Der Klettergerüst-Unfall

Wie fast alle Kinder war Martin im Alter von fünf Jahren noch nicht besonders gut darin, Gefahren einzuschätzen. Allerdings begegneten er neuen Sachen immer ziemlich mißtrauisch, wenn nicht sogar ängstlich.

Wir kannten alle Spielplätze in unserer unmittelbaren Umgebung. Das ist in einer Großstadt kein Ding. Es gab bei uns ein paar Dutzend, die man in Kindergehgeschwindigkeit innerhalb von fünf bis zehn Minuten erreichen konnte. Spannend war auch, dass kurz nach der Wende die meisten Kinderspielplätze modernisiert wurden. Das gab immer wieder Anlass zu neuen Ausflügen und viel Spass.

Ich weiß nicht, durch wie viele Klettertürme ich mich hindurch quetschte, über wie viele Hängebrücken ich stieg, oder durch wie viele Tunnel ich kroch. Martin wollte mich immer an seiner Seite haben.

Eines Tages besuchten wir einen Spielplatz, auf dem noch ein stinknormales Klettergerüst stand. Ich meine so eines, ohne Schnickschnack und Schnörgel. Einfach ein paar Stangen zum Turnen. Martin fand das toll und vergaß darüber hinaus auch seine Ängstlichkeit. Ich war richtig glücklich und ließ ihn machen. Als er sich zur höchsten Stange vorgearbeitet hatte und darauf saß, schrie er zu mir herüber: „Mutti, guck mal, ich kann eine Rolle!“

Ich hatte keine Chance. Ehe ich von der Bank hoch kam und die drei Meter zum Klettergerüst überbrückte, hatte er sich schon nach vorn gebeugt und ließ sich abrollen. Dabei rutschte er mit der rechten Hand ab und landete durch die Drehung mit dem Gesicht an der Seitenstange. Ich konnte noch verhindern, dass er vollkommen herunter fiel, und darüber war ich sehr froh.

Als ich ihm Abends das Gesicht kühlte, ahnte ich schon, dass es bei diesem Bluterguss an seinem Jochbein Ärger geben würde.

Und wirklich, als ich Martin Nachmittags abholte, wartete schon die Kita-Leiterin auf mich und bat mich in ihr Büro. Was mich dort erwartete, überraschte mich dann aber doch.

Nachdem wir Platz genommen hatten, fing sie an, mich darüber zu belehren, wie wichtig es ist, ein Kind im Auto anzuschnallen.

Ich war vollkommen perplex. Ich wusste überhaupt nicht, warum die Frau mir das erzählte, denn Martin saß niemals unangeschnallt im Auto. Irgendwann unterbrach ich sie und fragte, was sie denn mit ihren Vorhaltungen bei mir bewirken wolle.

„Na es geht um den Autounfall, den Sie gestern beinahe hatten, und bei dem sich Martin verletzt hat.“

Nun war ich regelrecht sprachlos. „Was denn für ein Autounfall?“, fragte ich sie. Und nun war es an ihr, perplex zu sein. Wir holten seine Erzieherin dazu, die uns berichtete, dass Martin den ganzen Tag damit geprahlt hätte, dass wir nur ganz knapp davon entfernt gewesen wären, in ein anderes Auto hinein zu krachen. Er wäre nicht angeschnallt gewesen, bei der Vollbremsung nach vorn geschleudert wurden und mit dem Gesicht auf die Gurthalterung vom Beifahrersitz geprallt. Er konnte sogar die Farbe des Autos nennen und  erzählte zudem noch, dass ich den Fahrer ganz schön fertig gemacht hätte.

Martin wurde geholt, und ich fragte ihn, ob er tatsächlich diese Geschichte erzählt hat. Er nickte nur ziemlich unbehaglich mit dem Kopf.

„Und was ist mit deinem Sturz vom Klettergerüst, gestern Nachmittag?“, fragte ich ihn erstaunt. Er überlegte kurz und sah mich dann verschmitzt an.

„Das ist doch lange nicht so spannend, wie meine Geschichte. Oder?“

 

 

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