Martin lernt Farben

Im Alter von zweieinhalb Jahren zeigte sich bei meinem Sohn plötzlich eine außergewöhnlich große Anhänglichkeit zu mir. Das bedeudete, dass er mir praktisch nicht mehr von der Seite wich. Er hing mir am berühmten „Rockzipfel“.

Da ich damals in Vollzeit beschäftigt war, blieben mir nur wenige Stunden am Tag, um meinem Kind beizubringen, was es eben so zu lernen gab. Also nutzte ich alle Tätigkeiten, die ich nach Feierabend zu erledigen hatte dazu aus, Martin etwas beizubringen, da er mir ja sowieso nicht von der Seite wich.

Farben zu erkennen und zu benennen schien für Martin eine besondere Herausforderung zu sein. Er tat sich nämlich sehr schwer damit.

Als er eines Tages mit mir auf den Trockenboden war, wollte er mir unbedingt beim Wäsche aufhängen helfen, indem er mir die Klammern reichte.

Es ist ja richtig toll, wenn ein Kind helfen möchte. Das ist ein natürlicher Trieb, den ich auch rege unterstützte und ausnutzte. Bei meinem Kind war dieser Trieb immer mit einem erhöhtem Zeitaufwand verbunden. Manchmal stellte dieser Aspekt mich vor enorme organisatorische Herausforderungen in Sachen Zeitmanagement.

Geduld ist, glaube ich, die meiststrapazierteste Eigenschaft, die man als Mutter oder Vater aufbringen muss. Ich hatte also einen Korb voller Wäsche, die aufgehängt werden wollte, einen Knirps, der unbedingt dabei helfen wollte und noch keine Farben bestimmen konnte, einen Trockenboden, dessen Umgebungstemperatur nicht mehr, als fünf Grad Celsius betrug und die Uhr im Kopf, die doch bedenklich auf AbendbrotZeit stand.

Genau in diesem Moment kam mir die Idee, Martin zu bitten, mir Klammern mit einer bestimmten Farbe zu bringen. Das ging natürlich nicht so einfach, zumal die Farbnuancen der Klammern so vielfältig waren, dass es den Kleinen überforderte.

Meinen Klammerkorb traf diese Aufgabe auch vollkommen unvorbereitet.

Trotzdem schlug sich Martin tapfer. Wäsche aufhängen dauerte eine dreiviertel Stunde länger, als sonst, aber danach hatte ich einen Sohn, der zumindest die Farben Blau und Rot sicher bestimmen konnte.

Am nächsten Tag gingen wir gemeinsam einkaufen. Wir kauften fünf Klammerbeutel. Dazu musste mir Martin Farben benennen, die er kannte, oder glaubte, zu kennen. Abends setzte ich mich hin und bereitete meinen Klammerkorb auf die nächste Übungsstunde vor. Ich ließ nur die Klammern mit den Grundfarben darin.

Ist schon mal jemanden aufgefallen, dass es keine schwarzen Klammern gibt?

Von nun an half mir Martin bei jeder Wäsche. Es dauerte ungefähr vier Wochen, bis ich auch die Klammern in Pastellfarben und gemischten Farben wieder in den Klammerkorb gab. Diese zu erkennen, war dann nicht mehr so schwierig für Martin. Zwei bis Drei WäscheAufhängAktionen genügten, bis er auch diese Farben intus hatte.

Martin war stolz, wie Oskar. Ich hatte ein zufriedenes Kind und das Wäsche aufhängen ging auch wieder schneller.

Was will man mehr?

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