plan haben.“ Hermann ließ sich wieder auf der Mauer nieder und beobachtete die Schiffe, die so fern von ihnen ihrem unbekannten Ziel zusteuerten.
„Ich würde gern wissen, wohin sie wollen.“, meinte er wehmütig.

Sie hatten sich mittlerweile alle auf die kleine Mauer gesetzt und sahen zur See hinaus.

„Ich frage mich nur, wieso sie nie näher heran kommen.“, fuhr Hermann fort.

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Klara, die bisher beharrlich geschwiegen hatte, sah versonnen auf die Wellen, die gegen die Kuppel brandeten. Was sie sich vorgestellt hatte zu sehen, wich immens von dem ab, was sie durch das Segment zu sehen bekam. Sie fühlte sich seltsam traurig und auch nicht mehr sehr abenteuerlustig. Roland neben ihr war genauso schweigsam, wie sie selbst. Sie hatte das Gefühl, dass er sich mit schweren Gedanken beschäftigte und Entscheidungen traf. Sie wusste, auch sie musste sich bald entscheiden, was sie weiter tun wollte.
Nur Kimmy und Hermann unterhielten sich lebhaft und mutmaßten über das Ziel der großen Schiffe und warum niemand näher zur Plattform kam. Sie hielt Christians Vorstellung von einer weiteren Projektion für abwegig und schrieb diese Idee seiner Unzufriedenheit zu.
Hermann ahnte, dass es nicht leicht sein würde, auch nur einen dieser jungen Menschen zu seinem Nachfolger zu machen. Und, er war sich sicher, dass es Christian auf keinen Fall werden würde.
Dieser Junge wollte nicht mehr eingesperrt sein. Der würde immer weiter und weiter gehen, bis er einen Platz gefunden hatte, an dem er sich frei fühlen durfte. Einen kurzen Moment blitzte der Gedanke in Hermann auf, dass es vielleicht auch gar nicht mehr notwendig sein würde, einen Nachfolger einzuarbeiten. Aber den verschob er ganz schnell wieder.
Allein die Veränderungen, die seine neuen Freunde bisher in sein Leben brachten, bereiteten ihm Unbehagen und machten ihm Angst. Er sehnte sich nach seinen Kameraden im InLand, egal, welcher Wächter gerade ansprechbar war. Aber von der nächsten Kommunikationsmöglichkeit trennten ihn noch ein Zwei-Tage-Marsch. Dann allerdings wäre er in seiner Kommandozentrale, seinem Hauptquartier sozusagen. Dann würden sie sich im Hauptdepot befinden, seinem zu Hause und der Schaltstelle in beide Welten, soweit sie noch funktionierte.
Aus diesen Gedanken heraus forderte er die drei auf, genau dort hin zu gehen. Sie waren alle einverstanden, aber angesichts der verfügbaren Alternativen, war diese Entscheidung wohl die einzig vernünftige. Allerdings bestanden sie darauf, dann noch weiter bis zum nächsten Segment zu gehen. Es war Hermann klar, dass sie das wollten und auch er selbst musste wieder da hin. Man wurde süchtig nach diesen Ausblicken und Hermann hegte schon seit Jahren den leisen Verdacht, dass er sich immer wieder zur Umrundung der Plattform aufraffte, weil er an den Segmenten vorbei kam.
Also fiel es ihm nicht schwer, diesem Vorhaben zuzustimmen und so machten sie sich auf den Weg.

Christian benötigte einen halben Tagesmarsch, um diesen unbändigen Zorn aus seinen Gefühlen zu verbannen. In dieser Zeit verschwendete er kaum einen Blick auf den Weg, oder einen Gedanken an seine Kameraden. Er nahm seine Umgebung erst wieder wahr, als sich die Lichtverhältnisse änderten. Die Projektion der Kuppel zeigte den Sonnenuntergang, im InLand wurde es Morgen und so verschmolzen diese Tageszeiten zu einer einzigen.

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Plötzlich, inmitten dieses eigentümlichen Lichtes, überkam Christian ein nie gekanntes Glücksgefühl. Er breitete die Arme aus und ließ sich von zwei Sonnen bescheinen. Das versöhnte ihn vollends mit seinen Enttäuschungen, nicht erfüllten Erwartungen und der Ungewißheit, wie es weiter gehen sollte.

Christian war sich sicher, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Und er wusste, dass er unbedingt diese Erbauer finden musste, und sei es nur deswegen, um Antworten auf die drängensten Fragen zu erhalten.

Jetzt nahm er auch seine Umgebung wieder war und er trabte mit neuem Elan seinem nächsten Ziel entgegen. Das andere Segment sollte ja sehr viel mehr zu bieten haben, als das bisher Gesehene.

Die nächste Nacht verbrachte er in einem der Domizile, die Hermann entlang der Straße eingerichtet hatte. Am Morgen war er früh auf und er musste nicht mehr lange laufen, bis die Straße in einem großen Platz mündete, von dem Christian annahm, dass er den Vorhof zum Hauptdepot gefunden hatte.

Hier war alles anders, als er es bisher kannte. Es gab keine Schnörkel, keine Kunst, keine Verschönerungen. Im Gegenteil, hier herrschte Zweckmäßigkeit. Von seinem etwas erhöhten Standpunkt aus konnte er genau sehen, wie diese Station eingerichtet war. Links, zur See hin, gab es eine riesige Toreinfahrt, die sich in einigen Dingen von den Toren unterschied, die er bisher gesehen hatte. Zum einen waren es die unterschiedlich großen Öffnungen, die an beiden Seiten des Tores angebracht waren. Zum anderen wares es die Förderbänder, die das Bild des Platzes häßlich durchschnitten. Sie führten zu einen gegenüberliegendem Gebilde, das Christian auf den ersten Blick hin Angst einflößte.
Äüßerlich war es durch die gleichen Torbögen begrenzt, wie am Tor zum Tunnel. Aber hier gab es nicht wirklich eine Öffnung ins Innere.
Im Gegenteil, es sah aus, als hätten sich viele große und kleine Blasen an die Bögen geheftet und bildeten nun ein unförmiges Monstrum, dass sich unwillkürlich ausbreitete und auf eine morbide Art Angst einflößte. Nur eine Blase sah anders aus. Irgendwie bunter, lebendiger, und sie lag ausgerechnet im Zentrum dieses eigenartigen Gebildes.
Christian, der instinktiv darauf zu lief, sah im Näherkommen, dass sie angemalt war. Und als er ungefähr auf zwei Meter heran war, öffnete sie sich langsam, als wäre sie ein Augenlid. Allerdings blickte ihn kein Auge an, sondern eher eine dunkle Höhle, aus der ihn aber ein beruhigend weiches Licht entgegen leuchtete.
Christian trat trotzdem sehr zögernd näher und enspannte sich erst, als er ein kleines Türschild entdeckte. ‚Hermann`s Höhle‘ stand darauf.
Christian grinste. Das sah dem Alten ähnlich und ermöglichte ihm den Zutritt zu dieser Unterkunft, ohne Angst haben zu müssen.

Was ihn hier erwartete, erstaunte ihn trotzdem immens. Der gesamte Voderraum sah aus, wie eine Kommandozentrale in einer der großen Verbraucherläden in Rodland. Überall blinkten Lichter, gelb und rot, manche so aufgeregt, dass Christian den Drang verspührte, nach einem AUS-Schalter zu suchen. Aber noch ehe er seinen Rucksack von den Schultern gleiten lassen konnte, klang eine Stimme auf, die ihn im ersten Moment zutiefst erschreckte.

„Hermann! Hermann! Was bin ich froh, dass du wieder zu Hause bist! Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht…, Hermann? Komm schon alter Junge, lass deinen Kram erst einmal stehen und melde dich. …Hermann? …Hermann?“ Die Stimme verstummte und Christian, der nun direkt vor dem Schaltpult stand, hatte keine Ahnung, wie er sich bemerkbar machen konnte.

„Heee, kannst du mich hören?“, rief er in der Hoffnung, dass ihn sein Gegenüber so hörte, wie er ihn. Aber nichts passierte. Er wagte es nicht, auch nur einen der vielen Schalter und Regler zu bewegen und erschrak auf´s Neue, als die Stimme wieder erklang.

„Junge? Christian? … Wenn du das bist, dann schau dir die heftig blinkenden gelben LED´s an. Darunter findest du für jedes Licht einen Regler, den du in verschiedene Positionen bringen kannst. Schiebe bitte den unter der LED mit der Nummer 1 auf KONF. Dann höre ich dich und wir können miteinander reden. Alle anderen schiebe auf AN, dann können die anderen dich auch hören, aber nicht mit dir sprechen. Die Regler sollten jetzt alle in der unteren Position auf AUT stehen.“

Christian tat, wie ihm geheißen. Plötzlich blinkten alle anderen LED´s in einem beruhigenden Grün, nur die LED mit der Nummer 1 leuchtete stetig.

„Hallo?“, meldete er sich erneut. „Spreche ich mit einem Erbauer?“

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Es war sekundenlang nichts mehr zu hören. Christian schaute hektisch nach, ob die Regler am Pult auf der Position standen, auf der sie stehen sollten, aber dann erlöste ihn die Stimme wieder.

„Christian, bist du das?“

„Ja, …ja. Hier ist Christian. Hörst du mich?“

„Klar und deutlich. Schön, dass du es bis hierher geschafft hast. Und, …nein, hier ist kein Erbauer. Du sprichst mit Willy. Erinnerst du dich? Der Wächter aus der Grenzregion. Tut mir leid, sollte ich eben irgendwelche Erwartungen zerschlagen haben.“

Christian verspührte tatsächlich eine große Enttäuschung, aber auch Erleichterung. Er hatte sich bisher nie überlegt, was er einen Erbauer fragen würde, sollte er auf einen treffen.

„Hallo Willy. Das macht nichts. Ich lebe gerade mit enttäuschten Erwartungen, von der Warte gesehen, kannst du dich gern hinten anstellen.“

Willy lachte. „Das kann ich mir gut vorstellen. Du willst sicher weiter, zum anderen Segment. Ich will dich nicht aufhalten, aer eines muss ich wissen. Lebt Hermann noch?

„Ja klar. Vor zwei Tagen auf jeden Fall. Dann habe ich Hermann und meine Freunde verlassen. Nur Paul blieb bei mir.“

„Warum???“

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Ja, warum? Christian war seinen Gefühlen gefolgt und wollte seine Wut und Enttäuschung nicht zeigen. Aber war das eine Antwort, die er den Wächter geben konnte? Was ging es ihn denn an, warum er sich von den anderen getrennt hatte? Da er nicht bereit war, mit einem ihm fremden Menschen über seine Gefühle zu sprechen, hüllte er sich in Schweigen. Und der Wächter verstand.

„Gut.“, antwortete der sich nach einer Weile selbst. „Auf jeden Fall sind wir alle froh, dass ihr es geschafft habt. Hermann kann uns später alles berichten.“
Aus dem Lautsprecher hörte Christian ein verlegen klingendes Räuspern und andere Geräusche, die er nicht genau zuordnen konnte. Er fühlte sich verabschiedet, denn es klang so, als hätte sich Willy erhoben und von seinem Platz entfernt. Christian streckte eben die Hand aus, um die Regler unter den LED´s wieder in ihre Ausgangsposition zu bringen, als sich Willy erneut meldete. „Hermann hat immer erzählt, dass er für einen Durchkommer, so nannte er immer die Fantasiefigur, die sie bis heute ja war, eine schöne Überraschung bereit liegen hat, sogar mehrere. Er berichtete stolz, dass er eine Kammer eingerichtet hätte, an der sogar ein Schild angebracht wäre. Wir haben oft versucht, ihn zum Reden zu bringen. Aber er hat uns nie etwas verraten. Also, sieh dich nach einer Tür um, an der ein Schild angebracht ist, worauf ‚Besucher‘ steht. Alles, was du darin findest, ist für dich bestimmt.“
Christian überlegte kurz und meinte dann:“Das wäre nicht recht von mir. Erstens sind wir vier Durchkommer, …eigentlich fünf, wenn man Paul mit zählt, und dann würde Hermann es sicher gut finden, wenn er sehen könnte, wie seine Überraschung wirkt. Nein, ich glaube, ich mache das mit den anderen zusammen.“

„Deine Entscheidung…, was hast du jetzt vor?“

„Ich werde mich hier ein wenig umsehen und meine Vorräte auffüllen. Dann gehe ich weiter bis zum nächsten Segment. Ich bin mir sicher, dass die anderen auch dort hin kommen werden. Wenn ich das Segment, beziehungsweise das Bild dahinter, gesehen habe, werde ich entscheiden, wie es weiter geht. Ich denke aber, dass ich versuchen werde, zu den Erbauern zu kommen. Eigentlich steht der Entschluss schon fest. Ich weiss nur noch nicht, wie ich das schaffe. Aber wenn ich bis hier her gekommen bin, komme ich überall hin. Ich will nur alles wissen, was es zu wissen gibt, über die Draußen-Welt, bevor ich den Versuch starte.

Und da ist noch etwas anderes, was mir nicht aus dem Kopf geht und auch da habe ich noch keine Lösung gefunden.“

„Mmmh, meinst du, das du dich mir anvertrauen kannst?“, fragte Willy vorsichtig.

„Ist Hermann dein Freund? Ich meine, liegt dir was an ihm?“

„Ja. Sicher!“, lautete Willy´s erstaunte Antwort.

„Es ist Hermann, um den ich mir Gedanken mache. Er hat sich so unbändig gefreut, als wir es geschafft hatten. Nun meint er, er hätte gleich vier Nachfolger zur Verfügung. Ich weiss ja nicht, was meine Mitstreiter für sich entscheiden, aber ich kann mir vorstellen, dass sie mir folgen wollen. Verstehst du? Ich will einfach nicht, dass Hermann wieder allein hier ist.“

„Deine Sorgen um Hermann ehren dich, Christian. Aber sie sind unnötig. Sicher wäre es ihm recht, wenn er jemanden hätte, den er seine Arbeit nach und nach anvertrauen kann. Schon um der Menschen Willen, die hier in diesem Kraftfeld leben.

Versetze dich einfach in seine Lage. Er ist so viele Jahre allein da draußen, da schafft er das auch noch ein wenig länger. Ich glaube nicht, dass er sich ernsthaft in deinen Weg stellt. Es wird wohl eher so sein, dass er selbst am ehesten gespannt darauf ist, was da draußen los ist. Und! Dass es eine Lösung gibt, Hilfe für die Menschen und weniger Verantwortung für ihn. Du kannst dich darauf verlassen, dass das sein höchstes Ziel ist. Wenn er dafür noch ein wenig mehr allein sein muß, ist das sicher kein Problem für ihn.“ Willy wirkte bei seiner Rede sehr ernsthaft und überzeugend. Christian fühlte sich danach ein wenig, als hätte Willy ihm eine Last von seinen Schultern genommen.

„Na wenn das so ist, dann, … ja dann.“ Christian lachte befreit auf. „Dann schaue ich mich hier mal um.“

„Meldest du dich noch einmal, bevor du das Depot verlässt?“

„Ja, klar. Warum nicht?“

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Christian schaute sich eher oberflächlich in Hermann`s Quartier um. Er fühlte sich, als wäre er ein Eindringling.
Das große Kommandopult interessierte ihn noch am meisten. Aber er konnte mit den spärlichen Bezeichnungen nichts anfangen.
Die Behausung selbst war eher zweckmäßig und übersichtlich. Hermann schien nicht viel von Gemütlichkeit zu halten. Christian versagte es sich, eine der vielen Türen zu öffnen. Wohin sie führten, konnte er sich später von Hermann selbst zeigen lassen. Im Moment käme es ihm vor, als würde er in Hermann´s Sachen wühlen.

Deshalb ging er lieber wieder nach draußen. Der zentrale Platz des Hauptdepot´s gab nicht viel her. Er war weder sonderlich ansprechend, noch erschloss sich für Christian eine logische Anordnung der Gebilde. Für ihn sah es aus, als würden die Förderbänder überallhin und in alle Richtungen funktionieren. Die Auswüchse zur Depot-Innenseite konnte er sich ebenfalls nicht erklären, es sei denn, die Erbauer hätten die erforderliche Arbeitsleistung unterschätzt und deshalb anbauen müssen.

Er wandte sich dem Tunnel zu, dessen Eingang er als imposant empfand. Die Seitensegmente bestanden aus verschiedenen Versorgungskanälen. Am beeindruckensten fand Christian, dass der Tunnel so hoch war. Kurz nach dem Eingang fand er ein Regal, in dem Handleuchten lagerten. Christian griff sich eine davon und lief weiter in den Tunnel. Überall erkannte er die Spuren der Aufräumungsarbeiten. Er sah auch Grabstätten. Unzählige davon waren in einem einzigen Nebengang des Tunnels angebracht. Christian benötigte eine Weile bis er wußte, wovor er stand. Aber dann erschrak er erst einmal. Es waren so viele Menschen, die hier draußen gestorben waren. Das Warum und Wofür verblasste vor den vielen Namen, die einmal zu Menschen gehörten, die hier nichts weiter, als ihre Arbeit getan hatten.

Bis er an die riesigen Schotten kam, ging Christin noch an vielen solcher NebenTunnel vorbei und stand dann endlich vor dem Schott, von dem Hermann erzählt hatte.

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Dieses Schott beeindruckte Christian immens. Es vermittelte ihm das Gefühl, einen starken und wirksamen Schutz vor sich zu haben. Allerdings entfachte es auch Christian´s Neugier. Und, es wollte ihn dazu verführen, es zu öffnen. Christian stand davor, wie vor dem Geschenkebaum, den seine Familie einmal im Jahr aufstellte. Man wusste nie, was man bekam. Aber wenn man etwas bekam, war es immer außergewöhnlich gewesen. Christian war sich sicher, wenn er es fertig brachte das Schott zu öffnen, fand er dort die Lösung, nach der er suchte.

Es dauerte sehr lange, bis er sich aus dem Bann, den das Schott auf ihn ausübte, befreien konnte. Er begann nach Schaltern zu suchen und nach anderen Möglichkeiten, dieses Tor zu öffnen. Er suchte so lange, bis er tatsächlich den Öffnungsmechanismus fand. Staunend stand er davor und konnte es nicht glauben, dass es so einfach sein sollte. Er streckte schon die Hand aus, um die durchsichtige Schutzkappe aufzuklappen, als ihn eine innere Stimme warnte. Es war die Stimme seiner Oma-Alten, die ihm eindringlich davon abriet, auch nur in die Nähe der Schalter zu kommen. Christian glaubte zwar nicht an solche Sachen. Trotzdem hielten ihn diese Gedanken zurück.
Und er fragte sich, warum die anderen das Schott nicht schon längst geöffnet hatten. Die Tunnel waren mehr oder weniger aufgeräumt, besonders hier am Schott. Und die Bedienfläche war nicht schwer zu finden gewesen. Irgend etwas muss Hermann und seine Mitstreiter davon abgehalten haben und Christian wollte sich lieber erst einmal die Geschichte dazu anhören, bevor er etwas Unüberlegtes tat. Ganz kurz dachte Christian darüber nach, was er wohl getan hätte, wenn er Hermann und seine Geschichten nicht kennengelernt hätte. Aber diesen Gedanken schob er schnell bei Seite.

Christian verließ den Tunnel und machte sich auf den Weg zum zweiten Segment. Er genoss das leichte Wandern auf der gut befestigten Straße. Christian konnte nicht erkennen, ob er sich noch auf der westländischen Seite der Plattform befand. Überall entlang des inneren Kraftfeldes war die Vegetation so dicht, dass sie keinen Ausblick auf das Land dahinter erlaubte. Ab und zu warf Christian ein paar kleinere Steine in Richtung dieses Kraftfeldes. Er musste sich einfach immer einmal wieder davon überzeugen, dass wenige Meter neben ihm ein Kraftfeld existierte.
Paul lief genauso entspannt neben ihm her, wie Christian sich fühlte. Er war froh, dass der Hund bei ihm war. So fühlte er sich nicht allein, und Paul nervte nicht. Das waren Vorteile, die Christian halfen, sich zu entspannen und seine Gedanken zu ordnen.
Bei allem Erlebten und Gehörten der letzten Tage und Wochen hatte sich Christian immer mehr, wie in seiner eigenen, ganz persönlichen Felsenfestung gefühlt. Jetzt lief er sich frei von allem, was sich in ihm angestaut hatte.
Die beiden Häfen, die er auf seinem Weg passieren musste, stellten keine große Herausforderung für ihn da. Die Treppen zum Wasser hinunter waren vollständig intakt, da die Hänge der Buchten nicht eingestürzt waren. Es wäre natürlich einfacher gewesen, auf der Straße zu bleiben, aber das Kraftfeld schirmte auch hier den Zugang zum Inneren ab.
Aber Hermann hatte eine clevere Brücke über das Wasser gebaut. Ob er allein auf die Idee gekommen war, oder ob er noch Hilfe bei der Konstruktion hatte, ließ sich im Moment nicht ergründen. Christian war sich sicher, dass es auch hierzu eine Geschichte gab, die Hermann nur zu gern erzählen wird. Auf jeden Fall war ein starkes Seil über die Bucht gespannt und in den Felswänden verankert. Am Boot selbst waren vorn und hinten jeweils ein Seil befestigt, dass mit einer Rückholvorrichtung verbunden war.
Im Boot selbst lag ein Schlegel aus festem Holz. Im Schlegel war eine eigenartige Einbuchtung eingearbeitet, hinter deren Sinn Christian erst nach längerer Überlegung kam. Die Einbuchtung erinnerte ihn in ihrer Form an den Kopf einer Häkelnadel, die er bei seiner Oma-Alten gesehen hatte. Als er dieses Bild erst einmal gefunden hatte, ließ es ihn nicht wieder los.
Trotzdem musste er erst noch ins Boot steigen und den Schlegel in den Händen halten, bis er den gedanklichen Faden von der Häkelnadel über den Schlegel zum Seil bekam. Aber dann überzog ein anerkennendes Grinsen sein Gesicht. Er hängte den Schlegel über die Einbuchtung in das Seil und wenn er ihn in einer bestimmten Position hielt, konnte er sich und damit auch das Boot einfach am Seil entlang zur anderen Seite ziehen.
Das ging leichter, als er dachte, nachdem er den Bogen raus hatte. Am anderen Ufer bemerkte er auch die Sperre, die verhindern konnte, dass das Boot wieder zurück gezogen wurde. Aber für dieses Mal ließ er sie unbenutzt. Fasziniert sah er eine Weile zu, wie das Boot, wie von Zauberhand wieder an das gegenüberliegende Ufer gezogen wurde. Und er nahm sich vor, Hermann für diese Vorrichtung ein dickes Lob auszusprechen.

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Christian brauchte tatsächlich noch fast zwei Tage, bevor er das Segment erreichte. Es war am Morgen des zweiten Tages, als sich die Lichtverhältnisse vor ihm drastisch änderten. Am Projektionshimmel der Kuppel begann die Sonne gerade aufzugehen und trotzdem fiel ein rotgoldener Schein auf die Straße, den die projektierte Sonne einfach nicht erzeugen konnte. Christian blieb stehen und beobachtete dieses Farbenspiel. Seltsamerweise hatte er ein wenig Angst vor den nächsten Schritten. Gedanklich wappnete er sich gegen eine Enttäuschung. Was sollte ihm das Segment schon zeigen können?, redete er sich ein und so machte er sich Mut, um weiter gehen zu können.

Dann stand er vor dem Segment, im Licht einer aufgehenden Sonne, die sich dieses Mal richtig anfühlte und er wusste gar nicht, wohin er zuerst schauen sollte. Vor seinen Augen zeigte sich eine Landmasse, zum Greifen nahe. Ein Strand, ganz breit, auf den Menschen liefen. Und Boote auf dem Wasser. Aber nicht solche, wie er sie hier kennengelernt hatte. Die Boote da draußen schienen das Wasser gar nicht zu berühren. Noch interessanter waren die Häuser, die am Strand standen. Offenbar schwebten sie in der Luft und waren trotzdem mit der Felswand hinter ihnen verbunden. Christian sah auch dort einzelne Menschen und er hätte gern gesehen, was sie machten, aber dazu war die Entfernung zu groß. Überhaupt, da draußen war so viel Bewegung, dass er sich fragte, was die Erbauer denn so früh am Morgen zu tun haben könnten.
Wahrscheinlich bauen sie gerade an einer neuen Plattform, witzelte er sich selbst an und ließ sich dabei auf einer Bank nieder, die jemand genau in die Mitte des Segments gestellt hatte.

Christian merkte nicht, wie ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Er wurde nicht müde, jede Bewegung, die er erkennen konnte zu verfolgen und so saß er regungslos, mehrere Stunden lang. Es war magisch, dem Treiben der Draußen-Welt zu zusehen. Das winzigste Detail erschien ihm wichtig. Und je länger er hinaus sah, desto mehr Details nahm er auch wahr.

Es schien einen Hafen zu geben, ähnlich denen, die er von hier kannte. Nur sah es so aus, dass dort am Ende der Straße, die auf das Wasser hinaus führte, ein Haus stand. Christian stellte sich vor, wie breit die Straße sein musste und er machte sich Gedanken darüber, warum man wohl ein Haus an das Ende einer solchen Straße baute. Vor allem waren an dieser Straße noch nicht einmal Boote angebracht. Dazu war sie auch viel zu hoch über dem Wasser gebaut. Das fiel Christian aber erst sehr viel später auf.

So verbrachte er den ganzen Tag vor dem Segment und er kam immer mehr zu der Überzeugung, dass dies tatsächlich die Draußen-Welt war. Er beobachtete, dass keines dieser eigenartigen Boote auch nur ansatzweise in die Nähe der Plattform kam. Er zerbrach sich den Kopf darüber, warum das so war. Denn, er konnte nichts erkennen, woran man sehen konnte, dass sie hier waren. Hermann hatte schließlich erzählt, dass die Projektion der Kuppel, von draußen gesehen, perfekt war.

Je länger Christian nach draußen schaute, desto mehr Fragen stellten sich ihm. Und je mehr Fragen er hatte, desto fester wurde sein Entschluss, einen Weg dort hinaus zu finden.

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Der Abend kündigte sich an und gestaltete sich fast noch interessanter, als der Tag. Mit schwindendem Licht traten die Sterne hervor, viel strahlender und in einer solchen Menge, dass Christian das Gefühl hatte, der ganze Himmel wäre davon übersät. Auf dem Festland wurden erst vereinzelt, und dann immer mehr Lichter angeschaltet. Als es vollkommen dunkel war, sah Christian auch das System dahinter. Anscheinend wurde eine Straße, die vor den Wohnhäusern entlang lief, beleuchtet. Und auch diese eigenartige Straße, die auf das Wasser hinaus gebaut war, erstrahlte in einem wunderbaren Lichterglanz. Und das Haus darauf überstrahlte alles.
Christian hatte noch kein einziges Boot gesehen, das an dieser Straße fest machte. Trotzdem konnter er immer wieder Menschen auf der Straße erkennen. Besonders ein Mensch fiel ihm auf. Seitdem er das Treiben der Draußen-Welt beobachtete, saß dieser am äußersten Rand der Straße und beobachtete das Wasser, so wie er selbst das Land. Anfangs dachte Christian noch, dass dies nur wieder eine Projektion war. Dieses Mal aber, seiner selbst. Aber dieser Eindruck verschwand bald, da der Mensch da drüben nicht so konsequent auf seinem Platz blieb, wie Christian es tat. Der da drüben ging auch mal weg, kam aber immer wieder. Um die Mittagszeit stellte er irgend etwas auf und saß so im Schatten der Sonne.
Jetzt, am Abend, hatte sich dieser Mensch ein Licht geholt, das er schwenkend über das Wasser hielt. Warum er das tat, konnte Christian nicht ergründen. Und irgendwann gab sein Gegenüber sein Tun auch auf und verschwand, samt seines seltsamen Lichtes.
Christian bereitete sich ein Lager auf der Bank, als nach und nach die Lichter in den Häusern gegenüber verlöschten. Jetzt lenkte ihn nichts mehr von diesem grandiosen Sternenhimmel ab und so schlief er auch ein. Mit einem großen blinkenden Stern, der ihn bis in seine Träume begleitete.

Am nächsten Morgen weckte ihn Paul, der aufrecht an der Bank stand und eifrig versuchte, ihm das Gesicht mit seiner Zunge zu waschen. Christians erster Blick suchte die Draußen-Welt und was er da sah, ließ ihn erschrocken hoch fahren.
Sie war weg. Die gesamte Draußen-Welt war weg. Vor dem Segment war alles Grau. Nur das Wasser, das gegen die Kuppel schlug war noch zu erkennen. Aber höchstens ein paar Meter, dann verschwand auch das in diesem undurchsichtigem Grau, für das Christian keinen Namen hatte.

„Es ist Nebel da draußen.“, erscholl plötzlich eine Stimme hinter ihm und ließ Christian erschrocken herum fahren. Hermann und die anderen standen mit einem Male hinter ihm. Er hatte nicht gehört, wie sie eintrafen, so sehr hatte ihn dieses unfassbare Bild vor ihm gefesselt und fast in Panik versetzt.
„Wenn wir Glück haben, dann hat sich der Nebel bis Mittag verzogen. Ich kann aber nichts versprechen. Manchmal hält er sich tagelang.“

Christian freute sich, seine Gefährten wieder zu sehen und auch sie freuten sich. Die Enttäuschung war natürlich groß, dass der Nebel ihnen keinen Blick auf die Draußen-Welt gestattete, aber auch das kam Roland und den Mädchen entgegen. So wurden sie durch nichts abgelenkt und konnten Christian den Plan unterbreiten, den sie mit Hermann zusammen in den letzten zwei Tagen geschmiedet hatten.

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Ein wenig bange war es ihnen schon, zumal Christian in den letzten Tagen ihres Zusammenseins oft so aufbrausend und ungeduldig gewesen war. Er zeigte sich jetzt zwar ausgeglichen und überaus freundlich, aber wer konnte schon wissen, welche Gedanken und Gefühle ihn gerade beherrschten.

Erst einmal übernahm Hermann die Führung. Er bereitete für alle ein Frühstück und sorgte so dafür, dass keine Spannungen entstanden. Während des Essens erzählten sie sich gegenseitig von ihren Erlebnissen und den Eindrücken der letzten Tage.
Auch Christians Freunde hatten im Hauptdepot mit Willy geredet. Von ihm wussten sie auch, dass es Christian gut ging und ließen sich so ein wenig mehr Zeit in Hermann´s zu Hause. Aber auch sie hatten sich geweigert, den Raum zu betreten, den Hermann für einen Durchkommer hergerichtet hatte. Sie machten sich ein wenig lustig darüber, dass Hermann sie nicht verstehen wollte. Auch jetzt noch schimpfte er über ihre Sturheit, hatte dabei aber ein Lächeln in den Augen.
Und dann war es plötzlich still. Christian konnte sich diese plötzliche Wortlosigkeit nicht erklären, bis ihm wieder einfiel, dass seine Weggefährten immer noch eigene Gedanken hatten. Und anscheinend trauten sie sich nicht, sie ihm mitzuteilen. Also erlöste er sie, indem er als erster über seine eigenen Pläne sprach.
„Also!“, brach er das Schweigen deshalb, weil es unangenehm wurde. „Ich habe über vieles nachgedacht, an allem Möglichen herum gezweifelt, mich über euch, über mich und über die ganze Situation geärgert, und das alles hat dazu geführt, dass ich zu einem Entschluss gekommen bin. Ich werde versuchen, in die Draußen-Welt zu kommen. Mit, oder ohne eure Hilfe. Die Menschen hier haben genug gelitten. Und zumindest sollten sie wissen, warum sie hier leben, und dass es da draußen noch eine andere Welt gibt. Das will und das werde ich heraus bekommen.“

Roland räusperte sich, holte sich von allen noch eine Zustimmung per Augenkontakt und antwortete dann in seiner besonnen Art, indem er Christian fest in die Augen blickte.
„Wir haben auch nachgedacht, und es war uns klar, dass du weiter gehen würdest. Wir haben deshalb diskutiert, was wir tun werden. Und ich sage dir, was wir beschlossen haben. Kimmy und ich werden bei Hermann bleiben. Klara wird mit dir gehen. Zu zweit habt ihr auf jeden Fall eine größere Chance, hinüber zu kommen. Und, Klara hat irgendwie einen beruhigenden Einfluss auf dich. Warum auch immer!?“, grinste er jetzt ganz kurz und wurde danach sofort wieder ernst. „Hermann hat uns erzählt, dass der junge Behörde-Mann, der in der Grenzregion von Rodland wohnt, seit langem Kontakt zu den Wächtern von Westland hält. Sporadisch zwar, aber immerhin. Wir wollen bis auf die rodländische Seite gehen und schauen, ob wir von da aus einen Weg ins Innere finden. Der Behörde-Mann hat eine alte Versorgeranlage gefunden, die wahrscheinlich aus den Anfangszeiten der Plattform stammt. Dort sammelt er Menschen aus Rodland, die sonst in Sterbehäuser müssten. Den Sinn dieser Dinger haben wir immer noch nicht verstanden, aber sie sind anscheinend tötlich. Durch ihn bekommen wir vielleicht einen weiteren Zugang nach innen, der absolut stabil ist. Und, … der Typ hat deine ganze Familie aus LE geholt.“

„Reni? Meine Mutter?…Sie leben noch?“ Christian brach in Tränen aus, als er die Bestätigung von allen bekam. „Ich bleibe hier, ich hole sie da raus.“, war danach sein erster Impuls, und dieses Mal hielt Kimmy ihn zurück.

„Nein, Christian. Das tue ich für dich. Du tust, was du dir vorgenommen hast. Du, und nur du kannst das. Denk einen Augenblick darüber nach. Keiner von uns wäre hier, wenn du nicht wärst. Verstehst du? Ich sorge dafür, dass …, ja was eigentlich? …Alles vorbereitet ist, wenn du zurück kommst. Gut???“

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„Ein fertiger Plan also?“, antwortete Christian nach einiger Zeit nachdenklich. „Aber warum willst du mit mir kommen, Klara? Du bist nicht wagemutig. Auch nicht besonders abenteuerlustig. Ich habe immer geglaubt, dass du nur mit gekommen bist, um den Ruf der Wünscher wieder her zu stellen. Das Wissen dazu hast du jetzt schon. Warum also?“

Klara fühlte sich sichtlich unwohl, weil plötzlich alle Augen auf sie gerichtet waren. Aber dann hob sie das Gesicht und schaute Christian gerade in die Augen.
„Da hast du vollkommen Recht, Christian. Aber du vergisst meine Neugierde. Ich kann sie kaum bezwingen. Ich will mit den Erbauern reden, Fragen stellen von denen ich immer geglaubt hatte, dass ich niemals eine Antwort darauf bekäme. Außerdem meint Hermann, ich hätte dipl…, dipolma…“

„Diplomatisch, ist das Wort.“, half Hermann gern aus.

„Genau. Diplomatische Fähigkeiten. Das bedeutet, dass ich vermitteln kann, wenn es zu Streitigkeiten kommt. Außerdem meinen alle, ich würde beruhigend auf dich wirken. Du bist manchmal aufbrausend und wirst dann ungerecht und läufst weg. Ich könnte dich zurück holen. Ich weiss zwar nicht, ob sie damit Recht haben, aber Hermann sagt, ich würde dich an deine Schwester erinnern. Deshalb könnte ich es.“

„So so. Hermann sagt das, mh?“ Christian´s Augen glänzten schon wieder verdächtig, aber dann verdunkelte sich sein Blick wieder. „Gut. Ich bin einverstanden. Und eure Begründung verstehe ich. Jetzt müssen wir nur noch heraus finden, wie wir durch die Kuppel kommen. Und vor Allem möchte ich wissen, warum du das nie probiert hast. Oder einer der Überlebenden.“, richtete er sich nun an Hermann.

Hermann, der sich bis jetzt aus der Unterhaltung heraus gehalten hatte, rückte ein wenig weiter in die Mitte und räusperte sich umständlich. Man sah es ihm an, dass es ihm nicht leicht fiel, jetzt das Wort zu ergreifen. Aber dann rang er sich dennoch durch:

„Ja, also…, dafür gibt es mehrere Gründe. Es begann damit, dass es zu wenige Überlebende gab, von deren Arbeit hier draußen viel zu viele Menschen drinnen abhängig waren. Wie schon gesagt, meine Mutter war eine starke Frau. Sie erstickte jeden Gedanken an einen Ausbruch, egal bei wem er aufkam, im Keim. Für so etwas wäre keine Zeit und das Risiko, auch nur einen weiteren Menschen hier in der Zone zu verlieren, wäre viel zu hoch für ein solches Unternehmen. Außerdem würde sehr bald Hilfe kommen, und das Risiko deshalb doppelt unnötig.
Schließlich sahen das alle ein, und verrichteten ihre Arbeit viele Jahre, ohne zu Murren. Aber dann kamen wieder Menschen zu ihr, die ergründen wollten, warum man uns hier allein ließ. Sie hielt diese Menschen von ihrem Vorhaben ab, imdem sie ihnen glaubhaft versicherte, dass wir alle sterben müssten, wenn die Kuppel geöffnet wird. Alle wiesen sie auf die Aussicht hin, die die defekten Segmente zeigten. Aber Mutter behauptete steif und fest, das wären auch nur Projektionen. Sie zeigte den Menschen Aufzeichnungen der Erbauer, die zu bewiesen schienen, dass die Menschheit einen furchtbaren Fehler begangen hätte, den Planeten durch Unvernunft und Habgier in eine lebensfeindliche Welt verwandelt hätten und wir die letzten Überlebenden wären. Die Papiere waren überzeugend, die Geschichte jedoch, erlogen.
Zur Ehrenrettung meiner Mutter möchte ich sagen, dass sie nicht alles erfunden hatte. Grundsätzlich hatte sie wohl sogar Recht. Aber die Erde lebt. Und wir hier sind ein Experiment einer kleinen Gruppe Menschen, die, fehlgeleitet, fanatisch, von Visionen besessen, …, was auch immer, versucht haben, hier, mit dieser Konstruktion den Anfang einer neuen Welt zu schaffen.“ Hermann hielt inne, und versuchte zu ergründen, welche Wirkung seine Worte hatte.

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Weder Christian, noch die anderen sagten ein Wort. Alle sahen ihn nur erwartungsvoll an und Christian ermunterte Hermann durch eine knappe Kopfbewegung, mit seiner Geschichte fortzufahren.

Das tat er dann auch.

„Ja nun, die Menschen glaubten schließlich die Geschichten meiner Mutter und setzten von da an alles daran, die Menschen im Inneren des Kraftfeldes am Leben zu erhalten.
Erst, als der letzte unserer Mitstreiter starb und meine Mutter selbst schon hoch betagt war, unternahmen wir einen einzigen Versuch, hinaus ins Freie zu gelangen. Dieser Versuch endete beinahe mit unser beider Tod. Wir hatten nämlich nicht bedacht, dass es da draußen keine Klimaanlage gibt. Dort herrscht unter Umständen rauhes Wetter, mit Sturm und Regen. Das konnten wir vom Hafen aus nicht sehen, und es kam uns auch überhaupt nicht in den Sinn. Nur wenn wir vor den Segmenten saßen, beobachteten wir Regen, Schnee, meterhohe Wellen, vom Sturm aufgepeitscht. Dann waren wir immer froh, dass wir hier drinnen sein durften, wo es immer gleich warm war und uns höchstens die geplanten Regenschauer der Klimaanlage berieselten.
Mutter erzählte immer, dass es ganz einfach wäre, aus der Kuppel heraus zu kommen. Sie hatte Handbücher gefunden, für die einzigen zwei seetauglichen Schiffe, die uns nach der Katastrophe noch geblieben waren. Darin wurde beschrieben, welcher Schalter zu betätigen war, um die Ausfahrt aus der Kuppel zu aktivieren. Die Bedienung eines Schiffes ist grundsätzlich so leicht, wie Auto fahren. Wir drehten in der Hafenbucht des Hauptdepots probehalber ein paar Runden und das machte sogar Spass.

Also beluden wir eines Tages eines der Schiffe und wollten ausprobieren, ob die Anlage noch funktionierte. Als wir im Hafen vom Steg ablegten, schaltete Mutter den entsprechenden Schalter auf „Ein“ und dann wurden wir durch einen Traktorstrahl aus der Kuppel heraus geleitet. Wir merkten erst, dass wir die Kuppel schon verlassen hatten, als uns ein heftiger Wind erfasste, und sofort abtrieb. Vor allem in eine Richtung, in die wir überhaupt nicht wollten. Dazu kam, dass wir den Wind seitlich abbekamen. Und da wir beide überhaupt keine Ahnung hatten, wie wir uns bei Wellengang zu verhalten hatten, wurde das Boot von einer riesigen Welle überspült. Es kippte einfach um und das Wasser riss uns alle in die Tiefe. Unser Glück war nur, dass wir beide Sicherheitsringe umgelegt hatten. So vorsichtig waren wir glücklicher Weise. Trotzdem wäre es uns schwer gefallen, es in den sicheren Hafen zurück zu schaffen, wenn nicht die Rettungsringe mit einem Signal ausgestattet wären, das der Tracktorstrahl erfasste und uns so wieder zurück holte. Dabei sind wir beide fast ertrunken, da uns der Strahl unbeirrt zurück zog und somit mussten wir durch jede Welle gerade hindurch, die höher als sein Einflussbereich war.
Mutter holte sich bei dieser Unternehmung eine Lungenentzündung, von der sie sich nicht wieder erholte. Auf ihrem Sterbebett musste ich ihr versprechen, niemals allein da hinaus zu fahren. An dieses Versprechen habe ich mich bis heute gehalten.
Ich hätte es trotzdem gebrochen, wenn es notwendig geworden wäre. Aber das war es bisher nicht, weil ich vorher ein weiteres Versprechen brach. Es betraf die Wächter. Mutter hatte es immer für falsch gehalten, den Wächtern die wahre Geschichte zu erzählen. Sie meinte, das würde auf jeden Fall zu den Menschen im Inneren gelangen und dann unnötige Unruhe schaffen.
Meiner Meinung nach war das vollkommen falsch. Ich stand schon immer auf dem Standpunkt, dass man die Wächter ins Vertrauen ziehen sollte und musste. Nur sie waren in der Lage, durch ihr Wissen und auch ihr Stillschweigen die Lage im Inneren korrekt beurteilen zu können. Und meine Rechnung ging auf. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich sie in unsere wahre Geschichte einweihte, ging vieles leichter für mich. Und die Wächter machten ihren Einfluss beim Rat und der Behörde geltend, um die Bevölkerungszahl und deren Lebensstandarts zu erhalten.

Tja, das war es auch schon. Ich hoffe, ich habe die gestellte und die ungestellten Fragen ausreichend geantwortet!“

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Als Hermann schwieg, breitete sich eine unangenehme Stille aus. Alle dachten über das eben Gehörte nach und an ihren Gesichtern konnte Hermann erkennen, dass sie sich nicht besonders wohl fühlten.

„Deine Geschichte wirft zwar noch ein paar Fragen auf, ändert aber nichts an unseren Plänen.“, brach Roland als erster das Schweigen.

„Nein, wieso auch?“ Kimmy blickte spöttisch von einem zum anderen. „Jetzt müssen Christian und Klara nur noch schnell lernen, wie man ein Schiff bei hohem Wellengang steuert und dann kann es sofort los gehen.“

„Verschone uns mit deinen Spötteleien, sie nerven nur und führen zu nichts“, wies Klara Kimmy zurecht. „Schaut lieber zum Segment. Wenn wir einen solchen Tag, wie den da draußen, erwischen, sollte die Fahrt hinüber nicht sehr gefährlich werden.“

Alle drehten sich wie auf Kommando um, denn bis jetzt hatten sie dem Segment den Rücken zugekehrt. Der Nebel war vollständig verschwunden und die Sonne schien auf eine fast glatte Wasserfläche und verzierte die kleinen Wellen mit Glitzerkrönchen. Das Land war klar und deutlich erkennbar und alle standen gleichzeitig auf und liefen zum Segment. Für Kimmy, Klara und Roland war dies der erste klare Blick in die Draußen-Welt. Aber auch Christian und Hermann standen sofort wieder fasziniert vor dem Bild, das sich ihnen bot.

Nach einer Weile zog Hermann Christian vorsichtig zur Seite, um die anderen beim Schauen nicht zu stören.

„Du hast bis jetzt noch nichts gesagt, Christian. Ist alles in Ordnung?“, fragte Hermann fast schon ein wenig besorgt, so dass Christian ihn erstaunt ansah.

„Ja Hermann, es ist alles in Ordnung. Es kommt mir nur so unwirklich vor, dass ich hier bin, mit euch allen. Und jetzt soll ich da hinaus, ohne zu wissen, wie. Ich will das alles eigentlich überhaupt nicht. Verstehst du? Ich wollte aus Rodland weg, mehr nicht. Und nun bin ich fest entschlossen, da hinüber zu kommen. Ich habe einfach nur Angst.“

Hermann nahm den Jungen in den Arm und drückte ihn fest an sich.
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„Ich denke, wir haben alle ein wenig Angst. Denn ganz ohne Folgen wird dein Ausflug in die Draußen-Welt nicht bleiben. Aber egal, wie er ausgeht. Auch hinter dem Kraftfeld tut sich etwas. Widerstand ist erwacht. Am besten sieht man das an dir. Ich glaube, die Behörde in Rodland ist der Auslöser dafür.
Aber nun komm wieder zu den anderen.“ Hermann löste sich von Christian und klopfte ihm ermunternt auf die Schultern. Seine zuversichtliche Haltung und die Gelassenheit, die Hermann an den Tag legte, gaben Christian seinen Mut und Kampfgeist zurück.

Unterdessen hatten Roland und die Mädchen Hermann mit Fragen nach dem, was sie da vor sich sahen, bestürmt. Geduldig antwortete Hermann, so gut er es konnte. Viel Neues hatte er nicht zu erzählen. Das meiste davon hatte sich Christian schon selbst zusammen gereimt. Nur, was er über die Frau zu erzählen hatte, war interessant. Hermann erzählte, dass er sie schon seit langer Zeit beobachtete. Sie wäre immer da, wenn er zum Segment käme. Und sie blieb immer von Sonnenaufgang, bis in die Nacht. Egal, welches Wetter da draußen herrschte. Und immer sah sie in Richtung der Plattform. Hermann hatte den Eindruck, als warte sie auf Etwas oder Jemanden. Eine bessere Erklärung hätte er für ihr Verhalten bis heute noch nicht gefunden.

Sie verbrachten den ganzen Tag vor dem Segment und beobachteten alles, was sich ihnen bot. Kimmy meinte, es sei aufregend, Menschen zu beobachten, die von ihrer Existenz keine Ahnung hatten. Roland begeisterte sich für die schnellen Schiffe, und malte sich aus, wie es wäre, dort einmal mitzufahren. Klara war eher ruhig, teilweise machte sie sogar einen zornigen Eindruck, was die anderen veranlasste, sie in Ruhe zu lassen.

Am Abend zündete Hermann wieder ein Lagerfeuer an und bereitete für alle ein schmackhaftes Mahl. Dann diskutierten sie noch eine Weile darüber, wie es weiter gehen sollte. Christian, der immer mehr von einer inneren Unruhe angetrieben wurde, bat Hermann und Klara ihn am kommenden Morgen schon zurück zum Hauptdepot zu begleiten. Er wollte sich das Schiff ansehen und von Hermann lernen, wie er es bedienen musste. Klara war sofort einverstanden, bestand aber darauf, dass auch sie in die Handhabung des Schiffes eingewiesen werde. Sie begründete es damit, dass immer irgendwas passieren könnte, und sie somit vollwertiger Ersatz für Christian wäre. Der hatte dagegen nichts einzuwenden und Hermann gleich gar nicht.
Roland und Kimmy wollten noch einen weiteren Tag vor dem Segment verbringen, dann aber ebenfalls zurück zum Hauptdepot gehen. Den Weg zu dem alten Tunnel wollten sie nicht ohne Hermann antreten, davon mal abgesehen, dass sie ihn vermutlich gar nicht finden würden, wollte man Hermann´s Geschichten glauben.
Da dieses Mal jeder mit dem Plan einverstanden war, wurde es noch ein gemütlicher Abend und nur Paul schlief ein, ohne noch stundenlang dem Leuchten der Sterne zuzusehen.

Am nächsten Morgen machten sich Christian, Hermann und Klara zum Hauptdepot auf. Sie liefen zügig und machten kaum Pausen, so dass sie schon am Mittag des darauf folgenden Tages ankamen. Christian musste seine Ungeduld ein wenig zügeln, denn es hätte ihm nichts aus gemacht, sofort nach der Ankunft das Schiff in Augenschein zu nehmen. Aber er sah Hermann an, dass er unbedingt der Ruhe bedurfte und auch Klara sah einigermaßen mitgenommen aus.
So machten sie erst einmal Quartier.
Hermann hatte, als er von den Wächtern hörte, dass Christian nicht allein kam, eine Lagerhalle umgebaut und in vier Zimmer verwandelt, die jeweils mit einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl ausgestattet waren. Er hatte sich sogar die Mühe gemacht und aus den unzähligen Lagern Einrichtungsgegenstände heraus gesucht von denen er meinte, dass sie die Zimmer gemütlicher machten. Da die Erbauer in ihren Depots keine Dinge lagerten, die nicht lebensnotwendig waren, blieb die Einrichtung der Zimmer, trotz seiner Bemühungen, eher spartanisch. Aber das machte weder Christian noch Klara etwas aus. Beide merkten erst jetzt, wie wohl es tat, wieder unter einem Dach zu sein, von Wänden umgeben und von Dingen, die zu ihrer Bequemlichkeit beitrugen.
Klara hatte sich eigentlich nur auf das Bett gelegt, weil sie die Matratze ausprobieren wollte. Als sie aber das Kopfkissen spürte und die weiche Decke über sich zog, war sie innerhalb von Sekunden eingeschlafen.
Christian erging es nicht viel anders, und als Hermann nach kurzer Zeit nach den beiden sehen kam, fand er die beiden fest schlafend vor. Er hatte sich etwas ähnliches schon gedacht und schlich sich leise davon.

Paul folgte ihm. Anscheinend war er von der neuen Behausung nicht sonderlich angetan, denn er heftete sich hartnäckig an Hermanns Fersen. Hermann war es recht. Er konnte mit dem Hund zwar nichts anfangen, aber er störte ihn auch nicht.

Wichtig war, dass er unverhofft die Gelegenheit bekommen hatte, ungestört mit den Wächtern zu reden. Und so setzte er sich umgehend an sein Schaltpult und gab das Signal zur Konferenz.
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Da es hinter dem Kraftfeld um diese Zeit weit nach Mitternacht war, dauerte es eine Weile, bis sich alle Wächter meldeten. Die nicht immer gut gemeinten Ratschläge, die Hermann dann als erstes hörte, nahm er nicht weiter tragisch. Erst, als alle LED´s auf konstant grün standen, und seine eigenen Schalter alle auf KONF, begrüßte er die Gemeinschaft der Wächter ganz offiziell.

„Guten Morgen euch allen. Es ist also so weit.“, begann Hermann. „Christian und Klara gehen nach draußen. Christian ist von einer unbezwingbaren Ungeduld. Ich denke, er wird nicht lange warten, um nach Draußen zu kommen. Habt ihr noch Informationen, die ihm nützlich sein könnten? Oder Aufträge, oder sonst irgend etwas, was ich den beiden mit auf den Weg geben soll?“ Am Schaltpult konnte Hermann verfolgen, wer sich aus der Konferenz ausschaltete und intern miteinander redete. Dieser lang ersehnte, aber auch befürchtete Augenblick war für die Wächter immer noch umstritten. Es gab den einen oder den anderen, der mit Christian und seinem Vorhaben seine Probleme hatte. Es war ganz einfach Angst, die sie antrieb, Hermann davon zu überzeugen, dass er die beiden letzendlich doch zurück halten sollte.
Er hörte sich alle ihre Argumente zum ´zigsten Male geduldig an, und wiederholte für sie dann einen Satz, der es ihm bisher ermöglichte hatte, die vielen Jahre hier draußen, in der Zone, nicht verrückt zu werden und zu überleben.

„Wir haben alle Angst. Und wenn ihr euch eure Argumente anseht, steckt nichts anderes dahinter. Ich kann das gut verstehen! Ich habe, glaube ich, mehr Angst gehabt, als ihr alle zusammen. Aber ich lebe immer noch. Und wisst ihr, warum? Weil meine Mutter mich eines gelehrt hat!
Hoffnung stirbt zuletzt! …- Nicht die Angst, versteht ihr?“

„Eine schöne Rede, Hermann.“, meldete sich Willy mit einem leicht spöttischen Unterton in seiner Stimme. „Und ich gebe dir insofern Recht, dass uns alle ein mulmiges Gefühl beherscht. Keiner von uns kann wirklich abschätzen, was Christian´s Tun für uns bringen wird.
Aber, wenn du dein Schaltpult ein wenig besser betrachten würdest, wüsstest du, dass uns ein neuer Wächter zuhört. Ein sehr wichtiger, wie ich finde.
Auf Grund der Tatsache, dass du ihn als Neuling in unserer Runde noch nicht einmal begrüßt hast, zeigt mir, dass du ihn bisher nicht wahr nimmst. Und jetzt wäre es für uns von Interesse, ob er nur Verbindung zu uns in Westland hat, oder ob du nur zu alt geworden bist, um deine Technik im Griff zu haben.“

Hermann schaute verblüfft auf seine Konsole, und tatsächlich blinkte da eine LED, die er schlichtweg übersehen hatte. „Das ist Rodland.“, stellte er mehr für sich selbst fest. „Wieso bekomme ich ein Signal aus Rodland?“

„Weil es da ein Wächter fertig gebracht hat, die alten Verbindungen wieder herzustellen und darauf wartet, dass du ihn in unsere Konferenz schaltest.“, antwortete Willy, jetzt schon einigermaßen amüsiert.

„Ja, klar! Das sollte ich dann wohl tun. Aber, wie…?“, Hermann schob den Regler auf Stellung und sagte dann vorsichtig: „Hallo?“ Im selben Augenblick erscholl Jubel aus den Lautsprechern und Hermann konnte nur undeutlich wahr nehmen, dass sich da mehrere Menschen unbändig freuten, ihn zu hören. Dann wurde es ruhiger, und eine fremde Stimme sprach zu Hermann, der beim ersten Wort einen Augenblick die Luft anhielt.

„Hallo Hermann! Hier ist Kevin. Mein Opa-Alter war einmal Wächter in Rodland. Aber das ist egal. Wichtig ist, dass die Verbindung steht. Und das haben wir geschafft, weil Max unsere Anlage repariert. Er ist so eine Art Vater für Christian. Kann er mit ihm reden?“

Hermann, der immer noch nicht fassen konnte, dass es wieder eine Verbindung nach Rodland gab, antwortete steif, dass Christian schliefe, und er ihn nicht wecken wollte.
Christian, der schon seit geraumer Zeit im Dunkeln hinter Hermann stand, fühlte sich seltsam berührt von Max´ Stimme. Aber er wollte nicht mit ihm reden. Jetzt noch nicht.
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Mit seiner Antwort gab man sich in Rodland erst einmal zufrieden, obwohl Hermann im Hintergrund Stimmen hörte, die nicht gerade glücklich über seine Auskunft zu sein schienen.

Christian hätte ihm sofort sagen können, dass dort seine Mutter und Reni energisch zur Ruhe aufgefordert wurden. Und das gab ihm einen Stich ins Herz. Wo immer sie sich gerade aufhielten, sie wurden auch dort wieder gegen ihren Willen zum Schweigen gebracht. Er machte sich auch keine Gedanken, aus welchen Gründen das geschah. Er wusste nur, dass es genau die Art war, mit Menschen umzugehen, die ihn unter anderem in Rodland das Leben zur Qual werden ließen.

Hermann hatte sich unterdessen von seiner Überraschung erholt und Kevin formvollendet begrüßt.

Kevin dankte ihm und den Wächtern für die freundliche Aufnahme in ihre Runde und bat dann darum, dass jetzt Max sprechen dürfe. Er hätte etwas zu erzählen, das wirklich wichtig für Christian und Klara sein könnte, wenn sie auf die Draußen-Menschen treffen würden. Willy holte sich die Zustimmung der Wächter ein und forderte danach Max zu reden auf.

„Ja, … mmh. Einen schönen Abend wünsche ich allen. Na ja, ist ein wenig ungewohnt für mich, die ganze Situation. Aber, …mmh, das läßt sich jetzt schlecht ändern, denke ich.
Ja also, wenn ihr später mit Christian redet, dann solltet ihr ihn darauf vorbereiten, dass die Erbauer nicht sonderlich erfreut sein werden, ihn zu sehen. Oder zu erfahren, dass es uns noch gibt. Und dass das, was wir in den Sterbehäusern machen, auch kein Verständnis hervorrufen wird. Christian sollte sich entsprechend zurück halten mit dem, was er Draußen erzählt. Klara ebenso. Ich habe zwar keine Ahnung, welches dunkle Geheimnis den Westländern zu überleben hilft, bin mir aber sicher, dass es eins gibt. Und dass es genauso unschön sein muss, wie das unsere, liegt auf der Hand.“

Die vielen Fragen, die jetzt bunt durcheinander und sehr emotional gestellt wurden, waren verständlich und auch nachvollziehbar. Aber Hermann überlegte, ob auch nur eine einzige Antwort Christians und Klaras Weg erleichtern würde. Und genau diese Frage warf er mitten in die lebhafte Diskussion, die mittlerweile entbrand war. Sie bewirkte, zum einen, dass es plötzlich still in den Lautsprechern wurde und zum anderen, dass Christian seinen Lauscherposten verließ und neben Hermann an das Pult trat.
Zur Überraschung der Beiden trat, fast zeitgleich, nun auch Klara aus der Dunkelheit hervor und stellte sich an Hermann´s andere Seite. Sie deudete aber sofort mit einer Handbewegung an, dass sie nicht sprechen würde.
Christian hingegen nutzte das Überraschungsmoment aus und schaltete den Regler auf KONF, ohne Hermann zu fragen.

„Hallo an alle Wächter!“, begann er mit fester Stimme und nun verstummte auch das letzte Murmeln in den Lautsprechern. „Hi, Max! Guten Morgen Mama und Guten Morgen, Reni, meine Lieblings-Schwester!“ Christian konnte zwar die Tränen aus seiner Stimmer heraus halten, aber nicht verhindern, dass sie ihm auf die Wangen tropften. Dass alle noch lebten, die er schon längst für tot hielt, ließ ihn vor Erleichterung erbeben. Aber das alles dauerte nur einen kurzen Augenblick, dann hatte er sich wieder im Griff.
„Ich habe euch vorhin zugehört. Und ihr habt mich richtig wütend gemacht. Wen interessiert es, was Rodländer oder Westländer getan haben, um uns allen das Überleben zu sichern. Ich will es gar nicht wissen und die Leute in der Draußen-Welt geht es gleich garnichts an. Sie sind es doch, die unsere Alten hier her gebracht, und sich dann nicht mehr um sie gekümmert haben.
Wir haben nur versucht, zu überleben. Sie haben versucht, uns zu vergessen. Was ist schlimmer?, frage ich euch.“ Christian machte eine kurze Pause, die von niemanden genutzt wurde, mit ihm zu reden.
„Ich werde da rüber gehen, mit Klara, und ich werde Antworten holen. Je nach dem, was ich erfahre, werde ich entscheiden, ob ich unsere Geschichte erzähle. Und wenn ich kann, werde ich Hilfe organisieren. Für die Kranken in Westland und für die Eingesperrten in Rodland. Mehr weiss ich erst einmal nicht. Aber für den Anfang sollte das genügen.“
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Die Stille, die jetzt aus den Lautsprechern quoll, hatte etwas beängstigendes an sich. Christian, der dies als ein Zeichen des Unmutes wertete, wollte in bekannter Weise das Pult verlassen, wurde aber von der Stimme seiner Mutter zurück gehalten.

„Chris! Chris, hörst du mich? Bist du noch da? … Hermann, ist er fortge…?“

„Ich bin hier Mama.“ unterbrach Christian seine Mutter, die äußerst aufgeregt zu sein schien.

„Oh gut, hör mir zu Chris. Das ist alles richtig, was du da gesagt hast. Aber du hast eines vergessen. Die Erbauer, sofern sie überhaupt noch leben, könnten euch nicht gerade wohl gesonnen sein. Vielleicht bringt sie euer Erscheinen und unser Dasein in ungeahnte Schwierigkeiten, so dass sie sich unter Umständen gezwungen sehen, euch, naja, irgendwie verschwinden zu lassen. Verstehst du? Besondere Menschenfreunde können sie grundsätzlich nicht gewesen sein, sonst hätten sie ja wohl alles versucht, uns zumindest weiter zu versorgen.
Nur das wollte Max damit ausdrücken. Ihr sollt einfach nur vorsichtig damit sein, wem ihr euch anvertraut.“

Das zustimmende Murmeln, das daraufhin aus den Lautsprechern drang und Klara´s geflüstertes: „Ich glaube sie haben recht.“, zwangen Christian zumindest zum Nachdenken. Ausschlaggebend sollte jedoch seine Schwester sein, die sich offensichtlich sehr energisch und sehr lautstark den Weg zum Mikrofon frei kämpfte.

„Chrisie? Chrisie? Ich bin´s, Reni! Du musst auf Mama und Max hören, und dann auch unbedingt wieder zurück kommen. Ja? Und dann holst du mich hier heraus, verstanden? Wehe, wenn ich wegen dir in die Felsenfestung muss, das würde ich dir nie verzeihen. Hörst du? Also mach, was Mama und die Wächter sagen und pass auf dich auf! Ich habe dich lieb Chrisie und ich vermisse dich ganz schrecklich.“ Dann wurde sie offensichtlich vom Mikrofon weg getragen, wogegen sie unter Weinen und Schluchzen immer noch lautstark protestierte.
Trotzdem bewirkte Reni´s Auftritt, dass auch das letzte Quentchen Zorn aus Christians Gefühlen verschwand.

„Gut, ich habe euch verstanden. Trotzdem möchte ich, unbelastet von irgendwelchen Geschichten, auf die Erbauer treffen. Dann bin ich einfach freier in meinen Entscheidungen. Ich hoffe, ihr versteht das. Wenn ihr aber sonst noch Tipps für mich habt, irgendwo was gelesen habt, was mir weiter helfen könnte, dann findet ihr jederzeit ein offenes Ohr bei mir.“ Christian verabschiedete sich noch von allen und verließ jetzt doch sehr schnell Hermann´s Schaltzentrale, wie der sie spöttisch nannte.
Klara folgte ihm ins Freie, sagte aber kein Wort. Sie blieb auch ein paar Schritte hinter Christian, bereit, sofort zu verschwinden, sollte er es wünschen. Als er es duldete, dass sie sich neben ihm auf einer Bank nieder ließ, wagte sie es dann aber doch zu fragen, warum er denn so schnell gegangen war. Christian seufzte.

„Ja weißt du, ich dachte meine Mama und Max seien schon längst im Sterbehaus. Entweder wegen zuviel Droge, aber ganz sicher wegen unseres Verschwindens. Und Reni habe ich in einer Felsenfestung vermutet. Sie bringen selten Kinder ins Sterbehaus, außer, wenn sie schlimm krank sind. Sie versuchen sie eher zu erziehen und zu Behörde-Menschen zu machen. Ich bin nur von meinen Gefühlen überwältigt. Von der Freude, dass es allen offensichtlich gut geht. Auch wenn ich nicht begreife, wie sie in die Obhut dieses Kevin gelangt sind.
Und dann sind da noch diese Vorhaltungen von den Wächtern. Ich habe sowieso schon Angst vor dem, was uns in der Draußen-Welt erwartet. Wenn wir überhaupt hinüber kommen. Aber die Bedenken der Wächter und nun auch meiner Familie tragen nicht gerade dazu bei, das es mir besser geht.“

„Das verstehe ich, weil ich auch Angst habe und sie tatsächlich auch mir mit ihren Reden noch mehr Angst machen.“, erwiderte Klara leise und rückte noch ein Stück näher an Christian heran. „Aber das mit deiner Familie freut mich. Das scheint ein ganz anderer Zusammenhalt zu sein, als unter den Menschen einer Kolonie. Ich habe ein Gefühl gespürt, dass ich überhaupt nicht benennen kann, Chrisie!“

„Heee, lass das. So darf nur meine Schwester mich nennen. Wehe, wenn du den anderen diesen Namen weiter erzählst.“, drohte Christian, hatte aber ein Lachen in den Augen. „Na ja, das mit der Familie ist so eine Sache. Früher, als meine Oma-Alte noch bei uns war, da ging es uns allen gut. Meine Mutter war echt gut drauf, vor allem, nachdem sie Max kennengelernt hatte. Aber dann wurde alles anders. Sie nahm auf einmal Droge und später Max auch. Uns schickten sie Containern und Betteln, weil meine Mutter eines Tages beschloss, dass wir fast nichts mehr aus den Versorgerläden essen durften.“

„Und warum?“

„Na das hätte uns sicher Max erzählt, wenn ich ihm nicht zuvor gekommen wäre.“
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Christian hatte offensichtlich keine Lust mehr zu reden, denn er erhob sich von der Bank und lief wieder in die Richtung von Hermann´s Quartier. Er meinte noch, sie hätten morgen einen langen Tag vor sich und er wolle sich jetzt schon hinlegen, um dann fit zu sein. Klara folgte ihm zwar, war aber durch die lange Mittagsruhe kein bisschen müde. Christian verabschiedete sich kurz von ihr, und verschwand dann in seinem Zimmer.

Klara ging zu Hermann zurück, der gerade dabei war, das Schaltpult wieder auf automatischen Betrieb zu stellen. Sie sah ihm stumm dabei zu, und, obwohl Hermann ihr Hiersein bemerkt hatte, verspürte er anscheinend nicht die gerinsgte Lust zu reden. Also verließ Klara die Behausung wieder und begann, das Hauptdepot auf eigene Faust zu erkunden. Fast alle Lager ließen sich öffnen, nur, dass es darin nichts zu sehen gab. In den meisten befanden sich nur leere Regale oder Aufbewahrungsbehälter. Hermann hatte sich in unmittelbarer Nähe seines Quartiers drei Lager eingerichtet, in denen er anscheinend alles zusammen gesammelt hatte, was er für sein Leben benötigte.
Zwei weitere Lager, die mit eigenartigen Schildern vor etwas warnten, wovon Klara anscheinend nicht die geringste Ahnung hatte, versuchte sie garnicht zu öffnen.

„Darin sind Chemikalien, die zur Versorgung der Pflanzen im inneren Kraftfeld dienen.“, sagte Hermann, der unbemerkt hinter Klara getreten war. „Das Zeug da drin sieht vollkommen unspektakulär aus, kann aber durchaus gefährlich für einen Menschen sein, der sich damit nicht auskennt.
Willst du das Schiff sehen?“

„Oh ja, das wäre toll!“, freute sich Klara und Hermann ging an dem großen zentralen Förderband entlang, bis sie zum Steg kamen, der hier in der Bucht des Hauptdepots parallel zum Wasser verlief und somit gleichzeitig die äußere Begrenzung zwischen Plattform und Wasser war. An beiden Seiten der Bucht verschwand der Steg jeweils in einem ziemlich einfachen Haus, das noch nicht einmal Fenster hatte.
Auf dem Weg dort hin erzählte Hermann, wie oft er sich gewünscht hatte, dass eines der beiden defekten Segmente der Kuppel hier, in diesem Bereich kaputt gegangen wäre. Klara konnte sich das gut vorstellen, stand sie doch immer noch unter den Eindruck der Bilder, die sie selbst erst vor kurzem gesehen hatte.
Während Hermann erzählte, gelangten sie zur Eingangstür des Hauses, die genauso einfach gebaut war, wie das Haus. Als sie eintraten und Hermann das Licht anmachte, stand Klara vor einem sehr großen Schiff, bei dem sie schon ein Stück nach oben schauen musste, um das Geländer sehen zu können. Die Länge des Schiffes schätzte sie auf ungefähr dreißig Meter und die Bauweise erschien ihr ein wenig plump. Hermann erklärte ihr, dass es sich hierbei um ein Transport-Schiff handelte. Früher, vor der Katastrophe, seien täglich mehrere hierher gekommen, erzählte Hermann und führte Klara vorsichtig über den angelegten Steg zum Eingang des Schiffes.
Klara ließ sich die Aufbauten erklären und warf sogar einen Blick in den Innenraum des Schiffes. Als Hermann aber begann, ihr die Funktionsweisen verschiedener Dinge erklären zu wollen, die Klara´s Aufmerksamkeit erregten, unterbrach sie ihn sehr schnell. Sie meinte, dass es besser wäre, wenn Christian von Anfang an bei den Unterweisungen dabei wäre.
Sie wollte einfach nur schauen. Und als Hermann das große Tor zur See öffnete, fühlte sie sich, als wäre sie schon unterwegs zur Draußen-Welt.

„Es sieht fast so aus, als wären wir schon unterwegs.“, fasste Hermann das in Worte, was ihr gerade durch den Sinn ging. „Obwohl es ja lächerlich ist, wenn man ein wenig zur Seite sieht. Ich habe heraus gefunden, dass es nicht gut ist, wenn das Schiff immerzu im Wasser liegt. Die Erbauer haben wohl deswegen dieses Trockendog eingerichtet. Wahrscheinlich auch, um Reparaturen ausführen zu können, falls nötig. Na wie auch immer, auf jeden Fall funktioniert die Anlage hier genauso gut, wie in den Buchten. Innerhalb kürzester Zeit liegt das Schiff im Wasser, wenn ich den Schalter bediene. Soll ich?“

„Nein, warten wir damit auf Christian. Aber ich kann es mir sehr gut vorstellen.“, schwächte Klara sofort ab, als sie die Enttäuschung auf seinem Gesicht bemerkte.

Die beiden verbrachten noch den ganzen Nachmittag und auch den Abend miteinander. Hermann zeigte Klara die Dosiereinrichtungen für die Pflanzenwelt der Plattform. Klara fühlte sich beeindruckt von dieser Etage, die praktisch eine weitere Welt unter der Plattform bildete. Sie fand es aber auch ein wenig unheimlich. Alles war aufgebaut, wie Trichter, die von unsichtbarer Hand gehalten an einer kaum erkennbaren Decke hingen. Kurz unter der Decke fehlte jede Art von Beleuchtung. Nur bei den Trichtern, die defekt waren, konnte man die Ernährungsflüssigkeit bis oben hin sehen. Klara erkannte erst nach längerem Schauen, dass diese Trichter nicht nur die Versorgungsquellen, sondern auch die Säulen waren, die die Welt da oben trugen. Und es keimte ein Gedanke in ihr auf, den sie nicht wirklich fest machen konnte. Sie wusste nur, dass ihr die vielen, bis oben hin leuchtenden Säulen, Angst einflößten.

Durch sie sah das ganze Gebilde irgendwie zerbrechlich aus.
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Hermann verabschiedete sich nach der Besichtigungstour für die Nacht und brachte Klara noch zu ihrem Zimmer. Aus Christian´s Zimmer kam kein Laut und beide mussten an sich halten, um nicht an die Zimmertür zu klopfen. Aber ein kurzer Blick genügte und sie ließen von ihrem Vorhaben ab, ohne auch nur ein Wort darüber gesprochen zu haben.

Klara lag noch lange wach und lauschte an der Wand. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Christian ein solches Schlafbedürfnis hatte. Und sie sollte recht haben. Christian war schon lange nicht mehr in seinem Zimmer.
Er hatte gehofft, dass sich die beiden das Depot ansehen würden. Und als sie dies tatsächlich taten, verließ er sein Zimmer, um sich Hermann´s Behausung ein wenig näher anzusehen. Christian suchte nicht nach persönlichen Dingen des alten Mannes. Solche Gedanken waren ihm vollkommen fremd. Er nahm aber an, dass der Alte immer noch nicht mit allem heraus gerückt war, was er im Laufe der Jahre erlebt und erfahren hatte. Die Geheimnistuerei der Wächter machten ihn nervös und misstrauisch.
Also stöberte Christian in dieser Behausung herum, die sicher auch irgendwann einmal eine Lagerhalle gewesen sein mochte. Aber je mehr er sah, desto sicherer wurde er, dass sein erster Eindruck nicht richtig sein konnte. Der große Eingangsbereich mit der Schaltkonsole war auf jeden Fall einmal Drehpunkt des Depots gewesen. Es war klar ersichtlich, dass diese Konsole einmal mehr konnte, als nur als Wechselsprechanlage zu fungieren. Dafür war sie viel zu groß, und die dunklen Bildschirme an den Wänden, mit den darunter liegenden Einzelkonsolen sprachen ihre eigene Sprache.

Hinter diesem Raum verzweigten sich mehrere Gänge. Einer davon führte zu den Zimmern des ‚Durchkommers‘. Hermann hatte sich sehr viel Mühe gegeben, diesen Bereich so angenehm, wie möglich zu gestalten. Im Bad gab es sogar eine Badewanne, die aber sichtlich später eingebaut wurde, als die übliche Sanitäreinrichtung.
Ein zweiter Gang führte in Hermann´s persönlichen Bereich. Sobald Christian merkte, in welchen Räumen er sich befand, verließ er den Gang sofort wieder. Er glaubte nicht, dass er hier etwas finden konnte, das ihm weiter half.
Im nächsten Gang wurde es schon interessanter. Es war ein sehr langer Gang, mit jeder Menge Türen, die alle einen Namen hatten. An der ersten, gleich nach dem Eingang, stand ‚Draußen-Welt‘. Genau nach einer solchen Tür und einem solchen Zimmer hatte Christian gesucht. Er nahm sich dennoch die Zeit, bevor er diese Tür öffnete, auch die anderen Türen zu inspizieren. Er fand hinter jeder, die er öffnete, fast das selbe Inventar. Unmengen von Büchern und Aufzeichnungen; Computer, die verstaubt ihr Dasein fristeten; kleine Schaltkonsolen, an denen nicht ein einziges Lämpchen blinkte; Bilder, die offensichtlich nicht gemalt waren, jedenfalls nicht mit Utensilien, die Christian kannte. Es gab ein Zimmer für Westland, eines für RodLand, jeweils eines für verschiedene Kolonien in Westland und eines für bestimmte Städte in RodLand. Dann gab es auch noch Zimmer, über deren Bezeichnung sich Christian nicht wirklich im Klaren war, vor allem, weil es ihm nicht gelang, den Sinn hinter Worten, wie Bevölkerungsdichte und Sterberaten zu erahnen.

Nachdem er alle Türen abgeschritten und zumindest einmal geöffnet und in das Zimmer geschaut hatte, stand er nun wieder vor der Tür mit der Bezeichnung „Draußen-Welt“. Das war die einzige Tür dieses Ganges, die er bisher noch nicht geöffnet hatte, und seine Hand zitterte ein wenig, als er nun die Klinke nach unten drückte.
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Als Christian nach Stunden den Gang wieder betrat und die Tür mit der Aufschrift „Draußen-Welt“ leise hinter sich schloss, sah er blass und angespannt aus. Obwohl der neue Morgen schon graute, trieb es ihn nicht in sein Zimmer zurück. Im Gegenteil, er verspürte das unbedingte Bedürfnis nach ein wenig Bewegung an frischer Luft. So lief er also zum Anlegesteg, ließ sich dort auf den Brettern nieder und ließ die Beine über dem Wasser baumeln.
Alles, was er in den letzten Stunden über die Draußen-Welt erfahren hatte, kam ihm so vor, als wäre es eine der Geschichten, die die Oma-Alte früher immer erzählte.
Aber die Fotos, die Gegenstände und die Berichte längst Verstorbener sprachen eine andere Sprache. Sie zeugten von einer Wirklichkeit, vergangen zwar, aber trotzdem real auf dieser Welt. Dass diese rund wie ein Ball sein sollte, war die größte Überraschung für Christian. Unvorstellbar groß musste die Welt sein, mit riesigen Meeren. Und ihre kleine Plattform hier, war nicht weit von diesen ganzen Dingen entfernt.
Christian versuchte, alles Erlesene und Gesehene ein wenig mit seiner Welt in Einklang zu bringen. Aber das wollte ihm einfach nicht gelingen. Wie sollte das wohl auch gehen? Die Dinge, die da draußen offensichtlich geschehen waren und vielleicht noch geschahen, waren so fernab von allem, was er bisher wusste, dass seine Fantasie eindeutig versagte. Und, dann nagte noch das Misstrauen in ihm, weil er immer noch nicht einschätzen konnte, ob alles, was er hier erlebte, nicht auch wieder nur Teil einer, …ja, erfundenen Welt war. Es gab nur ein Mittel gegen die Ungewissheit. Er musste da hinaus, komme was da wolle. Christian wurde an diesem Morgen klar, dass er schon viel zu weit gegangen war, um jetzt einfach aufzuhören.
Über diesen Gedanken schlief er auf den Steg ein.

Klara entdeckte ihn, als sie nach einer ziemlich unruhig verbrachten Nacht vor den Eingang trat, um die Morgenluft zu genießen. Hermann, der neben sie getreten war, brummelte etwas von ‚unvernünftiger Junge‘, und ging zurück zu der kleinen Küche, um Frühstück zu bereiten.
Klara folgte ihm und half dabei.

„Lass mich allein zu ihm, mit dem Frühstück.“, bat sie Hermann nach einiger Zeit. „Er kann manchmal ein wenig schwierig sein, weisst du? Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was ihn zum Schlafen auf den Steg getrieben hat.“

„Er war in meinem Archiv. Ich nehme mal an, fast die ganze Nacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass er danach Luft und Weite zum Nachdenken brauchte.“

„Ich verstehe nicht, was du damit meinst. Aber vielleicht sagt er mir, was los ist. Eigentlich ist es ja ganz einfach mit ihm.“, setzte sie ein wenig nachdenklich hinzu. „Entweder, man bekommt eine Antwort und kann sicher sein, dass es die Wahrheit ist. Oder, er schweigt einfach. Ich denke, damit kann man leben.“

Hermann dachte ein wenig über ihre Worte nach. Dann nickte er und packte das Essen in eine Tragetasche. „Ich glaube, du hast recht. Sieh nach ihm. Ich werde hier auf euch warten.“

Klara setzte sich zuerst still neben Christian, wartete aber nicht sehr lange und weckte ihn. Wie erwartet, war er von einer Sekunde zur anderen hellwach.

„Guten Morgen Klara. Ich wollte hier nicht einschlafen. Hast du dir Sorgen gemacht?“

„Nicht wirklich. Ich sah ja erst vorhin, nach dem Aufstehen, dass du hier unten liegst. Wir haben Frühstück gemacht, Hermann und ich. Hast du Appetit?“ Klara stellte alles Mitgebrachte auf den Steg und begann, sich selbst zu bedienen.
Christian langte ebenfalls zu, und Klara entspannte sich ein wenig.

„He Klara. Ich muss so schnell, wie es geht, dort hinaus. Ich muss wissen, ob du wirklich mit mir mit willst!?“

„Ja, und immer noch ja, und auf jeden Fall. Eine Frage, habe ich aber heute Morgen. Sollte ich auch in Hermann´s Archiv?“

Christian sah Klara erstaunt an. Dann klärten sich seine Gesichtszüge. „Mmmh, Hermann hat mich also gesehen? …Du kannst hinein, wenn du möchtest. Ich rate es dir nicht. Man erfährt so verwirrende Dinge, und die beeinflussen einen. Mach einfach, was du möchtest. Dann ist es auf jeden Fall richtig.“
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Von diesem Zeitpunkt an verhielt sich Christian, als würde er Droge nehmen. Er kannte keine Müdigkeit, keine Pausen und musste selbst zur Nachtruhe gezwungen werden. Sein ganzes Streben galt dem Schiff. Er hatte ein Handbuch aus Hermann´s Archiv mitgenommen, das er ständig bei sich trug. Klara hegte den Verdacht, dass er es auswändig lernte, während alle anderen schliefen.
Bemerkenswert war, dass er scheinbar keinen großen Wert auf Hermann´s Erfahrungen mit dem Schiff legte. Ständig unterbrach er Hermann bei seinen Unterweisungen, probierte lieber selbst aus und fühlte sich nur wirklich wohl, wenn er ohne Anleitung in der Bucht herum fahren durfte.

Nach drei Tagen legte er den Termin für die Abreise auf den nächsten Morgen. Klara fühlte sich nicht sehr wohl dabei, widersprach aber nicht. Hermann hatte versucht, den Eifer des Jungen ein wenig zu stoppen. Nach nur einem Tag passte er sich Christian´s Tempo an und erklärte nur noch Dinge, die er von sich aus erfragte.
Und, er machte auf diese Art schnell Fortschritte.

Als Roland mit Kimmy zum Depot kamen, wurden sie gleich weiter geschickt. Sie sollten zum ersten Segment und dort das Wetter beobachten. Sobald die See ruhihg war, sollte Roland eines der wenigen Leuchtsignale zünden, und Christian wollte darauf hin los machen.
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Kimmy ertrotzte zwar eine Nacht im Quartier der ‚Durchkommer‘, fügte sich danach aber widerstandslos Christians Anweisungen. Auch Roland hütete sich davor, mit Christian über den zeitlichen Ablauf des Ausbruchsversuches zu diskutieren. Vor allem, weil er, wie alle, das Gefühl hatte, als wüßte Christian, was er tat.
Hermann hatte nur etwas dagegen, dass eine Leuchtpatrone innerhalb der Kuppel gezündet wurde. Er kramte fast die ganze Nacht in seinen Lagern herum, bis er die Mobileinheit zum Schaltpult gefunden hatte. Noch einmal so viel Zeit verbrauchte er, um Akku´s und Ladegerät zu finden. Aber an dem Morgen, als sich Roland und Kimmy aufmachen wollten, um zum Segment zu laufen, drückte er Kimmy den unförmigen Apparat in die Hand und erklärte ihr die Bedienung des „Telefon´s“, wie er es nannte.
Hermann wusste nicht, ob die Reichweite des Mobilteils ausreichte, um Nachrichten bis zum Depot zu senden. Deshalb bat er Kimmy, ihm immer wieder eine Nachricht von ihrem jeweiligen Standort aus zu schicken. Erst, wenn sie sicher war, dass die Verbindung bis zum Depot nicht möglich war, sollte sie die Leuchtpistole benutzen. Roland nahm Christian noch das Versprechen ab, dass er auf jeden Fall auf ein Zeichen von ihnen warten würde, dann machte er sich mit Kimmy auf, zum ersten Segment.

Für Christian begann von diesem Zeitpunkt an eine harte Geduldsprobe. Er verbrachte den Tag damit, in der Bucht die unglaublichsten Wendemanöver zu probieren. Klara wurde dieser Übungen sehr bald überdrüssig und verließ das Schiff, als Christian das Anlegen zum ´zigsten Mal probte.

Sehr viel lieber packte sie mit Hermann Dinge zusammen, die sie seiner Meinung nach die ersten paar Tage benötigten, um ohne fremde Hilfe klar zu kommen. Hermann lief immer zwischen seinen Lagern und der Schaltkonsole hin und her, um mit Kimmy und Roland Kontakt halten zu können. Wider Erwarten funktionierte das Telefon bis zum Segment. Allerdings war es schon Nacht, als sie es erreichten.
Und, trotz allem Eifer und aller Ungeduld, wollte Christian sein Versprechen halten und auf ein Signal der Beiden warten. Seit er wusste, dass seine Kameraden beim Segment angekommen waren, verließ er die große Schaltkonsole nicht mehr. Er forderte einen fast stündlichen Bericht über das Aussehen der Wellen und deren Richtung. Bis Kimmy die Geduld verlor und ihn darauf hinwies, dass es auch am Segment stockfinster war und sie keine Ahnung hätte, wieso es Christian interessiere, wie der Wellengang bei Nacht war.

Darauf wusste Christian keine Antwort, und so schickte er Kimmy ins Bett.

Aber der nächste Tag war sein Tag. Roland meldete eine spiegelglatte See, es konnte also tatsächlich los gehen. Christian packte alle Vorräte auf das Schiff. Da die Sonne gerade erst aufgegangen war, schliefen Hermann und Klara noch. Aber darauf nahm Christian keine Rücksicht mehr. Sobald er alles auf dem Schiff verstaut hatte, holte er die beiden aus ihren Betten und innerhalb einer Stunde saß Klara müde und einigermaßen genervt auf dem Schiff, und Hermann stand auf dem Steg und half Christian beim Ablegen.
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Hermann rief den Beiden noch die letzten gut gemeinten Ratschläge zu, und im nächsten Augenblick legte das Schiff auch schon ab. Hermann machte kehrt und rannte zurück zu seiner Schaltkonsole. Er konnte die Fahrt des Schiffes auf einem kleinen Monitor beobachten, auf dem ihn auch das letzte Kraftfeld der Kuppel angezeigt wurde. Es war mit Klara ausgemacht, dass sie sich im hinteren Bereich des Schiffes aufhalten sollte. Sobald sie also in die Nähe des Kraftfeldes kamen, wollte Hermann ein Signal mit einem Scheinwerfer geben, damit sie auf einen eventuellen Aufprall vorbereitet waren.

Um die Öffnung des Kraftfeldes mussten sich Christian und Klara keine Sorgen machen. Sie Schalter dafür standen in der richtigen Position. Christian und Klara hatten dies, jeder für sich und unbeobachtet vom anderen, gefühlte einhundert Mal geprüft. Den Rest übernahm der Traktorstrahl, darum mussten sie sich nicht kümmern. Sobald aber das Schiff die Kuppel verlassen hatte, reichte die Hilfe des Traktorstrahles nicht mehr lange, vermutlich einhundert oder zweihundert Meter. Danach wurde er unwirksam und Christian und Kimmy waren auf sich allein gestellt.

Durch das Einschalten des Traktorstrahles hatte Christian erst einmal keine andere Aufgabe, als die Geschwindigkeit des Schiffes zu kontrollieren. Klara saß steif auf einem, dem Ufer zugewandten, Platz und sah erstaunt zu, wie schnell der sichere Steg immer kleiner wurde. Sie behielt krampfhaft Hermann´s Domizil im Auge und als sie Hermann´s Scheinwerfer sah, den er über dem Kopf hin und her schwenkte, schrie sie vor Anspannung und Nervosität laut auf.

„Christian! Christian…, komm schnell. Hermann hat den Scheinwerfer an. Komm, los! Wir müssen in die Rettungsringe.“ Als Christian sich nicht von seinen Posten an den Schalthebeln weg bewegte, rannte sie, so schnell sie konnte zu ihm, riss die Tür auf und zog ihn hinaus auf Deck. „Komm schon Christian! Hast du mich denn nicht gehört?“ Erst jetzt bemerkte sie sein Sträuben, drehte sich um und sah in Bruchteilen von Sekunden seinem Gesicht an, dass er gar nicht daran dachte, ihr zu folgen. Das entfachte eine nie gekannte Wut in ihr und mit funkelnden Augen und schmalen Lippen, die Hand, wie zum Schlag erhoben, trat sie wieder einen Schritt auf ihn zu. „Das eine sage ich dir, Christian. Wenn du jetzt nicht sofort mit mir kommst und den Rettungsring anlegst, dann nehme ich mir meinen, und springe hier und jetzt ins Wasser. Dann kannst du deine blöde Reise allein antreten. Hast du mich verstanden?“

Für einen kurzen Moment befürchtete Klara, dass Christian, vollkommen unbeeindruckt von ihrer Drohung, wieder zurück an seine Hebel und Tastaturen gehen würde. Dann aber gab er plötzlich nach und er ging mit Klara zu den Rettungsringen. Sie warfen sie über und setzten sich an den geschützten Platz, von dem sie auch sehen konnten, wann sie Draußen waren. Auch für diesen Zeitpunkt hatten sie mit Hermann ein Zeichen verabredet.

Kurze Zeit später brauchten sie keine Zeichen mehr von Hermann, um zu wissen, dass sie sich ausßerhalb der Kuppel befanden.

Es kam plötzlich ein leichter Wind auf, der als erstes das Öffnen der letzten Barriere signalisierte. Und dann stürtzten Unmengen fremdartiger Gerüche auf sie ein, so dass beide im ersten Moment wie benommen da saßen, andächtig den feinen Salzgeschmack von ihren Lippen leckten und dem mächtigen Klang eines Meeres lauschten.

Dann aber kam wieder Leben in Christian, der sich vorgenommen hatte, nichts zu verpatzen und in den vergangenen Tagen und Nächten jede, ihm denkbare Möglichkeit für das Auftreten von Problemen, durchdacht hatte.

„Los, Klara! Wir müssen wieder nach vorn. Der Traktorstrahl sollte bald enden. Dann müssen wir bereit sein.“

Klara ließ sich nicht lange bitten, obwohl sie immer noch unter dem Bann der ersten Eindrücke stand. Sie setzten sich in das Führungshaus, so nannte Christian die kleine Kabine mit dem großen Lenkrad und schauten nun hinaus auf das Meer. Dessen Weite beeindruckte hier draußen, ohne die Begrenzung eines Segmentes, noch sehr viel mehr.
Ein spürbares Rucken löste sie aus diesem Bann und mobilisierte die Beiden. Christian sprang an das Lenkrad und Klara startete die Motoren und gab langsam Gas.

„Jetzt haben wir es geschafft, Klara! Wir sind wirklich in der Draußen-Welt. Ganz allein, mit einem Schiff.“, jubelte Christian und Klara freute sich mit ihm.

Er zwang das Schiff in eine sanfte Rechtskurve. Die Koordinaten für die Insel vor der Plattform kannte Christian auswendig. Der Wind und der Seegang stellten kein Problem dar. Roland und Kimmy hatten gut beobachtet und das Signal zum Start zum richtigen Zeitpunkt gegeben.
So gaben sich die beiden ganz dieser Fahrt hin und waren fast sicher, dass nichts mehr schief gehen konnte, als ein erneuter Ruck durch das Boot ging.
Christian und Klara sahen sich erschrocken an und zuckten gleichzeitig mit den Schultern. Aber dann gingen die Motoren aus und ließen sich auch nicht wieder starten. Und das Lenkrad bewegte sich keinen Zentimeter mehr.
Das ganze Schiff schien plötzlich, als würde es von einer eiserner Hand gehalten.
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