Martin und der Spittelkönig

Wenn ich bei einer Sache vollkommen versagt habe, dann war es dabei, meinem Sohn Ordnung beizubringen. Gelehrte Leute behaupten ja, dass alles, was man bis zum vierten Lebensjahr an Erziehung verpasst hat, nicht mehr in ein Kind hinein bekommt. In diesem Fall sollten sie sogar Recht behalten.

Ich räumte meinem fünfjährigen Sohn jeden Tag seine Spielsachen hinterher, die er mit Vorliebe in der ganzen Wohnung verteilte. Irgendwann begann es mir zu dämmern, dass da wohl etwas schief ging. Letztendlich nervte es mich auch, dass ich im Dunkeln kein Zimmer mehr betreten konnte, ohne Gefahr zu laufen, dass ich über irgendein Spielzeug stolperte. Also setzte ich durch, dass Spielsachen im Kinderzimmer zu bleiben hatten. Es sei denn, ich erlaube es, dass sie auch in andere Wohnräume gebracht wurden.

Nun stand ich vor der großen Aufgabe, dem Kind beizubringen, dass Abends das Kinderzimmer aufzuräumen ist. Martin begriff das auch, zog es aber vor, sich den leichtesten Weg dafür auszusuchen. Er stopfte einfach alles, was nicht auf Stühle, Tische oder sonstiges Mobiliar gehörte, unter sein Bett. Dabei war es ihm ziemlich egal, ob es sich um Kleidungsstücke, angeknabberte Kekse oder tatsächlich um Spielzeug handelte. Jeden Abend kam es zum gleichen Drama. Martin präsentierte mir ein aufgeräumtes Zimmer, ich schaute unter das Bett, und schon hatten wir das größte Theater.

Da kam mir der Zufall zu Hilfe. Martin sah sich Winnie Puh im Fernsehen an. Erst bekam ich von der Geschichte gar nichts mit. Erst, als da von einem Spittelkönig die Rede war, der sich unter dem Bett von Robin aus dessen Spittel eine ganze Burg gebaut hatte, wurde ich aufmerksam.

Beiläufig fragte ich Martin, ob er keine Angst davor hat, dass sich genau so ein Spittelkönig unter seinem Bett breit macht. Er schaute mich nur prüfend an, um heraus zu finden, ob ich meine Frage ernst meinte, dann schaute er sich weiter die Sendung an, ohne mir zu antworten.

Ich kannte meinen Sohn. Er lebte in seiner eigenen Fantasie-Welt und nahm fast alles, was er sich ansehen durfte, für bare Münze. Ich brauchte nicht lange zu warten. Irgendwann nach zehn Minuten erschien er in der Küche und fragte mich ganz kleinlaut, ob wir nicht mal gemeinsam nachschauen könnten, ob auch wirklich kein Spittelkönig unter seinem Bett wohnt.

Ich bot ihm natürlich sofort meine Hilfe an. Wir räumten gemeinsam unter seinem Bett auf. Martin holte sogar den Staubsauger und reinigte den Fussbodenbelag unter seinem Bett so gründlich, bis er das Gefühl hatte, dass sich nun wirklich nichts mehr dort verstecken konnte. Zur Sicherheit musste ich auch noch eine Taschenlampe holen. Wir lagen alle beide bäuchlings unter seinem Bett und leuchteten jeden Winkel aus.

Aber es half alles nichts. Martin war mittlerweile so ängstlich, dass er sich standhaft weigerte in seinem Bett zu schlafen. Mir fiel ein, dass der Spittelkönig in der Geschichte Smarties liebte. Also machte ich Martin den Vorschlag, den Spittelkönig, falls es ihn tatsächlich gäbe, aus der Wohnung zu locken. Dazu legten wir gemeinsam eine Smarties-Spur bis zur Wohnungstür und ins Treppenhaus. Natürlich erlaubte ich Martin bis zur Vertreibung des Spittelkönigs, in meinem Bett zu schlafen.

Dann wartete ich ungefähr eine viertel Stunde und sammelte ganz leise alle Smarties wieder ein. Danach stürmte ich freudestrahlend ins Schlafzimmer, holte Martin aus dem Bett und tanzte mit ihm durch die ganze Wohnung, wobei ich sang: “ Der Spittelkönig ist weg, der Spittelkönig ist weg …“.

Martin kontrollierte selbstverständlich, ob auch wirklich alle Smarties verschwunden waren. Dann fragte er mich misstrauisch, ob ich den Spittelkönig denn nicht gesehen hätte. Ich antwortete zerknirscht, dass ich auch ein wenig Angst gehabt hätte und darum die Wohnzimmertür geschlossen hielt.

Er glaubte mir.

Bis zu seiner Pupertät musste ich mir nie wieder Gedanken über die Ordnung unter seinem Bett machen.

Gute Tipps zum Thema Ordnung habe ich auch unter dieser Website gefunden.

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