Martin lernt zählen

Wir hatten eine Mansardenwohnung im fünften Stock. Da die Wohnungen in dem Haus eine Raumhöhe von 3,40m hatten, waren die Etagen entsprechend hoch. Bis zu unserer Wohnung waren es 119 Stufen, 22 pro Etage plus 9 Stufen bis zum Hochparterre. Wer von euch hat schon mal einen fast zweijährigen Jungen 119 Stufen hoch getragen? Ihr kennt das?

Na ja, mir wurde er irgendwann zu schwer. Jeder Versuch, ihn zum Treppensteigen zu bewegen schlug allein an der Tatsache fehl, dass er gemerkt hatte, wie stark seine Stimme im Treppenhaus widerhallte. Also begann er aus voller Lunge zu brüllen, sobald er merkte, dass er selbst hoch steigen sollte. Das wiederum brachte sämtliche Hausbewohner ins Treppenhaus, weil sie dachten, ich tue meinem Kind ganz fürchterliche Sachen an. Spätestens, wenn wir das Hochparterre erreichten, hatte ich meinen Sohn wieder auf dem Arm und war dankbar über jede Wohnungstür, die sich schon wieder geschlossen hatte, wenn wir daran vorbei kamen.

So konnte es nicht weiter gehen. Irgendwann hatte ich die blendende Idee, ihm beim Treppensteigen das Zählen beizubringen. Natürlich brauchte ich dazu einen Plan. Mein Sohn ließ sich schon in dem Alter schwer überlisten. Also fragte ich ihn eines Tages, ob schon jemand aus seiner Kita zählen könne. Erwartungsgemäß verneinte er diese Frage, war aber sofort hellauf begeistert, als ich ihm anbot, ihm das Zählen beizubringen.

Vom ersten Tag an war er mit Feuereifer bei der Sache. Ich fing mit dem Zählen schon vor der Haustür an. Dann hatten wir bis zum Hochparterre genau zehn Stufen.

Ich passte mich mit dem Zählenlernen seinem eigenen Rhythmus an. Und glaubt nicht, dass ich nicht weiter das Kind die Etagen hoch schleppte. Bis zehn zählen war eine aufregende Sache. Weiter reichte seine Begeisterung nicht. Halbe Treppe bedeutete 11 Stufen. Die elfte Stufe wurde irgendwann zur Belohnungsstufe. Wenn er die erreicht hatte, durfte er mir einen Witz erzählen, bekam ein Gummibärchen oder sonst etwas, was mir gerade an Belohnung einfiel.

Die Begeisterung zu wecken, bis zwanzig zu zählen bekam ich auch noch hin. Aber dann hatte er mich endgültig durchschaut. „Du willst nur, dass ich allein hoch gehe!“, sagte er eines Tages, und blieb stur auf dem Treppenabsatz in der dritten Etage sitzen.

Dieser noch nicht einmal Dreijährige brachte mich doch tatsächlich zum Weinen. Er war wütend und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Also sagte ich zu ihm:

„Du bist so groß geworden, und so schwer. Ich kann dich einfach nicht mehr hoch tragen.“ Er sah mich nur ganz böse an und erwiderte: „Brauchstn nich, kann schon ganz alleine.“

Dann stapfte er hoch bis zu unserer Wohnung und rief dann ganz laut herunter: „Habs schafft un bin Erster Mutti!“

Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich die Situation begriff. Aber danach war ich schon ziemlich stolz auf meinen Sohn.

Ich habe schon ganz schön im www. suchen müssen, um eine Seite zu finden, die noch andere Ideen zum Zählen lernen haben, wenn man weitestgehend auf App’s und Gefolge verzichten möchte. Aber hier… kann man ruhig mal rein schauen.

 

 

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