Martin rettet René

Zu Martins Spielgruppe in der Kita gehörten Kinder, deren Alter von 18 Monaten bis zu sechs Jahren reichte. Ich fand das sehr gut. Die Älteren halfen den Kleinen bei allen Dingen, und die Kleinen lernten von den Großen. Sicher, oft auch Dinge, die man sich als Mutter oder Vater nicht wirklich wünscht, aber das gehört wohl auch dazu.

René wohnte mit seinen Eltern in unserem Haus, eine Etage tiefer. Als Renè in die Kita kam, landete er in der gleichen Gruppe, zu der auch mein Sohn gehörte. Die Jungen verstanden sich von Anfang an sehr gut, obwohl René drei Jahre jünger war. So kam es auch dazu, dass sie sich zu Hause trafen und zusammen spielten. Auf den Innenhof durfte der Kleine zwar noch nicht alleine, aber sonst spielten sie sehr oft miteinander.

Eines Tages, ich putzte gerade das Treppenhausfenster, sah ich, wie Martin mit René an der Hand den Fußweg entlang kam. Das wunderte mich natürlich. René war knapp drei Jahre alt und seine Mutti hätte ihren Jungen niemals allein mit meinem auf die Straße gelassen. Ich sah aber weder die Mutter, noch den Vater irgendwo in der Nähe. Also lief ich hinunter und den beiden entgegen.

„Wo kommt ihr beiden denn her?“, fragte ich meinen Sohn, der nur mit den Schultern zuckte.

„Ich hab ihn vorn an der großen Straße getroffen. Er hat geweint und nach seiner Mami gerufen, da hab ich ihn lieber mal mitgebracht.“, antwortete Martin, selbst ein wenig ängstlich.

Die große Straße war ein ewiges Ärgerniss für Martin, da er diese nicht ohne Aufsicht überqueren durfte. Es handelte sich um eine vierspurige Ausfahrtsstraße aus der Stadt heraus in Richtung Autobahn, die auf unserer Höhe weder mit einem Zebrastreifen, geschweige denn einer Ampel ausgerüstet war.

Aus René bekam ich zwischen Schluchzen und diversen Ausreißversuchen nur heraus, dass der Vater seines Freundes diesen abgeholt hätte und dann wären die beiden auf einmal weg gewesen und da sei er nach Hause gelaufen.

„Um Gottes willen, Martin, der ist einfach abgehauen, glaube ich.“ Martin schaute mich ganz erschrocken an, drehte sich auf dem Absatz um und rannte los. „Die suchen den bestimmt schon, ich renne rüber und sage Bescheid!“

Ich hatte den mittlerweile wieder schreienden und um sich schlagenden René auf dem Arm, versuchte, nun ebenfalls brüllend, Martin von der Straße zurück zu halten und rannte ihm hinterher. Dieser Junge schien mit einem Mal taub geworden zu sein, denn er verlangsamte nicht eine einzige Sekunde seinen Lauf.

Als ich an der Straße ankam, stand Martin schon auf dem Mittelstreifen und rannte sofort weiter, als die rechte Fahrbahn frei war. Ich ihm hinterher, aber auch ich achtete immer noch auf den Verkehr, denn schließlich hatte ich ja ein Kind im Arm.

Auf jeden Fall überquerte Martin unfallfrei die Straße. René und ich schafften das auch. Der Rest des Weges war nun ziemlich ungefährlich für aufgeregte Kinder, und noch aufgeregtere Erwachsene. Zumal uns auf halber Strecke eine Gruppe Erwachsene entgegen kam, die Martin als erster erreichte.

Aus dieser Gruppe löste sich sofort eine tränenüberströmte junge Frau, die in sekundenschnelle auf mich zuraste und mir René aus den Armen riss. Unglücklicher Weise war genau in dieser Zeit Rene`s Mutter in der Kita eingetroffen, um dann die Nachricht zu erhalten, dass ihr Sohn gesucht wurde.

Den Schock hätte ich ihr gern erspart.

Die anderen beiden Frauen entpuppten sich als die Leiterin der Kita und eine der zwei Erzieherinnen, die die Nachmittagsgruppe beaufsichtigten.

Irgendwann saßen wir alle zusammen in meiner Küche und versuchten heraus zu bekommen, wie das alles geschehen konnte.

Fakt war, dass der Freund der Familie René öfters einmal von der Kita mit nach Hause nahm, damit die Kinder den Nachmittag gemeinsam verbringen konnten. René behauptete, der Freund hätte auch an diesem Tag gesagt, dass er mitkommen dürfte. Davon wusste allerdings der Vater des Freundes nichts. Vielleicht wurde der Vater einfach nur abgelenkt, auf jeden Fall bemerkte er nicht, dass René hinter den beiden her gelaufen war.

René muss die Beiden sehr schnell aus den Augen verloren haben. Er suchte sie wohl sogar noch. Als er sie nicht fand, entschied er sich dafür, nach Hause zu gehen, anstatt zur Kita zurück.

Wie er schadlos die große Straße überqueren konnte, bleibt bis heute ein Rätsel. René behauptete steif und fest, er wäre allein rüber gegangen.

Na ja, uns Erwachsenen saß der Schreck noch eine ganze Weile in den Gliedern.

Martin bekam am nächsten Tag einen „Kita-Rettungsorden“ und René war einfach nur froh, dass niemand mehr mit ihm schimpfte. Damit war für die Kinder die Welt wieder in Ordnung.

Ob es nicht vielleicht doch Schutzengel gibt? Was meint ihr?

PS: Zwei Jahre nachdem die Brücke zur Autobahn wegen Altersschwäche gesperrt und der Ausfahrtsverkehr umgeleitet wurde, baute man an der großen Straße auf unserer Höhe eine Fußgängerampel.

 

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